Bewußtsein schaffen
Besetzte Fabriken in Argentinien
von Esteban Magnani
03.12.2004 — ZNet
In den letzten Jahren hatt Argentinien zu einem festen Bestandteil der mainstream – Nachrichten gewandelt, die von den Menschen in der ganzen Welt konsumiert werden. Zuvor war Argentinien größtenteils lediglich der Geburtsort der bekannten Fußballegende Diego Maradona. Doch seit dem Ende des Jahres 2001 sah m. die argentinische Flagge nicht nur auf den Trikots der Fußballspieler sondern auch über den Feuern in den Straßen Argentiniens überwiegend in den Händen von bourgeoisen MittelklassebürgerInnen, die die ATM mit Töpfen und Pfannen schlugen. Dieses Bild klonte CNN ununterbrochen.
Für andere rundum den Erdball entwickelte sich Argentinien zum Mekka der Entdeckungen, die nach dem Sprung über das neoliberale Kliff gemacht werden können. Grund dafür ist, dass in den Ruinen des Systems – unter denen Leichen liegen – neue und innovative Ideen begannen zu wachsen während realisiert wurde, dass bourgeoise Beschwerden (denn schließlich arbeiteten andere Klassen der Gesellschaft schon zuvor hart) nicht ausreichen: es war an der Zeit, sich die Hände bei intensiver Arbeit schmutzig zu machen. Um sich darüber hinaus über eines endgültig klar zu werden: wenn wir den üblichen Mumien die Entscheidungen über unsere Zukunft überlassen, käme es zu demselben Desaster, über das wir uns nun seit so langer Zeit bereits beklagen.
Die letzten Monate des Jahres 2001 waren eine seltsame Zeit. Es war schon zur Gewohnheit geworden, dass die „anderen“, die Armen, in den Straßen des Landes demonstrierten. Dieses Mal handelte es sich jedoch um die Mittelklasse und ihre endlosen Rufe. Dieselben, die mit ihren Autos vorfuhren, warfen plötzlich Eier gegen die Türen von Banken während die Polizei ruhig vor ihnen stand. In diesem Chaos und dieser Verwüstung, als alles in Frage gestellt wurde, entstanden neue Organisationsformen. Jede/r einzelne versuchte, das Beste zu machen, bevor es PolitikerInnen machen konnten. Die Mittelklasse traf sich an Straßenecken, um Politik zu diskutieren, die Arbeitslosen demonstrierten überall und forderten staatliche Unterstützung ein, und die ArbeiterInnen... . Einige von ihnen gingen ein paar Schritte über das hinaus, was bislang bekannt war, und entschieden, dass Arbeit nichts ist, was sie suchen müssen sondern etwas, das sie zur ihrem eigenen Nutzen und zum Aufbau eigener Strukturen benutzen können.
Diese letzte Konsequenz wurde bereits im Vorfeld des Dezember 2001 entwickelt, aber mit der Krise gewann der Impuls an Intensität und verlieh ihr eine vitale und soziale Legitimität. Noch wenige Monate zuvor wäre jede/r ArbeiterIn, der/die darüber nachgedacht hätte, der/die BesitzerIn einer bankrotten Firma zu werden, als DiebIn betrachtet worden, der/die das geheiligte Privateigentum in Gefahr bringt. Nach den Dezembereignissen, als alles bekannt wurde, was zuvor aussichtslos und weit entfernt schien, konnten dieselben ArbeiterInnen als PartnerInnen und NachbarInnen betrachtet werden, die für eine gerechte Sache kämpfen: Arbeit und Würde. Es war nun offensichtlich, dass sie keine KommunistInnen sind, die einer Gehirnwäsche unterzogen wurden, sondern Menschen, die die untätig herumstehenden Maschinen personell unbesetzter Fabriken und die Gesundheit ihrer eignen Kinder im Auge haben.
Wie kam es dazu?
