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"Ich konnte nicht begreifen, dass ich sowas tat"

von Jonathan Steele

27.10.2002 — The Guardian / ZNet

— abgelegt unter:

Es war in Gaza, als sich Major Rami Kaplan, 29, ‘Veteran’ des in Israel berühmten ‘Panzerkorps’ (Armoured Corps), ganz allmählich klar wurde, dass er den Kanal voll hatte. Die Befehle, die man ihm erteilte, bereiteten ihm mehr u. mehr Kopfschmerzen. Und als er dann seine nächste Einberufung zum jährlichen Reservedienst erhielt, sagte er einfach nein. Gerade hat Kaplan einen Monat im Militärgefängnis verbracht - jetzt ist er bereit für die Offensive: Gemeinsam mit 7 andern Refuseniks hat er beim Obersten Gerichtshof in Israel eine Klage eingereicht - eine Klage, die ihresgleichen sucht. Die 8 Männer beschränken sich nicht etwa darauf, ihr Recht auf ‘Verweigerung aus Gewissensgründen’ geltend zu machen. Was sie erreichen wollen, geht darüber weit hinaus. Die Refuseniks beharren darauf, die Besatzung palästinensischen Gebiets in der Westbank u. im Gazastreifen sei illegal, u. daher bestünde ihre soldatische Pflicht darin zu verweigern - sich nicht zu beteiligen an diesem illegalen Akt.

 

Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Refusenik-Bewegung also. Öffentliche Aufmerksamkeit erreichten die Refuseniks erstmalig Anfang des Jahres - als um die 200 Reserve-Offiziere einen offenen Brief verfaßten (u. unterzeichneten), mit dem sie ihre Sache darlegen wollten. Inzwischen ist die Zahl der Unterzeichner auf 491 angewachsen. Selbst einer der Refusenik-Anwälte, Michael Sfard, gibt jedoch zu, dass die jetzige Klage viel Chuzpe hat. Schließlich entschied der Oberste Israelische Gerichtshof bereits mehrfach über die Legalität von Militärpraktiken - angefangen bei den Häuserdemolierungen (Abriss von Häusern, die Angehörigen von Selbstmordattentätern gehören) bis hin zur Praxis der Deportation vermeintlicher Terroristen. Israels mittlerweile 35jährige Okkupation der Westbank u. des Gazastreifens vor den Gerichtshof zu zerren, auf dass dieser ihr die Basis entziehe, soetwas ist wirklich noch nie dagewesen. Aber Sfard meint, zweierlei habe sich inzwischen geändert.

 

Zum einen habe die israelische Reaktion auf die palästinensische Intifada während der beiden letzten Jahre derart viel an Menschenrechtsverletzungen mit sich gebracht, dass dies quasi einem systematischen “Mechanismus kollektiver Bestrafung” gleichkomme. Gemäß internationalem Recht ist es nämlich verboten, Menschen in besetzten Gebieten kollektiv zu bestrafen. Zum andern habe Israel durch seinen Status als Besatzungsmacht bestimmte Rechte aber auch viele Pflichten. Es habe sich nun aber bestätigt - u. dahingehend lautet auch die Klageschrift -, dass Israel die resultierenden Pflichten vernachlässige. Israel habe sich während der Intifada keinen Deut um das Wohl der palästinensischen Bevölkerung geschert - sodass die Besatzung dadurch insgesamt illegal sei.

 

Major Rami Kaplan war alles andere als prädestiniert, eines Tages zum Refusenik zu werden. Zu Anfang hatte er seine Armeezeit regelrecht genossen - sosehr, dass er nach Ablauf seines dreijährigen Wehrdiensts weitere 3 Jahre dranhängte u. die Offizierslaufbahn einschlug. Kaplan stieg auf, wurde Kommandant einer Panzerkompanie - bis zu 100 Mann hat er damals auf einen Streich befehligt.

 

Sein erster wirklicher Kriegsdienst verschlug ihn in den Libanon. Dort war Kaplan kurzzeitig für die (israelische) Basis in der Burg Beaufort zuständig - jener noch aus dem Mittelalter stammenden Kreuzritterburg. “Bis zum Jahr 1997 herrschte bei uns breiter Konsens, wir müssten im Libanon präsent sein, um die israelischen Ortschaften in Nordisrael beschützen zu können. Ich war damals jung u. unfähig, zu beurteilen, was tatsächlich vor sich ging. Und unser Kontakt zur libanesischen Bevölkerung war minimal”, so Kaplan.

