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Alvaro Uribe Velez und die "Demokratische Sicherheit"

Ein Interview mit Javier Giraldo

von Javier Giraldo

16.03.2004 — ZNet

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Der langjährige Friedensaktivist Pater Javier Giraldo war 1988 Gründungsmitglied von Justicia y Paz und arbeitet unermüdlich als Menschenrechtsaktivist in Kolumbien. Er ist Autor des Buches „Colombia: the Genocidal Democracy“ (zu dt.: Kolumbien: die Völkermorddemokratie) – eine der wohl nützlichsten Fibeln zur Menschenrechtssituation in Kolumbien, die in den 1990ern erhältlich waren. Das Interview stammt vom 22. Februar 2004 und wurde in Bogotá durchgeführt.

Uribe bezeichnet seine Kriegspolitik als „Demokratische Sicherheit“. Was hältst du davon?

Ich habe mittlerweile vier oder fünf Reden Uribes gelesen, um eine Definition [der „Demokratischen Sicherheit“; Anm. d. Ü.] zu finden. Er sprach erst jüngst auf Costa Rica genau zu diesem Thema. Die Rhetorik ist immer die gleiche. Zuerst, so argumentiert Uribe, hätten die Sicherheitsmaßnahmen nur einige Menschen geschützt. Doch die „Demokratische Sicherheit“ gelte für das gesamte Land: es spiele keine Rolle, ob mensch ein(e) ArbeiterIn oder ein(e) Besitzhabende(r) ist, ob mensch der Opposition oder der Regierung angehört. Der These und der Rhetorik nach schützt sie alle KolumbianerInnen.

Wenn mensch jedoch die Umsetzung untersucht, ergeben sich die unterschiedlichsten Methoden.

Erstens ist das Konzept der „Demokratischen Sicherheit“ eine Radikalisierung der paramilitärischen Strategie. Über den Paramilitarismus wird versucht, stetig wachsende Teile der Zivilbevölkerung in den Konflikt hineinzuziehen. Das ist die Essenz des Projekts. Uribe hat diese Politik bereits seit seinen Tagen als Gouverneur von Antioquia verteidigt. In diesem Zusammenhang existiert keine Neutralität. Alle müssen sich auf der Seite der „Guten“ engagieren, um gegen das „Böse“ vorzugehen. Der Grundpfeiler dieser Strategie ist das Militär, und auch alle Straßen der „Demokratischen Sicherheit“ führen zum Militär. Es geht darum, das Militär zu unterstützen, ihm zu gehorchen.

Hier in Antioquia sind bereits Erfahrungen gesammelt worden. Als die Bewegung der Friedensgemeinden auftauchte, entstanden Bauern- und Indígenagemeinden, die sich selbst als „neutral“ betrachteten. Sie wollten mit dem Konflikt nichts zu tun haben. Die Bewegung begann, als Uribe Gouverneur in Antioquia war. Die Friedensgemeinde von San José de Apartado ist ein Ergebnis. Bischof Isiaias Duarte Cancino, der später in Calí ermordet worden ist, arbeitete an diesem Vorhaben. Die Region Apartado war eine sehr „heiße“ Zone, ein strategischer Korridor für Waffen – und eine von den bewaffneten Gruppen umkämpfte Region. Die Zivilbevölkerung wollte jedoch neutral bleiben. Um diese Idee zu diskutieren, wurden einige Treffen veranstaltet. Uribe lud sich als damaliger Gouverneur tatsächlich selber zu einem der Treffen ein. Außerdem erteilte er sich selbst dann das Wort. In seiner Ansprache beschrieb er den ZivilistInnen seinen Vorschlag zu einer „aktiven Neutralität“, die ihm zufolge gleichbedeutend mit der Unterstützung der und Hilfeleistungen an die Armee sei. Der Bischof lehnte diese Interpretation öffentlich ab. Er sagte, entschuldigen sie Herr Gouverneur, aber ihr Projekt ist nicht das unsere. Uribe verschwand wütend. Zu einem späteren Zeitpunkt des Abends wurde der Name und der Slogan der Bewegung dann von „aktiver Neutralität“ in „Friedensgemeinden“ umgeändert.

