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An die Zukunft denken: Überleben und darüber hinaus.

von Edward Said

07.04.2002 — ZNet

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Jede/r, der/die nur in irgendeiner Verbindung mit Palästina steht, befindet sich zu Zeit in einem Stadium betäubender Wut und des Schocks. Zunächst fast eine Wiederholung dessen, was 1982 geschah, ist der gegenwärtige kompromißlose kolonialistische Angriff auf das palästinensische Volk (mit der erstaunlich unwissenden und grotesken Unterstützung von George Bush) tatsächlich schlimmer noch als die zwei früheren Großangriffe von 1971 und 1982. Das politische und moralische Klima ist heute um einiges unverhohlener und primitiver, die zerstörerische Rolle der Medien (die hauptsächlich darin bestand, die Selbstmordangriffe herauszustreichen und sie vom Kontext der 35jährigen illegalen Besetzung der palästinensischen Gebiete zu isolieren), die zur israelischen Sichtweise tendieren, ist größer, die Macht der USA ungebremster, der Krieg gegen den Terrorismus dominiert die globale Tagesordnung und, soweit es das arabische Lager betrifft, gibt es heute mehr Inkohärenz und Fragmentierung als zuvor.

Sharons mörderische Instinkte haben sich durch all das geschärft (falls das das richtige Wort ist) und darüber hinaus noch gesteigert. Das bedeutet, dass er mehr Schaden zufügen kann und noch mehr mit Straflosigkeit rechnen kann als zuvor, obwohl er in all seinen Bestrebungen, ebenso wie in seinem ganzen Werdegang immer mehr an der Schwäche scheitert, die aus einseitiger Negation und Haß resultiert, welche letztlich weder politischen und noch nicht einmal militärischen Erfolg bewirken. Konflikte zwischen Völkern wie dieser beinhalten mehr Elemente, als durch Panzer und Luftkstreitkräfte eliminiert werden können, und ein Krieg gegen unbewaffnete Zivilisten - ganz gleich wie oft Sharon seine dummen Mantras über den Terror schwerfällig und geistlos ausposaunt - kann niemals ein wirklich haltbares politisches Ergebnis, von der Art wie er es sich erträumt, bringen. Die Palästinenser werden nicht weggehen. Außerdem wird Sharon von seinem eigenen Volk mit Schimpf und Schande entlassen werden. Er hat keinen Plan außer dem, Palästina und die Palästinenser zugrundezurichten. Sogar in seiner wutschnaubenden Fixierung auf Arafat und den Terror, vermag er kaum mehr, als dessen Prestige zu steigern und verstärkt die Aufmerksamkeit auf die blinde Monomanie seiner eigenen Position zu ziehen.

Letztlich stellt er ein Problem für Israel dar, mit dem es selbst zurechtkommen muß. An uns liegt es hingegen moralisch alles zu tun, was in unserer Macht steht, um sicherzustellen, dass wir trotz des enormen Leides und der uns durch einen verbrecherischen Krieg zugefügten Zerstörung, weitermachen. Wenn ein namhafter und angesehener pensionierter Politiker wie Zbigniew Brzezinski ausdrücklich im landesweiten Fernsehen sagt, dass sich Israel wie das weiße vorherrschaftliche Apartheidregime in Südafrika verhält, so kann man sicher sein, dass er mit seiner Sicht nicht alleine dasteht, und das eine wachsende Anzahl von Amerikanern/innen und anderen, nicht nur langsam ernüchtert, sondern auch abgestoßen werden, von einem Israel, das einen enorm teuren und aufzehrenden Wächter der USA darstellt, der zuviel kostet, die amerikanische Isolierung verstärkt und dem Ansehen des Landes bei seinen Verbündeten und deren Bürgern/innen ernsthaften Schaden zufügt. Die Frage in diesem höchst schwierigen Moment ist: Können wir vernunftgemäße Lehren aus der gegenwärtigen Krise ziehen, die wir in unsere Pläne für die Zukunft einbeziehen müssen?

