Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Artikel Brokeback Mountain
Artikelaktionen

Brokeback Mountain

von Michael Bronski

14.03.2006 — Z Magazine

— abgelegt unter:
Nun ist es amtlich: Mit acht Oscarnominierungen – unter anderem für Bester Film, Beste Regie, Beste Kameraführung, Bester Hauptdarsteller und bester Nebendarsteller[1] – ist Brokeback Mountain der Überraschungshit des Jahres. Ja, der Film über zwei schwule Cowboys ist nicht nur ein beachtlicher Kassenschlager, sondern auch zum Dreh- und Angelpunkt kultureller Beklemmung über Homosexualität geworden. Jay Leno[2] reißt Witze darüber, das Magazin New Yorker hat einen Cartoon gebracht, und sogar G. W. Bush sah sich während einer Pressekonferenz Fragen zu dem Film ausgesetzt.

Das alles ist recht seltsam. Natürlich, der Film ist gut gemacht und Ang Lee ist ein exzellenter Regisseur. Aber normalerweise würde ein solcher Film ein kleines, geneigtes Publikum anziehen und vielleicht einen Preis für Beste/r/s Irgendwas gewonnen haben. Stattdessen ist der Film beim Stand erster Februar für über 90 Filmpreise nominiert worden, von den Filmfestspielen in Venedig bis zur Preisvergabe der Boston Society of Film Critic, und hat auch viele der Preise gewonnen. Offensichtlich handelt es sich um einen Film, der viele Menschen berührt hat. Aber warum? Weil es sich um eine Geschichte über schwule Cowboys handelt? Oder um eine Geschichte über hoffnungslose Liebe? Eine Geschichte über die Unmöglichkeit von Glücklichkeit? Eine Geschichte über Homophobie?

Den Handlungsrahmen kennt inzwischen jeder. Jack Twist (Jake Gyllenhaal) und Ennis Del Mar (Heath Ledger) sind Cowboys, die über den Sommer den Job bekommen, eine Herde Schafe auf dem Brokeback Mountain zu weiden. Sie sind hetero, arm und aus dem Westen, trinken und scherzen und haben schließlich Sex miteinander. Aber nicht nur Sex. Letztendlich verlieben sie sich so wahnsinnig einander, dass sie füreinander bestimmt erscheinen. In den Worten des Untertitels: „Liebe ist eine Naturgewalt.“

Sie verlassen schließlich Brokeback Mountain und setzen ihr Leben fort – sie heiraten, haben Kinder und Jobs, die sie hassen. Doch treffen sie sich mehrmals im Jahr für intensive Liebesfeiern auf dem Brokeback Mountain. Nach zwanzig Jahren stirbt Jack und Ennis bleibt traurig und einsam zurück. Nicht gerade die erhebende Liebesgeschichte, aber im Bereich der tragischen Liebe vollkommen stimmig.

Alle Kritiker – sowohl in der schwulen wie heterosexuellen Presse – haben den Film als eine klassische Liebesgeschichte gelobt. Aber ist es eine schwule Liebesgeschichte? Hier ein Satz, der in einer sehr wohlwollenden Kritik im Gay Chicago Magazine vorkam: „Nachdem sie sich das erste Mal als Liebespaar zusammengefunden hatten, schicken beide Männer sich dazu an zu erklären, dass sie nicht „schwul“ [„queer“] sind, und in der Tat entspringt ihr sexuelles Band eher aus Einsamkeit und Isolation denn aus irgendetwas anderem.“ Abwandlungen dieses Satzes sind im Mainstream weit verbreitet.

Was mir seltsam vorkommt, ist, dass die Botschaft in den Kritiken zu sein scheint, dass die Leidenschaft zwischen den beiden Männern weniger auf Verlangen und Begehren basiert denn auf „Einsamkeit“, „Isolation“ und diesen eisigen Nächten draußen in der Prärie bei den Schafen. Aber die Kurzgeschichte von E. Annie Proulx, auf der der Film letztendlich beruht, gibt keinen Hinweis darauf, dass das Begehren dieser Männer mit Isolation zusammenhängt.

Sie betrügen ihre Frauen über Jahre hinweg und können nicht voneinander lassen. Doch werden ihre sexuellen Begegnungen in vielen Kritiken als dringend und doch zufällig geschildert. In der Tat loben manche Kritiken den Film für die Abwesenheit explizit sexueller Inhalte. Zum ersten Mal in der Geschichte Hollywoods wird von der Abwesenheit von Sex Gebrauch gemacht, um einen Film zu verkaufen!

