BAUEN: Kampf, Arbeit und Kultur
von Marie Trigona
30.06.2005 — ZNet Kommentar
“Als ich ins BAUEN zurückkehrte, war das eine andere Erfahrung. Ich arbeitete jetzt als Teil einer Kooperative in Arbeiterselbstverwaltung/-organisation - gar nicht so leicht für Arbeiter, die seit Jahrhunderten unterdrückt und ausgebeutet worden sind“, so Marcelo, derzeitiger Vorsitzender der BAUEN-Kooperative. Das BAUEN ist ein eindrucksvolles zwanzigstöckiges Hotelgebäude in downtown Buenos Aires.
Am 28. Dezember 2001 - nach systematischen Entlassungen und Zimmerdurchsuchungen durch das Hotelmanagement - standen 150 Mitarbeiter auf der Straße. Das Hotel war im Jahr 1978 mit Staatskrediten und staatlichen Fördermitteln errichtet worden - auf dem Höhepunkt der argentinischen Militärdiktatur. Fast drei Jahrzehnte war es ein Symbol der argentinischen Bourgeoisie.
Am 21. März 2003 entschlossen sich die Mitarbeiter, das Hotel zu besetzen. Rund 40 Mitglieder der heutigen Kooperative trafen sich im Geheimen - frühmorgens an einer der meistbefahrendsten Kreuzungen von Buenos Aires. Mit Unterstützung der MNER (Nationale Bewegung der Wiederangeeigneten Unternehmen) und gemeinsam mit Arbeitern anderer besetzter Fabriken übernahm die Gruppe das Gebäude. Sie kappten die Schlösser an den Seiteneingängen und marschierten in die Hotellobby. Die Arbeiter fanden das Hotel in einem jämmerlichen Zustand vor. Es war geplündert, kein Strom. Während der folgenden Monate bewachten die Mitarbeiter der Kooperative das Hotel von innen. Gleichzeitig kämpften sie auf rechtlichem Wege für ihre Kooperative.
Sie säuberten das Hotel und fingen nach und nach an, Dienstleistungen anzubieten. Im Dezember 2004 wurde das Café im vorderen Teil des Hotels wiedereröffnet. Es ist ein Blickfang - im Theaterviertel von Buenos Aires gelegen. Der Fußboden besteht aus wertvollen und sehr schönen Porzellanfließen (die Fließen sind ein Tauschgeschäft zwischen dem neuen BAUEN und der Keramikfabrik Zanon, die auch unter Arbeiterkontrolle steht. Die Zanon-Arbeiter und andere soziale Aktivisten steigen regelmäßig im BAUEN ab, wenn sie in Buenos Aires zu tun haben.) Nacht für Nacht begann das Hotel von Kultur zu wimmeln: Theater, Cocktailparties, Tango-Abende, Radioshows, um nur einiges zu nennen. Der Kooperative sei bewusst, so Marcelo, dass Arbeiter mehr Jobs bzw. besser bezahlte Jobs schaffen - an so etwas hätten kapitalistische Arbeitgeber kein Interesse. “Heute verdient jeder BAUEN-Mitarbeiter 800 Pesos. Wir haben über 85 Leute eingestellt. Dank der Anstrengungen unserer Mitarbeiter konnten wir das Café wiedereröffnen, wir konnten Instandsetzungen durchführen und über 200 Hotelzimmer ausstatten“.
Die Last der Unterdrückung wiegt kontinuierlich schwer auf den Schultern der arbeitenden Klasse. Aber diese 150 Arbeiter gehen endlich erhobenen Hauptes. Trotzig blicken sie den Symbolen der Arbeitgeber ins Auge. Das BAUEN Hotel ist zum Symbol der Arbeiterklasse geworden. “Mit der Arbeiterselbstverwaltung/-organisation befinden wir uns in einem Prozess - auf dem Wege zu „Arbeiter in Solidarität“, auf dem Wege zu Menschen, die sich nicht nur um ihren Lohn Sorgen machen, sondern die versuchen, die sozialen Bedingungen zu verbessern, in kultureller und politischer Hinsicht“, so Marcelo.
“Vorwärts BAUEN! Wir werden niemals schließen!“ ruft Damián, ein junger Mitarbeiter, den die Kooperative kürzlich eingestellt hat. Es ist Sonntag, der 5. Juni, 8 Uhr morgens; am Hoteleingang haben sich Hunderte Solidaritätsaktivisten versammelt, denen Damián seine Parole entgegenbrüllt. Sie wollen verhindern, dass städtische Inspekteure eine Razzia durchführen und das Hotel schließen. Einige Tage zuvor war die Kooperative auf die Legislative der Stadt (Buenos Aires) marschiert und hatte eine gesetzliche Lösung des Problems gefordert. Seit zwei Jahren hatte die Kooperative ohne rechtlich gültige Zimmervermietungsgenehmigung gearbeitet. Die Abgesandten der Kooperative, die die Legislative betraten, sagten: “Die Regierungsbeamten sind wütend, sie sagen, wir verhandeln doch, was braucht ihr zu protestieren.“ Aber die Regierung hatte eine (gesetzliche) Lösung für die Kooperative immer wieder verschleppt.