Uribe hielt als Gouverneur des Departements hingegen an seinem Vorschlag fest, die höchste Zahl an CONVIVIR- Truppen zu unterhalten, die nichts anderes als legale paramilitärische Einheiten sind. Die CONVIVIR sind von der Armee bewaffnete ZivilistInnen, die vom Oberbeauftragten für Private Sicherheit kontrolliert werden – gleichzeitig ist dies außerdem der Versuch, die Paramilitärs insgeheim zu legalisieren und dabei das vom Obersten Gerichtshof 1989 als Verstoss gegen die Verfassung bewertete Gesetz zur Legalisierung der Paramilitärs (aus den Jahren zwischen 1965 und 1968) zu umfahren. Im gesamten Land beschäftigte kein Departement so viele CONVIVIR wie Antioquia. Mit diesem Schritt ist den Paramilitärs der Boden bereitet worden. In Apartado waren jedoch gleich drei der CONVIVIR- Führer Paramilitärs und trotzdem wurden sie von der 17. Brigade der Armee trainiert. Das sind die hiesigen Erfahrungen und Hintergründe.

Wenn es Uribes Absicht ist, beständig mehr ZivilistInnen in den Konflikt zu verwickeln, wie hat dann die Zivilbevölkerung reagiert?

Der Begriff „Zivilbevölkerung“ ist ein wenig schwammig. Mit ihm werden zum Beispiel auch die Industriellen erfasst, die Wohlhabenden und Mächtigen.

Es hat ein Prozess stattgefunden. 1995 schlug Serpa schon einen Dialog mit den Paramilitärs vor. Der Vorschlag verursachte damals einen Aufschrei in den Medien. Die derzeit ins Feld geführten Argumente waren eindeutig: die Paramilitärs gehörten nicht der Opposition an. Die Guerilla stehen der Regierung oppositionell gegenüber und selbst die Verfassung bietet eine rechtliche Handhabe für Verhandlungen mit bewaffneten Oppositionsgruppen. Die Paramilitärs sind jedoch Teil des Staates. Wie könnte der Staat also einen Dialog mit ihnen führen? Infolge des Skandals zog Serpa seinen Vorschlag schließlich zurück.

Doch zwischen 1995 und 2002 ist die Gesellschaft schrittweise an die Paramilitarismus gewöhnt worden, insbesondere durch und in den Medien und unter anderem dadurch, dass Carlos Castano für die Menschen sichtbar gemacht wurde indem er zu einer öffentlichen Person stilisiert worden ist. Das erste große Interview führte noch Arismendis Caracol durch, doch El Tiempo, Semana, Cambio, die gesamten großen Medien folgten bald. Die Idee war, sein Image aufzupolieren, es zu arrangieren, dass er sich zu einer Person des öffentlichen Lebens entwickelt, die Meinungen zu Themen äußern und vorgeben kann.

Dies erhielt durch Pastranas „Friedensprozess“ und die „Dialoge“ in San Vicente del Caguan zusätzlichen Schwung. Die mainstream- Medien analysierten und managten diesen Prozess mit echter Oberflächlichkeit. Zu Beginn der Dialoge hatten sich die Regierung und die FARC noch auf 47 gemeinsame Punkte einigen können. Anfangs. Doch von jenem Zeitpunkt an folgte ausschließlich Krieg. Die Paramilitärs fielen in die Zone ein. Die Armee begann mit Flügen über das Gebiet. Die FARC ging ihre eigenen Wege. Und die Regierung nahm die Gespräche nie ernst. Sie ernannte zum Beispiel nicht einmal eine einzige Person, die für die Umsetzung der 47 Punkte umfassenden Agenda zuständig sein würde. Sie entsandte nicht einen einzigen offiziellen Delegierten nach Caguan. Die Medien machten hingegen die „Unverantwortlichkeit der Guerilla“ für das Scheitern der Gespräche verantwortlich. Trotz der zahlreichen unverantwortlichen Handlungen seitens der Regierung! Doch infolge der Medienkampagne akzeptierte die Öffentlichkeit nach und nach die Idee, dass die Paramilitärs die Schuldigen seien. Dies half den Paramilitärs und bereitete den Boden für Uribe. Die Aktivitäten der FARC in jener Zeit waren zudem auch sehr fragwürdig – sie ermordete ParlamentarierInnen und führten mehr Razzien und Entführungen durch als zuvor.

