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Als John Negroponte noch Mullah Omar hieß

von Dennis Hans

23.02.2005 — CommonDreams.org / ZNet

— abgelegt unter:

Für den Posten als US-Geheimdienstchef hat Bush jemanden auserkoren, der einst die Aufsicht über eine Zufluchtsstädte inne hatte, wie man sie aus Afghanistan kennt und wo sich Terroristen fanden, die Osama und Al-Qaida an Abscheulichkeit das Wasser reichen konnten.

Vielleicht erinnert man sich an Mullah Omar, dem Anführer der Taliban, jener islamischen Bewegung, die den gescheiterten Islamischen Staat von Afghanistan von 1996 bis ins Jahr 2001 unfähig regierte? Er und die Taliban spielten für Osama bin Laden den Gastgeber und boten ihm und seiner Al-Qaida Organisation somit einen sicheren Zufluchtsort von wo aus sie terroristische Angriffe planen und Rekruten ausbilden konnten, die nach Afghanistan aus aller Herren Länder kamen.

Nun, wie sich herausstellt hat Mullah Omar viel mit John Negroponte gemeinsam, einem altgedienten Diplomaten, den George W. Bush dazu auserwählt hat erster US-Geheimdienstchef zu werden – es könnte sogar sein, dass er Omar als Vorbild für den Verlauf seiner Karriere diente.

Das wohl wichtigste Kapitel im Werdegang Negropontes fand nämlich in dem gescheiterten Staat Honduras statt. Von 1981 bis 1985 war er in der Bananenrepublik der mächtigste Mann, ganz genauso wie Mullah Omar 15 Jahre später in Afghanistan „der King“ war. So wie Omar bin Laden und Al-Qaida willkommen hieß und Schutz gewährleistete, so sorgte Negroponte dafür, dass Honduras den abscheulichsten Terrorgruppen in der gesamten westlichen Hemisphäre Zuflucht bot, den Contra-Rebellen.

Genau, die Contra-Rebellen. Man mag sich an sie als die von US-Präsident Ronald Reagan in höchsten Tönen gelobte Militäreinheit erinnern, die „moralisch gesehen das Ebenbild der Gründerväter“ ist. Die viele Bände umfassenden Berichte von Human Rights Watch und Amnesty International zeigen aber, dass die Darstellung, die ich von ihnen gebe die richtige ist, und nicht die Reagans.

Genauen Zahlen über Todesopfer kommt man schwer bei, aber die Contra-Rebellen haben wahrscheinlich mehr schutzlose Zivilisten in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts getötet als Al-Qaida in den zehn Jahren ihrer terroristischen Aktivitäten. Die Contra-Rebellen haben allerdings eine Kehle nach der Anderen durchgeschnitten, anstatt 3.000 Menschen an einem Tag in New York und an einem anderen 2.000 in Afrika in die Luft zu sprengen, zwei von vielen abscheulichen Taten Al-Qaidas.

Negroponte wurde 1981 nach Honduras entsendet, um den dortigen US-Botschafter Jack Binns zu ersetzen, der sich den Zorn der Regierung Reagans aufgeladen hatte. Mit Binns, muss man wissen, hatte man in den sauren Apfel gebissen. Das bewies er, indem er sich besorgt über eskalierende Folterungen und Morde durch honduranische Sicherheitskräfte äußerte, zu einer Zeit, als es Richtlinie der US-amerikanischen Politik war solche kriminellen Handlungen zu verschweigen. Aus der Sicht der Reagananhänger, war Binns einfach nicht aus dem richtigen Holz geschnitzt, um eine US-Botschaft zu leiten, die im Begriff war, die größte in Mittelamerika zu werden und die Verwandlung großer Teile Honduras“ zu einem Zufluchtsort und Ausbildungslager für kaltblütige Mörder zu überwachen.

