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Anti-Islam?

von Robert Jensen

23.10.2003 — ZNet Kommentar

— abgelegt unter:

“Ich bin nicht Anti-Islam oder gegen irgendeine andere Religion“. “Ich unterstütze die freie Ausübung aller Religionen.“ “Jenen, die sich durch meine Statements beleidigt fühlen, biete ich eine ehrliche Entschuldigung an“.

So Generalleutnant der Armee William Boykins Reaktion auf Kritik bezüglich seines jüngsten fundamentalistisch-theologischen Kommentars*. Die beiden letzten Statements oben erscheinen mir ehrlich. Es gibt keinen Grund zu bezweifeln, dass Boykin an Religionsfreiheit glaubt oder zu bezweifeln, dass er bedauert, mit seinen Bemerkungen jemanden beleidigt zu haben. Andererseits gibt es viele Gründe zu bezweifeln, dass seine erste Aussage ehrlich gemeint war - angesichts Boykins öffentlicher Statements. Dass Boykin gegen den Islam ist bzw. gegen jede Religion außerhalb der christlichen - so wie viele evangelikale Christen, die sich auf eine “buchstabengetreue“ Auslegung der Bibel berufen -, ist ziemlich offensichtlich. Diese Leute sagen zwar: Jeder soll die Freiheit haben, jedwede Religion zu praktizieren - wobei sie jedoch gleichzeitig glauben, diese anderen Religionen seien nichts weiter als Sekten. Und das meint auch Boykin, wenn er von dem muslimischen Warlord, gegen den er in Somalia kämpfte, sagt: “Ich wusste, mein Gott war ein realer Gott und seiner ein Götze“. Götzen sind falsche Götter, keine realen. Für Christen dieser Art - manchmal nennen sie sich “biblische Christen“ -, existiert nur eine einzige Religion mit Anspruch auf Wahrheit, das Christentum. Alles andere seien Sekten. Folglich kann der General an Religionsfreiheit glauben und sich schlecht fühlen, wenn er eine Person anderen Glaubens beleidigt und doch gleichzeitig überzeugt sein, alle anderen Religionen seien falsch.

Sehen Sie sich die Website der „Billy Graham Evangelistic Association“ an. Dort wird es offen ausgesprochen: “Eine Sekte ist jede Gruppe, die Doktrinen oder Überzeugungen lehrt, die von der biblischen Botschaft des christlichen Glaubens abweichen“. Oder lesen sie es bei Franklin Graham, Präsident der internationalen Hilfsorganisation „Samaritan“s Purse“ (die Geldbörse des Samariters) und Manager der nach seinem Vater (siehe oben) benannten Organisation nach: “(W)ährend ich das Recht aller Menschen respektiere, sich ihren eigenen Glauben zu erwählen, würde ich, bei allem Respekt, jeder Religion widersprechen, die die Menschen lehrt, an andere Götter zu glauben“. Von Ambiguität keine Spur. Glaub an Christus, und dein Glaube wird dich retten. Glaubst du an etwas anderes, gehörst du einer Sekte an - und hast dereinst in der Ewigkeit große Probleme. Natürlich steht es Graham oder Boykin frei zu glauben, was sie wollen. In Grahams Fall könnte man sogar sagen, es hängt mit seinen Jobrichtlinien zusammen. Schwieriger steht die Sache mit Boykin. Sein neuer Pentagon-Job, als Staatssekretär für Geheimdienstinformation, verlangt von ihm, sich mit einer Reihe muslimisch dominierter Staaten zu befassen. Ein wichtiges Faktum - jenseits der Frage, ob Boykin für so einen hohen Posten überhaupt geeignet ist -, verdeutlicht es doch, der entscheidende kulturelle Graben, wenn es um Glauben geht, verläuft keineswegs zwischen Religiösen und Nichtreligiösen vielmehr zwischen jenen, die hundertprozentig der Überzeugung sind, ihre Religion sei der einzige Weg zur Erlösung und jenen, die bereit sind, mit ein bisschen weniger Sicherheit zu leben. Ich selbst halte mich raus aus der Frage der “wahren“ Religion**. Ich bin, solange ich denken kann, weltlich gesinnt und habe ein auf Glauben beruhendes Religionssystem noch nie nötig gehabt. Für mich sind alle Religionen in etwa gleich interessant - und verwirrend. Was mich jedoch angeht, ist die Frage der Gewissheit: absolute Gewissheit halte ich für etwas Gefährliches. Ich selbst habe moralische Überzeugungen, politische Überzeugungen und respektiere die anderer. Aber ich denke, Menschen sollten offen sein für die Möglichkeit, dass ihr eigenes Glaubenssystem teilweise - oder völlig - irrig ist. Darin sind sich Philosophen und Wissenschaftler - die guten wenigstens - einig.

Ich kenne viele religiöse Menschen, die zu ihren Überzeugungen stehen und doch die Grenzen respektieren, denen wir uns als Menschen gegenübersehen, wenn wir versuchen, die Komplexität der Welt zu erfassen. Auch wenn wir hinsichtlich Theologie verschiedener Auffassung sind, kann und konnte ich mit diesen Leuten stets über diese Verschiedenheit sprechen. Mit vielen habe ich in Bewegungen für soziale Gerechtigkeit zusammengearbeitet. Von dieser Art Diskussion, von dieser Interaktion, profitieren alle Seiten, das ist meine Auffassung. Schwieriger wird die Unterhaltung mit Leuten wie Franklin Graham oder Generalleutnant Boykin. Nicht, dass ich nicht mit ihnen reden möchte. Das Problem ist, dass auf der anderen Seite häufig keiner wirklich zuhört: etwas, das dem öffentlichen Diskurs in einer pluralistischen Demokratie - unabhängig von persönlichen religiösen Überzeugungen - schädlich ist.

Robert Jensen ist Journalistik-Professor an der „University of Texas“ in Austin. Er ist Mitbegründer von „Nowar Collective“ - www.nowarcollective.com Demnächst erscheint sein neues Buch „Citizens of the Empire: The Struggle to Claim Our Humanity“ (Verlag: City Lights Books). Sie können ihn kontaktieren unter rjensen@uts.cc.utexas.edu.

Anmerkung d. Übersetzerin:

*Boykin hatte z.B. den “Krieg gegen den Terror“ als Krieg der “jüdisch- christlichen Werte gegen den Satan“ bezeichnet. **wörtlich: „I don“t have a dog in that fight“ (Ich habe keinen Hund in diesem Kampf)

Orginalartikel: Anti-Islam?
Übersetzt von: Andrea Noll
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