Salvatore Mancuso, ein Kommandeur der Paramilitärs, begrüßte Uribes Kandidatur und gab eine Erklärung ab, mit der er Uribe nach seiner Wahl unterstützte. Bestehen außer den CONVIVIR weitere Verbindungen zwischen Uribe im Besonderen und den Paramilitärs?

Uribe steht einer Familie, den Ochoas, sehr nahe, die im Drogengeschäft „engagiert“ sind. „Nahe“ bedeutet nicht, dass sie sich kennen – sie wuchsen miteinander auf.

Die USA bemühten sich um die Auslieferung des jüngsten der Familie, Fabio Ochoa. Gemäß dem kolumbianischen Gesetz kann mensch allerdings nicht ausgeliefert werden, wenn mensch in Kolumbien strafrechtlich verfolgt wird, bis die Strafe in Kolumbien abgegolten ist. Auf dieses Argument verweisen auch Carlos Castanos Anwälte, um eine Auslieferung zu verhindern. Ochoas Anwälte beriefen sich ebenfalls auf die Gesetzespassage, dennoch wurde der Antrag nicht zurückgezogen. Er hatte jedoch einen guten Anwalt, so dass die CIA und die DEA Bedingungen für Verhandlungen festlegen mussten: 30 Millionen U.S. Dollar für die Nicht- Auslieferung. Fabio Ochoa sollte eine milde Strafe in den Vereinigten Staaten erhalten, nach der ihm ein neuer Pass ausgestellt wird, damit er sich anschließend wieder frei bewegen kann (Bezug auf: El Tiempo; 28. November 2002. S. 1- 20.). Baruch Vega, ein Fotograf, war der Vermittler des Deals. Es gibt außerdem Dokumente der Auslieferungsprozedur, die als Belege dienen. Das Ergebnis war ein geheimer, illegaler Fonds, aus dem die Paramilitärs finanziert wurden/werden. Baruch Vega bezeugt außerdem, dass Carlos Castano während eines Treffens in Panama von der DEA und der CIA Geld aus jenem Topf übergeben worden ist.

Ein anderer Mechanismus zur Finanzierung der Paramilitärs ist ebenso ausführlich dokumentiert worden. Gemäß dem Bergbaugesetz muss jede/r, der/die Gold findet, Steuern zahlen. Eine Steuer an die Regierung auf die gemachten Funde. Die reichhaltigsten Goldminen befinden sich im Departement Bolivar während in Cordoba (wo die Basis der Paramilitärs liegt) die Produktion nur sehr gering war. Doch wenn mensch sich das Zahlenmaterial der Banco de la Republica anschaut, führen die relativ unprouktiven Minen Cordobas äußerst hohe Steuern ab, die Minen Bolivars jedoch nicht. Das fehlende Geld landet in den Händen der Paramilitärs.

Während Uribes Wahlkampf um das Gouverneursamt [Antioquias; Anm. d. Ü.] ermordet die FARC Uribes Vater in Antioquia auf ihrer Familienranch, Guacharacas. Zum Todeszeitpunkt befand er sich in einem Helikopter, der Drogenhändlern gehörte, von der DAS (Kolumbiens Sicherheitsbehörde) beschlagnahmt, aber anschließend wieder an die ursprünglichen Besitzer zurückgegeben wurde.

