Ahimsa
von Arundhati Roy
12.06.2001 — Hindustan Times / ZNet
Während wir andern wie hypnotisiert dieses Gerede von Krieg u. Terrorismus mitverfolgen bzw. dieses Gerede vom Krieg gegen den Terror/Schrecken (kann man gegen ein Gefühl (Schrecken) eigentlich Krieg führen?), ist in Madhya Pradesh gerade ein kleines Rettungsboot in See gestochen: In der Stadt Bhopal, in einer Gegend die sich ‘Tin Shed’ nennt, liegt ein Häuflein Menschen auf dem Bürgersteig u. befindet sich mitten auf einer Mission des Glaubens u. der Hoffnung. Was diese Leute tun, ist nicht neu. Neu ist die Situation, in der sie es tun. Heute ist der 23te Tag des unbefristeten Hungerstreiks der vier Aktivisten der Bewegung Narmada Bachao Andolan. Sie fasten also nun schon zwei Tage länger, als es Gandhi während seines gesamten Freiheitskampfs je getan hat. Und dabei sind ihre Forderungen bescheidener als die seinen damals. Diese vier Leute protestieren nämlich gegen die gewaltsame Vertreibung von mehr als tausend Adivasi**-Familien durch die Regierung des (indischen) Bundesstaats Madhya Pradesh. Diese Menschen mußten ja dem Maan-Damm weichen. Alles, was die Protestierer wollen, ist ‘Land gegen Land’ für die Vertriebenen des Maan-Dammes - etwas, was die Regierung von MP ja auch beschlossen hatte. Da gibt es überhaupt keine Diskussion: die Vertriebenen benötigen eine neue Heimat, bevor nämlich der Monsunregen einsetzt, das Dammreservoir füllt u. so ihre Dörfer überschwemmt u. versinken läßt. Die vier Aktivisten im Hungerstreik sind: Vinod Patwa (eine(r?) der 114 000 Leute, die 1990 dem Bargi-Staudamm weichen mußten - ein Damm, der 12 Jahre nach seinem Bau, weniger Land bewässert als er damals überschwemmt hat); der Zweite ist Mangat Verma, den der neue Maheshwar-Damm aus seiner Heimat vertreiben wird, (falls er nämlich zu Ende gebaut wird); die/der Dritte, Chittaroopa Palit, ist fast 15 Jahre Mitglied bei NBA (Narmada Bachao Andolan), und die Vierte ist die erst 22jährige Ram Kunwar, die jüngste u. körperlich Schwächste unter den hungerstreikenden Aktivisten. Sie stammt aus jenem Dorf, das als Erstes verschwinden wird, sobald die Wasser des Maan-Reservoirs ansteigen. Während der Wochen ihres Fastens hat Ram Kunwar fast ein Viertel ihres normalen Körpergewichts verloren: also 9 Kilo.
Im Falle der andern großen Staudämme - wie Sardar Sarovar, Maheshwar u. Indira Sagar - war die (sofortige) Neuansiedlung hunderttausender vertriebener Menschen schlichtweg undurchführbar (oder doch nur theoretisch auf geduldigem Papier oder in Gerichtsakten, usw.). Beim Maan-Staudamm hingegen liegt die Sache anders. Hier wurden ja insgesamt ‘nur’ 6000 Menschen enteignet. Es gibt sogar Land, das laut Betroffener zum Verkauf ansteht u. das die Landesregierung (von Madhya Pradesh) nur noch zu erwerben u. zu verteilen bräuchte. Aber die Regierung weigert sich. Statt dessen verteilt sie fleißig Almosen-Entschädigungen u. zwar in bar - eine Praxis, die nicht nur illegal ist, sondern auch der eigenen Politik zuwiderläuft. Die Regierung gibt offen zu: wenn sie den Forderungen der Maan-’Flüchtlinge’ nachkommt (bzw. ihre eigene Politik umsetzt), könnte dies einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen - im Hinblick auf die Hunderttausende (meistens Dalits** u. Adivasi), die noch auf der Abschussliste stehen. Deren Dörfer werden ja allesamt auch noch versenkt (ohne Entschädigung), sollten die 29 großen Dammprojekte, die im Narmada-Tal noch geplant sind, tatsächlich realisiert werden. Die Regierung steht weiterhin hundertprozentig hinter diesen Damm-Projekten - die Umweltfolgen, bzw. die sozialen Folgenkosten scheinen ihr egal.