Kürzlich hatte ein Richter die Schließung des BAUEN angeordnet, nachdem das frühere Management, das inzwischen andere Hotels in Buenos Aires bzw. Brasilien betreibt (mit Management ist der ehemalige Besitzer des Hotels, ein Mann namens Icovich, gemeint), die Kooperative wegen unerlaubter Zimmervermietung angezeigt hatte. Am Sonntag, den 5. Juni, war es nun also so weit, die städtische Behörde stand auf der Matte. Sie wollte es strategisch geschickt anfangen, denn sie glaubte, das Hotel sei um diese Zeit menschenleer. Stattdessen wurden die Inspekteure an der Rezeption von Hunderten Demonstranten erwartet. Sie riefen Slogans wie: “Das BAUEN gehört den Mitarbeitern! Wem das nicht passt, der soll zur Hölle fahren!“ Die Inspekteure waren nervös, als sie die Hotelschließung anordneten. Sie wussten, die Kooperative würde der Order Widerstand leisten.
Gladys, eine kämpferische und durchsetzungsfähige Arbeiterin der Kooperative, warnte, die Arbeiter würden ihr Hotel niemals aufgeben. Seit dem tragischen Feuer im Nachtclub Cromagnon, bei dem 194 Menschen starben, benutzt die Regierung Brandschutzinspektionen als Vorwand, um die freie Kulturszene von Buenos Aires lahm zu legen. Der Betreiber des Cromagnon (ein Geschäftsmann namens Omar Chaban, der seit letzter Woche wieder auf freiem Fuß ist) hatte in seinem Club auf eine Verriegelung der Notausgänge durch Ketten bestanden. Statt seine Installationen - Deckenventilatoren, Notausgänge, Schalldämmung - besser instand zu halten, hatte Chaban auch noch eine Styropordecke mit nur einem Ventilator einziehen lassen. Die meisten Toten der Rockshow in seinem Club waren in dieser Todesfalle erstickt. “Sollte die Regierung uns aus unserem Hotel vertreiben, gibt es ein zweites Cromagnon, sie werden uns und unsere Familien alle töten müssen“, sagt Gladys.
“Wäre leicht, einfach Augen zu und durch und zu Geschäftsleuten werden, die die Löhne festlegen - und dann anfangen, unsere Companeros auszubeuten. Aber wir dürfen unsere Arbeiterwurzeln nicht preisgeben, wir wissen ganz genau, BAUEN muss den Arbeitern gehören“, so Marcelo. Die Kooperative befindet sich mitten in einem Rechtsstreit. Sie hat ein berühmtes Hotel erfolgreich betrieben. Gleichzeitig haben die Mitarbeiter der Kooperative ihre Wurzeln nicht vergessen. Das BAUEN ist ein politisches Zentrum geworden. “Heute arbeitet das Hotel erfolgreich, es zeigt Solidarität in vielen Arbeitskonflikten. (Es gibt hier) Gruppen, die sich für die Freilassung politischer Gefangener einsetzen oder für den 6-Stunden-Tag, auch viele andere Sozialbewegungen treffen sich hier im Hotel“, so der Delegierte der Eisenbahnergewerkschaft “Pollo“ Sobrero.
Die Regierung weigert sich, ein Enteignungsgesetz zu erlassen. Sie weigert sich, den BAUEN-Mitarbeitern eine dauerhafte rechtliche Lösung anzubieten, damit sie weitermachen können. Einige Politiker haben zum Ausdruck gebracht, dass es ihnen nicht passt, dass das Hotel seine Pforten den kämpfenden Arbeitern öffnet. Aber die BAUEN-Mitarbeiter werden ihren Kampf für ihr Hotel nicht aufgeben - ebenso wenig wie die Verteidigung aller Arbeiterkämpfe.
Claudia arbeitet im Gesundheitswesen. Sie kommt aus der südlichen Provinz Neuquen und hat das BAUEN kürzlich zum erstenmal besucht. Seit über zwei Monaten befinden sich in Neuquen die Arbeiter des Gesundheitswesens im Ausstand. Die Polizei der Provinz ging mit repressiven Maßnahmen gegen sie vor. In Neuquen steht auch die von Arbeitern verwaltete Keramikfabrik Zanon. Claudia erklärt: “Dieses Hotel ist ein Forum für die kämpfenden Arbeiter. Wenn wir Buenos Aires besuchen, steigen wir hier ab. Ebenso wie die Community in Neuquen bereit ist, Zanon zu verteidigen, verteidigen wir das BAUEN.“
Mittlerweile hat die BAUEN-Kooperative eine permanente Versammlung eingerichtet - gegen die Bedrohungen und gegen die vielleicht dauerhafte Schließung des Hotels. Die Mitarbeiter des BAUEN benötigen internationale Solidarität, sie verdienen internationale Solidarität. BAUEN - eine konkrete Erfahrung im Kampf gegen die Ausbeutung der unterdrückten Sektoren (der Bevölkerung). Das Hotel BAUEN ist nach wie vor der Same für neue soziale Beziehungen. Sie können BAUEN kontaktieren unter: Prensatrabajoresdelbauen@yahoo.com.ar www.alavio.org
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