Im Büro des Generalstaatsanwaltes ist außerdem ein Bericht zu finden, eine Aussage eines kleinen in der Bergbauindustrie tätigen Geschäftsmannes über das Gut Guacharacas. Er besaß ein relativ kleines Unternehmen und beschäftigt eine Handvoll ArbeiterInnen in Antioquia. Er wurde dem örtlichen Chef der Paramilitärs vorgeführt und die Paramilitärs drohten ihm. Sie sagten – du bezahlst ein Schulgeld an die Guerillas, folglich verdienst du die Todesstrafe. Doch er antwortete, dass er die Quote zu zahlen habe, denn wenn er der Aufforderung nicht nachkomme, töteten ihn die Guerillas. Was sollte ich also tun? Sie verziehen und sagten ihm, dass er die Quote nun an ihn abführen solle: 250.000 Pesos pro Monat.

Schließlich erzielte er nicht einmal genug Gewinn, um die Schutzgeldzahlung zu leisten. Dementsprechend suchte er die Paramilitärs an ihrer Basis auf und teilte ihnen mit, dass er aus dem Geschäft raus sei und nun den Ort verließe. Sie sagten, ein Moment, wir finden einen besseren Platz, um Gold abzubauen. Warte hier, wir werden nach dem Treffen wiederkommen. Als er wartete, trafen verschiedene Personen ein: Mitglieder der Paramilitärs und schließlich der Gouverneur selbst: Uribe. Gegen Ende des Treffens kam der Chef der Paramilitärs zurück und sagte: „Geh zum Gut Guacharacas und schürf dort Gold.“ Zahl deine Quote an Herr Villega, den Manager des Großgrundbesitzes.

Dieser Zeuge berichtet, dass 40 Paramilitärs auf dem Eigentum Guacharacas untergebracht waren und das Gut nachts verließen, um zu morden. Er floh von dort, als sie ihn fragten, ob sie sein Auto für einen Anschlag benutzen könnten. Doch noch zuvor beobachtete er den Mord an einem Bauern, der auf dem Land Guacharacas arbeitete und der der Kollaboration (Zusammenarbeit) mit den Guerillas bezichtigt wurde. Zudem kann er das Verschwinden eines Jungen bezeugen, der beschuldigt worden war, auf dem Gut gestohlen zu haben. Die Paramilitärs informierten den „Patron“, um das Problem zu lösen. Der „Patron“ ist Alvaro Uribe Velez. Der Junge wurde nie wieder gesehen.

Ein weiterer Fall stammt aus den 1980er Jahren, bevor Uribe Gouverneur geworden ist, und ereignete sich auf der Hazienda La Mundial in der Nähe von San Roque im Bezirk Masaeo. Damals forderte eine Bauernorganisation Lohn für die Arbeit auf der Hazienda. Die Besitzerin, die Familie Uribe, entgegnete, dass sie nichts zahlen könne. Allerdings verließen sie die Hazienda für drei Monate und die Bauern könnten den gesamten Überschuss behalten, den sie in dieser Zeit erwirtschafteten. Die campesinos legten sich also ins Zeug und bezahlten sogar einige ihrer Schulden. Die Dokumentation dieser Ereignisse befindet sich übrigens in Antioquias Arbeitsamt.

Nach drei Monaten waren die campesinos willig, das Gut zurückzugeben, doch Uribe wollte es nur ohne die ArbeiterInnen zurücknehmen. Die Familie Uribe teilte den campesinos also scheinbar gönnerhaft mit, dass sie das Land behalten dürften. Direkt im Anschluss begann die Armee jedoch, Menschen zu verhaften und verschwinden zu lassen. Zusätzlich wurden einige Massaker begangen. Die Überlebenden, die die Vorgänge beobachteten, sagten aus, dass zweifellos Uribe hinter den Aktivitäten stecke.

Ich fragte bereits nach der Reaktion der Zivilbevölkerung, weil einige Kommentatoren der Meinung sind, dass die Ablehnung des Referendums am 25. Oktober 2003 ebenso wie die Kommunalwahlen, die in unterschiedlichen Gemeinden und Departements alternative KandidatInnen an die Macht brachten, ein großer Schritt in die entgegengesetzte Richtung sei. Betrachtest du diese Ereignisse auch als eine Umkehr der öffentlichen Meinung, nachdem er 2002 erfolgreich die Wahlen gewonnen hatte?