Der Film wird von Publizisten zimperlich behandelt, weil man – sogar noch 2006 – annimmt, dass es kein großes Publikum für eine schwule Liebesgeschichte gäbe. (Das Studio gibt heterosexuelle Frauen als die Zielgruppe des Films an.) Selbst da die Mainstreamkultur[3] Homosexualität bei Männern aufgeschlossener gegenüberstehen mag, würden heterosexuelle Zuschauer lieber die queenhaften Possen der Fanta Fünf von „Queer eye for the straight guy“[4] sehen wollen als Ledger und Gyllenhaal.

Warum dieser riesige Anklang? Ich würde vermuten, dass das viele Interesse eine Antwort auf den Kampf um die Schwulenehe darstellt; dass das gemischte Echo in den Kritiken sinnbildlich für die tiefe Trennung steht, die in unserer Kultur nicht nur angesichts der Schwulenehe, sondern auch von Homosexualität im Allgemeinen besteht. Diese Zwiespältigkeit ist auch Teil von der Story von Brokeback Mountain: Schwule Liebe und Verlangen existieren und sind berechtigt, aber sie sind auch tragisch, zum Scheitern verurteilt und meistens nicht sichtbar.

Die Widersprüche, die wir bei der Vermarktung und in den Kritiken von Brokeback Mountain finden, sind identisch mit der Art und Weise, in der Menschen aus der sogenannten Mainstreamkultur schwule Männer betrachten: Nicht so sehr im pathetischen alten Stile als gefährliche Verursacher sozialen Unfriedens, sondern als interessante Wesen, die zu tragischer Liebe verdammt sind. Öffentliche Meinungsumfragen, die zeigen, dass Schwule zunehmend anerkannt und akzeptiert werden, zur selben Zeit, in der Wähler in die Wahlkabine treten, um Verfassungskorrekturen[5] durchzusetzen, die in vielen Fällen nicht nur die Schwulenehe unterbinden würden, sondern auch die meisten anderen öffentlichen (und teilweise auch privaten) Formen der Anerkennung von Partnerschaften.

Das Problem, das vielen rechten Heterosexuellen durch die Schwulenehe entstand, war nicht so sehr juristischer als vielmehr körperlicher Natur. Wie eine Faszination über Schwule unterbringen neben unterliegendem Misstrauen und Furcht vor sexueller Unterschiedlichkeit? Wenn man in die Formel noch den Fakt einbringt, dass die meisten Leute auf irgendeiner Ebene unzufrieden sind, weil ihre heterosexuelle Ehe und ihr heterosexuelles Leben eben nicht dem idealistischen romantischen Bilde entspricht, die ihnen Hollywood verkauft (hat), ist das Potenzial für soziales und physisches Unbehagen sogar noch größer.

Die Lösung ist eine Reise zum Brokeback Mountain, wo die Männer schön sind, die Gefühle hoch schlagen, und am Ende niemand glücklich ist. Das ist die Hollywoods „ideales“ Bild von homosexuellen Beziehungen für Leute, die von Hollywoods traditionellem Bild von heterosexuellen Beziehungen enttäuscht worden sind.[6]

Anmerkungen des Übersetzers:

[1] Der Film bekam schließlich die drei Oscars für Beste Regie, Bestes adaptiertes Drehbuch und beste Filmmusik.
[2] James Henry Muir-Leno (*1950), amerikanischer Komiker and Talkmaster
[3] „Mainstream“ hat im Deutschen nur die sehr ungefähre Entsprechung „Mitte“, sodass man „Mainstreamkultur“ mit „Kultur der Mitte“ oder etwas tendenziös mit „Leitkultur“ übersetzen könnte, insofern es nicht unbedingt die Kultur der Allgemeinheit, sondern die Kultur für die Allgemeinheit sein dürfte, wie sie zum Beispiel im Lesben- und Schwulenbild von Seifenopern zum Ausdruck kommt.
[4] „Schwules Auge für den heterosexuellen Typen“: einstündige Fernsehsendung, in der fünf schwule Mode-, Verhaltens- etc. -experten einen Heten auf ein bestimmtes gesellschaftliches Ereignis (z.B. Hochzeit, Rendezvous) vorbereiten
[5] „constitutional amendment“ wird meist mit „Verfassungsänderung“ übersetzt, was aber übergeht, dass sich im Amerikanischen ein Euphemismus durchgesetzt hat.
[6] Im Original “It’s the perfect Hollywood homosexual fantasy for people who’ve been disillusioned by the traditional Hollywood heterosexual fantasy.” Man sieht, dass ich mich in meiner Übersetzung sehr festlegen musste, um den von mir empfundenen Sinn dieses Satzes im Deutschen lesbar zu machen.

Orginalartikel: Dieser Artikel ist im Orginal nicht online verfügbar.
Übersetzt von: Benjamin Brosig
Artikelaktionen