 

Erste Zweifel überkamen Kaplan Anfang der 90ger - während der ersten Intifada , als er für kurze Zeit in die Westbank versetzt wurde. Dort musste er feststellen, dass man die Armee als eine Art Polizeitruppe benutzte. “Ich hab’ es von Anfang an gehasst. Wir operierten in Stadtgebieten, wo wir die ganze Szene beherrschten. Ich hasste es, Kindern, die Steine warfen, hinterherzujagen. Einmal haben wir dutzende Soldaten dafür eingesetzt, einen 10jährigen zu verhaften, der auf irgendeiner Liste stand”.

 

Kaplan verließ die Armee u. ging an die Uni, um sich zum Lehrer ausbilden zu lassen. Aber keineswegs, weil er plötzlich zum Verweigerer geworden war, kehrte er der Armee den Rücken. Er habe keinerlei Probleme damit gehabt, so Kaplan, jährlich einen Monat lang seiner Reservisten-Pflicht nachzukommen. Vielmehr habe er es genossen, seine alten Kameraden von der Einheit wiederzuseh’n - eine Art Jahrestreffen. Auch seine Kameraden waren inzwischen Reservisten, gingen bürgerlichen Berufen nach.

 

Alles änderte sich im April letzten Jahres. Die zweite Intifada hatte begonnen, u. Kaplans Panzerbataillon - er war inzwischen zum Stellvertretenden Kommandeur aufgestiegen -, ging am Rand des Gazastreifens in Stellung. Ein Auftrag bestand darin, den Zaun zu bewachen, der Gaza von Israel abtrennt. Die zweite Aufgabe war, die Sicherheit der Zufahrtsstraße zur jüdischen Siedlung Netzarim zu gewährleisten - Netzarim, im Herzen des Gazastreifens gelegen, ist jener massiv befestigte Komplex mit Schießtürmen u. Zäunen.

 

“Die Siedlungen zu bewachen, ist inzwischen eine der Hauptaufgaben unserer Armee geworden. Wir haben mehr Soldaten dafür eingesetzt, Netzarim zu bewachen, als die Siedlung überhaupt Bewohner hatte”, so Kaplan. Wirkliche Gräuel hat Kaplan nicht miterlebt - dennoch ließ ihm sein Gewissen keine Ruhe mehr. Aufgrund dessen, was er mit eigenen Augen sah, kam er zur Überzeugung, was Israel hier betreibt, ist ein koloniales Abenteuer, bei dem die Rechte der Palästinenser eine minimale Rolle spielen. Eine reguläre Aufgabe der Israelischen Armee bestand z.B. darin, palästinensische Obstanlagen, Weinberge u. Palmen zu zerstören.

 

“Taktische Gründe wurden vorgeschoben. Man sagte uns, damit sollten die Palästinenser nicht etwa bestraft werden. Zweck des Ganzen sei nur, dass man nicht mehr so leicht an den Grenzzaun ranrobben u. durchkriechen könne”. “Manchmal”, so Kaplan, “warfen Palästinenser auch Explosivteile, oder sie schossen Raketen ab, aber die meisten Palästinenser waren einfach nur Zivilisten, die nichts weiter wollten, als in Israel arbeiten. Ich weigerte mich, bei Aktionen zur Plantagen-Zerstörung mitzumachen, u. mein kommandierender Offizier hat das auch akzeptiert. Aber einmal musste ich ihn vertreten - ich bereue das bis heute, wirklich extrem. Es tat weh, mitanzuseh’n, wie unsere Panzer u. Bulldozer durch die Obstanlagen pflügten. Ich hatte mich auf einem Hügel in der Nähe zu postieren u. die Sache durchs Fernglas zu überwachen.

 

Dann sah ich aus ein paar sehr armseligen, elenden Häusern ein paar Palästinenser rauskommen. Ein Soldat rief: “Die haben Gewehre!”. Aber als ich genauer hinsah, durch mein Fernglas, sah ich, dass sie nur große Beutel mit Riemen über der Schulter hatten - keine Gewehrriemen. Alles was die Leute wollten, war, soviel Orangen wie möglich abernten, bevor die Bäume zerstört sind. Da zerriss es mich innerlich wirklich. Ich konnte nicht begreifen, dass ich sowas tat. Niemand hätte beispielsweise in Erwägung gezogen, auf der israelischen Seite (des Grenzzauns) Bäume zu fällen. Wenn wir das nämlich getan hätten, hätten wir Entschädigung zahlen müssen. Die Palästinenser zu entschädigen - daran dachte andererseits niemand”. Kaplan fand es zudem empörend, dass routinemäßig auf unterer Offiziersebene entschieden wurde, ob das Land nun in einer Breite von 200 oder 500 Metern abgeholzt wird. Von einer solchen Entscheidung hing die Existenz mehrerer Familien ab. “Es war reine Willkür”, so Kaplan.