Die erste Frage lautet: Wie hat Uribe 2002 gewonnen. Ich las vor kurzem Erich Fromms „Fear of Liberty“ (dt.: „Die Furcht vor der Freiheit“) erneut. Es geht darum, wie Hitler in Deutschland an die Macht gekommen ist. Es ist eine Erklärung aus sozial- psychologischer Perspektive. Und einiges lässt sich vielleicht übertragen. Wenn mensch jedoch den Zeitraum zwischen März und Mai 2002 und vor den Wahlen betrachtet – ich hielt mich gerade mit vertriebenen Menschen aus Puerto Alvira, Mapiripan, in Meta auf – muss mensch sich fragen, wie es möglich war, dass Menschen, die wegen der Paramilitärs soviel verloren hatten, trotzdem einen Präsidenten wählten, der nur noch mehr des Gleichen versprach. Die Paramilitärs verbreiteten überall Angst. Sie waren in den Wahllokalen. Sie zerstörten Wahlurnen. Die/Der BürgermeisterIn trat am Abend in ein Wahllokal mit einer Liste von SozialhilfeempfängerInnen in der Hand. Die Paramilitärs glichen die Liste mit den Wahllisten ab, um zu ermitteln, wer nicht an der Wahl teilgenommen hatte. Anschließend wählten sie an ihrer Stelle. Dies wurde daraufhin der/m Wahlbeauftragten gemeldet. Aber nichts geschah. In Barrancabermeja prophezeiten die Paramilitärs ein Massaker, falls Uribe nicht gewinnen sollte. Ich kenne außerdem noch weitere Fälle, die nicht veröffentlicht wurden, weil die Menschen zu große Angst haben. Und diejenigen, die wählten, wählten unter enormen Druck.

Nach den Parlamentswahlen im März 2002 erklärte Mancuso offiziell den Sieg. Er sagte, dass die Paramilitärs nun 33% der Parlamentssitze kontrollierten. Als JournalistInnen den Innenminister fragten, ob diese Behauptung zutreffe, musste er sie bestätigen. Folglich haben wir eine paramilitärische Legislative und einen paramilitärischen Präsidenten.

Das Referendum und die darauffolgenden Wahlen können als eine Zurückweisung oder eine verwehrte Anerkennung gedeutet werden, allerdings ist diese Einschätzung zerbrechlich. Diese Art der Ablehnung kann in den Städten zum Ausdruck gebracht werden. Auf nationaler Ebene spielte die Liberale Partei eine entscheidende Rolle für die Enthaltung. Die Zerbrechlichkeit hat zwei Ursachen: Angst und paramilitärischer Terror, insbesondere in den ländlichen Gebieten, einerseits sowie das Fehlen unabhängiger Medien und dem beständigen Bombardement der Medien andererseits.

Wie hat der Aufstand, deiner Auffassung nach, auf die „Demokratische Sicherheit“ reagiert?

Das ist schwierig zu sagen. Seit dem Ende der Dialoge hat die FARC eine Politik der Ruhe verfolgt. Sie sprachen zuvor häufig. Heute reden sie sehr wenig. Das entspricht auch ihrer Absicht, wie sie selbst bekannt gegeben haben.

Es gibt allerdings auch in der FARC unterschiedliche Strömungen: einige vertreten einen militaristischeren, andere einen politischeren Standpunkt. Es ist jedoch klar geworden, dass die vergangenen drei Modelle für Friedensprozesse gescheitert sind.

Während der Amtszeit der Regierung Betancur wurden zwischen 1983 und 1984 die ersten Prozesse geführt. Damals sind die Ursachen des Krieges zumindest in Ansätzen diskutiert worden. Sie wurden nicht in die Mechanismen mit eingebaut, aber diskutiert. Die praktischen Aspekte beschränkten sich auf die Demobilisierung, die Wiedereingliederung, eine Amnestie, usw.. Es ging um die Bedingungen für die Demobilisierung. Doch was geschah? Das Militär lehnte sie ab und viele der Demobilisierten wurden getötet.