Und inzwischen werden Vinod, Mangat, Chittaroopa u. Ram Kunwar immer schwächer, ihre Körper geben allmählich den Dienst auf, so dass die Gefahr irreversiblen Organversagens bzw. die eines plötzlichen Tods immer größer wird. Kein offizieller Regierungsvertreter hat sich bislang bei ihnen blicken lassen. Aber lassen Sie mich eins verraten: nicht alle Aktivisten sind immer u. zu jeder Zeit knallhart u. wild entschlossen - während die Sonne gnadenlos niederbrennt auf das heiße Pflaster von Tin Shed. Die Scherze über Gewichtsabnahme u. schlanke Linie wirken zunehmend gequält. Es wird auch manchmal geweint - aus Wut, aus Frustration. Beklemmung herrscht u. regelrechte Angst - aber davon mal abgesehen haben sie eine unglaubliche Menge Mumm. Was wird wohl werden aus diesen Protestlern? Werden sie einfach in die Analen eingehen als der traurige ‘Preis des Fortschritts’? Diese Fortschritts-Phrase beherrscht ja überhaupt auf sehr clevere Weise die ganze Diskussion: es gebe eben Leute, die für Entwicklung seien u. Leute dagegen. Man bekommt suggeriert: entscheide dich, du bist doch auch für den Fortschritt, oder? Etwas anderes gibt es doch nicht! Praktisch wird dadurch unterschwellig suggeriert, Bewegungen wie die NBA seien altmodisch u. absurderweise gegen Elektrizität u. Bewässerungssysteme. Das ist natürlich kompletter Unsinn. Die NBA argumentiert umgekehrt, die Großen Dämme seien veraltet. Sie ist der Ansischt, es gibt inzwischen andere Wege zur Energiegewinnung bzw. zur Bewässerung - mehr regionale, ökonomisch tragfähigere, umweltgerechtere u. demokratischere Wege. Also fordert die NBA quasi mehr Modernität - u. nicht weniger. Sie fordert auch mehr Demokratie u. nicht weniger. Aber was passiert statt dessen?
Selbst auf der Höhe des wechselseitigen Kriegsgeschreis, selbst als Indien u. Pakistan schon dabei waren, sich mit atomarer Auslöschung zu bedrohen, kam keine der beiden Seite auch nur auf die Idee, den Indus-Wasser-Vertrag (zwischen Indien u. Pakistan) zu kündigen. Andererseits geschah im indischen Madhya Pradesh (dessen Ministerpräsident sich ja rühmt, der ‘Messias’ der Dalits u. Adivasi zu sein) Folgendes: Regierungsbeamte u. Polizei rückten mit Bulldozern in die Dörfer der Adivasi ein. Um die Leute aus ihrer Heimat zu vertreiben, rissen sie ihre Schulen nieder, fällten ihre Bäume bis zum Kahlschlag u. versiegelten die Handpumpen. Ja, sie versiegelten Handpumpen: Das ist der Grund für diesen Hungerstreik. Die Glaubwürdigkeit jeder Regierung, die behauptet, gegen den Terror zu sein, muss sich daran messen lassen, wie positiv diese Regierung mit gewaltlosem Widerstand umgeht - mit Widerstand, der vernünftig, persistent u. mit guten Argumenten unterlegt ist. Aber momentan erleben wir das genaue Gegenteil: Überall auf der Welt werden gewaltlose Widerstandsbewegungen zerrieben u. kaputtgemacht. Aber wer s i e nicht ehrt u. respektiert, begeht damit den Fehler, diejenigen zu privilegieren, die nichts gegen Gewalt als Mittel zum Zweck haben. Überall auf der Welt dasselbe Bild: Regierungen u. Medien verschwenden ihre ganze Aufmerksamkeit, ihre Zeit, ihr Geld auf das Thema Krieg u. auf das Thema Terrorismus - all ihre Forschung, ihre Intelligenz, ihren freien Sendeplatz, ihre Ernsthaftikeit. Die Botschaft, die davon ausgeht, ist gefährlich u. irritierend zugleich: wenn ihr Medienaufmerksamkeit für euer öffentliches Anliegen wollt, wenn ihr erfolgreich entschädigt werden wollt, dann greift zum Mittel der Gewalt: es ist ja viel effektiver als die Gewaltlosigkeit. Negativkonsequenz: wenn friedvollem Wandel keine Chance eingeräumt wird, ist Gewalt unausweichlich. Und dieser gewaltsame Wandel wird willkürlich u. unberechenbar sein, er wird ein häßliches Gesicht haben. Das ist ja jetzt schon so; denn was derzeit in Kaschmir passiert, in den nordöstlichen Staaten (Indiens) u. in Andhra Pradesh ist letztendlich schon Teil jenes Prozesses.
