Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Artikel Am Tiefpunkt der Ohnmacht
Artikelaktionen

Am Tiefpunkt der Ohnmacht

von Edward Said

30.09.2002 — Al Ahram / ZNet

— abgelegt unter:

60 Jahre ist es jetzt her, da waren die Juden Europas - von ihrer kollektiven Existenz her gesehen - am Tiefpunkt. Man trieb sie wie Vieh zusammen, Nazi-Soldaten karrten sie in Viehwaggons aus dem restlichen Europa zusammen u. in die Todeslager. Dort wurden sie systematisch mittels Gas, mittels der Todesöfen, vernichtet. In Polen hatten sich die Juden noch einigermaßen gewehrt. Üblicherweise aber verlief es so: Zunächst verloren die Juden ihre Bürgerrechte, dann entfernte man sie aus dem Berufsleben, anschließend erklärte man sie zu offiziellen ‘Feinden’, die es auszulöschen gälte - und löschte sie aus. In jeder nur erdenklichen Hinsicht waren die damaligen Juden das ohnmächtigste Volk auf Erden. Dennoch behandelte man sie wie einen potentiell übermächtigen, wie einen heimtückischen Feind - ausgerechnet Staatenlenker, Armeen, die um vieles mächtiger waren. Einfach lachhaft die Vorstellung, die damaligen Juden hätten eine Gefahr für so mächtige Länder wie Deutschland, Frankreich oder Italien darstellen können. Dennoch wurde die Idee allgemein akzeptiert, u. fast das gesamte Europa (mit wenigen Ausnahmen) ließ die Juden in ihrer tödlichen Not im Stich. Ironie der Geschichte (nur e i n e Ironie der Geschichte), dass das Wort, das damals im Zusammenhang mit den Juden am meisten gebraucht wurde - in jenem furchtbaren offiziellen Faschismus-Jargon - , ausgerechnet das Wort ‘Terroristen’ war. (Später wurden dann auch die Algerier oder die Vietnamesen von ihren Feinden ‘Terroristen’ genannt).

Jede Menschheitstragödie unterscheidet sich natürlich von allen andern. Nutzlos, nach Äquivalenz zwischen ihnen zu suchen. Aber eine allgemeingültige Wahrheit, die aus dem ‘Holocaust’ abgeleitet wurde, liegt in der Ansicht, dass soetwas den Juden nie wieder geschehen dürfe - und darüber hinaus auch keinem andern Volk (auf Erden) - diese grausame, tragische Art der Kollektivbestrafung. Und wenn es auch, wie gesagt, nichts bringt, nach einer Äquivalenz zum ‘Holocaust’ zu fahnden, Parallelen existieren sehr wohl - Parallelen, die es wert sind, festgehalten zu werden, respektive versteckte Similaritäten. Wobei natürlich immer die Verhältnismäßigkeit gewahrt werden muss. Jenseits seiner vergangenen Fehler, seiner üblen Amtsführung, stellt Jassir Arafat jetzt den ‘verfolgten Juden’ dar, u. ausgerechnet der Staat der Juden muss es sein, der ihm dieses Gefühl vermittelt. Die größte Ironie bzgl. Arafats Belagerung durch die Israelische Armee in seinem zerstörten Ramallah-Amtssitz besteht unleugbar darin, dass ausgerechnet ein psychopathischer Führer, der behauptet, das jüdische Volk zu repräsentieren, dieses Martyrium Arafats geplant u. durchführt hat. Ich möchte die Analogie keineswegs zu weit treiben, aber fest steht jedenfalls: die Palästinenser unter israelischer Besatzung sind heutzutage ebenso ohnmächtig wie die Juden damals in den 40ger Jahren. Die Israelische Armee mit Luftwaffe u. Marine (übrigens kräftig subventioniert durch die USA) führten u. führen einen Zerstörungsfeldzug gegen eine absolut wehrlose Zivilbevölkerung in der besetzten Westbank sowie im Gazastreifen. Seit einem halben Jahrhundert sind die Palästinenser nun schon ein enteignetes Volk, Millionen von ihnen wurden zu Flüchtlingen, die Übrigen müssen meistenteils unter einer mittlerweile 35jährigen Militärokkupation leben - auf Gnade u. Ungnade ausgeliefert an bewaffnete (jüdische) Siedler, die ihnen ihr Land systematisch wegstehlen bzw. an eine Armee, die Palästinenser zu Tausenden gekillt hat. Und Tausende mehr wurden eingekerkert, Tausende sind ihrer Existenzgrundlage beraubt, schon zum zweiten- oder drittenmal zu Flüchtlingen gemacht. Sie alle besitzen weder Bürgerrechte noch Menschenrechte. Aber Scharon redet immer noch davon, Israel müsse sich wehren, um angesichts des palästinensischen Terrors zu überleben. Kann eine Behauptung grotesker sein - angesichts der Tatsache, dass dieser geisteskranke Araber-Killer seine F-16-Kampfjets, seine Angriffs-Helikopter sowie hunderte Panzer auf ein unbewaffnetes Volk, ein Volk ohne jeden Schutz, losläßt? Das seien eben Terroristen, sagt er. Und ihr Führer (Arafat) - unter entwürdigenden Bedingungen eingekerkert in einem halbabgerissenen Gebäude, während die Israelis ringsum munter weiterzerstören -, er wird charakterisiert als größter Erz-Terrorist aller Zeiten. Arafat hingegen besitzt die Courage, den Widerstandswillen, dieser Situation zu trotzen. In dieser Hinsicht weiß Arafat sein Volk hinter sich. Jeder einzelne Palästinenser fühlt: die absichtsvolle Demütigung Arafats ist eine Grausamkeit, für die es weder politische noch militärische Motive gibt. Das ist Strafe - nichts weiter. Aber was für ein Recht hat Israel, so zu handeln? Einfach scheußlich, die Symbolträchtigkeit dieser Situation - zumal, wenn man bedenkt, dass Scharon u. seine Gefolgsleute (ganz zu schweigen von dessen krimineller Armee) wirklich u. tatsächlich planen durchzuziehen, auf was diese Symbolik sosehr hindeutet.

