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Bei den Palästinensern gibt es nicht mal Wetter

von Tanya Reinhart

10.03.2003 — ZNet

— abgelegt unter:
Sofern die derzeitigen Militäraktionen in den 'Gebieten' in Israel überhaupt diskutiert werden , kreist die Diskussion fast ausschließlich um die Frage, ob der palästinensische Terror auf diese Weise zu stoppen sei. Als Menschen kommen die Palästinenser nicht vor. Vor ein paar Tagen schneite es in Jerusalem. Am 25. Februar, einem Dienstag, war die Kältewelle großes Thema in allen israelischen Zeitungen. Selbst in meinem beheizten Tel Aviver Haus war es kalt. Ich dachte an meine palästinensischen Freunde - Kollegen von der Bir-Zeit- Universität. Was muss Schnee für eine Familie bedeuten, die zwar noch ihr Haus hat aber kaum Geld für Heizmaterial? Und was bedeutet Schnee für Menschen, die kein Haus mehr haben? Auch in Dschenin hat es geschneit. Wie haben die Dscheniner Flüchtlinge die Kälte überlebt oder die kürzlich aus Hebron Vertriebenen? Und was ist mit den alten Leuten, die ja besonders kälteempfindlich sind? Wo haben die neuen Heimatlosen in Gaza die Nacht verbracht - jene Menschen, deren Häuser man einen Tag zuvor abgerissen hat? Gelingt es der UNRWA noch, diese Leute mit Zelten u. Decken zu versorgen? Anfang Februar hatte UNRWA (Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten) zum wiederholten Male einen Dringlichkeitsappell an die internationale Weltgemeinschaft gerichtet. Man benötige dringend Mittel, um das erste Halbjahr 2003 bestreiten zu können. Ohne neue Zuwendungen, so UNRWA, (die Gelder sind in letzter Zeit zurückgegangen) reiche das Budget nur noch bis März (1).

Das Herz sucht Antworten, die Zeitungen helfen nicht weiter. Jenseits der Zäune, außerhalb des Blickfelds der Medien u. unseres Bewußtseins scheinen die Palästinenser noch nicht mal Wetter zu haben. Am gleichen Tag kommt in der Ha'aretz ein Bericht über die israelischen Sicherheits-Echelons. Sie hätten eine neue Kampagne gestartet zur Konfiszierung von Geldern, die über israelische Banken an die Palästinenser fließen: "mehrere 10 Millionen Dollars im Jahr (...) gespendet hauptsächlich von Wohlfahrtsorganisationen in den arabischen Ländern oder in Europa" (Amos Har'el, in der Hebräischen Ausgabe der Ha'aretz). UNRWA steht am Rande des Kollaps, und in dieser Situation will man den Palästinensern auch noch die Gelder der karitativen Organisationen sperren - Geld, das sie zum Überleben brauchen.

Dies ist kein isoliertes Beispiel, vielmehr kennzeichnet es eine weitere Stufe jener systematischen israelischen Politik der ökonomischen Strangulierung. Schon im Juni 2002 kamen "interne Erhebungen der Sicherheits-Echolons - nach Operation 'Schutzschild' - zu dem Schluss (...) die finanziellen Reserven der Palästinenserbehörde näherten sich dem Ende (...) In naher Zukunft würde die Mehrheit der Palästinenser nur noch Mithilfe internationaler Unterstützung einigermaßen leben können". (Amos Har'el in der Ha'aretz vom 23. Juni 2002, Hebräische Ausgabe). Und gleichzeitig initiiert Israel eine Kampagne zur Restriktion internationaler Hilfe - mit Unterstützung der jüdischen Lobby im US-Kongress. Darüberhinaus wird ein "Überdenken" der UNRWA-Tätigkeit in den besetzten Gebieten gefordert.

