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Bewahrt Israel Moscheen?

von Meron Benvenisti

08.09.2005 — Ha'aretz / ZNet Deutschland

— abgelegt unter:

Es lohnt sich nicht, die Ernsthaftigkeit der Motive derjenigen zu hinterfragen, die gegen die Kabinettsentscheidung waren, die Synagogen in Gush Kativ zu zerstören. Einige Minister, die gegen die Entscheidung stimmten, hatten den Abzug aus dem Gazastreifen unterstützt und sogar angeboten, die Häuser in Gush Kativ den Palästinensern ganz zu übergeben. Andere waren scharf gegen den Abzug, wollten aber die Synagogen intakt lassen, um die Rückkehr der Juden nach Gaza zu ermöglichen. Abgesehen von halachischen Argumenten, die die Zerstörung von Heiligen Orten verbieten, wird argumentiert, dass das Zerstören von Synagogen eine Legitimation für antisemitische Anschläge gibt, um nicht benützte Synagogen in nicht mehr funktionierenden jüdischen Zentren zu zerstören. Aber zusätzlich zum Wunsch, Synagogen zu erhalten, kommt die praktisch-zweckmäßige Betrachtung stark ins Spiel. Diese Sichtweise entspricht auch mehr dem PR-Aspekt. Wenn die Synagogen schon zur Zerstörung verurteilt sind, möge man anstelle von Israelis dies eher Palästinenser tun lassen, damit die in den Augen der Welt mies dastehen. Die Befürworter dieser Position, die Palästinenser für das Schicksal der heiligen Bauten verantwortlich zu machen, begleiten ihr Argument mit einer detaillierten Liste von palästinensischem schändlichen Betragen gegenüber jüdischen heiligen Stätten: wie der Entweihung des jüdischen Friedhofs auf dem Ölberg während der jordanischen Zeit, dem Brand in Josephs Grab zu Beginn der Intifada. Die Gegner der Zerstörung zitierten dann auch halbherzig „mehr ermutigende Präzedenzfälle“, um nicht der Heuchelei angeklagt zu werden. Denn wenn es tatsächlich sicher ist, dass die Palästinenser die Synagogen zerstören würden, was hätte es wohl für einen Sinn, sie darum zu bitten, die Verantwortung zu übernehmen?

Dieses Problem wird – wie gewöhnlich – allein unter Israelis diskutiert, ohne die Palästinenser in Betracht zu ziehen, die ja für die Synagogen verantwortlich gemacht werden sollen oder denen dann die Schuld zugeschrieben wird. Der Oberste Gerichtshof wird sich nicht groß mit der kategorisch palästinensischen Weigerung – die Verantwortung für die Synagogen zu übernehmen – befassen und wies den Ministerpräsident am Dienstag an, „offiziell darum zu bitten, nach den Synagogen zu schauen“. Aber dies beendete nicht die einseitige Maßnahme: In der Geschichte des Kampfes um die Heiligen Stätten geht es nicht um den Krieg der jüdischen Söhne des Lichtes gegen die palästinensischen Söhne der Finsternis, sondern um die Geschichte eines Krieges, in dem beide Seiten barbarische Akte gegenüber den heiligen Stätten der anderen Seite begangen haben. Die Palästinenser mögen sich fragen, ob das Prinzip, dass man keine heiligen Stätten beschädigen soll, nur für Synagogen gilt oder auch für verlassene Moscheen und Kirchen. Gilt die Forderung, dass die Palästinenser – oder eine internationale Körperschaft – verantwortlich für Synagogen sind, auch für die israelische Regierung in Bezug auf verlassene Moscheen in Israel? Und wenn wir es so eilig haben, die Palästinenser vor aller Welt zu beschimpfen, sind wir dann auch bereit, Israels schimpfliches Verhalten gegenüber muslimischen heiligen Stätten genau so herauszustellen? Von den etwa 140 Dorfmoscheen, die im Krieg 1948 verlassen wurden, wurden etwa 100 total abgerissen. Die übrigen – ca. 40 – sind in einem fortgeschrittenen Stadium des Verfalls oder werden von jüdischen Bewohnern zu anderen Zwecken gebraucht. In einem Moschav in den Karmelbergen gibt es eine Moschee, deren Ruinen noch heute die vergangene Größe ahnen lassen. Sie ist in einem traurigen Zustand des Verfalls, ihre Mauern bröckeln und drum herum liegt Stacheldraht. Die Anfragen der „anwesend-abwesenden“ Flüchtlinge ( Palästinenser, die in Israel leben, aber vom Staat mit dem Oxymoron „anwesend-abwesend“ klassifiziert wurden, um zu verhindern, dass sie Ansprüche auf ihr Eigentum erheben), die Moschee zu renovieren, ist von den Behörden abgelehnt worden.