In der nächsten Runde ist die Einbeziehung sozialer Probleme als Ursache sogar abgelehnt worden und die Demobilisierung rückte noch weiter ins Zentrum. Die Frage einer Agrarreform wurde nicht gestellt. Es folgten Verhandlungen zwischen Gruppen – kein sozialer Prozess, der die gesamte Gesellschaft miteinschloss. Die Regierung sagte statt dessen: wenn ihr unterzeichnet, erhaltet ihr Bargeld und werdet wieder eingefügt. Ironischerweise war dieses Modell im engeren Sinne das „erfolgreichste“. Acht Gruppen unterschrieben Demobilisierungsverträge. Doch seitdem sind praktisch alle acht Gruppierungen zerstört worden. M- 19 war zum Beispiel die größte und mächigste. Heute ist sie eine politische Partei, aber eine kleine. M- 19 hatte tatsächlich sogar einmal für eine geraume Zeit ein eigenes TV- Programm, AMPN, das jedoch an mangelnden finanziellen Mitteln scheiterte.

Das dritte Modell verkörpert die Anstrengung, die beiden ersten zu verbinden. Dies spiegelt sich im Caracas Prozess zwischen der Regierung und der Guerilla Koordination Simon Bolívar (CGSB) wider. Es wurden Gespräche über Verhandlungen, Instrumente und über soziale Reformen geführt. Dies dauert einige Monate, wurde dann aber abgebrochen, als die EPL eine(n) PolitkerIn entführte und ermordete. Pastrana versuchte, dieses Modell auf die Caguan- Verhandlungen zu übertragen. Es lagen zwar keine detaillierten Vorschläge auf dem Tisch, aber Themen, 100 zu Anfang, die auf 47 zusammengestrichen und unter 10 Kapiteln zusammengefasst wurden. In den Caguan- Gesprächen sind soziale Themen wieder diskutiert worden, aber die Regierung hat, wie ich bereits erwähnt habe, ihnen nicht einmal eine Halbtagsstelle zur Bearbeitung der Positionen gewidmet.

Du hast behauptet, dass diese Prozesse fehlerhaft gewesen seien. Wie müsste ein besserer Prozess aussehen?

Er müsste die Logik dieses Krieges verstehen. Er hat seine eigene Logik. Und es ist nicht dieselbe Logik wie in der Politik. Er hat seine eigenen schrecklichen Gesetze. Die Internationalen Menschenrechte oder die Humanitären Menschenrechte werden in einem Krieg wie diesem nicht eingehalten oder respektiert. Er wurde in den 1960ern hier her gebracht. 1962 kam eine U.S. Mission der neuen Schule, der „Spezialkriegsschule“ des Fort Braggs, hier her und teste die Lektionen des Vietnamkrieges. General Yarborough reiste 1962 ein. Die entsprechenden Dokumenten veröffentlichte Michael McClintock. Die Mission erhielt den Namen Yarborough. Mit ihr wurde der offene Gebrauch terroristischer Aktivitäten befürwortet, um den Kommunismus zu bekämpfen. Wenn mensch diese Dokumente einsieht, die Handbücher der Aufstandsbekämpfung, ist eine eindeutige paramilitärische Strategie zu erkennen. Der Zeitpunkt ist dabei entscheidend, weil die FARC erst 1964/65 gegründet wurde. Zu jener Zeit bedurfte es allerdings keiner paramilitärischen Methoden, weil das politische Klima dem Militär erlaubte, solch schmutzige Arbeit selbst offen zu verrichten. In den späten 1970ern und den 80ern entwickelten sich die „Menschenrechte“ zu einer bedeutenderen Instanz. Amnesty International reiste 1980 zum ersten Mal offiziell nach Kolumbien. Erst in den 1980ern kam die paramilitärische Strategie zum Tragen, um die schmutzige Arbeit fortzusetzen und damit der Staat sich ein sauberes Image zulegen konnte. 1985 verbanden sich die Paramilitärs schließlich mit den Drogenhändlern und dies erteilte dem Krieg eine eigene Logik. Die Strategie bestand zuerst aus der schrittweisen Infiltration der Zivilgesellschaft. Betancurs Initiativen mass der sozialen Ungerechtigkeit als die Wurzel des Konfliktes zumindest Aufmerksamkeit zu. Und dennoch existierte immer – bis heute - der staatliche Wunsch, den Krieg zu beenden, ohne gegen seine sozialen Wurzeln vorzugehen.