Die Unternehmertradition in Argentinien hat eine ziemlich traurige Geschichte. Wie im Rest der Welt ist das Ziel jedes Kapitalisten, einen möglichst großen Gewinn zu erzielen. Die argentinische Besonderheit (die in der Dritten Welt jedoch auch keine wirkliche Besonderheit mehr ist) ist, dass keine staatlichen Kontrollen existieren und dass die wirtschaftlich Mächtigen gleichzeitig auch die politisch Mächtigen sind. Verhandlungen sind somit kaum erforderlich. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen, besagte die herrschende Ideologie, dass alles erlaubt sei, was die Taschen der Kapitalisten auffüllt, weil dadurch auch das Allgemeinwohl zunehme. Den Wirtschaftsfunktionären wurde die Sache leicht gemacht und viele von ihnen nutzten den Geist der 90er zu ihrem Vorteil indem sie staatliche Subventionen einforderten, „um mehr Leute einzustellen“, private Kredite erwarben und weder Steuern und Gehälter noch Zulieferbetriebe bezahlten. Am Ende der Straße wartete dann der Bankrott und die Versteigerung eines Betriebs, die „die Tochter/der Freund/der Anwalt“ abwartet, um die Fabrik wieder zu einem äußerst günstigen Preis und schuldenfrei zurückzukaufen. Das System funktionierte reibungslos. Es gab lediglich einige isolierte Demonstrationen und nutzlose Untersuchungen. Das Insolvenzrecht erlaubte ihnen all dies, ohne Strafen fürchten zu müssen.
Im Januar 2001 erhielt eine Gruppe ArbeiterInnen, die unter diesem kapitalistischen System gelitten hatte/hat und trotzdem eine Kooperative unter dem Namen Unión y Fuerza (Einigkeit und Stärke) gründete, nach einem langen Kampf von der Regierung die erste Anerkennung für die Enteignung einer bankrotten Fabrik durch die ex- MitarbeiterInnen. Sie machte die ArbeiterInnen für mindestens zwei Jahren zu den EigentümerInnen. Was bedeutet unter diesen Umständen dann eigentlich noch „Enteignung“? Das System ist nicht einfach zu verstehen; es funktioniert grundsätzlich wie folgt: nachdem das Unternehmen Insolvenz angemeldet hat, gründen die ArbeiterInnen eine Kooperative oder etwas vergleichbares, das sie zu einer legalen Körperschaft macht. Anschließend fordern sie den/die InsolvenzrichterIn auf, die Versteigerung zu stoppen.
Unterdessen präsentieren sie der Legislative der jeweiligen Provinz ein Projekt, in dessen Rahmen die Fabrik zu einem Allgemeingut erklärt wird. Im Anschluss fordern sie dann die Enteignung. Laut Verfassung ist diese Form der Enteignungen die einzige legale Möglichkeit, Privatbesitz zu beschneiden. Der Staat muss jedoch innerhalb eines Zeitraumes von zwei Jahren für die Enteignung eine Entschädigung leisten. Dieses Geld soll von der/vom entsprechenden RichterIn verwaltet und an die KreditgeberInnen der bankrotten Firma ausgezahlt werden, unter denen sich auch für gewöhnlich die ArbeiterInnen befinden. Da der argentinische Staat ebenfalls über keine finanzielle Mittel verfügt, werden keine Gelder vergeben, so dass die ArbeiterInnen das Geld auftreiben müssen, um es an den Staat zu überweisen, der es dann der/dem RichterIn zukommen lässt, der/die wiederum, wenn es möglich ist, die KreditgeberInnen bezahlt. Wenn die ArbeiterInnen es schaffen, das Geld innerhalb von zwei Jahren zu sammeln/zu erarbeiten usw., wird die Enteignung im Normalfall um zwei weitere Jahre verlängert. Es sollte allerdings festgehalten werden, dass diese „Renovierung“ in nur wenigen Fabriken stattgefunden hat.
Die Prozedur ist natürlich weitaus komplizierter und ermöglicht zahlreiche Abweichungen. Außerdem gibt es auch Wege, Fabriken zu besetzen, ohne sie formal zu enteignen. Die ArbeiterInnen können z.B. die Erlaubnis erhalten, die Fabrik weiter zu betreiben und den Gewinn in den Kauf der Fabrik zu investieren. Erst vor kurzem akzeptierte ein(e) RichterIn die Schulden einer „bankrotten“ Partei als Teil des Kaufpreises der Firma. Dies ist ein bedeutender Schritt, da die ArbeiterInnen häufig die HauptkreditgeberInnen der insolventen Unternehmen sind und die Übernahme der Schulden eine große Hilfe darstellt [dementsprechend verringert sich der Preis der Fabrik um die Höhe der Schulden; Anm. d. Ü.].
Die neue Praxis
Darüber hinaus gibt es noch zahlreiche andere rechtliche Themen, die geklärt, und Fragen, die beantwortet werden müssen, unter anderem wie die selbst organisierten ArbeiterInnen produktiver als zuvor arbeiten oder wie die eingesparten Verwaltungsgehälter (die im Normalfall mit den BesitzerInnen verschwinden) eingesetzt werden können. Ich würde mich jedoch auf die qualitativ hochwertigere Frage konzentrieren, die weitaus komplizierter und analytisch schwerer zu erschließen ist, wie tiefer gehende Veränderungen der gesamten Gesellschaft bewirkt werden können. Das heißt, wie verändert die Organisationsform der ArbeiterInnen die Art und Weise, wie sie ihr Leben wahrnehmen.