Was ich nun sage ist höchst eigen, doch es ist die bescheidene Frucht einer langjährigen Arbeit zugunsten der palästinensischen Sache, als jemand, der sowohl der arabischen als auch der westlichen Welt angehört. Ich kann weder alles wissen, noch alles sagen, doch hier ein paar der Gedanken, die ich in dieser schweren Stunde beisteuern kann. Jeder einzelne der vier folgenden Punkte steht mit den anderen in Beziehung.

  1. Wie man es auch dreht und wendet, Palästina ist nicht bloß eine arabische und islamische Angelegenheit. Es besitzt eine wichtige Bedeutung für verschiedene, widersprüchliche und sogar einander überschneidende Welten. Sich für Palästina einzusetzen bedeutet, dass man sich dieser Dimensionen bewußt ist und sich beharrlich in bezug auf sie weiterbildet. Denn wir brauchen eine hochgebildete, wachsame und weltkluge Führung, ebenso wie deren demokratische Unterstützung. Vor allem müssen wir, wie Mandela unermüdlich in bezug auf seinen Kampf formulierte, uns bewußt sein, dass Palästina eine der großen moralischen Aufgaben unserer Zeit ist. Deshalb müssen wir sie auch als solche behandeln. Es geht nicht um Tauschhandel, Unter- und Verhandlungen, nicht darum Karriere zu machen. Es ist eine gerechte Sache, die es den Palästinensern erlauben sollte, das moralische Terrain zu erobern und es auch zu halten.

  2. Es gibt unterschiedliche Arten von Macht - die militärische ist die offensichtlichste. Was Israel befähigt hat, das zu tun, was es den Palästinensern in den letzten 54 Jahren angetan hat, ist das Ergebnis einer sorgfältig und wissenschaftlich geplanten Kampagne, zur Bekräftigung israelischer Handlungen und gleichzeitig zur Schwächung und Tilgung palästinensischer Handlungen. Dabei geht es nicht bloß um das Unterhalten eines mächtigen Militärs, sondern um das Organisieren von Meinung, besonders in den USA und in Westeuropa - dies ist eine Macht, die aus langsamer, methodischer Arbeit resultiert, und als Ergebnis hat, dass die israelische Position als eine betrachtet wird, mit der man sich leicht identifizieren kann, wohingegen die Palästinenser als die Feinde Israels angesehen werden und folglich als starrsinnig, gefährlich, gegen "uns". Seit dem Ende des Kalten Krieges ist Europa beinahe zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken, soweit es Meinungsorganisation, Images und Gedanken betrifft. Amerika (Palästina ausgenommen) ist das Hauptterrain des Kampfes. Wir haben einfach niemals die Bedeutung schätzen gelernt, die der systematischen Organisation unserer politischen Arbeit auf der Massenebene in diesem Land zukommt, so dass z.B. der durchschnittliche Amerikaner nicht sofort an "Terrorismus" denkt, wenn das Wort "Palästinenser" ausgesprochen wird. Diese Arbeit macht alle Gewinne, die wir womöglich vor Ort im Widerstand gegen die israelische Besetzung gemacht haben, zunichte. Was Israel in die Lage versetzt hat, im Umgang mit uns, mit Straflosigkeit zu rechnen, ist, dass wir ohne den Schutz irgendeiner Meinungsmacht dastehen, die Sharon von seinen Kriegsverbrechen abhalten würde, und den Behauptungen entgegentreten würde, dass er gegen den Terrorismus kämpft. Bedenkt man die immense Verbreitung, Beharrlichkeit und immer wiederkehrende Macht der z.B. von CNN gesendeten Bilder, bei denen die Phrase vom "Selbstmordattentäter" stumpfsinnig hundertmal in der Stunde für den amerikanischen Konsumenten und Steuerzahler wiederholt wird, so stellt es eine grobe Fahrlässigkeit dar, kein Team von Leuten wie Hanan Ashrawi, Leila Shahid, Ghassan Khatib, Afif Safie (um nur ein paar zu nennen) gehabt zu haben, die in Washington sitzen, bereit, um zu CNN (oder irgendeinem anderen Sender) zu gehen, um die palästinensische Geschichte zu erzählen, den Kontext und das Verständnis zu liefern und uns mit einer moralischen und erzählerischen Präsenz mit positivem Wert auszustatten, statt mit einem bloß negativem Wert. Wir benötigen eine zukünftige Führung, die dies als eine der grundlegenden Lehren moderner Politik im Zeitalter der elektronischen Kommunikation versteht. Dies nicht verstanden zu haben ist teil der heutigen Tragödie.