Eine große Moschee mitten in einem Moschav der Judäischen Berge dient als Lager und Laden für landwirtschaftliche Maschinen. Es gibt weitere 20 ähnliche Bauten, die im Begriffe sind, zusammenzufallen.

Als 1997 die Bewohner eines Dorfes in West-Galiläa einen Erweiterungsbau vornehmen wollten, wurden die Reste einer verlassenen Moschee mit einem Bulldozer eingerissen und vollkommen zerstört. Nicht weit davon entfernt wollten Palästinenser in einer alten Moschee eines anderen verlassenen Dorfes beten, was die Behörden ihnen nicht erlaubten. Sie benutzen den Vorwand, dass solch ein Gebet „politisch organisiert“ und einem Präzedenzfall nahe kommt, als ob man mit der Rückkehr der Palästinenser einverstanden wäre.

Mehrere Moscheen dienen als Wohnhäuser, andere werden für kommerzielle oder kulturelle Zwecke benützt. Die Moschee eines verlassenen Dorfes im Eisental dient als Kibbuzschreinerei. Eine Moschee in einer Künstlergemeinschaft im Karmel dient als Restaurant und Bar, andere Moscheen als Museen und Kunstgallerien. Die große Synagoge in einer Dorfgemeinde nahe Rehovot ist innerhalb einer Dorfmoschee, deren Minarett zerstört und deren Halbmond auf der Spitze des Daches durch eine Menorah ersetzt wurde.

Wir haben noch nicht die Gräber von Scheichs erwähnt, die zu Gräbern heiliger jüdischer Personen gemacht wurden: das Dan-Grab anstelle des Grabes von Scheich Gharib, einem Lokalheiligen, oder das Grab von Sit Sakina in Tiberias, das zum Grab von Rachel, Rabbi Akivas Frau, wurde. Weniger als 40 muslimische Friedhöfe blieben von mehr als 150, die in den verlassenen Dörfern bestanden. Sie sind alle in einem heruntergekommenen Zustand und in ständiger Gefahr, dass ihre Gräber zerstört und enteignet werden.

Die israelische Regierung weiß, warum sie nicht wünscht, dass Palästinenser Synagogen schützen. Was wäre, wenn die Palästinenser eine Gegenforderung stellen und Israel zwingen, nach den verfallenden Moscheen in seinem Gebiet zu schauen? Ob all die gutherzigen Leute, deren Herz beim Anblick der Zerstörung der Synagogen schier bricht, lautstark protestieren würden, um die Moscheen von Ijzim, Lajjun und Ghabbasiya zu retten? Wenigstens sollten sie erkennen, dass die bei der Zerstörung der verlassenen Synagogen hoch gekommenen Gefühle denen der Hundert Tausenden israelischer Muslime entspricht, als diese sahen, wie ihre heiligen Stätten verschwanden. Vielleicht wird dann der Krieg um die heiligen Stätten aufhören, wenn jeder anerkennt, dass der Schmerz über Zerstörung ( heiliger Stätten) universal ist.

Orginalartikel: Dieser Artikel ist NICHT bei www.zmag.org erschienen!
Übersetzt von: Ellen Rohlfs
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