Um diese Veränderung zu erklären, müssen wir tief in die theoretische Spielzeugkiste greifen und ein grundlegendes Konzept namens Praxis herausholen. Marx´ Historischer Materialismus hat uns gelehrt, dass die Verhältnisse das Bewußtsein bestimmen und nicht das Bewußtsein die Verhältnisse. „Wir wandern von der Erde gen Himmel und nicht vom Himmel gen Erde.“ Diese allgemein bekannte, aber tiefgreifende Idee besagt, dass das tägliche Leben – was wir machen, was wir essen, wie wir reisen, mit wem wir sprechen, unser Job, etc., also unsere „Praxis“ – überwiegend bestimmt, was wir denken.
Argentinische ArbeiterInnen sind in der Regel eine Praxis der Kontrolle und Hörigkeit gewohnt. Wer sich nicht an sie hält, wird schlicht und einfach entlassen. Ihre/Seine Rolle ist es zu gehorchen und zu versuchen, die Bosse so gut wie nur eben möglich zu betrügen. Doch in jeder autoritären Beziehung existiert eine gewisse Symmetrie (gegenseitiges Verhältnis): die ArbeiterInnen treffen zwar keine Entscheidungen, doch erhalten sie unter allen Umständen ihren Lohn. Wenn sie/er letztendlich trotzdem kein Geld bekommt, kann sie/er sich beschweren. Wenn eine Fabrik geschlossen wird, demonstrieren die ArbeiterInnen normalerweise, um soviel Geld wie möglich noch ausgezahlt zu bekommen, auch wenn sie selten etwas erhalten (schließlich stehen sie auf der Auszahlungsliste nach der Auktion meist an letzter Stelle). Nach den Demonstrationen gehen die ArbeiterInnen nach Hause und suchen einen neuen Arbeitsplatz. Während der späten neunziger und Anfang des neuen Jahrtausends war die Jobsuche jedoch nicht nur dumm sondern auch sinnlos. Häufig lag die Arbeitslosenquote bei über 20%.
Hungrig, verzweifelt und mit der Gewissheit, dass sie keinen neuen Job finden werden, realisierten die ArbeiterInnen, dass sie etwas anderes ausprobieren müssen: sie wollten Arbeitsplätze schaffen und nicht suchen. Wie wir gesehen haben, widerspricht dies ihren früheren Erfahrungen gänzlich. Diese Veränderung fordert von ihnen sowohl einen emotionalen als auch einen symbolischen Preis. Sie müssen mit den RichterInnen diskutieren, mit der Polizei kämpfen und vom Lohn ihre(r,s) EhepartnerIn leben. Der Kampf raubt den Großteil ihrer Freizeit und führt manchmal gar zu Scheidungen. Die ArbeiterInnen von Zanón – eine der größten Fabriken – haben z. B. mittlerweile eine(n) PsychologIn zur Hilfe hinzugezogen. Die meisten Gewerkschaften raten ihnen [den ArbeiterInnen; Anm. d. Ü.]aufzugeben, das geringe Geld, das ihnen angeboten wird, anzunehmen und einen kleines Geschäft neben den anderen tausend Läden zu gründen, die den ebenfalls entlassenen NachbarInnen gehören. Aus diesen Gründen entscheiden sich auch fast nur die Älteren, bis zum Ende zu kämpfen: sie wissen, dass es ihre letzte Chance ist, weil niemand anderes sie noch einmal einstellen wird. Es sind lediglich die verzweifelten Bedürfnisse, die einige dazu treiben, den Kampf zu beenden.
Doch heute ist die Verzweiflung nicht allein. Hoffnung verbreitet sich unter den ArbeiterInnen: als ArbeiterInnen sich wieder Stahl- und Kristallfirmen, Druckereien, Schulen, Kliniken, Anlegebetriebe, etc. zurückholten, wurde anderen bewußt, das solche Schritte möglich sind. Dies war eine große Hilfe für jene, die keine andere Option mehr sahen und sich an diese Hoffnung klammerten wie Schiffbrüchige an ein Stück Holz.