  3. Es nützt einfach nichts, in einer Welt, die von einer Supermacht beherrscht wird, politisch und verantwortlich handeln zu wollen, ohne einer profunden Vertrautheit mit dieser Supermacht und der Kenntnis derselben, ihrer Geschichte, ihrer Institutionen, ihrer Strömungen und Gegen-Strömungen, ihrer Politik und Kultur. Und vor allem eins: Man braucht perfekte aktive Kenntnisse ihrer Sprache. Unsere Sprecher, ebenso wie die anderer Araber, zu hören, wie sie die lächerlichsten Dinge über Amerika behaupten, sich seiner Gnade ausliefern, im selben Atemzug es verfluchen und um Hilfe bitten, alles in einem miserablen unangemessenen gebrochenem Englisch - dies zeigt einen Zustand von solch primitiver Inkompetenz, dass man heulen könnte. Amerika ist nicht monolithisch. Wir haben Freunde und mögliche Freunde. Wir können hier unsere Communities und jene Communities, die ihnen verbundenen sind, kultivieren, mobilisieren und sie als einen integralen Bestandteil unserer Befreiungspolitik nutzen - so wie es die Südafrikaner oder die Algerier in Frankreich während ihres Befreiungskampfes taten. Planen, Disziplinieren, Koordinieren. Wir haben noch nicht die Politik der Nicht-Gewalt verstanden. Darüber hinaus haben wir die Macht nicht verstanden, Israelis direkt anzusprechen, wie der ANC das weiße Südafrika als Teil einer Politik der Einschließung und des gegenseitigen Respekts ansprach. Koexistenz ist unsere Anwort auf israelischen Exklusivismus und Kriegswut. Das ist kein Nachgeben, sondern dies schafft Solidarität und schließt somit die Auschließer, die Rassisten, die Fundamentalisten aus.

  4. Die wichtigste Lehre von allen, die es zu verstehen gilt, wird in den schrecklichen Tragödien sichtbar, die Israel in den besetzten Gebieten anrichtet. Es ist eine Tatsache, dass wir ein Volk und eine Gesellschaft sind und dass unsere Gesellschaft trotz der wilden Angriffe gegen die Palästinensische Autonomiebehörde immer noch funktioniert. Wir sind ein Volk, weil wir eine funktionierende Gesellschaft besitzen, die weitermacht - und die 54 Jahre weitergemacht hat - trotz jeglicher Schikane, jeder grausamen Wendung der Geschichte, jedes Mißgeschicks, das wir erlitten, trotz jeder Tragödie, die wir durchlebten - als ein Volk. Unser größter Sieg über Israel ist, dass Leute wie Sharon und seine Art, nicht die Fähigkeit haben, das zu sehen und deshalb werden sie scheitern trotz ihrer großen Macht und ihrer schrecklichen, inhumanen Grausamkeit. Wir haben die Tragödien und Erlebnisse unserer Vergangenheit überwunden, im Gegensatz zu Israelis wie Sharon. Er wird bloß als ein Arabermörder und gescheiterter Politiker ins Grab steigen, der seinem Volk mehr Unruhe und Unsicherheit brachte. Es sollte das Vermächtnis eines Führers sein, dass er etwas hinterläßt, worauf zukünftige Generationen aufbauen können. Sharon, Mofaz und alle, die mit ihnen in dieser tyrannischen, sadistischen Kampagne des Todes und des Gemetzels verbündet sind, werden nichts außer Grabsteinen hinterlassen. Negation zeugt Negation.

Als Palästinenser, können wir behaupten, meine ich, dass wir eine Vision und eine Gesellschaft hinterlassen, die jeden Versuch sie zu töten überlebt hat. Und das ist etwas. Es liegt an der Generation meiner und Ihrer Kinder, von hier aus kritisch, vernünftig mit Hoffnung und Umsicht weiterzumachen.

Übersetzt von: Hans Müller
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