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Amerikanischer Journalismus: Eine Klassenfrage

von Norman Solomon

15.04.2002 — ZNet Kommentar

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Wie die meisten Menschen betrachten amerikanische Journalisten die sehr Reichen mit großer Ehrfurcht. Namen wie Bill Gates, George Soros und Warren Buffett haben das Ansehen einer modernen Aristokratie - hoch über uns allen - und werden oft gar mit einer vagen Aura der Unsterblichkeit umgeben.

Die Menschen neigen schon lange dazu den Wert eines Menschen nach seinem Besitz zu beurteilen. "Sie messen alles am Wert des Goldes - Männer wie auch Maulesel", beobachtete Joshua Speed als er 1876 Kalifornien besuchte. "Nie hört man dass Mr. Smith ein guter Mann oder Herr Brown ein ehrlicher Mensch oder dass Mr. Jones ein Christ ist. Was man bewundert ist, dass dem Mr. S. 20 Millionen gehören. Je mehr er hat umso besser ist er - und es kommt nicht darauf an, wie er zu dem was er hat, gekommen ist".

Joshua Speed, ein naher Freund Abraham Lincolns, würde sich heute, im Jahre 2002, genau an diesem Punkt wiederfinden. In einer Gesellschaft die begierig darauf aus ist den Enron Skandal zu verurteilen, sollte man meinen, dass sich am Ende korrekte Standards durchsetzen könnten. Aber die Medien prangern zwar finanzielle Misswirtschaft, Intrigen und den Kollaps an - nicht aber den Eifer der zu maximalem Profit und Reichtum führt.

Wenn es nicht danach aussieht, dass die Spitzenreiter in diesem Gelderwerbswahnsinn in einem Verfahren zu Gefängnis verurteilt werden, kann man davon ausgehen, dass sie Medienlieblinge bleiben. Für Jahre war Enrons Supermanager Ken Lay ehrfürchtig bewundert worden. Seine Geschäftsstrategien blendeten viele Journalisten und Medienkunden.

Die nackte unersättliche Habgier - und der Drang nach mehr, mehr, mehr - wird kaum eine schlechte Presse einbringen. Im Gegenteil, Journalisten zeigen sich sehr oft begeistert von der Steigerung des "Nettowertes" und halten es für eine exemplarische Charaktereigenschaft. Solange sie nicht wegen Gesetzesbruch verhaftet werden sind die Superreichen die Vorbilder für die Erfolgsgeschichten der Medien.

Gekrönt als die virtuellen Genies der dot-com-Welle waren viele der Investoren und Firmenvorstände in kürzester Zeit hundertfache Millionäre. Mit all den Dollars hinter sich um sich ihre Größe zu bescheinigen, wurden die brillanten Taktiker der Finanzwelt zu den Helden zahlloser Aufsehen erregender Nachrichtensendungen.

Diese verschwenderische Lobhuddelei der Reichen geht einher mit gelegentlicher Medienkritik Einzelner wegen ungebührlichem persönlichem Betragen. Eine Newsweek-Titelgeschichte mit der Schlagzeile "Rhymes With Rich" (sieht den Reichen gleich) erregte im August 1989 Aufsehen wegen ihrer verletzenden Beschreibung der Billionärin aus dem Hotelgewerbe, Leona Helmsley. Aber - weit davon entfernt ihren Status als Billionärin in einem Land von Millionen mittelloser Menschen zu beanstanden - wirft ihr der Artikel Beispiele persönlicher Lieblosigkeit vor. Ihre übergroßen Klassenprivilegien wurden darin nicht im geringsten angefochten.

Der Enron-Skandal hat bereits viele aktuelle Fragen angesprochen. Hätte die Firma aber ihre Bücher gewissenhaft geführt anstatt sie zu fälschen, könnte sie immer noch als modellhafter "korporativer Staatsbürger" dastehen. Schließlich war - in der Zeit des Enron-Höhenflugs an der Börse - die Berichterstattung der Medien ausgesprochen positiv, als Enron sich die Firmen aus der Elektrizitäts-Privatisierung einverleibte, - die uns damals als "Reform" angekündigt und durch politische Korruption von Kalifornien bis Indien angekurbelt wurde.

