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Biddu: Kampf der Mauer

von Tanya Reinhart

08.05.2004 — ZNet Kommentar

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Biddu ist ein wunderschönes palästinensisches Dorf, umgeben von Wein und Obstgärten. Es liegt einige Meilen östlich der israelischen Grenze von 1967. In den vergangenen Monaten ist das Dorf, das mit seinen israelischen Nachbarn selbst noch während der jetzigen Intifada in Frieden lebte, zu einem weiteren Symbol in der Geschichte Israel-Palästinas geworden. Biddus Unglück: Das Dorfland - und das anderer kleiner Palästinenserdörfer in der Nähe - grenzt an den sogenannten „Jerusalem-Korridor“. Darunter versteht man eine Reihe israelischer Wohngebiete im Norden Jerusalems. Besäße Israel Kontrolle über dieses Land, es hätte territoriale Kontinuität – „palästinenserfrei“ - vom ‚Korridor‘ bis zur Siedlung Givat Zeev. Givat Zeev wurde tief in die besetzte Westbank hineingebaut, bis nahe Ramallah. Es ist genau die Art Land, die man „nicht aufgibt“ – im großen Annexionsprojekt Scharons und der israelischen Armee. Aus diesem Grund sperrt Israel die Dorfbewohner in eine Ummauerung und krallt sich ihr Land. Biddu und den zehn Dörfern ringsum lässt man keine Alternative - außer stillhalten und zusehen, wie die Obstgärten, die man von Generation zu Generation gehegt hat, zu Bauerwartungsland für den Jerusalem-Korridor werden. Doch anstatt zu gehorchen, schloss sich das Dorf Biddu mit seinen Nachbardörfern zusammen, um das eigene Land zu verteidigen.

In der Westbank, entlang des Mauerverlaufs, hat sich ein neues Modell des Volkswiderstands herausgebildet. Das ganze Dorf - Männer, Frauen und Kinder – geht hin, alle platzieren ihren Körper zwischen ihrem Land und den Bulldozern. Ein Grundprinzip dieser Form des Kampfes ist die Gewaltfreiheit. Waffengebrauch ist strengstens verboten. Zudem merkt man, dass die Gemeinden bemüht sind, die Jugend vom Steinewerfen abzuhalten. Ein weiteres Prinzip dieses Widerstands: Es ist ein gemeinsamer Kampf – Palästinenser und Israelis. Schließlich sind deren Schicksal und Zukunft miteinander verwoben. Wie in anderen Gebieten der Mauer so haben auch die Menschen von Biddu die Israelis aufgerufen, sich ihnen anzuschließen. „Erhebt die Stimme der Vernunft, die Stimme der Logik – damit sie die Geräusche der Kugeln, die Geräusche der Unterdrückung übertönt...“, schrieben sie in einem offenen Brief an die (jüdischen) Siedlungen und die israelischen Wohngebiete der Umgebung. Und die Israelis antworteten – angefangen bei jungen Anti-Mauer-Aktivisten bis hin zu den Nachbarn aus (der jüdischen Siedlung) Mevaseret Tzion, im Jerusalem-Korridor. 30 Leute aus Mevaseret Tzion schlossen sich zudem einer Beschwerde an, die die Dörfer beim Obersten Gerichtshof Israels einreichten – eine Beschwerde gegen die Aneignung ihres (Dorf-)Landes. In den Augen des Militärs gibt es nichts Gefährlicheres als dieses neue Modell – Palästinenser und Israelis demonstrieren gemeinsam. In Biddu hat die Armee jetzt schon Heckenschützen auf den Dächern postiert. Die Armee setzt scharfe Munition ein und hat bereits 5 Palästinenser getötet und dutzende verletzt. Nach Medienberichten und Protesten hat die Armee zwar den Einsatz scharfer Munition reduziert – nicht jedoch die Gewalt. Am 17. April wurde Rabbi Arik Ascherman in Biddu verhaftet. Er hatte versucht, ein palästinensisches Kind zu schützen, das auf die Motorhaube eines Militärjeeps gebunden wurde*.

