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Aristide - der Film

von Justin Podur

13.12.2005 — ZNet

— abgelegt unter:

'Aristide and the Endless Revolution', Baraka Productions 2005 (83 Minuten).

www.aristidethefilm.com

auch auf DVD erhältlich.

Alle Fakten sind strittig. Aristide behauptet, am 29. Februar 2004 mittels Staatsstreich entmachtet und anschließend von den USA entführt worden zu sein. Das offizielle Amerika - Colin Powell, Roger Noriega - behauptet, er sei freiwillig gegangen.

Es gibt dieses Klischee, dass Journalisten "ausgewogen" berichten und immer "beide Seiten der Story" hören wollen. Die Berichterstattung auf Haiti belegt das Gegenteil. Die Stimme Jean-Bertrand Aristides, die Stimme der Bewegung Lavalas und der gleichnamigen Partei - deren Führer seit Aristides Amtsenthebung inhaftiert, massakriert oder exiliert wurden -, sind seit dem Coup im Jahr 2004 kaum noch zu hören gewesen.

Ohne die Stimmen der Opfer zu hören soll sich die Welt ein Bild machen von den Ereignissen seit dem Jahr 2004. Die Desinformationskampagne auf Haiti hat zweierlei erreicht: Zum einen hat sie zu einer Verzerrung des Meinungsbildes in der Welt geführt, zum andern dazu, dass sich Lavalas-Anhänger auf Haiti nicht mehr frei zu diesen Themen äußern können. Außerhalb Haitis können sich die Demokratieverfechter zwar austauschen - auf Websites und Listerves. Aber das kann man getrost ignorieren.

Auf diesem Hintergrund ist Nicolas Rossiers Film 'Aristide and the Endless Revolution' ein wichtiger journalistischer Beitrag und für die Gemeinde ein echtes Geschenk. Mit 83 Minuten Länge hat der hauptsächlich aus Interviews bestehende Film schon Kinolänge. Vor allem Pro-Democracy-Aktivisten und Haiti-Unterstützer kommen in ihm zu Wort - der Arzt Paul Farmer (Autor des Buches 'The Uses of Haiti'), Brian Concannon Jr. vom 'Institute of Justice and Democracy in Haiti,' Aristides Rechtsanwalt Ira Kurzban, Prof. Noam Chomsky, die Kongressabgeordnete Maxine Waters, der Schauspieler Danny Glover, die Autorin Kim Ives oder der Forscher Tom Griffin. Neben diesen Personen ist die Stimme eines weiteren wichtigen amerikanisch-haitianischen Filmemachers zu hören: Kevin Pina. Man hört Pina, wie er am 29. Februar 2004 live von den Straßen Haitis berichtet - während gerade der Staatsstreich abläuft. Weitere Haitianer und Haiti-Amerikaner, die interviewt werden, sind der Gewerkschafter Ray Laforest oder beispielsweise Radioreporter Ricot Dupuis. Laforest spricht über die historischen Hintergründe und über Aristides Aufstieg zur Macht. Ricot Dupuis wirft Aristide taktisches Fehlverhalten vor.

Die Analyse, die sich aus all diesen Interviews ergibt, wirkt umso glaubwürdiger, da der Film auch Aufnahmen von US-Botschafter Foley und US-Präsident George Bush verwendet - Personen, die diese Dinge bestreiten -, sowie ein Interview mit dem US-Gesandten Roger Noriega, der bei Aristides Sturz Mittel zum Zweck war. Rossier interviewte für seinen Film auch Haitianer, die sich gegen Aristide stellen - wie Bruder Poulard, der Aristide vorwirft, er habe den Klassenkampf unterstützt, den Soziologen Lennok Rubin, der Aristide beschuldigt, die Banden und die Korruption nicht in den Griff bekommen zu haben oder den Journalisten Claude Moise, der eine wichtige Rolle in der lokalen Opposition gegen Aristide spielte. Auch einige Liberale kommen zu Wort, etwa John Shattuck, Assistenz-Außenminister unter Clinton. Shattuck gesteht ein, Aristide sei die Stimme der Armen gewesen. Der Botschafter von Barbados, Marville, beschreibt die Verhandlungen, die kurz vor Aristides Sturz abliefen.

Auf diese Weise gelingt dem Film, was seit 2004 nur wenigen Filmen zum Thema Haiti gelang: Er gibt den Zuschauern die einmalige Chance, die Behauptungen der gestürzten demokratischen Regierung Haitis mit denen der Putschisten zu vergleichen. Dass der Film mehr auf der Seite der Demokratie steht bzw. auf der der Interviewpartner von der Lavalas, lässt ihn nur noch wichtiger erscheinen. Der Film ist so etwas wie ein Korrektiv. Er stellt die ständig wiederholten falschen Behauptungen und Suggestionen der Medien richtig.

