Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Artikel Auch ich bin auf Folterfotos
Artikelaktionen

Auch ich bin auf Folterfotos

von Gerry Adams

01.06.2006 — The Guardian / ZNet

— abgelegt unter:
Neuigkeiten über die Misshandlung von Gefangenen im Irak haben im republikanischen Irland keine besondere Verwunderung ausgelöst. Wir haben das alles schon einmal gesehen und gehört. Einige von uns haben solche Behandlung sogar überlebt. Behauptungen, dass die Gewalttätigkeit im Irak von ein paar Bösewichten ausgegangen ist, werden hier nicht einmal ernsthaft gehegt. Auch das haben wir alles schon einmal gesehen und gehört. Aber unsere Erfahrung ist, dass, während Individuen ihrer Arbeit eine bestimmte Note verleihen können, sie das innerhalb von Verhörverfahren tun, die ihre Vorgesetzten autorisiert haben.

Zum Beispiel sind die Verhörtechniken, die im Anschluss an die Verhaftungswellen anno 1971 im Norden Irlands verwendet wurden, der Royal Ulster Constabulary [Name der Polizei in Nordirland 1922 bis 2001; RUC] von britischen Militäroffizieren beigebracht worden. Jemand hat das autorisiert. In der ersten Verhaftungswelle, der „Operation Demetrius“, wurden hunderte Menschen systematisch geprügelt und in einen Spießrutenlauf aus Militärhunden [1], Polizeiknüppeln und Stiefeln gezwungen.

Einige wurden nackt ausgezogen und über ihre Köpfe wurden schwarze Stofftüten gezogen. Diese Tüten ließen kein Licht durch und gingen über den Kopf hinaus bis zu den Schultern. Während die Männer mit den Gliedmaßen von sich gespreizt Gesicht zur Mauer standen, wurden ihre Beine unter ihnen weggetreten. Sie wurden mit Polizeiknüppeln und Fäusten in Hoden und Nieren geschlagen und zwischen die Beine getreten. Heizgeräte wurden unter ihnen platziert, während man sie über Bänken ausstreckte. Arme wurden verdreht, Finger umgebogen, Rippen eingehauen, Objekte den Hintern hochgeschoben; sie wurden mit Streichhölzern verbrannt und man spielte mit ihnen Russisches Roulette. Manche von ihnen wurden mit Hubschraubern in die Luft gebracht und herausgehängt, wobei man sie glauben ließ, dass sie hoch in der Luft wären, während sie sich nur knapp zwei Meter über dem Boden befanden. Die ganze Zeit über waren ihr Gesicht verhüllt, ihre Hände in Handschellen und ihre Ohren einem hohen, unerbitterlichen Ton ausgesetzt.

Dies wurde später als „extra-sensory deprivation“ [Folter durch Entzug von Sinneswahrnehmungen] bezeichnet. Es ging über Tage. Während dieses Vorgangs wurden einige von uns nackt fotografiert.

Und obschon diese Fälle in Europa endeten und die britische Regierung tausende Pfund an Entschädigungen zahlte, führte das nicht dazu, dass Folter und Misshandlungen von Häftlingen aufhörten. Es führte nur dazu, dass die britische Regierung und ihre militärischen und Geheimdienstbehörden vorsichtiger damit wurden, wie sie sie durchführten und dass sie sichergingen, die Gesetze zu ändern um die Folterer zu schützen und die Entdeckung der Schuldigen sehr zu erschweren.

Ich bin einige Male verhaftet worden und jedesmal von einer Mischung aus RUC und britischem Militärpersonal verhört worden. Das erste Mal war anno 1972 in den Palace Barracks [„Palast-Kaserne“; in Grafschaft Down]. Ich wurde in eine Zelle in einem kasernenmäßigen Holzverschlag getan und hin auf eine Bretterwand mit Löchern darin ausgerichtet, was den Effekt hatte, Bilder, Formen und Schatten hervorzurufen. Es gab andere Gefangene in den übrigen Zellen. Obwohl ich sie nicht sehen konnte, konnte ich die Schreie hören. Ich vermutete, dass sie dieselbe Behandlung bekamen wie ich, Schläge auf den Hinterkopf, die Ohren, ins Kreuz, zwischen die Beine. Aus diesem Raum wurde ich während einer Zeitspanne von einigen Tagen immer wieder zu Verhörräumen gebracht.

Bei diesen Gängen achteten die Leute, die mich gefangen hielten, in einer sehr ausgetüftelten Weise darauf, dass ich niemanden zu Gesicht bekam und dass auch mich niemand sah. Ich wurde buchstäblich an Wände gedrängt und durch Türrahmen geschoben. Einmal wurde mir gesagt, dass meine Fingerabdrücke genommen werden sollten, und als meine Finger mit Gewalt auf einem Tisch ausgestreckt worden waren, kam ein herumbrüllender, anscheinend geistesgestörter Mann in einer blutbefleckten Schürze auf mich zu, der mit einem Beil bewaffnet war.

Ein anderes Mal versuchten meine Gefängniswärter mir zu verabreichen, was sie als Wahrheitsdroge bezeichneten.

