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Apartheid im 'Heiligen Land'

von Desmond Tutu

30.04.2002 — The Guardian / ZNet

— abgelegt unter:

Desmond Tutu ist der vormalige Erzbischof von Cape Town/Südafrika.Tutu war zudem Vorsitzender in der Südafrikanischen'Wahrheits- u. Versöhnungskomission' (zur Aufarbeitung der Verbrechender Apartheid).Diese Rede hielt Tutu Anfang April in Boston/Massachusetts (USA) auf einer Konferenz über eine mögliche Beendigung der Okkupation (in Palästina).Eine ausführliche Version ist erschienen in der aktuellen 'Church Times'. In der Zeit, als wir gegen die Apartheid (in Südafrika) gekämpft haben,zählten Juden zu unseren größten Verbündeten. Sie haben sich quasi instinktiv auf die Seite der Entrechteten gestellt,auf die Seite derer, die ohne Stimme waren u. die gegen Ungerechtigkeit, Unterdrückung u. das Böse ankämpften.

Mein Herz war immer beim jüdischen Volk. Ich bin deswegen auch Pate eines Holocaust-Zentrums bei uns in Südafrika.Ich glaube daran, daß Israel das Recht hat, seine Grenzen zu sichern.Was ich jedoch nicht begreife u. keinesfalls billige, ist die Art, wie Israelmit einem anderen Volk umspringt - um seine eigene Existenz zu sichern.

Während meiner Reise ins 'Heilige Land' sah ich Dinge, die mich tief erschüttert haben - weil sie mich nämlich genau an jene Dinge erinnerten, die uns Schwarzen damals in Südafrika angetan wurden. Ich habe gesehen,wie Palästinenser an Checkpoints u. Straßensperren gedemütigt wurden. Das hat mich daran erinnert, was wir durchmachten, wenn junge weiße Polizisten uns an unserer Bewegungsfreiheit hinderten.

Auf einer meiner Reisen ins 'Heilige Land' fuhr ich zusammen mit dem Anglikanischen Bischof von Jerusalem zu einer Kirche.Er deutete auf die (Israelischen) Siedlungen, u. Tränen schwangen in seiner Stimme mit. Natürlich kam mir das Bedürfnis der (jüdischen) Israelis nach Sicherheit in den Sinn - aber was ist eigentlich mit den Palästinensern, die doch ihr Land u. ihre Heimstätten verloren haben?

Ich habe mit Palästinensern gesprochen, die auf eine Stelle hinzeigten: dort hat früher unser Haus gestanden, u. jetzt leben dort Israelische Juden. Einmal machte ich beispielsweise in Jerusalem einen Spaziergang mit Kanonikus Naim Ateek (Leiter des Ökumenischen Zentrums von Sabeel). Er wies (mit der Hand) in eine bestimmte Richtung u. sagte: "Dort drüben war meine Heimat. Man hat uns von dort vertrieben. Jetzt ist sie von Israelis besetzt".

Mein Herz bricht. Warum nur haben wir ein so kurzes Gedächtnis? Haben unsere jüdischen Schwestern u. Brüder denn ihre eigene Demütigung inzwischen schon vergessen? Haben sie die Geschichte ihrer eigenen 'kollektive Bestrafung', die Zerstörung ihrer eigenen Häuser vergessen? Haben sie sich abgewandt von ihren tiefgründigen u. idealistischen religiösen Traditionen? Denken sie nicht mehr daran, daß Gott doch aufseiten der Entrechteten ist?Durch die Unterdrückung eines anderen Volkes wird Israel nie wirklich Sicherheit u. Ruhe erlangen. Wahrer Friede gründet sich letztendlich immer auf Gerechtigkeit. Wir verurteilen die Gewalt der Selbstmordattentäter, u. wir verurteilen den Haß, der jungen Leuten gepredigt wird u. der ihre Köpfe verwirrt. Aber ebenso vehement verurteilen wir die Gewalt militärischer Operationen in den besetzten Gebieten, u. wir verurteilen die Unmenschlichkeit einer Politik, die es Ambulanzen verbietet, zu verletzten Menschen zu fahren.