So gesehen kämpft die Narmada Bachao Andolan derzeit nicht nur gegen die Großen Dämme. Sie kämpft letztendlich auch für das Überleben jenes schönsten Geschenks Indiens an die Welt: gewaltloser Widerstand. Man könnte die Bewegung somit auch in Ahimsa Bachao Andolan umtaufen. Während der vergangenen Jahre hat unsere Regierung nichts als Verachtung für die Menschen des Narmada-Tals gezeigt. Verachtung für ihre Argumente, Verachtung für ihre Bewegung. Im 21. Jahrhundert ist es einfach nicht mehr möglich, den Zusammenhang zwischen Religions-Faschismus, atomarem Nationalismus u. der Massenverelendung ganzer Bevölkerungen infolge der Konzern-Globalisierung zu ignorieren. Denn während die Regierung des Staats Madhya Pradesh uns einerseits kategorisch erklärt, sie hätte keinerlei Land für die Wiederansiedlung Vertriebener, wird gleichzeitig berichtet, wie dieselbe Regierung den Boden bereitet (verzeihen Sie mir das Wortspiel) für große Landverkäufe an globale Landwirtschaftskonzerne - was natürlich erneut den Teufelskreis von Entwurzelung u. Verelendung in Gang setzen wird.
Und wie weit ist Herrn Digvijay Singh zu trauen - dem säkularen, ‘grünen’ Ministerpräsidenten, dem (sehr) öffentlichen Anwalt eines ‘fairen Regierungsstils’, der für das Recht (seiner Bürger) auf Information eintritt, für dezentrale Wasserversorgungsprojekte - was von alldem, was er verlautet, ist reine PR, was setzt er tatsächlich in die Tat um? Wird er wirklich die Politik verändern? Wenn ja, wäre ihm ein Platz in der Geschichte sicher - nämlich als visionärer Mann mit großem politischem Mut. Und falls die Kongress-Partei wirklich ernstgenommen werden will - als Alternative zu den destruktiven rechtsgerichteten religiösen Fundamentalisten, die uns ja an die Schwelle der Vernichtung gebracht haben -, dann wird sie mehr tun müssen als den Kommunalismus*** verurteilen u. sich am leeren Nationalismus-Geschwätz zu beteiligen. Sie wird auch mehr machen müssen, als abweichlerische MLAs in Fünf-Sterne-Hotels abzuschotten (ein Zoo wäre billiger gewesen), um sie davon abzuhalten, sich von den Oppositionsparteien kaufen zu lassen. Was die Kongress-Partei jetzt tun muss, ist reelle Leistung zeigen u. reell auf das Volk hören - das sie ja vorgibt zu repräsentieren.
Und was den Rest von uns angeht - uns besorgte Bürger, Friedensaktivisten, usw.: es wird nicht genügen, dass wir einfach nur Friedenslieder anstimmen, davon singen, dem Frieden eine Chance zu geben. Indem wir Bewegungen wie die NBA mit ganzer Kraft unterstützen, geben wir dem Frieden wirklich eine Chance: Das ist der eigentliche Krieg gegen den Terror. Gehen Sie nach Bhopal, fragen Sie nach Tin Shed.
Anmerkung d. Übersetzerin
*Ahimsa ist ein Begriff aus dem Sanskrit u. bedeutet ‘Liebe’; seine eigentliche Bedeutung ist aber ‘Gewaltlosigkeit’ (Gegenbegriff: Himsa = Gewalt). Ahimsa bedeutet also letztendlich ‘Liebe durch Gewaltlosigkeit’; Mahatma Gandhi leitete u.a. hiervon Theorie u. Praxis seines ‘gewaltlosen Widerstands’ ab.
** Dalit u. Adivasi - Dalit sind die ‘Kastenlosen’ im hinduistischen Indien (= ‘Unberührbare’); die Adivasi sind die Ureinwohner Indiens.
***Kommunalismus - Regierungssystem, das nach Gemeindegruppen unter- scheidet
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