 

Was Kaplan außerdem feststellte: Viele Offiziere nahmen es mit ihren Richtlinien nicht sonderlich genau, sie legten sie möglichst großzügig aus. “Die Stabschef-Regeln trugen dafür Sorge, dass wir Menschen nur in Extremsituationen töten mussten. Auf Regimentsebene hatte ich allerdings das Gefühl, manche Offiziere legen die Sache ziemlich weit aus. Man übertrieb die Vorsichtsmaßnahmen - zum Schutz der eigenen Soldaten oder im Sinne eines reibungsloseren Missions-Verlaufs. Die Kommandeure verhielten sich da wirklich sehr flexibel”, so Kaplan.

 

So langsam verlor Kaplan den Glauben, Diener einer gerechten Sache zu sein. “Als Kommandeur musst du sehr motiviert sein deinen Leuten gegenüber, direkt charismatisch. Aber ich fühlte mich, als hätte mir jemand die Luft rausgelassen. Ich fühlte mich leer u. ausgebrannt, war nur noch ein Schatten meiner selbst. Morgens kam ich kaum raus, um das zu erledigen, was sie von mir erwarteten. Die ganze Mission kam mir so dumm vor, die reinste Zeit- u. Geldverschwendung”.

 

Auch Kaplans Kommandeur sei über die Situation nicht erfreut gewesen, aber wie viele hohe Offiziere hätte er, so Kaplan, halt einfach darauf gehofft, die Regierung werde die Intifada schon irgendwie beenden u. die Truppen abzieh’n. Und solange müsse eben der Dienst verrichtet werden. Kaplan: “Ich hab’ ihn dann gefragt: Und was tun wir, wenn es plötzlich heißt, wir müssen die Obstanlagen anstatt auf 500 Meter Breite jetzt auf 5 Kilometer Breite abholzen - die Palästinenser haben jetzt bessere Raketenwerfer mit größerer Reichweite?”

 

Nach Beendigung seines Reservediensts kehrt Kaplan an die Uni zurück. Er beschließt, er muss schreiben, sich die quälendenden Erinnerungen von der Seele schaffen. Aber Kaplan ist noch vorsichtig u. wählt die fiktive Form.

 

“Ich empfand es als sehr schwierig, mich gegen das System aufzulehnen. Den Militärdienst künftig zu verweigern, daran habe ich damals noch nicht gedacht. Ich konnte doch meine Offizierskameraden, meine Soldaten, nicht im Stich lassen”.

 

Nichtsdestotrotz sorgt sein Artikel in einer israelischen Tageszeitung für einiges Aufsehen, u. Kaplan wird eingeladen, an verschiedenen Unis zu sprechen. Dann, dieses Jahr, geschah es: Eine Reihe Offiziere beschloss, keinen Dienst mehr in der Westbank u. im Gazastreifen zu leisten.

 

Sie verfaßten einen offenen Brief, versahen ihn mit einer Unterschriftenliste. 10 Tage zögerte Major Rami Kaplan, dann trug er sich in die Liste ein. Dieser Sprung ins kalte Wasser zwang ihn fortan, sich aktiv in Politik einzumischen.

 

Kaum anders als in den übrigen westlichen Gesellschaften, so Kaplan, habe sich in Israel mittlerweile ein extremer “ideologischer Hang“ zum Liberalismus herausgebildet; auch in Israel sei man inzwischen angekränkelt von Konsumismus u. Individualismus.

 

Aber im Falle Israel komme noch etwas hinzu: Unter dem Druck der Selbstmordattentate sei die israelische Gesellschaft in eine Art Passivitätsstarre verfallen, die Leute zögen sich zurück - in sich selbst oder in die Familie. Und derart eingeigelt interessierten sich die Israelis auch kaum mehr für Radio- oder Fernsehmeldungen.