Der Film zeigt eindrucksvolle Filmaufnahmen - Aufnahmen, wie Aristide in den 80gern vor seiner Kirchengemeinde in St. John Bosco/Port-au-Prince predigte, Aufnahmen von US-Kongressanhörungen zu Haiti, bei denen es heftig zur Sache ging. In der Hauptsache besteht der Film jedoch aus einer Reihe von Interviews. Die Interviewpartner kommen ausführlich zu Wort. Dass diese sich auch über komplizierte Themenkomplexe ausführlich auslassen können, dafür sorgt die sehr behutsame Schnitttechnik. Zu Beginn erörtert der Film die Hintergründe des Staatsstreichs. Danach wird der Verlauf des Coups geschildert. Gesucht wurde ein guter Vorwand, um Aristides Legitimität in Zweifel ziehen zu können. Man fand diesen Vorwand in der Parlamentswahl vom Mai 2000. Damals hatten 7 Senatoren der Lavalas trotz fehlender absoluter Mehrheit Einzug in den Senat gehalten. Sie hatten sich keiner Stichwahl gestellt. Der Film zeigt, wie diese Tatsache gezielt mit der Wahl Aristides im November 2000 vermischt wurde. Aristide hatte die Wahl im November haushoch gewonnen. Der Film berichtet über das US-Embargo, das unmittelbar darauf folgte. Man hungerte die Regierung Aristide 4 Jahre lang aus. "Haben alle hier begriffen", so die Abgeordnete Maxine Waters in einer Anhörung vor dem US-Kongress, "dass dieses Embargo bedeutet, die (haitianische) Regierung hat kein Geld mehr für Straßen, kein Geld für Schulen, kein Geld für Krankenhäuser, kein Geld für die Polizei oder die Feuerwehr". Der Ökonom Jeffrey Sachs antwortet ihr, indem er von noch gravierenderen Folgen des Embargos spricht: Die USA hätten die Auszahlung von Krediten der Interamerican Development Bank in Höhe von $650 Millionen an die Regierung Haitis blockiert. Gleichzeitig zwinge man Haiti, für die nie erhaltenen Kredite Zinsen zu zahlen.

Aristide sah keine Möglichkeit mehr, an Hilfsgelder für sein Land zu kommen, also forderte er Gerechtigkeit. Er forderte jene 150 Millionen Francs zurück, die Frankreich Haiti seit der Unabhängigkeit(1804) in Form von Entschädigungszahlungen abgeknöpft hatte. Frankreich habe "Eigentum" verloren, so argumentierte es damals. Mit Eigentum waren die haitianischen Sklaven gemeint, die sich selbst befreit hatten. Die Unabhängigkeit Haitis liegt lange zurück, die Entschädigungssumme, die Haiti seit jener Zeit zahlte, würde heute einem Gegenwert von 22 Milliarden US-Dollar entsprechen. Aristide hatte alle Dokumente für einen soliden Rechtsstreit beisammen. Schließlich ging es nicht um die schmutzige Frage, wie durch Sklaverei verursachtes Leid zu bewerten sei. Nein, es ging nicht um Reparationszahlungen. Es ging schlicht um die Rückerstattung von Geldern, die aus Haiti herausgepresst worden waren. In seinem Film lässt Rossier dazu mehrere Leute zu Wort kommen, unter anderem einen französischen Offiziellen. Dieser erklärt, Aristides Forderungen "gehören der Vergangenheit an", sie seien "unrealistisch". Der haitianische Aktivist Ricot Dupuis argumentiert, Aristides Forderung nach Rückerstattung der Entschädigungsgelder sei ein großer Fehler gewesen. Es sei falsch gewesen, die USA und Frankreich gleichzeitig gegen sich aufzubringen. Ein taktischer Fehler also? "Ganz offensichtlich". Paul Farmer entgegnet Dupuis: "Heißt das, Haiti war zu arm, um um Hilfe zu bitten? Genau das sagen Sie doch im Grunde. Wenn du nicht stark genug bist, dich mit deiner Sache durchzusetzen, frag erst gar nicht nach Hilfe".

Der Film stellt die Menschenrechtssituation unter dem Regime, das auf Aristides folgte, der Menschenrechtssituation zuzeiten der demokratischen Regierung gegenüber. An dieser Stelle sollte man sich eigentlich Kevin Pinas Film ansehen: 'Haiti: the UNtold Story'. In diesem neuen Pina-Film geht es um die Zeit danach. Pina belegt die Menschenrechtsverstöße in den Armenvierteln von Port-au-Prince während der UN-Verwaltung. 'Aristide and the Endless Revolution' ist ein Film, der für Durchblick sorgt - für klare Sicht in jenen (bewusst) getrübten Wassern rund um den Staatsstreich von 2004. Es ist ein sehr unterhaltsamer Film. Es ist ein Einstiegsfilm, in dem komplexe Themenbereiche gut erläutert werden. Aus journalistischer Sicht ist es ein Film, der echte "Ausgewogenheit" herstellt und so ein wichtiger Beitrag, um den Leuten überzeugend zu vermitteln, was damals wirklich geschah, was heute auf Haiti geschieht.

Der Film endet mit Aufnahmen, die Aristide auf einer Kundgebung seiner Anhänger zeigen - wenige Wochen vor dem Staatsstreich. Dann ein Ausschnitt aus einem Interview, in dem Aristide sagt, er könne sich einfach nicht vorstellen, wie gewisse Leute noch in den Spiegel sehen könnten - wenn es ihnen zu Bewusstsein kommt, was sie getan haben. "Man kann noch so versuchen, die Wahrheit zu töten, man wird sie nicht töten können", so Jean-Bertrand Aristide.

Justin Podur lebt als Autor in Toronto. Im September/Oktober 2005 bereiste er Haiti.

Orginalartikel: Aristide the Film
Übersetzt von: Andrea Noll
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