4. Juli und Patriotismus
von Howard Zinn
03.07.2006 — ZNet
In den Ansprachen zur Feier am 4. Juli wird viel von jungen Leuten die Rede sein, die "für ihr Land starben". Doch seien wir beim Thema Krieg ehrlich. Die ihr Leben gaben, starben nicht für ihr Land - wie man sie zuvor glauben machte -, sie starben für ihre Regierung. Der Unterschied zwischen Land und Regierung ist der Kern der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Auch von ihr wird am 4. Juli ständig die Rede sein - ohne dass man auf ihre inhaltliche Bedeutung eingehen wird.
Laut Unabhängigkeitserklärung - dem fundamentalen Dokument unserer Demokratie - ist eine Regierung ein künstliches, vom Volk geschaffenes Gebilde, "das seine gerechte Macht vom Konsens der Regierten ableitet" und dem das Volk die Verantwortung auferlegt hat, gleiches Recht für alle, was "Leben, Freiheit und das Streben nach Glück" angeht, zu gewährleisten. "Wann immer irgendeine Form der Regierung diesen Zielen destruktiven Schaden zufügt, hat das Volk das Recht, diese (Regierung) zu ändern oder abzuschaffen", so die Deklaration.
An erster Stelle kommt das Land - seine Menschen und die Ideale 'Unantastbarkeit des menschlichen Lebens' und 'Förderung der Freiheit'. Eine Regierung, die rücksichtslos mit dem Leben der Jungen verfährt - aus krassen Motiven der Macht und der Profitgier, während sie vorgibt, aus moralischen, reinen Motiven zu handeln (die Panamainvasion hieß "Operation Just Cause", heute erleben wir "Operation Iraqi Freedom") -, verstößt gegen das Versprechen, das sie dem Land gab. Krieg ist fast immer ein solches gebrochenes Versprechen, denn Krieg verhindert das Streben nach Glück, schafft Trauer und Verzweiflung.
Mark Twain wurde einst als "Verräter" bezeichnet, weil er den Einmarsch Amerikas in die Philippinen kritisierte. Mit folgender Bemerkung entlarvte er den "monarchistischen Patriotismus" - wie er es nannte: "Das Evangelium des monarchistischen Patriotismus lautet: 'Dem König unterlaufen keine Fehler'. Wir haben es dienstbeflissen übernommen - mit nur einem bedeutungslosen Unterschied im Wortlaut. (Bei uns heißt es) 'our country, right or wrong!' Damit haben wir unseren wertvollsten Besitz weggeworfen, das Recht des Einzelnen, sich gegen beides zu stellen - Flagge und Land - falls er der Meinung ist, sie befänden sich im Unrecht. Wir haben es weggeworfen, und damit alles, was an jenem lächerlichen, grotesken Wort respektabel war, das da lautet: Patriotismus."
Patriotismus im besten Sinne (also nicht im monarchistischen) bedeutet Loyalität gegenüber den demokratischen Prinzipien. Wer war der wahre Patriot? Theodore Roosevelt, der das Massaker amerikanischer Soldaten an 600 Filipinos - Männer, Frauen und Kinder auf einer entlegenen philippinischen Insel - beklatschte, oder Mark Twain, der es verurteilte?
Heute sterben US-Soldaten im Irak und in Afghanistan. Sie sterben nicht für ihr Land, sondern für ihre Regierung. Sie sterben für Bush, Cheney und Rumsfeld und, ja, auch für die Profitgier der Ölkartelle, für die Ausdehnung des US-Imperiums und die politischen Ambitionen ihres Präsidenten. Ihr Tod soll vertuschen, dass man den Reichtum unserer Nation stiehlt, um Maschinen des Todes zu finanzieren. Bis zum 4. Juli 2006 starben im Irak mehr als 2500 amerikanische Soldaten, über 8500 wurden verletzt bzw. verstümmelt.
Lange galt der Irakkrieg als "Mission Accomplished" (Mission erfüllt). Sollten wir auf diesem Hintergrund weiter in der militärischen Macht Amerikas schwelgen - die Geschichte der modernen Imperien verleugnend und darauf beharrend, das amerikanische Imperium werde positiv-nutzbringend sein?
Unsere Geschichte zeigt etwas anderes. Alles begann mit der "Westausdehnung", wie es in unseren Highschool-Geschichtsbüchern hieß. "Ausdehnung nach Westen" - ein Euphemismus, hinter dem sich die Auslöschung bzw. Vertreibung der indianischen Stämme, die den Kontinent bewohnten, verbarg, das alles im Namen des "Fortschritts" und der "Zivilisation". Um die Jahrhundertwende ging es mit der Machtausdehnung Amerikas in die Karibik weiter, dann die Philippinen, dann wiederholte maritime Invasionen in Zentralamerika und die lange Okkupation der Inseln Haiti und Dominikanische Republik. Nach dem Zweiten Weltkrieg sprach Henry Luce, Besitzer des Time-, LIFE- und Fortune-Magazins, vom "amerikanischen Zeitalter", in dem Amerika die Welt "nach unserem Gutdünken" organisieren werde. Und tatsächlich setzte sich die Ausdehnung der Macht Amerikas fort - wobei nur allzu oft Militärdiktaturen in Asien, Afrika, Lateinamerika oder dem Mittleren Osten unterstützt wurden, weil der US-Regierung und den US-Konzernen freundlich gesinnt.
Auf diesem Hintergrund gibt es keinen Grund, Bushs Aufschneiderei zu vertrauen, die USA würden dem Irak die Demokratie bringen. Sollten wir Amerikaner die Ausdehnung amerikanischer Macht tatsächlich begrüßen - angesichts der Wut, die diese Expansion bei so vielen Menschen auf der Welt auslöst? Sollen wir den massiv aufgeblähten Militärhaushalt zu Lasten von Bildung, Gesundheit und den Bedürfnissen der Kinder begrüßen (jedes fünfte amerikanische Kind wächst in Armut auf)?
Wir sollten nicht ob unserer militärischen Verwegenheit gefürchtet werden, vielmehr sollte es unser Ziel sein, für unseren Einsatz für Menschenrechte respektiert zu werden. Ich denke, patriotische Amerikanerinnen und Amerikaner, denen ihr Land am Herzen liegt, handeln nach einer alternativen Vision.
Und sollten wir nicht beginnen, den Begriff Patriotismus neu zu definieren? Ihn weiter zu fassen - nicht begrenzt auf jenen engstirnigen Nationalismus, der schon soviel Leid und Tod gebracht hat? Wenn heute angestrebt wird, dass nationale Grenzen keine Handelshemmnisse mehr darstellen, nennen das manche "Globalisierung". Sollte die gleiche Schrankenlosigkeit nicht auch für Mitleid und Großzügigkeit gelten?
Sollten wir nicht alle Kinder, egal, wo sie leben, als unsere eigenen betrachten? In dem Falle wäre Krieg ein inakzeptabler Ansatz zur Lösung der Probleme dieser Welt, denn heutige Kriege sind immer auch ein Angriff auf Kinder. Der kreative menschliche Geist muss neue Wege finden.
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