1981 verfolgte die Reagan Mannschaft eine ungenannte Strategie des „Regimewechsels“ in Nicaragua, obwohl sie dem Kongress und den Medien (stimmt genau, wie heute, so waren auch damals schon beide Schoßhündchen!) vorgaben, dass es ihrem eigentlichen Ziel galt, den angeblichen Fluss and Waffen so genannter „Weapons of Minimal Destruction“ (kleine Feuerwaffen und ähnliches) von Nicaragua über Land durch Honduras und weiter nach El Salvador zu unterbinden. Dort besaßen marxistische Guerillatruppen die Dreistigkeit, sich einer Diktatur zur Wehr setzen, die seit 50 Jahren von den USA unterstützt wurde und allein in dem Jahr von 1980 bis 81 um die 20.000 Zivilisten ermordet hatte.

Dieser Waffenfluss stellte sich aber größtenteils als Fata Morgana heraus (eine weitere Parallele zu heute), insbesondere zu der Zeit als Negroponte nach Honduras kam. Die Täuschung durch das Lager der Reagananhänger, dass die Contra-Rebellen zum Ziel hätten den angeblichen Fluss an Waffen zu unterbinden, war eine notwendige Lüge, um einen gutgläubigen und schwachen Kongress dazu zu bewegen das Unternehmen zu finanzieren. Tatsächlich waren die Reagananhänger von einem Regimewechsel wie besessen und ihr auserwähltes Instrument sollte von ehemaligen Offizieren der nicaraguanische Nationalgarde angeführt werden. Diese war selbst eine von den USA ausgebildete Militäreinheit, die, von 1977-79, 30 bis 40.000 nicaraguanische Zivilisten tötete und vergeblich versuchte den Diktator Anastasio Somoza an der Macht zu halten, der seit langen von den USA Unterstützung erhielt.

Die neue Militäreinheit wurde als Contras bekannt, was eine Abkürzung für Kontrarevoluzionär ist, da das Regime, das die Reagananhänger auswechseln wollten von Sandinistarevoluzionären dominiert wurde, die sich am Marxismus orientierten und den bewaffneten Kampf gegen Somoza angeführt hatten. Die Contra-Rebellen waren verdammt gut im Töten von Pflegepersonal und Lehrern und völlig unerschrocken dabei gefangen genommene und entwaffnete, feindliche Kämpfer zu exekutieren. Exekutionen gehörten zur üblichen Vorgehensweise. Ihre Gesinnungstreue gegenüber Somoza und ihre üble Vorgehensweise hielt sie davon ab, wie eine richtige Guerilla-Armee zu funktionieren, denn sie lebten mit den Menschen, die sie angeblich befreiten, zusammen und waren in Sachen Lebensmittel, Unterschlupf und Informationen auf sie angewiesen. Daher auch die Notwendigkeit eines Zufluchtsortes in einem gescheiterten Staat, der von korrupten, brutalen Armeeoffizieren und einem herrischen US-Botschafter namens John Negroponte regiert wurde.

Ohne diesen Zufluchtsort hätten die Contra-Rebellen keinen Monat lang überlebt. So aber konnten sie zehn Jahre lang Terror ausüben. Abhängig von den USA, die sie mit Lebensmitteln, geheimdienstlichen Informationen, Waffen und Handbüchern zum Morden ausstattete, konnten sie für eine Weile plündernd durch Nicaraguas ländliche Gegenden ziehen und sich dann in ihren sicheren Zufluchtsort zurückziehen, wenn sie einer Pause vom Schänden, Foltern und Morden bedurften. Tatsächlich begingen sie derartige Verbrechen auch in ihren Lagern auf honduranischer Seite, wenn auch auf gelassenere Art.

Leider hatte die nicaraguanische Regierung weder die Feuerkraft noch den Grips, das Lager der Contra-Rebellen in die Luft zu jagen und die honduranische Gruppe zu stürzen, die die Contra-Rebellen unterstützte. Wahrscheinlich war das auch gut so, denn hätten die Sandinisten dies getan, wäre Nicaragua von den Reagananhängern zerstört worden und die US-amerikanischen Medien hätten darüber Beifall gespendet. Denn nur die USA haben das Recht einen Staat anzugreifen, der Terroristen Unterschlupf gewährt, die tausende von Zivilisten auf dem Gewissen haben.