Der Staat ist also nicht in der Lage zu „gewinnen“ indem er den Aufstand niederschlägt?

Ich denke, dass der Staat tatsächlich „gewinnen“ kann indem er sowohl den Aufstand als auch die sozialen Bewegungen zerstört. Uribe behauptet, er habe die „Gewalt“ um 20% gesenkt. In den USA und anderswo wird das lauthals als Fortschritt oder gar Verbesserung der Menschenrechtssituation gepriesen. Ich bin jedoch der Meinung, dass Carlos Beristains - ein Psychologe, der in Guatemala arbeitete, der PBI und anderen half – Beispiel die Situation treffend beschreibt. Er legte eine klassische psychologische Studie dar. Ratten werden in einen Käfig mit einem Ausgang eingesperrt. Sie werden hungrig und versuchen, den Käfig zu verlassen. Wenn sie sich dem Ausgang nähern, bekommen sie einen Elektroschock. Jedes Mal, wenn sie sich also dem Ausweg nähern, werden ihnen Schmerzen zugefügt. Schließlich lernen sie, ihre Fluchtversuche einzustellen. Dann wird das Tor geöffnet und keine Schocks mehr versetzt. Die Ratten versuchen dennoch nicht, aus dem Käfig zu fliehen.

Dies ist ein passender Vergleich für das Kolumbien unter Uribe. Die Massaker, das Verschwinden und die Morde der letzten Jahre wirken wie die Elektroschocks. Die Regierung behauptet, dass weniger GewerkschafterInnen ermordet würden – ja, weil sie die Staatsbetriebe liquidiert (aufgelöst) und die Arbeitsmarktreform verabschiedet haben: Morde sind nicht mehr länger nötig. Wenn sie diese Logik weiter verbreiten, können sie „gewinnen“, gemessen an ihren Maßstäben.

Ist der Umkehrschluss möglich? Kann der Aufstand „gewinnen“?

Militärisch, nein. Und nüchtern betrachtet, glaube ich, dass die Mehrheit der Guerilleras/-os mir in diesem Punkt zustimmen würde. Die Kommandeure sagen, dass sie es könnten, aber es scheint, als würden sie es nicht einmal versuchen. In dieser Welt können sie es nicht. Sie bemühen sich statt dessen, das soziale Modell zu boykottieren, ihre Wut zum Ausdruck zu bringen indem sie Pipelines in die Luft sprengen und ein wenig Geld erpressen.

Aber es gibt doch auch sehr starke Bewegungen und Initiativen im Land...

Das ist wahr. Vor einigen Jahren, als der Sozialforumsprozess begann und die Menschen sagten, „Eine andere Welt ist möglich“ schien dies einer Neurose zu gleichen. Aber er hat Substanz erhalten. Ich habe mich bislang noch nicht beteiligt, aber vor ungefähr einem Jahr sagten sie den KolumbianerInnen scheinbar: hört auf zu heulen und baut ein paar Bewegungen auf, die wir unterstützen können! Und hier sind die Bewegungen. Aber auch die Repressionen nahmen zu. Nichtsdestotrotz existieren Widerstandsgemeinden, Friedensgemeinden, wie in San José de Apartado, und viele andere Projekte. Es gibt immer noch Menschen, die, trotz hoher Kosten, für Frieden und Gerechtigkeit kämpfen.

Übersetzt von: christian stache
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