Die Kooperativen entwickelten sich außerdem zu einer geeigneten Drohung für die FabrikeigentümerInnen. Rings um die wieder angeeigneten Fabriken tendieren die BesitzerInnen dazu, die Löhne ihrer ArbeiterInnen pünktlicher zu zahlen. In der Tat war die Gründung einer Kooperative nur ein Druckmittel. Erst als die ArbeiterInnen sich mit der Idee anfreundeten, selbst das Unternehmen zu führen, ihre eignen Chefs zu sein und über ihre Löhne selbst entscheiden zu können, gab es kein Zurück mehr. Als sie dann die Selbstkontrolle und die Sicherheit spürten, nicht mehr entlassen zu werden, reichte ihnen plötzlich die pünktlich Zahlung der Löhne nicht mehr aus.
Der Kampf ist schonungslos. Die ArbeiterInnen ertragen Hunger, sie mutieren zu Zombies, die auf den Fluren der Gerichte und Parlamente herumschleichen, sie müssen Produktionspläne, Käuferlisten erstellen, usw.. All dies erfordert jede Menge Zeit und Geduld. Den Großteil ihrer Zeit verbringen sie jedoch damit, in der still gelegten Fabrik auf die nächste Gerichtsentscheidung zu warten, nur um zu erfahren, dass sie noch einmal von vorn beginnen müssen. Für gewöhnlich haben sie kein Strom und kein Gas, so dass sie frieren müssen während sie von den Nahrungsmitteln leben, die ihnen von anderen ArbeiterInnen und NachbarInnen gebracht werden - wenn sie Glück haben. Der Prozess kann Monate, Jahre oder noch länger dauern. In diesen Zeiten des Wartens sind die Versammlungen, die darüber entscheiden, was gemacht wird, wie der Kampf fortgesetzt wird und wie sie sich weiterhin organisieren, ihre Hauptbeschäftigung. Diese Versammlungen sind ihre Schlüsselaktivität. Dort leben sie die Form der Demokratie, die ihnen erlaubt, die Firma selbständig zu leiten.
Diese ArbeiterInnen sind seit jeher ein Teil der hierarchischen Maschinerie gewesen, die auf ihre Gedanken nicht angewiesen ist, und sich somit auf ihre Wahrnehmung negativ auswirkte. Ihnen wurde gesagt, dass sie nicht denken müssten. Die befragten UnternehmerInnen vertraten sogar entgegen allen gegenteiligen Anzeichen die Auffassung, dass die ArbeiterInnen nicht in der Lage sein würden, eine Firma zu leiten.
Die ArbeiterInnen waren nun plötzlich gezwungen zu beweisen, dass sie doch in der Lage sind, dass ihre Meinungen zählen und dass sie einen Stimme haben. Dies ist ein enormer, schwer zu bewältigender Sprung. Einer der Männer, die die ArbeiterInnen einer Stahlfabrik unterstützen, fragte mich einmal, „wie es uns gelingt, die ArbeiterInnen daran zu hindern, immer „ja“ zu sagen, wenn eine(r) der ehemaligen VorarbeiterInnen etwas sagt? Das haben sie leider Jahrelang so gemacht“. Aber auch wenn es ihnen nicht leicht gefallen ist, begannen einige ArbeiterInnen, den Raum zu füllen, der sich nun für Meinungen auftat, und zu spüren, das es etwas normales ist, die eigene Meinung zu äußern. Sie wußten allerdings auch schon, was passiert, wenn sie Entscheidungen delegieren (an andere abtreten). Trotz den eigenen Erfahrungen, trotz der eigenen Praxis, die sie ihr gesamtes Leben lebten und die sie formte, wachten einige auf. Und als sie die Augen aufschlugen, entwickelten sie sich zu einem Beispiel für ihre companeros, ihre NachbarInnen und ihre MitarbeiterInnen. Vielleicht ist dies der Beginn einer tiefgreifenderen und realeren Veränderung.
Nach nur wenigen Monaten des Kampfes, haben sich die ArbeiterInnen bereits verändert. Sie sind der Ansicht, alles selbst erledigen zu können. Dieses Gefühl gewinnt zudem weiter an Stärke, wenn sie mit der Produktion anfangen. Sie wissen, dass sie jeder Fehler ebenso viel kosten wird wie der zuvor. Sie schultern weitaus mehr Verantwortung und müssen mit ihr umgehen. Und wenn sie die Verantwortung übernehmen, wirkt sich dies direkt auf die Produktivität der Fabrik aus. Es gibt keine Bosse, die betrogen werden können.