Im Jahre 1993 erstritt Enron von der Regierung des indischen Staates Maharashtra ein Abkommen über den Bau eines 695 Megawatt Kraftwerks. "Das Enron-Projekt war das erste private Kraftwerk-Projekt in Indien", schrieb Arundhati Roy in ihrem Buch "Power Politics", das letztes Jahr veröffentlicht wurde. Viel Bargeld schmierte das Abkommen.

"Enron bezahlte Millionen (Dollar) an Politiker und Bürokraten, um sie "aufzuklären" und für das Geschäft zu erwärmen. Enron hat daraus auch nie ein Geheimnis gemacht", erinnert sich Roy. Für Indien war der Umfang der Manipulation etwas ganz neues: „Experten die das Projekt studierten, haben es als den massivsten Betrug in der Geschichte Indiens bezeichnet". Der Bruttogewinn des Projekts war auf über 12 Billionen Dollar angelegt.

Nun ist es nicht so dass diese Vorgänge die Presse in irgendeiner Weise nachdenklich gemacht hätten, im Gegenteil. Im journalistischen Mainstream - ob nun im westlichen Indien oder im nördlichen Kalifornien - wird die Privatisierung als ein großartiger Vorgang gesehen. Ken Lay und die anderen klugen Manager hatten die Kurve längst genommen. Visionäre Teufelskerle.

Ehrfürchtig informiert Amerikas "newspaper of record" während des World Economic Forum in Manhattan über die Superreichen. Einige Dutzend Artikel in der New York Times beschrieben in bewundernder Manier die schicken Interaktionen zwischen den Investoren, Hauptgeschäftsführern und Regierungsbeamten. Oft wurde ihre Einsicht erwähnt, dass es mit der Welt, die sie sich bemühen zu regieren, nicht zum Besten steht. In ihrem aufgeklärten Selbstinteresse ist ihnen auch klar geworden, dass soziale Probleme ihre größte Aufmerksamkeit verdienen.

Unterdessen schreibt die Times in einer Reihe von Berichten von den Tausenden Protestierenden in den Straßen, die nach ökonomischer Gerechtigkeit verlangen und ähnlichem. Diese Artikel beinhalten Zitatschnipsel und eine Menge Fotos von kreativ aussehenden Papiermaschee-Puppen und Demonstranten die Plakate tragen.

Sicherlich sollten Leute, die fundamentale Probleme mit korporativen ideologischen Plänen haben, von den US-Medien keine in die Tiefe gehende oder gar freundliche Berichterstattung erwarten. So kommt es, dass wir von den führenden Medien-Organisationen kaum über das Welt-Sozial-Forum in Porto Alegre, Brasilien, auf dem sich über 50.000 Aktivisten aus aller Welt versammelt hatten, informiert wurden. Während die Party der globalen Eliten in New York City aufs ausführlichste Medienbeachtung fand, wurde Porto Allegre kaum beachtet. Das nennt man dann eine freie Presse.

Postscript: Vor einem Jahr brachte die New York Times es über sich einen Absatz zum Welt-Sozial-Forum zu drucken. Dieses Jahr waren es dann schon drei Nachrichtenartikel über die Zusammenkunft. Aber quantitativer kann den qualitativen Gehalt oft verdecken.

In diesem Falle erschienen die Times-Artikel mit ansteigender Abwertung des Ereignisses. Als die Zeitung am 7. Februar eine Zusammenfassung brachte, war das Grasswurzel Porto Alegre Forum nur noch "ein Teil der Kampagne für die nächsten brasilianischen Präsidentschaftswahlen". Und am Ende, so die Times, "wurde nichts wichtiges dabei erreicht".

Die Washington Post, die im letzten Jahr eine wichtige Nachrichtengeschichte über das WSF brachte, hatte diesmal sein journalistisches Interesse nach Manhattan gewandt. Die Post druckte zwei flüchtige Referenzen zum WSF 2002 - einen kurzen Bericht einer Nachrichtenagentur und einen abwertenden Kommentar der von einer "Weltkonferenz über progressive Alternativen zum globalen Kapitalismus mit 14.000 Delegierten und Tausenden von Mitläufern", berichtet.

Übersetzt von: Helmut Fiedler
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