Ich sage mit großer Sicherheit voraus: die derzeitige Militäraktion wirdd en Israelis nicht den Frieden u. die Sicherheit bringen, die sie sich von ihr erhoffen. Sie wird vielmehr den Haß schüren.

Meiner Meinung nach hat Israel jetzt drei Optionen: es kann zurückkehren zu seiner früheren Politik/Situation des Stillstands, es kann die Palästinenser ganz vertreiben oder es kann - und das hoffe ich sehr -, sich um einen Frieden bemühen, der auf Gerechtigkeit gründet sowie auf dem Rückzug aus allen 'Besetzten Gebieten'; zudem muß Israel einen lebensfähigen Palästinensischen Staat ermöglichen (in den 'Besetzten Gebieten'): zwei Staaten Seite an Seite,zwei Staaten in sicheren Grenzen.

Wir in Südafrika durften einen relativ friedlichen Übergang erleben.Aber wenn der Wahnsinn in unserem Land auf diese gute Weise beendetwerden konnte, wieso sollte das dann nicht überall auf der Welt möglich sein? Wenn der Friede nach Südafrika kommen konnte, so kann er doch gewißauch ins 'Heilige Land' kommen, oder nicht?

Mein Bruder Naim Ateek hat die gleichen Worte gebraucht, wie wir sie früher gebraucht haben: "Ich bin nicht pro dieses Volk oder pro jenes. Aber ich bin pro Gerechtigkeit, pro Freiheit, u. ich bin andererseits contra Ungerechtigkeit u. contra Unterdrückung."

Aber Sie wissen wahrscheinlich genauso gut wie ich, daß die Israelische Regierung (von den USA) auf ein Podest gehoben wurde. Wenn man diese Regierung kritisiert, wird man sogleich als 'antisemitisch' hingestellt - geradeso, als ob die Palästinenser keine Semiten wären! Ich bin noch nicht einmal 'anti-weiß' - und mit diesem anderen Wahnsinn habe ich erst rechts nichts im Sinn.

Außerdem möchte ich die Frage aufwerfen: Weshalb hat der Staat Israel damals eigentlich mit dem Apartheids-Staat Südafrika so eng in Sicherheitsfragen kooperiert?

In diesem Land (USA) fällt es den Menschen schwer, öffentlich zu sagen,daß falsch gleich falsch ist. Die jüdische Lobby ist mächtig - sehr mächtig.Aber was soll das? Um Himmelswillen - dies ist doch eine göttliche Welt!In unserem Universum regiert die (göttliche) Moral! Das Apartheids-Regimein Südafrika war so unglaublich stark - und dennoch hat es aufgehört zu existieren.Hitler, Mussolini, Stalin, Pinochet, Milosevic u. Idi Amin - alles starke Männer,aber letzten Endes wurden sie doch zerschmettert.

Ich sage Ihnen: Ungerechtigkeit u. Unterdrückung werden niemals siegen.Diejenigen mit Macht werden sich am göttlichen 'Lackmus-Test' messen lassen müssen, der da untersucht: Wie geht ihr mit den Armen um? Wie mit den Hungernden? Mit denen, die keine Stimme haben? Auf der Basis dieser Fragen wird Gott sein Urteil (über die Mächtigen) sprechen.

Wir müssen folglich einen Weckruf an die Regierung von Israel sowie an das Palästinensische Volk starten u. ihnen sagen: glaubt uns, der Frieden ist machbar - ein wirklicher Frieden auf der Grundlage von Gerechtigkeit ist machbar. Und wir, wir werden alles tun, um Euch bei diesem Frieden behilflich zu sein - das ist ja Gottes Traum - und ihr werdet freundschaftlich als Brüder u.Schwestern zusammen leben können.

Übersetzt von: Andrea Noll
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