"Israel hat in den USA und in den Vereinten Nationen eine Kampagne gestartet, mit der darauf gedrängt wird, die Tätigkeit des UN-Hilfswerks, das die palästinensischen Flüchtlingslager in Westbank u. Gaza betreibt, zu überdenken. Israel wirft den UNRWA-Mitarbeitern vor, sie würden schlicht ignorieren, dass die Lager von palästinensischen Organisationen in Terrorbasen verwandelt wurden, und Israel verlangt von UNRWA, sämtliche terroristischen und militärischen Aktivitäten in den Lagern an die UN zu melden (...) Inzwischen haben jüdische und pro-israelische Lobbyisten in den USA eine Parallelkampagne gestartet (...) Die amerikanisch-jüdischen Lobbyisten begründen ihre Aktion damit, dass die USA derzeit 30 Prozent zum jährlichen UNRWA-Budget von insgesamt $400 Millionen beisteuern. Daher seien die USA auch in der Position, Einfluss auf die Agentur zu nehmen: Wenn der US-Kongress sich weigert, UNRWA weiter zu bezuschussen, würde dies deren Tätigkeit sicher massiv beeinträchtigen." (Nathan Guttman, Ha'aretz vom 29. Juni 2002).

Die Unterernährungssituation der Palästinenserkinder in den besetzten Gebieten entspricht inzwischen der des Kongo oder Zimbawes (2). Und Israel hat nichts Besseres zu tun, als "eine Kampagne zu starten", um auch noch das letzte bisschen Geld zu stoppen, das diese Kinder mit Nahrung versorgt. Wenn wir an 'Genozid' denken, sehen wir Massengräber vor uns oder Konvois, mit denen ein Volk 'transferiert' wird. Der langsame Tod, den man über das palästinensische Volk verhängt, hat bislang vielleicht noch kein Etikett. Dennoch: wie kann es geschehen, dass die israelische Gesellschaft all diese Dinge nicht sieht, ihre Augen davor verschließt u. ihre Herzen versiegelt? Ein Teil der Antwort hängt damit zusammen, dass das Böse in Begriffe gehüllt ist, die in Zusammenhang stehen mit dem "Krieg gegen den Terror". Sicherheitskreise äußern öffentlich, UNRWA "ignoriert" die Aktivitäten der Terroristen (als ob UNRWA die Polizei wäre). Oder man behauptet, Wohlfahrtsgelder an die Palästinenser bedeuteten "Millionen Dollars für den Terrorismus". Und die Medien verbreiten das alles. Nie fordert man weitergehende Beweise.

Nachdem man jetzt angefangen hat - mit den Ost-Jerusalemer Banken wurde begonnen -, karitative Gelder zu konfiszieren, "weigert sich der Kommandeur der Region, Levi, präzise Details bekanntzugeben, welche Terroraktivitäten denn nun genau in Jerusalem über diese (konfiszierten) Fonds finanziert worden seien" (Arnon Regular u. Amos Har'el, Ha'aretz vom 28. Februar 2003). Und der instinktive u. primäre Glaube der Israelis, die IDF (Israelische Armee) werde sie niemals belügen, wird sicher den Rest besorgen.

Israel verfolgt das palästinensische Volk - das ist kein Krieg gegen den Terror. Das Problem des Selbstmordterrors der Palästinenser wäre einfach zu lösen: Zieht euch aus den Territorien zurück, gebt den Palästinensern endlich wieder Grund zu leben. In Wirklichkeit geht es beim Krieg gegen die Palästinenser doch nur um Scharons 'Gelobtes Land', um die Armee u. um die Siedler. Das ist jene Art Krieg, in dem ständig gelogen werden muss. Denn die meisten Israelis (so Umfragen) scheren sich nicht um die besetzten Gebiete. Sie wären dafür, dass sich Israel sofort aus ihnen zurückzieht. Ohne Beeinflussung kämen die Leute doch nie auf den Gedanken, zu überlegen, wie quäle ich Millionen von Menschen, wie hungere ich sie aus u. lasse sie in der Kälte frieren. Damit die Leute (in Israel) soetwas akzeptieren, muss man zuvor ihre Ängste kultivieren. Es verhält sich im Grunde wie mit jener Hälfte des amerikanischen Volks, die den Krieg gegen den Irak unterstützt. Diesen Leuten hat man weisgemacht, wenn wir das irakische Volk nicht umgehend eliminieren, kommt Saddam Hussein und eliminiert Amerika.

(1) UNRWAs Dringlichkeitsappell/2003 nachzulesen unter:
http://www.un.org/unrwa/emergency/pdf/5th-appeal.pdf

(2)Chris McGreal, in 'The Guardian' vom 11. Februar 2003

Übersetzt von: Andrea Noll
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