Die Juden in Israel, sie sind die Starken, u. die Palästinenser sind die Verfolgten, die verachteten ANDEREN. Schön für Scharon, dass er Schimon Peres an seiner Seite weiß - schätzungsweise der größte Feigling u. Heuchler, den die heutige Weltpolitik gesehen hat. Peres geht überall hin u. erzählt, wie gut Israel die Probleme der Palästinenser versteht - u. aus diesem Grund werden “wir” auch die Abriegelungen ein klein bißchen lockern. Anschließend wird zwar nichts besser - nur die Ausgangssperren, Zerstörungen u. Ermordungen nehmen weiter zu. Und natürlich ist es auch ganz Israels Art, massiv nach humanitärer Hilfe zu schreien, was aber nichts anderes bezweckt - so Terje Rod Larsen zutreffend - als die internationale Gebergemeinschaft dazu zu bringen, die israelische Besatzung zu unterschreiben. Scharon muss wirklich das Gefühl haben, sich alles leisten zu können u. völlig straffrei aus jeder Sache rauszukommen, aber damit nicht genug: irgendwie schafft er es darüber hinaus sogar, eine Kampagne zu führen, dergemäß Israel das Opfer sei. Denn auf die weltweit zunehmenden Bevölkerungsproteste weiß der Zionismus eine organisierte Antwort zu geben: er klagt an, der Antisemitismus sei erneut im Kommen. So kam beispielsweise vor zwei Tagen der Präsident der Universität von Harvard, Lawrence Summers, mit einem Statement an, in dem er sich gegen eine Anti-Investment-Kampagne* von Professoren wendet, die versuchen, Druck auf die Universität auszuüben, ihre Anteile an amerikanischen Firmen abzustoßen, die Militärgüter nach Israel liefern. Also ausgerechnet der jüdische Präsident einer der ältesten u. wohlhabendsten Universitäten des Landes geht hin u. beschwert sich über Antisemitismus! Kritik an Israels Politik wird derzeit generell mit Antisemitismus gleichgesetzt - mit jenem Antisemitismus, der einst zum ‘Holocaust’ führte. Dabei gibt es in den USA gar keinen nennenswerten Antisemitismus. Hingegen organisiert hierzulande beispielsweise eine Gruppe von israelischen u. amerikanischen Akademikern eine Kampagne im Stile McCarthys, mit der sie versucht, Professoren fertigzumachen, die sich gegen Israels Menschenrechtsverletzungen geäußert haben. Hauptzweck dieser Kampagne: Studierende bzw. Fakultät sollen dazu gebracht werden, ihre pro-palästinensischen Kollegen zu denunzieren; der Redefreiheit soll mittels Angstmache ein Riegel vorgeschoben, die akademische Freiheit empfindlich eingeschränkt werden.

