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Alles, woran ich glaube, ist die Macht des Volkes

von Evo Morales

24.12.2005 — ZNet

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Danke, für Ihre Einladung zu diesem großartigen Treffen der Intellektuellen von 'In Defense of Humanity'. Danke auch für den Applaus, der dem bolivianischen Volk gilt - ein Volk, das in den vergangenen Tagen des Kampfes mobilisiert hat. Wir haben unser Bewusstsein entwickelt und nachgedacht, wie wir uns unsere natürlichen Ressourcen wiederaneignen können.

Was in letzter Zeit in Bolivien passierte, ist eine großartige Revolte, eine Revolte derer, die seit mehr als 500 Jahren unterdrückt waren. Im September und Oktober haben wir die Durchsetzung von Volkes Willen erlebt. Dieser Volkswille hat begonnen, die Kanonen des Imperiums zu besiegen. Seit vielen Jahren bestimmt das Aufeinanderprallen zweier Kulturen unser Leben. Die eine Kultur ist eine Kultur des Lebens. Es ist die indigene Kultur. Die andere ist eine Kultur des Todes, die Kultur des Westens. Wenn wir, das indianische Volk, gemeinsam mit den Arbeitern, ja sogar mit Geschäftsleuten, für Leben und Gerechtigkeit kämpfen, lautet die Antwort des Staates: 'Democratic Rule of Law'.

Was aber bedeutet "Herrschaft des Gesetzes" (rule of law) für das indigene Volk? Für die Armen, die an den Rand Gedrängten, die Ausgestoßenen bedeutet dessen Herrschaft gezielte Ermordung und kollektive Massaker. Das alles haben wir durchlitten, nicht nur im vergangenen September/Oktober, sondern über viele Jahre - Jahre, in denen sie versucht haben, dem bolivianischen Volk eine Politik des Hungers und der Armut aufzuzwingen. Vor allem aber bedeutet "Herrschaft des Rechts" eines: Wir Quechuas, Ayamaras und Guaranties von Bolivien gelten als Narkos und Anarchisten. Das haben uns unsere Regierungen beständig vorgeworfen. Beim Aufstand des bolivianischen Volkes ging es nicht nur um Gas und Hydrokarbonate, es ging um eine Schnittmenge aus vielen Themen: Diskriminierung, Marginalisierung und - der wichtigste Punkt - das Scheitern des Neoliberalismus.

Der Grund für all das Blutvergießen, für den Aufstand des bolivianischen Volkes heißt Neoliberalismus. Unser Mut und unser Trotz haben zum Sturz von Gonzalo Sanchez de Lozada geführt, dem Symbol des Neoliberalismus im Land. Das war am 17. Oktober. Es war ein Tag der Würde und der Identität für das bolivianische Volk. An diesem Tag haben wir begonnen, das Symbol der Korruption (Lozada) und die Politmafia zu stürzen.

Companeras und Companeros, ich will euch schildern, wie wir das Bewusstsein des bolivianischen Volkes von Grund auf neuerschufen. Wie schnell dieses bolivianische Volk doch reagiert hat: "Ya basta!" haben sie gerufen (wie Subcomandante Marcos zu sagen pflegt), wir haben genug von dieser Politik des Hungers und Elends.

Für uns war der 17. Oktober der Start in eine neue Phase des Aufbaus. Die wichtigste Aufgabe, der wir uns gegenübersehen, heißt: den Egoismus und den Individualismus auslöschen. Von den ländlichen Campesino- und Indio-Gemeinden bis zu den Slums der Städte müssen wir neue Formen des Miteinanders finden - gründend auf dem Prinzip der Solidarität und der gegenseitigen Hilfe. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir den Reichtum neu verteilen können - Reichtum, der sich heute in den Händen Weniger konzentriert. Dies ist die große Aufgabe, der sich das Volk von Bolivien nach diesem großartigen Aufstand gegenübersieht.

Wie wichtig war es, uns nach dem Prinzip der Transparenz, der Ehrlichkeit und der Kontrolle über die eigenen Organisationen zu organisieren und mobilisieren. Und es war wichtig, dass wir uns nicht nur organisierten sondern auch verbündeten. Hier stehen wir nun - Intellektuelle, die gemeinsam die Menschheit verteidigen wollen. Meiner Ansicht nach sollte nicht nur zwischen den Sozialbewegungen Einigkeit bestehen, sondern wir sollten uns auch mit den Intellektuellenbewegungen koordinieren. Jedes Treffen, jede Veranstaltung dieser Art ist für uns Arbeiterführer, die wir aus dem sozialen Kämpfen kommen, eine gute Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch, es hilft uns bei der Stärkung unseres Volkes und unserer Graswurzelorganisationen. Für uns jedes Mal eine großartige Lektion.

