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Abu 1 gegen Abu 2

von Uri Avnery

25.04.2003 — uri avnery.de / ZNet Deutschland

— abgelegt unter:

Der Streit zwischen Abu 1 und Abu 2 - zwischen Abu Amar und Abu Mazen - ist keine persönliche Angelegenheit, wie es von Journalisten in Israel und in aller Welt dargestellt wird. Natürlich spielen die Egos beider Persönlichkeiten eine Rolle wie in allen politischen Kämpfen. Aber die Kontroverse selbst liegt viel tiefer. Sie reflektiert die einmalige Situation des palästinensischen Volkes. Ein Palästinenser der oberen Klasse definierte dies im israelischen Fernsehen dieser Woche folgendermaßen: "Der Schritt von der Kultur der Revolution zur Kultur eines Staates". Womit er sagen wollte: der Befreiungskrieg der Palästinenser ist ans Ende gekommen, und nun ist es an der Zeit, die Angelegenheiten des Staates in Ordnung zu bringen. Deshalb muss Arafat (Abu-Amar), der ersteres vertritt, gehen und Mahmud Abbas (Abu Mazen), der das zweite darstellt, die Amtsgewalt übernehmen.

Keine Beschreibung könnte von der Realität weiter entfernt sein. Der palästinensische Befreiungskrieg ist im Augenblick auf seinem Höhepunkt. Vielleicht ist er niemals in einem kritischeren Stadium gewesen. Die Palästinenser sind mit existentieller Bedrohung konfrontiert: ethnischer Säuberung (was man in Israel mit "Transfer" umschreibt) oder Gefangenschaft in ohnmächtigen Enklaven im Stile von Bantustans. Wie kann diese Illusion entstehen, dass der nationale Kampf vorüber und die Zeit gekommen sei, sich mit Verwaltungsdingen zu befassen? Die Situation des palästinensischen Volkes ist tatsächlich einmalig. Soweit mir bekannt ist, gibt es dazu keine Parallele in der Geschichte. Nach den Oslo-Abkommen bildete sich eine Art palästinensischer Ministaat, der aus verschiedenen kleinen Enklaven in der Westbank und im Gazastreifen bestand. Diese Enklaven mussten verwaltet werden. Aber das palästinensische Nationalziel, ein lebensfähiger, unabhängiger Staat in der ganzen Westbank und im Gazastreifen einschließlich Ostjerusalem, ist längst nicht erlangt worden. Um dieses zu erreichen, steht noch ein schwieriger Nationalkampf bevor. Deshalb bestehen zwei verschiedene - und sich widersprechende - Strukturen nebeneinander: Eine nationale Befreiungsbewegung, die eine starke und autoritäre Führung erfordert, und ein Ministaat, der eine ordentliche, demokratische und transparente Verwaltung benötigt. Arafat vertritt die erstere. Er ist viel mehr als ein "Symbol", als das er oft beschrieben wird. Er ist ein Führer, der eine unvergleichliche moralische Autorität in seinem eigenen Volk besitzt und eine einmalige Erfahrung auf internationaler Ebene. Er hat die palästinensische Nationalbewegung aus der Unterwerfung unter arabische und internationale Interessen herausgeführt und sie aus der Beinahe-Vergessenheit an die Schwelle der Unabhängigkeit gebracht.

Abu Mazen und seine Kollegen vertreten die andere Realität. Sie haben keine solide Basis in ihrem eigenen Volk, aber Verbindungen zu denen, die die Macht in Händen halten, ganz besonders zu den USA und Israel - mit allen dazu gehörigen Folgen.