Aber ist das schon alles? Lediglich ein paar demokratische Gruppen auf dem wilden Markt, die unfähig sind, noch andere Bereiche zu verändern? Es gibt zahlreiche Antworten auf diese Fragen. Einige ArbeiterInnen erreichen vielleicht nur diesen Punkt: sie wissen, dass sie zusammen halten müssen, um gegen den Wettbewerb und das Böse dort draußen zu kämpfen. Aber andere können nicht plötzlich aufhören, wenn der Moment erst einmal gekommen ist. Diese helfen auch in anderen kämpfenden Fabriken: sie leihen Geld, öffnen Kulturzentren zum Wohle ihrer Nachbarn und fordern Veränderungen des rechtlichen Rahmens, damit die ArbeiterInnen insolventer Firmen automatisch ihre neuen Manager werden können.
Während eines Interviews mit dem Vorsitzenden der Nationalen Bewegung Besetzter Fabriken, Eduardo Murúa, befragte ich ihn zum Engagement in den wiedererlangten Fabriken. Er war nicht sonderlich optimistisch, da nur einige wenige ArbeiterInnen aktiv würden: „Wir können sie nur um Hilfe für die anderen bitten. Aber wenn sie nichts unternehmen, ist es ihre Entscheidung und wir werden sie akzeptieren.“ Er ist sich darüber im klaren, dass grundlegende Unterstützung nur durch Beispiele geschaffen wird. Fabriken, gute oder schlechte, sind autonom und sie nähren ihre Autonomie wie ihre wertvollste Brut. Diejenigen, die nach dem Kampf die Macht an andere wegdelegieren, haben normalerweise dafür bezahlt.
Wie weit werden sie kommen?
Eine angemessene Antwort ist nicht leicht zu finden. Einige haben es bereits sehr weit gebracht. Andere sind lediglich kleine Unternehmen, die versuchen, ihre Gewinne zu maximieren und den Konsumtraum zu träumen, den die Öffentlichkeit ihnen mit Bedacht auferlegt hat. Und wieder andere haben sich in Werkzeuge politischer FührerInnen verwandelt.
Beinahe jede Woche eröffnen ArbeiterInnen neue Firmen. Mittlerweile sind über 200 Fabriken wieder in der Hand der ArbeiterInnenschaft. Ihre wirtschaftliche Kraft ist nahezu unbedeutend, aber ihr symbolischer Wert ist unbezahlbar. Einige politische Parteien bemühen sich, Firmen aus politischer Überzeugung zu gründen, obwohl fast alle besetzten Fabriken das Ergebnis weniger Möglichkeiten und der Hoffnung sind, den andere angeeignete Firmen ausstrahlen.
Andererseits dreht sich momentan der Wind. Die argentinische Gesellschaft scheint, das Gemeinschaftsgefühl der vergangenen Jahre verloren zu haben. Die Mittelklasse beschwert sich schon wieder darüber, dass piqueteros (organisierte Arbeitslose) die Parks verschmutzten und die Straßen zerstörten, die sie für den Weg zur Arbeit benötigten. Der neue Präsident hält die meisten Fahnen, die während des sozialen Aufstandes gehißt wurden, in seinen Händen. Doch obwohl das soziale Klima besser als vor vier Jahren ist, ist es schwer, eine Prognose für die Zukunft zu erstellen. Die bankrotten Firmen werden wieder attraktiver, seitdem sich die Wirtschaft erholt.
Und genau vor diesem Hintergrund muss nun die zweite Welle der Veränderung einsetzen. Die erste Welle zeichnete sich durch die Besetzung der Fabriken und die Übernahme der Kontrolle durch die ArbeiterInnen aus – dies kann bereits als ein beachtenswerter Erfolg eingeschätzt werden, wenn das Moment erhalten wird. Mit der zweiten Welle werden sich die ArbeiterInnen entscheiden müssen, ob sie weiterhin Teil desselben Systems bleiben wollen, das sie bei der ersten Gelegenheit rausschmiss, als es eng wurde, oder ob sie den Kampfgeist lebendig halten und die Kämpfe von morgen inspirieren wollen. Sie können beweisen, dass Bosse nicht notwendig sind. Heute haben sie ihre Praxis verändert, jetzt müssen sie den anderen nur noch zeigen, dass es möglich ist. Die Tatsache, dass dieses Dilemma real ist, veranschaulicht einen großen Sprung vorwärts. Trotzdem fällt es schwer, die Finger nicht zu kreuzen, in der Hoffnung, dass sie diejenigen sind, die dem Rest der Gesellschaft zeigen, dass es möglich ist.
Übersetzung aus dem spanischen ins englische: Dina Khorasanee
*Esteban Magnani ist Autor des Buches „El cambio silencioso. Empresas y fábricas recuperadas por os trabajadores en Argentina“. Es wurde in Argentinien von Prometeo veröffentlicht. Kontakt unter: emagnani@hechoenbsas.com
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