Angriff auf Gaza
Israelische Armee tötet in dieser Woche 80 Palästinenser
von Kristen Ess
08.03.2003 — ZNet
Die Kliniken in Gaza-Stadt bitten dringend um Blut u. Medikamente. Unter der israelischen Dauerabriegelung gelangen diese Dinge nicht mehr herein. Und es gibt kaum noch Platz für all die sterbenden Palästinenser in der Klinik. Allein die letzte Woche haben die israelischen Besatzungstruppen im Gazastreifen hunderte Palästinenser verletzt. Eine außergewöhnlich brutale Woche im Gazastreifen. Unter dieser gewalttätigen Besatzung werden die Palästinenser wie Geiseln gehalten. Sie können sich nicht retten vor den einrückenden israelischen Soldaten, die sie mit Panzergranaten beschießen oder von Apache-Hubschraubern aus, Soldaten, die mit ihren Gewehren auf jeden Palästinenser anlegen, den sie sehen.
Letzte Nacht marschierten die israelischen Truppen ins Flüchtlingslager von Al Buriej ein. Es liegt zentral im Gazastreifen. Die israelischen Soldaten ermordeten dort 8 Palästinenser u. verwundeten 29. Sie zerstörten 5 Häuser - 4 Mithilfe von Dynamit. Die Soldaten töteten eine 33jährige Schwangere, indem sie das Haus nebenan in die Luft jagten. Die schwangere Frau starb in ihren eigenen vier Wänden. Zudem marschierten die israelischen Truppen in das Namsawi-Viertel von Khan Younis im Süden des Gazastreifens ein. Dabei wurden 2 Palästinenser getötet u. 40 verletzt. Das israelische Militär ließ keine Ambulanzen passieren, um Verletzte zu bergen - eine übliche Militärpraxis der Israelis. Sie zerstörten 9 Wohngebäude, 6 Geschäfte sowie einen Teil des Nasir-Hospitals.
Vorgestern marschierten Besatzungssoldaten der Israelischen Armee ins Flüchtlingslager Jabalyia im Norden des Gazastreifens ein. Ein Mann starb, er hatte Verletzungen erlitten, als die Israelis von einem Apache aus (Geschenk der USA) Raketen auf ein Hospital in Gaza-Stadt abgefeuert hatten. Dabei waren zwei Schwestern umgekommen. Zum Abschluss ihres neunstündigen Angriffs auf das Flüchtlingslager Jabalyia - gestern Morgen um 8 Uhr -, feuerte das israelische Militär eine Panzergranate auf eine Menschenmenge ab. Die kleine Gruppe stand neben einer Ambulanz, um mitzuhelfen, ein Feuer zu löschen. Im Hausinnern war eine Familie gefangen, u. zwei Feuerwehrleute spritzten Wasser in die Flammen des Gebäudes. Die Granate der Israelis war sowohl auf die Feuerwehrmänner als auch auf die Menschen drumherum abgezielt. Der Ambulanzfahrer stand auf einem Bein, um einen Jungen vom Boden aufzuheben. Viele andere lagen tot auf der Erde. Zwei Männer kamen gerannt, um dem Ambulanzfahrer zu helfen, den Jungen aufzunehmen. Erst jetzt sahen wir, dass der Junge gar kein Gesicht mehr hatte, Blut auf der Straße u. ein kleiner Körper - das war alles. Auch auf zwei Journalisten schossen sie an jenem Morgen. Die Nacht zuvor hatte man niemanden hineingelassen, der über das Töten berichten konnte. Bei den Angriffen nur in dieser einen Nacht wurden insgesamt 140 Palästinenser verletzt. Die Zahl der von den israelischen Truppen getöteten Palästinenser beläuft sich auf 11 - 3 davon Kinder. Angriffe wie diese geschehen hier im Gazastreifen mittlerweile Nacht für Nacht - verübt durch die brutale Hand der israelischen Militärregierung. Es ist praktisch unmöglich für die Leute hier, mit dem aktuellen Stand der Toten Schritt zu halten oder den Horror zu verkraften, dessen Zeugen sie werden. Fast die ganze Nacht hatten israelische Soldaten palästinensische Ambulanzen gehindert, den Menschen zuhilfe zu kommen. Leute aus dem Lager berichten mir sogar, israelische Soldaten hätten einige Ambulanzen requiriert u. dazu missbraucht, sich unbemerkt ins Lager zu schmuggeln. Auf diese Weise hätten sie die Leute noch besser abknallen können.
Allein diese Woche hat das israelische Militär 80 Palästinenser im Gazastreifen ermordet. Und man geht davon aus, die Massaker gehen weiter - angesichts der von den USA offen geplanten Militärinvasion des Irak u. der daran anschließenden Okkupation des Landes.
Ein Freund von mir - nach Gaza-Stadt exiliert -, fragt seinen 4jährigen Sohn, dem die israelische Militärregierung einen Besuch beim Vater verweigert: "Willst du kommen und mich besuchen?" "Werden die Israelis mich dann töten?" fragte der 4jährige Junge zurück. Sein Vater: "Nein, ich denke nicht". Der Junge: "Oh, sie töten also nur die großen Leute und nicht die kleinen, stimmt's?" Sein Vater: "Stimmt". Und der Junge: "Okay, dann komme ich".
Ein Mann hier sagt, jetzt gäbe es noch weniger Zukunft als vordem. Man könne einfach nichts mehr planen. Heute hat Präsident Arafat - beim Versuch, jemanden zu finden, mit dem der Schlächter Scharon gewillt ist zu sprechen -, Abu Mazen (Mahmud Abas) ernsthaft als Premierminister ins Gespräch gebracht. Jemand hier sagt gerade: "Die Amis lieben ihn (Abu Mazen)".
Kristen Ess, Gazastreifen, den 7. März 2003
Twitter
RSS Feed