Als Reaktion auf die Gewalt der Armee riefen die Frauen von Biddu zu einer leisen, kleinen Protestdemonstration auf, an der nur Frauen teilnehmen sollten – Sonntag, den 25. April. Auch rund 30 israelische Frauen kamen – Frauen unterschiedlichen Alters, aus sehr unterschiedlichen Berufen. Wir trafen uns in Biddu mit den palästinensischen Frauen und Frauen von internationalen Organisationen, die in den besetzten Gebieten tätig sind. Ein stiller Protestmarsch startete, es waren weniger als 100 Frauen, mit Plakaten. Kein Mann in Sicht, auch keine Kinder, die vielleicht hätten Steine werfen können. Wir stellten also keine irgendwie geartete Bedrohung dar. Die Armee interessiert das allerdings nicht. „Wir werden diese Demonstration nicht erlauben“ – teilte uns eine Uniformstimme mit. Sofort danach gab es Tränengas und Schockgranaten. Ich blieb paralysiert stehen, beobachtete die Szene wie halluzinierend. Mitten im Nebel aus Rauch und Tränengas standen ein paar Frauen noch immer aufrecht. Stumm hielten sie den Soldaten ihre Plakate entgegen. Auf einmal brechen aus dem Nebel berittene Krieger hervor, sie reiten in die Frauen mit den Plakaten hinein. Ich habe schon Polizisten auf Pferden gesehen – ein anderer Anblick. Mir war tödlich bewusst, diese Schlagstöcke wollen Knochen brechen. Molly Malekar, Direktorin der Organisation Bat-Schalom, bezahlte ihren stillen Protest gegen die Armeegewalt mit einer gebrochenen Schulter und einem massiven Schlag auf den Kopf. Die Armee blockt jede Form des Protests ab. Inzwischen ist es nicht einmal mehr erlaubt, nur einfach still mit Plakaten dazustehen. Das gilt nicht nur für Palästinenser. Aus Sicht der Armee bleibt auch uns Israelis keine Alternative – außer still mitanzusehen, wie unser Land sein menschliches Antlitz verliert. Israel ist offiziell immer noch eine Demokratie. Also ist es nicht zulässig, dass die Armee die Instanz ist, die entscheidet, wo die Grenze der Demonstrationsfreiheit verläuft. Eine unabhängige Untersuchungskommission muss gebildet werden, die die Armeegewalt in Biddu untersucht und die Verantwortlichen vor Gericht bringt.

Anmerkungen

Dieser Artikel ist am 5. Mai 2004 in Yediot Aharonot erschienen. Aus dem Hebräischen von Netta Van Vliet. T. Reinharts Homepage: http://www.tau.ac.il/~reinhart

Mehr Information zu Biddu: ‚Fighting the Fence‘ von Gideon Levy: http://www.zmag.org/content/showarticle.cfm?SectionID=22&ItemID=5101

Anmerkung der Übersetzerin

*Ein Foto im ‚Stern‘ 19/2004, S. 21, zeigt, wie der 13jährige Muhammed Badwan aus Biddu zwei Tage zuvor in gleicher Weise auf die Motorhaube eines israelischen Militärjeeps gefesselt wurde. Neben dem Foto steht: „Der Protest war friedlich, bis die Polizei Tränengas in die Menge schoss und einige Palästinenser mit Steinen antworteten. Die Polizisten griffen sich den Jungen und banden ihn auf der Motorhaube (zwei Stunden) fest“. „Gemeinsam mit mehr als 500 Palästinensern, israelischen und ausländischen Friedensaktivisten hatte Muhammed am Donnerstag... gegen den Verlauf des Sperrzauns bei Biddu nordwestlich von Jerusalem demonstriert“.

Übersetzt von: Andrea Noll
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