Negropontes angebliche Aufgabe in Honduras war es, das scheinbare Ziel der US-Politik durchzusetzen, nämlich die Demokratie zu fördern. (Hat man das nicht schon einmal gehört?) Seine eigentliche Aufgabe war es, selbst den kleinsten Anflug echter demokratischer Entwicklungen zu unterbinden und dafür zu Sorgen, dass wichtige Entscheidungen der Außenpolitik nicht von der pseudodemokratischen Fassade getroffen wurden - dem bedeutungslosen Präsidenten und der Legislative von Honduras - sondern von zwei kaltschnäuzigen, abgebrühten A-löchern: Negroponte und dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte, General Gustavo Alvarez.

Somit unterstützten Negroponte und die Reagananhänger im Namen der „Demokratie“ nicht nur die Militärherrschaft, sondern verhinderten sogar demokratische Verfahren innerhalb des Militärs! (Z.B. „jeder Oberst erhält eine Wahlstimme“) Die radikalen Ansichten des Präsidenten Alvarez und seine Politik der Unterdrückung waren nicht Echo eines Konsenses innerhalb der Armee. Viele Offiziere waren der Meinung, Alvarez hätte das Land mit Leib und Seele wie einen Sklaven an die USA verkauft. Es wurden auch Stimmen laut, wegen eskalierenden Folterungen und Morden, die von dem Bataillon 316 verübt wurden, einer vom CIA unterstützten Armee-Einheit.

1984 wurde dann Alvarez vor den Augen Negropontes von einer Gruppe Offiziere entmachtet. In den USA wurde dies richtigerweise als „Regierungswechsel“ gesehen. In Demokratien kommt es aber nicht zu einem „Regierungswechsel“, wenn Offiziere der Arme ihren Chef aus dem Amt werfen, denn in Demokratien ist der Chef der Armee nicht „die Regierung“. Wären Negroponte und die Reagananhänger von ihrer eigenen Rhetorik zur honduranischen Demokratie überzeugt gewesen, hätte man aus der Amtsenthebung Alvarez“ keinen großen Hel gemacht, denn Honduras hatte immer noch den selben Präsident und die selbe Legislative. Dem war aber nicht so und sie wurde zu einem richtig großen Problem.

Zuversichtlich sie könnten die Splittergruppe reformwilliger Armeeoffiziere ins Abseits drängen, die die Amtsenthebung Alvarez“ unterstützten und von dem neuen Oberbefehlshaber der Armee forderten, die Unterdrückung zu mindern und die honduranische Souveränität wieder einzufordern, wurden Negroponte und der CIA tatkräftig. Das US-amerikanische Team war in der Lage die Krise abzuwenden, indem sie alt bewährte, die Demokratie verbessernde und Souveränität respektierende Taktiken wie Bestechung und die Schwitzkastenmethode anwandten. Der Vorgang war langwierig, aber gegen Ende des Jahres 1985 (zu einem Zeitpunkt, als Negroponte schon nicht mehr in Nicaragua weilte) waren die Reformwilligen isoliert und die Macht über die Armee lag bei einer Clique rechtsgerichteter Offiziere, die vom CIA gekauft wurden.

Die Mannschaft von Negroponte zerrüttete aber auch den Contra-Rebellen zugehörige Personen und Gruppen.

Edgar Chamorro ein offizieller Pressebeauftragter der Contra-Rebellen, unter dessen Aufgaben auch die Bestechung honduranischer Journalisten viel, wurde von den CIA-Führern gelobt, wenn er US-Journalisten über die Ziele der Contra-Rebellen anlog. In den wenigen Fällen aber, in denen er die Wahrheit über die wirkliche Ziele der Contra-Rebellen ans Licht kommen ließ, oder wie routiniert Gräueltaten von ihnen verübt wurden, las man ihm die Leviten. Von den Gräueltaten und seiner Rolle als bezahlter Lügner angewidert, trat er von dem Posten zurück und erzählte in einer eidesstattlichen Erklärung seine Geschichte 1985 dem Internationalen Gerichtshof.

