Brief aus dem haitianischen Gefängnis
von Gerard Jean-Juste
24.01.2006 — ZNet
"Keine leichte Sache, mich mit Euch über die Medien kommunikativ in Verbindung zu setzen. Meine Gefängniswärter verbieten es. Die Order kommt vom Big Boss, von Haitis Unsichtbarem.
Mit gebrochenem Herzen habe ich die meisten der großen Ereignisse auf Haiti mitverfolgt. 2005 war ein sehr hartes Jahr für Haiti. Eine Tragödie nach der andern. Wir haben es überlebt - dank sei Gott, in Eurem und in meinem Namen.
Und mit Gottes Gnade werdet Ihr und ich und alle Männer und Frauen guten Willens unser Bestes tun, um das Leben auf Haiti viel, viel besser zu gestalten, so meine Hoffnung.
Meine Gesundheit lässt mich im Stich. Einige Ärzte sagen, ich leide an Leukämie, einer Form von Krebs, bei der körpereigene Zellen angegriffen werden. Ohne Behandlung könnte ich schon bald sterben. Aber meine Unterstützer in Haiti und auf der ganzen Welt machen weiter Druck. Andere bitten den lebendigen Gott um Hilfe, mit Tränen in den Augen. Leider glauben auch Einige, ich würde mich nur verstellen. Sie wünschen mir den Tod.
Für mich zählt nicht, was wer über mich denkt. Mein Motto lautet: Tue Gottes Willen. Am 7. Februar feiere ich meinen 60. Geburtstag. Ich glaube, ich hatte viel Glück in meinem Leben. Die meisten meiner haitianischen Landsleute sterben zwischen 45 und 55. So gesehen bin ich schon jetzt die Ausnahme.
Bevor ich diese Welt verlasse, nutze ich die Gelegenheit - wenn ich kann -, um das Thema Tod anzusprechen. Wir alle müssen gehen. Leider hinterlasse ich Euch eine Menge Arbeit. Aber es ist mein Glaube, dass Gott immer neue Arbeiter in seinen Weinberg beruft. Hinzu kommt, wenn ich oben im Himmel ankomme, werde ich die Mitglieder der himmlischen Familie treffen, ich werde genug zu tun haben, macht Euch nur keine Sorgen um mich. Während ich dieses Kommunique hier schreibe, kommen gerade ein paar Menschen, ein paar Freunde, herein. Weinend treten sie in meine Zelle. Tränen laufen über ihre Wangen. Ich fühle mich schlecht, aber was kann ich tun?
Wer in Christus - dem auferstandenen Christus - stirbt, ist nicht tot. Es ist nicht das Ende des Lebens, nur ein notwendiger Übergang von der Erde in den Himmel. Dank Jesus kann ich mich auf das glorreiche Leben im Himmel freuen, es entdecken. Viele Vorfahren, Freunde, Verwandte, meine Eltern, Märtyrer, Freiheits- und Gerechtigkeitsliebende und Leute, die sich militant eingesetzt haben, werden mich begrüßen.
Jesus hat einmal gesagt, sorgt Euch nicht um mich, sorgt Euch um Euch selbst, dem schließe ich mich an. Ihr habt etwas zu leisten. Noch fehlen Euch die Mittel oder sie sind Euch verborgen. Ich bitte Euch, hört auf Gott, nehmt seine Botschaft voller Freude in Euer Leben auf und mit ihr nehmt Gottvater, Gottsohn und den Heiligen Geist in Euch auf. So werdet Ihr eine bessere Welt schaffen.
Öffnet Euren Verstand, Euren Geist und Euer Herz. Seid kreativ, um den Reichtum dieser Erde zu nutzen, damit ihr einander ein besseres Leben beschert. Ja, Ihr könnt es. Ja, wir können es. Lasst Liebe triumphieren! Teilt die Früchte der Liebe. Glückliche Tage, das wünsche ich allen.
Zum Schluss möchte ich Euch sagen, dass ich als Christ an Wunder glaube. Ich glaube an individuelle Wunder und kollektive Wunder. Bei Gott ist nichts unmöglich. Gott könnte mich berühren, so dass ich noch einige Jahre in Eurer Mitte lebe. Er könnte aber auch durch Ärzte wundersam wirken und so seine Wunder bewirken. Friede sei mit Euch! Gebt Euer Bestes! Gottes Wille geschehe."
Der katholische Priester Pater Gerard Jean-Juste ist seit Juli 2005 in Haft.
Anmerkung d. Übersetzerin
Zur Situation und den Hintergründen siehe folgender aktueller Amnesty-Bericht: www.amnestyinternational.be/doc/article6707.htmlDemocracy Now brachte im Dezember 2004 ein längeres Interview mit Pater Jean-Juste zur Situation auf Haiti: www.democracynow.org/article.pl?sid=04/12/20/154247
Ein halbes Jahr später wurde Pater Jean-Juste erneut verhaftet
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