 

“Etwas haben die jüdischen Siedler und wir Refuseniks gemeinsam”, so Kaplan. “Unsere politischen Ansichten sind zwar unterschiedlich, aber wir sind die einzigen beiden Gruppen in der israelischen Gesellschaft, die noch bereit sind, sich für eine Sache einzusetzen, die über die eigenen Interessen hinausreicht”. Gestärkt durch die wachsende Macht der Refusenik-Bewegung hat sich Kaplans Haltung im Hinblick auf die Okkupation inzwischen radikalisiert:

 

“Die Leute fragen mich, warum ich Israel denn nicht (mehr) vor den Selbstmordbombern beschützen will. Aber wie soll ich das, wenn ich mit der Armee in den ‘Gebieten’ bin, wie soll ich da die Leute in Tel Aviv beschützen? Es ist doch genau umgekehrt: die Rolle unserer Armee in den ‘Gebieten’ führt dazu, dass hier in Tel Aviv die Bomben hochgeh’n. Als Soldat gefährde ich das Leben meiner Familie hier”. Und fortfahrend:

 

“Wie blind muss man eigentlich sein, um sich nicht selbst zu sagen, dass Menschen unter Okkupation rebellieren. Die Selbstmordbomber stellen ein frisches Phänomen dar. Das heißt, es hat 30 Jahre lang gedauert, bis es soweit war. Und das verdeutlicht doch auch, wie übel die Situation in den ‘Gebieten’ mittlerweile sein muss.”

 

Kaplan würde von sich noch immer behaupten, er sei ‘Zionist’, u. auf seine tolerante israelische Gesellschaft ist er stolz. Verweigerer in anderen Armeen würden weit weniger tolerant behandelt, so glaubt er:

 

“Als ich mich entschlossen habe zu verweigern, hat mich deshalb keiner aus der Familie, aus der Nachbarschaft oder aus meinem Freundeskreis angefeindet. Ihre Reaktionen reichten von Respekt für meine Einstellung bis hin zu offener Unterstützung. Ein Offizier aus meinem Bataillon - ein Siedler sogar - sagte zu mir: “Ich respektiere dich, aber hör’ bitte nicht auf, die Juden u. den Staat Israel zu lieben”. Über diese Reaktion war ich ebenso erstaunt wie erfreut.”

 

Gerade wurde Rami Kaplan aus dem Militärgefängnis entlassen. Es gibt nichts, worüber er sich beschweren will. Die Refusenik-Gruppe, bestehend aus etwa 10 Offizieren, die jetzt ihre Haft absaß, sei korrekt behandelt worden. Zudem: weil Kaplan den Refusenik-Brief unterschrieben hat, wurde er zwar von der Liste seiner Einheit gestrichen, seinen militärischen Rang jedoch durfte er behalten.

 

Kaplan ist der Überzeugung, die Unterstützung der israelischen Bevölkerung für die Refuseniks sei zwar immer noch eine stillschweigende, aber doch viel verbreiteter, als die Medien dies darstellten. Auch die Israelische Armee hat inzwischen eingeräumt, dass im letzten Jahr nur etwa 1/3 aller einberufenen Reservisten ihren Dienst tatsächlich angetreten haben - die meisten schützten gesundheitliche oder sonstige Gründe vor. Auch die sich weiter verschlechternde wirtschaftliche Situation in Israel, so Kaplan, werde die Kritik an der Okkupation weiter anwachsen lassen.

 

Morgen findet vor dem Obersten Gerichtshof in Israel die erste mündliche Anhörung bzgl. der Refusenik-Klage statt. Auch die Israelische Regierung scheint die Sache ernstzunehmen u. hat bereits eine detailierte Gegenschrift verfaßt.

 

Aber selbst wenn der Gerichtshof die Klage abschmettert - und alles andere, seien wir ehrlich, wäre ein juristisches Erdbeben -, Kaplan u. seine Kameraden bleiben optimistisch. Sie glauben, was sie bereits erreicht haben, ist, die Legitimität der Besatzung in Zweifel zu ziehen - u. letzten Endes werde dies zu einem beschleunigten Ende der Okkupation mitbeitragen.

 

Anmerkung

 

Rami Kaplan startet am Sonntag in London eine Vortrags-Tour; er wird ab 16 Uhr im Red Rose Comedy Club, 129 Seven Sisters Road, London zu hören sein u. anschließend ab 20 Uhr in der St. John’s Wood Liberal Synagogue. Näheres kann nachgefragt werden unter: aviel_luz@yahoo.com

 

Übersetzt von: Andrea Noll
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