Eine weitere Ironie: Massen protestieren gegen Israels brutales Vorgehen - derzeit gerade wieder gegen Arafats demütigende Isolation in Ramallah. In Gaza u. mehreren Westbank-Städten missachteten Tausende Palästinenser die Ausgangssperre u. gingen für ihren Präsidenten in Not auf die Straße. Aber die arabischen Führer? Sie halten sich entweder zurück oder sind einfach machtlos - für manche trifft beides zu. Und dabei hatte jeder dieser Führer - Arafat eingeschlossen - jahrelang seine offene Friedensbereitschaft gegenüber Israel erklärt. Zwei führende arabische Länder unterschrieben gar (Friedens-)Verträge mit Israel. Und was bekommen sie von Scharon als Gegengeschenk? Einen Tritt in den kollektiven Hintern. Die Araber, so Scharon immer wieder, verstünden eh nur die Sprache der Gewalt. Jetzt, wo wir endlich mächtig sind, behandeln wir sie eben, wie sie es verdienen (respektive, wie wir früher behandelt wurden). Uri Avnery hat recht: Arafat wird ermordet**. Und mit ihm, so glaubt Scharon, würden auch die Hoffnungen der Palästinenser sterben. Was wir hier sehen, ist nicht viel weniger als ein totaler Völkermord - Israel will herausfinden, wie weit es mit seiner Macht, mit seiner sadistischen Brutalität, noch gehen kann, bevor man es stoppt, ihm in die Arme fällt. Erst heute hat Scharon erklärt, wenn es zu einem Irak-Krieg käme (was ja absolut sicher ist), werde er selbst gegen den Irak zurückschlagen. Dieser Satz wird Bush u. Rumsfeld sicher den Alptraum bescheren, den diese Herren mit Fug u. Recht verdienen. Wir erinnern uns: das letztemal, als sich Scharon um einen Regime-Wechsel bemühte, war 1982 im Libanon: Zuerst machte er Bashir Gemayel zum Präsidenten, dann, als Gemayel ihm rundweg erklärte, Libanon werde sich niemals zum Vasallen Israels degradieren, wurde Gemayel plötzlich ermordet, anschließend das Massaker von Sabra u. Schatila u. dann nochmal 20 Jahre Blut u. Schrecken, bevor die Israelis endlich widerwillig aus dem Libanon abzogen.

Welche Schlussfolgerungen sind aus alldem zu ziehen? Einmal, die Politik Israels hat die gesamte Region in die Katastrophe geführt. Je mächtiger Israel, desto mehr Zerstörung verbreitet es in seinen Nachbarländern - von den Palästinensern u. der Katastrophe, die Israel über dieses Volk gebracht hat, ganz zu schweigen. Ein weiterer Effekt: der Hass gegenüber Israel nimmt stetig zu. Israel missbraucht seine Macht für üble Zwecke - das mit dem Selbstschutz ist Quatsch. Was ist aus dem Zionistischen Traum eines Staats Israels geworden, der als ganz normaler Staat unter andern Staaten existieren wollte? Er ist zum Alptraum Jassir Arafats, des Führers des einheimischen Volks der Palästinenser mutiert, eines Mannes, dessen Leben am seidenen Faden hängt, während israelische Panzer u. Bulldozer alles um ihn herum zerstören. Ist das etwa das Zionistische Ziel, für das Hunderttausende ihr Leben ließen? Muss nicht allen klar sein, was für ein Hass, was für eine Gewaltbereitschaft, hier am Werke sind? Auf der andern Seite die Ohnmächtigen: ihnen wird hieraus Macht erwachsen. Noch können sie nur zuseh’n, aber der Tag wird kommen, an dem auch sie (Macht) entwickeln werden. Scharon ist so stolz darauf, der ganzen Welt getrotzt zu haben - u. er musste ihr trotzen, nicht etwa, weil die Welt antisemitisch ist, vielmehr weil Scharons Taten so unerhört sind - Taten, die er im Namen des jüdischen Volks begeht. Wäre es daher nicht an der Zeit, dass diejenigen, die dies nicht akzeptieren, die nicht wollen, dass diese schrecklichen Taten in ihrem Namen begangen werden, endlich aufsteh’n u. verlangen, dass mit diesem Verhalten Schluss ist?

Anmerkung d. Übersetzerin

* bzw. ‘Divestment-Kampagne’

** Uri Avnery - Mitglied der israelischen Friedensorganisation ‘Gush Shalom’. Said spielt hier auf Avnerys ZNet-Artikel vom 1. April 2002 an: ‘The Murder of Arafat’ (‘Die Ermordung Arafats’ - hier auf dieser Seite nachzulesen).

Übersetzt von: Andrea Noll
Artikelaktionen