Die Debatte zwischen beiden hängt von der Einschätzung der Intifada ab. Seit zweieinhalb Jahren hat das palästinensische Volk ungeheure Verluste erlitten: etwa 2500 Tote, zehn Tausend Behinderte und Verletzte, eine ganze Generation junger Führer ist ausgelöscht, die Wirtschaft zerstört, ein enormer Schaden am Besitz. War es das wert? Kann man weitermachen? Abu Mazen und seine Unterstützer sagen nein. Sie sind davon überzeugt, dass der ganze Kampf ein Fehler war. Noch vor der augenblicklichen Debatte rief Abu Mazen dazu auf, die "bewaffnete Intifada" zu beenden. Er glaubt, dass die Palästinenser durch Verhandlungen mit den USA und in einem politischen Prozess mit Israel mehr erreichen können. Er verlässt sich mehr auf die israelische Friedensbewegung und auf Persönlichkeiten wie der Ex-Labor-Minister Yossi Beilin. Seiner Meinung nach untergräbt die Gewalt den politischen Prozess und schadet dem palästinensischen Volk. Abu Mazens Gegner bestreiten dies. Ihrer Meinung nach ist die Intifada nicht nur kein Fehlschlag, sondern im Gegenteil, sie hätte bedeutende Resultate: die israelische Wirtschaft steckt in einer tiefen Krise, die inneren Spannungen in der israelischen Gesellschaft haben einen Höhepunkt erreicht, Israels Image in der Welt ist angeschlagen: aus einer sich verteidigenden Demokratie ist ein skrupelloser Besatzer geworden. Die Sicherheit hat sich bis zu dem Punkt hin verschlechtert, dass überall bewaffnete Sicherheitswächter stehen. Die Verluste scheinen ihnen den Preis wert zu sein. Falls dieser Abnützungskrieg weitergeht - so glauben sie - wird Israel am Ende gezwungen sein, den Minimalforderungen der Palästinenser zuzustimmen (ein Staat, die grüne Linie als Grenze, Jerusalem als geteilte Hauptstadt, Räumung der Siedlungen und eine ausgehandelte Lösung der Flüchtlingsfrage).

Außerdem glauben Abu Mazens Gegner, dass seine grundlegende Vermutung falsch ist. Die USA wird Israel niemals unter Druck setzen, da seine Agenten Washington kontrollieren. Israel wird niemals in irgend etwas nachgeben, wozu es nicht gezwungen wird. Sharon wird weiter Siedlungen bauen und neue Fakten schaffen und das Land unter den Füßen des palästinensischen Volkes wegziehen - selbst dann, wenn er vorgibt, Friedensverhandlungen zu führen. Abu Mazens Position mag vielleicht stärker gewesen sein, wenn die USA und Israel nicht so offensichtlich versucht hätten, ihn dem palästinensischen Volk aufzudrängen. Die Beispiele des armen Karzai in Afghanistan und die elende Bande von Emigranten, die die Amerikaner in den Irak gebracht haben, sind für Abu Mazen nicht gerade hilfreich, auch wenn er einer der Gründer der Fatah-Bewegung gewesen ist. Eine große Gruppe von Vermittlern hat versucht, einen Kompromiss zu erreichen. Sie sagen, dass es tatsächlich eine ideale Arbeitsteilung gebe: Arafat wird den Befreiungskampf fortführen, Abu Mazen die palästinensischen Enklaven verwalten. Dies wird jedoch eine Menge praktischer Probleme aufwerfen. Zum Beispiel: wo wird das Geld für den Befreiungskampf herkommen? Was geschieht mit den bewaffneten Organisationen und wer wird die Sicherheitskräfte kontrollieren? Wer wird die oberste Autorität inne haben? Das palästinensische Volk als ganzes, einschließlich der Diaspora (Arafat als Chef der PLO) oder die Verwaltungsbehörde der Enklaven (Abu Mazen)? Und noch wichtiger als alles: würde Abu Mazen bereit sein, einen Bürgerkrieg zu riskieren? Die USA und Israel verlangen, dass er die bewaffneten Organisationen auflöst und ihre Waffen konfisziert, noch bevor die Palästinenser einen einzigen Schritt in Richtung eines eigenen Staates machen. Dies wird natürlich einen blutigen Bürgerkrieg nach sich ziehen, der Sharons Regierung mit Freude erfüllen und seine Position weiter konsolidieren würde. Oder sollte die nationale palästinensische Einheit aufrecht erhalten werden, bis Israel wenigstens den Siedlungsbau stoppt und mit einem palästinensischen Staat in allen besetzten Gebieten einverstanden ist? Diese Debatte ist viel umfassender als der persönliche Kampf zwischen Abu1 und Abu 2, Ego gegen Ego. Für das palästinensische Volk geht es in dieser Debatte um existentielle Fragen, ähnlich den Debatten in der jüdischen Gemeinschaft in Palästina, die erst mit der Gründung des Staates Israel endeten.

Orginalartikel: Dieser Artikel ist NICHT bei zmag.org erschienen!
Übersetzt von: Ellen Rohlfs
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