Auf diese Weise konnte es unseren Sozialbewegungen, unseren Intellektuellen, unseren Arbeitern und selbst jenen politischen Parteien, die den Kampf des Volkes unterstützen, gemeinsam gelingen, Gonzalo Sanchez Lozada zu vertreiben. Es ist traurig, dass so viele von uns sterben mussten, dass wir diesen hohen Preis zahlen mussten. Denn noch immer demütigt die Arroganz des Imperiums und seine Tyrannei das bolivianische Volk.

Gesagt werden muss auch, Companeras und Companeros, dass wir die sozialen Bewegungen, die Bewegungen des Volkes unterstützen müssen - anstatt die transnationalen Unternehmen. Ich bin ein politischer Neuling. Ich habe die Politik immer gehasst und schreckte vor einer politischen Karriere zurück. Aber dann habe ich erkannt, Politik ist ursprünglich eine Wissenschaft im Dienste des Volkes. Wenn du deinem Volk helfen willst, ist politische Einmischung eine ganz wichtige Sache. Mit Einmischung meine ich, für die Politik leben und nicht von ihr. Mithilfe der akademischen Institutionen konnten wir unsere Kämpfe koordinieren - zwischen Sozialbewegungen und politischen Parteien koordinieren. Auf diese Weise kam es zu einer nationalen Bewusstseinserweiterung. Diese hat den Aufstand unseres Volkes - den wir in den letzten Tagen erlebten -, ermöglicht.

Zum Begriff "Verteidigung der Menschheit" (defense of humanity), dem Thema dieser Veranstaltung. Meiner Meinung nach kann uns das nur über die Ausschaltung des Neoliberalismus und des Imperialismus gelingen. Und wir stehen nicht allein. Jeden Tag erleben wir, wie das antiimperialistische Denken sich weiter ausbreitet - vor allem nach Bushs blutiger "Interventions-"Politik" im Irak. Unsere Form der Organisierung, die Art, wie wir uns gegen das System und gegen die Angriffe des Imperiums auf das Volk verbündet haben, findet Verbreitung, ebenso die Strategien zur Schaffung und Stärkung von Volksmacht.

Alles, woran ich glaube, ist die Macht des Volkes. Das entspricht meiner Erfahrung in der Region, aus der ich komme. Es war nur eine einzelne Provinz. (Dies zeigt), welche Bedeutung der Stärke vor Ort zukommt. Nach allem, was seither in Bolivien passiert ist, erkenne ich, welche Bedeutung der Stärke eines ganzen Volkes zukommt, einer ganzen Nation. Allen unter uns, die an die Bedeutung der Verteidigung der Menschheit glauben, sei gesagt, unser bester Beitrag wäre die Stärkung des Aufbaus unserer Volksmacht. Dazu müssen wir unsere persönlichen Interessen mit denen der Gruppe in Einklang bringen und manches Mal Verpflichtungen gegenüber den Sozialbewegungen eingehen - um mächtig zu sein. Das Volk muss uns führen - und nicht umgekehrt, nicht wir dürfen das Volk manipulieren und benutzen.

Stimmt schon, es kann zu Differenzen zwischen unseren Volksführern kommen, das haben wir auch hier in Bolivien erlebt. Aber wenn das Volk Bewusstsein hat, wenn ihm bewusst ist, welche Aufgaben vor uns liegen, ist Schluss mit allen Differenzen zwischen den verschiedenen Führern vor Ort. In diesem Punkt konnten wir seit langem Fortschritte erzielen. Und so war/ist es dem Volk endlich möglich, vereint aufzustehen.

Ich möchte euch erzählen, Companeras und Companeros, wovon ich, wovon wir bolivianischen Führer, träumen. Wir glauben, dass unsere Aufgabe im Moment in der Stärkung des antiimperialistischen Denkens besteht. Einige Führer reden davon, die Intellektuellen, die politischen Bewegungen und die Sozialbewegungen sollten gemeinsam einen großen Gipfel organisieren, zu dem wir Leute wie Fidel, Chavez oder Lula einladen, damit sie uns allen sagen: "Hier stehen wir. Wir stellen uns gegen die Aggression des US-Imperialismus." Auch Companera Rigoberta Menchu sollte bei uns sein, ebenso die Führer der sozialen Bewegungen und der Arbeiterbewegung und so großartige Persönlichkeiten wie Pérez Ezquivel. Eine Großveranstaltung dieser Art könnte unserem Volk zeigen: Wir stehen vereint beisammen, und wir kämpfen für die Menschheit. Companeras und Companeros, wir haben keine andere Wahl. Wenn wir die Menschheit wirklich verteidigen wollen, müssen wir das System verändern - und das bedeutet, Sturz des US-Imperialismus.

Das ist alles. Vielen Dank.

Die Rede wurde aufgezeichnet von Adam Saytanides Übersetzung ins Englische von Ricardo Sala

Übersetzt von: Andrea Noll
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