Einmal kam ein wildgewordener Mann schreiend in den Raum. Er zog eine Waffe und tat, als ob er versuchen würde, auf mich zu schießen, während die anderen ihn abhielten.

Zwischen diesen Episoden wurde ich mit dem Gesicht zur Wand gestellt, die Gliedmaßen von mir gespreizt, und gründlich um die Nieren und zwischen den Beinen, auf meinen Rücken und auf die Beinrückseiten geschlagen. Die Schläge waren systematisch und direkt klinisch. Es lag keine Wut in ihnen.

Während meiner Tage in den Palace Barracks versuchte ich eine formale Beschwerde über meine Misshandlung einzureichen. Meine Verhörer ignorierten das und die uniformierten Polizisten von der RUC ignorierten meine Forderung ebenfalls, nachdem ich an sie ausgehändigt worden war. Schließlich jedoch wurde mir vor meiner Entlassung gestattet, eine formale Beschwerde einzureichen, bevor ich entlassen wurde. Aber als ich auf dem Weg zu dem Ort war, wo ich das Formular ausfüllen sollte, kamen einige große, knüppeltragende Militärpolizisten auf mich zu, die danach trachteten, mich von meiner Beschwerde abzubringen. Ich wusste, dass meine Entlassung kurz bevorstand, also ignorierte ich sie und füllte das Formular aus.

Einige Jahre später wurde ich wieder verhaftet, diesmal zusammen mit einigen Freunden. Wir wurden zur nächsten RUC-Kaserne auf der Springfield Road gebracht. Dort wurde ich in eine Zelle gebracht und über eine Zeit, die mir endlos erschien, geschlagen. Die Leute, die mich schlugen, waren alle in Zivil und hatten einen englischen Akzent.

Nach dem hektischen Drauflosschlagen am Anfang, dem ich kurz zu wehren suchte, ging es in Form eines zähen Box- und Tretmatches mit mir als Sandsack weiter. Ich wurde in eine Position wie beim Abtasten gezwungen, mit den Handflächen gegen die Wand, den Körper in einem spitzen Winkel, die Beine weit gespreizt. Sie schlugen mich systematisch. Ich fiel zu Boden. Wassereimer wurden über mich ausgeschüttet. Ich wurde ausgezogen. Einmal wurde ich von einem britischen Armeearzt aus der Ohnmacht geholt. Er schien besorgt über Schaden für meine Nieren. Nachdem er mich untersucht hatte, ging er raus, und die Prügel begannen erneut. Einmal wurde mir ein Plastikeimer übers Haupt gestülpt. Man ließ mich in der Obhut zweier uniformierter britischer Soldaten. Ich konnte ihre Tarnhosen und schweren Stiefel durch die untere Öffnung des Eimers sehen. Einer drückte seine Zigarette an meinem Handgelenk aus. Sein Kamerad tadelte ihn.

Als die Verhörer zurückkamen, waren sie in einer völlig anderen Laune und sehr freundlich. Ich bekam meine Kleidung wieder, teilweise noch feucht. Einer von ihnen kämmte sogar mein Haar. Ich konnte kaum aufrecht gehen und war auch äußerlich sehr übel mitgenommen. Im Kasernenhof kam ich wieder mit meinen Freunden zusammen und Fotos wurden von uns und der Gruppe unserer Gefangennehmer gemacht. Eine kurze Zeit ließen sich andere britische Soldaten einzeln und in Gruppen mit uns fotografieren. Jemand nahm das Geschehen sogar auf.

Aus all den Späßen erfuhren wir, dass die Soldaten, die uns gefangen hatten, eine Prämie bekommen würden. Ihnen zufolge waren wir auf einer „A“-Liste, das heißt, bei Sichtung zu erschießen. Die einzelnen Regimenter führten ein Buch darüber, welches eine beträchtliche Beute für jeden, dem es gelang, uns tot oder lebendig festzunehmen, angehäuft hatte. Aus der all der Lustweil im Kasernenhof war offensichtlich, dass die Glücklichen einen beträchtlichen Preis gewonnen hatten.

So wurden wir also eine Zeit lang in der Gesellschaft von jungen, lauten, ausgelassenen Soldaten fotografiert. Ich bin sicher, wir waren kein schöner Anblick. Ich bin auch sicher, sie grinsten genauso wie die Soldaten auf den Fotos, die wir alle kürzlich gesehen haben. Unsere Fotos wurden nie veröffentlicht, aber irgendwo, in irgendeinem Regimentsmuseum oder im obersten Fach in irgendjemandens Schrank oder auf dem Boden einer Schublade gibt es Fotografien von mir und meinen Freunden und unseren Gefangennehmern. Dem Sieger gehört die Beute.

Gerry Adams ist Vorsitzender von Sinn Féin und Parlamentsmitglied für den Wahlbezirk Belfast West.

Anmerkungen

[1] “war dog” kann sowohl einen Kriegsbefürworter oder Soldaten als auch einen für militärische Aufgaben abgerichteten Hund bezeichnen. Hier ist wahrscheinlich das zweite gemeint.

Übersetzt von: Benjamin Brosig
Artikelaktionen