Bolivien für AmerikanerInnen
von Saul J. Escalera
19.12.2003 — ZNet
John Doe ist ein junger und entschlossener Texaner, der sich in der in der Armutsregion seines Staates niedergelassen hat. Sein Traum, Ackerland zu besitzen, ist erfüllt worden, deshalb sind er und seine Familie (Frau und zwei Kinder) EigentümerInnen von 500 Acre (1 Acre = 4046,8 qm) Nutzland. Allerdings reicht das Wasser der Region zur Bebauung nicht aus, weil es keine Flüsse gibt, die permanent Wasser liefern. GeologInnen sagen ihm, dass enorme Grundwasservorräte in der Region gebe und es nur einiger Arbeit bedürfe, um Brunnen auszuheben, sie anzulegen und somit das Problem zu lösen. Mit großer Opferbereitschaft und viel Schweiß gräbt John ein tiefes Loch, das ihm ermöglicht, soviel Wasser von exzellenter Qualität für seinen eigenen Bedarf und für Bewässerungsanlagen zu fördern, dass er ohne Bedenken auch seine Nachbarn den Wasserzugang zur Verfügung stellen kann.
Johns Bemühungen werden mit Erfolg belohnt, denn das Wasservorkommen des Brunnens ist so groß, dass er nun intensive Landwirtschaft sowie Forstwirtschaft betreiben, Pferde und Vieh züchten und andere Produktionsarten austesten kann, um nachhaltige Arbeitsquellen und ein qualitativ besseres Leben für ihn und seine Familie zu schaffen. Vielleicht, denkt John, werde er Leute aus dem Bezirk anstellen müssen, um mehr und qualitativ hochwertigere Produkte für die Märkte, und mit ein wenig größerem Aufwand, für den Export in andere Staaten herzustellen.
Eines Tages spricht bei John ein Mensch vor und behauptet, ein Angestellter der Regierung zu sein. Er teilt John mit, dass Mr. Smith, der texanische Gouverneur, mit der kalifornischen Gesellschaft „Schwimmbecken & Springbrunnen“ einen Vertrag unterzeichnet habe, demzufolge alle Wasserressourcen der Region nun Eigentum der Gesellschaft seien und dass alle Brunnenbesitzer nun ihre Brunnen an die Gesellschaft übertragen müssten. Die Gesellschaft plane, eine Pipeline zu bauen, mit deren Hilfe das Wasser nach Kalifornien exportiert werden solle, um die riesige Nachfrage der wohlhabenden Besitzer von Eigentumshäusern zu decken, die es für ihre Schwimmbecken und ihre Springbrunnen in den Parks von Hollywood benötigten. Der Preis pro tausend Kubikfuss (TKF) belaufe sich auf 70 Cents am Brunnen und auf 5 U.S. Dollar in Kalifornien. Folglich wird die „Schwimmbecken & Springbrunnen“ Gesellschaft enorme Gewinne machen und immer reicher werden. Die Staatsregierung werde 18% der jährlich von der Gesellschaft erklärten Profite erhalten und die Bürokraten würden eine beträchtliche Summe unter der Hand bereits zuvor für sich behalten. Als Entschädigung bekämen John und seine Nachbarn bloß 11% Patentgebühren für die Ausbeutung des Wassers.
John und seine Nachbarn sind empört, da es sie viel Zeit und Kraft gekostet hat, sich zu entwickeln. Sie berufen eine Dringlichkeitssitzung der Einwohner ein, laden auch ausländische VertreterInnen ein und, gemäß einer guten texanischen Tradition, tragen während des Treffens ihre Revolver im Halftern. Das Treffen dauert einige Tage an und es werden hitzige Debatten geführt. Ein Cowboy sagt in einer Diskussion: „Der Deal zwischen der Staatsregierung und der kalifornischen Gesellschaft ist nicht nur ein Tauschgeschäft sondern es wirkt sich auch politisch, sozial und wirtschaftlich auf die Region aus, da wir das Wasser brauchen, um prosperieren (wirtschaftlich Erfolg haben) zu können. Es ist für uns eine Frage auf Leben und Tot.“ Eine mutige Rancherin zeigt ihre Colts und schimpft: „Die langfristigen sozialen und wirtschaftlichen Vorteile zu ignorieren, die die regionale Verwendung des Wassers für uns haben wird, bedeutet, Texas zu betrügen und unseren Kindern und Kindeskindern eine bessere Zukunft zu stehlen. Zu allererst sollten wir an sie denken!“
Letztendlich schließen die TexanerInnen ein Abkommen und entscheiden sich gegen den Export der Wasserressourcen. Sie fordern den Gouverneur auf, den bereits unterzeichneten Vertrag mit der Gesellschaft für „Schwimmbecken & Springbrunnen“ aufzulösen, weil er ihre Interessen und ihr Wohlergehen verletze. Doch die Regierung schert sich nicht um ihre Forderungen.
Dann leiten die TexanerInnen ein Impeachment- (Absetzungs-) Verfahren gegen den Gouverneur einl, da es gemäß der texanischen Verfassung ihr Recht ist, ebenso wie der Druck der TexanerInnen (indem sie ihre Revolver und Gürtel zeigen). Schließlich erreichen sie ihr Ziel und der Gouverneur tritt zurück. Ein neuer Gouverneur, Mr Tex Terminator, wird wegen seiner Versprechen vereidigt, „den Vertrag mit der kalifornischen Gesellschaft aufzukündigen und die Stube von korrupten PolitikerInnen zu reinigen“. Anschließend kehrt die Normalität wieder ein und John kann seine Pläne wieder aufnehmen, ein erfolgreicher Farmer und Rancher zu werden, der auch ausreichend Arbeit für andere TexanerInnen hat und die Region fördert.
Moral: „TEXANERINNEN SIND KEINE WEICHEIER [...] - UND BOLIVIANERINNEN?
Anmerkung: Die beschriebene, fiktionale Geschichte gibt die aktuelle Situation der BolivianerInnen mit Blick auf ihre Erdgasvorkommen wieder, die von multinationalen Konzernen aus den USA und Europa begehrt werden.
Anmerkung: Jegliche Ähnlichkeit zwischen texanischem Wasser und bolivianischem Erdgas in dieser Geschichte sind reiner Zufall.
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