In einem Brief, der in der New York Times Ausgabe vom 9. Januar 1986 veröffentlicht wurde, beschrieb er die Endergebnisse einer bestimmten Vorgehensweise, zu der das Reagan-CIA-Negroponte Konglomerat ermutigte: „Während meiner vier Jahre als Führungskraft bei den Contra-Rebellen, war es kalkulierte Vorgehensweise, am Kampf nicht beteiligte Zivilisten zu terrorisieren, um sie davon abzuhalten mit der [Sandinistischen] Regierung zu kooperieren. Hunderte Morde, Folterungen und Vergewaltigungen wurden unter der Zivilbevölkerung bei der Umsetzung dieser Vorgehensweise begangen, über die die Anführer der Contra-Rebellen und ihre Vorgesetzten des CIA genauestens bescheid wussten.“

In der Ausgabe der New York Times vom 7. Juni 1987 berichtete James LeMoyne davon, dass die Miskito Gruppe der Contra-Rebellen durch die USA „Unterstützung“ fand: „Ranghohe Anführer der indigenen Bevölkerung und Diplomaten in Tegucigalpa [der Hauptstadt von Honduras] berichten, dass der CIA in den letzten fünf Jahren durch Bestechungsgelder, Drohungen und einzelne, im Exil lebende Angehörige der indigenen Bevölkerung, die indigene Bevölkerung davon abzuhalten versucht ihre eigenen Repräsentanten zu wählen, da der Nachrichtendienst befürchtete, die Kontrolle über die Miskitos zu verlieren und, dass sie sich außerdem dazu entschließen könnten nicht mehr weiter zu kämpfen.“

So sieht de Wirklichkeit hinter der von den Reagananhängern benutzten Rhetorik zur „Förderung der Demokratie“ aus: kriminelle Taktiken, um Menschen davon abzuhalten ihre eigenen Repräsentanten zu wählen, die ihren eigenen Kurs festlegen.

Als Negroponte sich dazu entschloss den Werdegang eines Diplomaten zu gehen, konnte er sicherlich nicht voraussehen, dass ihm eine Aufgabe zu Teil werden würde, die von ihm verlangte, die Institutionen eines verarmten Landes zu untergraben, um dadurch die Regierung eines korrupten und brutalen Militärs zu gewährleisten, das sein Land Terroristen vermachen würde, die von den USA bewaffnet, ausgebildet und koordiniert wurden. Die Aufgabe aber wurde gestellt und Negroponte nahm sie an. Er ist zweifelsfrei sehr intelligent und fähig, gleichzeitig aber auch von amoralischem, wenn nicht sogar unmoralischem Charakter.

Es ist anzunehmen, dass Negropontes ethisches Unvermögen und die Gabe kaltschnäuzig zu Handeln ihn zu einem idealen Kandidaten für sein neues Aufgabengebiet machten. Als Geheimdienstchef wird er Präsident Bush ein loyaler Diener sein und wenn das bedeutet Bush dabei zu helfen, die Bürger zu täuschen, um Unterstützung von Seiten der Öffentlichkeit für weitere Interventionen und Intrigen im Ausland zu erhalten, scheint uns die Geschichte zu zeigen, dass Negroponte der Aufgabe gewachsen sein wird.

Dennis Hans ist freier Schriftsteller, der an der University of South Florida-St. Petersburg die Studiengänge Mass Communications und American Foreign Policy gelehrt hat. Vor dem Krieg im Irak verfasste er die Bücher „Lying Us Into War: Exposing Bush and His 'Techniques of Deceit'" und „The Disinformation Age".

Übersetzt von: Stefan
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