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Brukman Arbeiterinnen kämpfen weiter für ihre Fabrik

von Marie Trigona

09.06.2003 — ZNet

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"Was wir fordern, ist weder würdelos oder illegal, wir fordern etwas würdevolles - Arbeit, Gesundheitsversorgung, Ausbildung und Wohnungen" verdeutlicht Elisa, eine der 55 Arbeiterinnen des Brukmanbetriebs, einer Textilfabrik in Buenos Aires, die von den Arbeiterinnen besetzt und selbst verwaltet wurde. Am 18. April 2003, 16 Monate nach der erneuten Besetzung des Firmengeländes, entsendete die Regierung hunderte PolizistInnen, um die Arbeiterinnen und ihr Beispiel eines sozialen Kampfes aus dem Weg zu räumen. Sie kämpfen nun mit einer anhaltenden Kampagne gegen den Verlust ihrer Arbeitsplätze und für eine Bewegung, die sich für eine würdevolle Arbeit einsetzt, um ihre Fabrik wieder zurück zu erlangen.

Brukman ist nur eine von 200 erneut besetzten Firmen und Fabriken, die vor noch nicht allzu langer Zeit 15.000 ArbeiterInnen beschäftigten. Während jede dieser Fabriken unterschiedlichen Verhältnissen ausgesetzt ist, kämpfen die Brukman- Arbeiterinnen für die Enteignung der Inhaber durch den Staat, damit die Produktion unter der Selbstverwaltung/-organisation fortgeführt werden kann. Tausende NachbarInnen, StudentInnen und AktivistInnen, die sich in öffentlichen Versammlungen organisieren, die Arbeitslosenbewegung und die Beschäftigten anderer besetzter Fabriken und Unternehmen mobilisieren stetig mehr Menschen, um Brukman zu verteidigen.

Argentiniens fehlgeschlagenes, neoliberales Wirtschaftskonzept führte zur Schließung Tausender Fabriken und Unternehmen, was zur Folge hatte, dass 44% der aktiv arbeitenden Bevölkerung entweder arbeitslos wurden oder unter Unterbeschäftigung zu leiden haben. Dieses Entwicklungsmodel (Privatisierungen, die Abhängigkeit von ausländischem Kapital, ein an den U.S. Dollar gebundener Peso und die drastischen Einschnitte in das Sozialsystem) fördert ein unglaubliches Ausmaß an Korruption und beispiellosen, eine Gesellschaft zersetzenden Auswirkungen. Gegenwärtig leben in Argentinien 58% der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze während die Gehälter um 30% gefallen sind und sich die Inflationsrate auf 100% beläuft.

Und trotz dieses offensichtlichen Versagens und der Tatsache, dass sie sich weiterhin an die Leitlinien des Internationalen Währungsfonds hält, behauptet die Regierung, dass sie ihre Visionen geändert habe.

Darüber hinaus hat die Regierung eine repressive (unterdrückerische) Kampagne gegen besetzte Fabriken ins Leben gerufen, um zu versuchen, eine Politik der harten Hand zu demonstrieren. Viele gehen davon aus, dass die Regierung das Ziel verfolgt, die Bewegungen zu schwächen und eine Atmosphäre zu entwickeln, die scheinbar völlig frei von Dissens (Ablehnung, Protest) sein soll, damit die Zuversicht des IWFs in Argentinien wieder hergestellt werden kann. Angesichts der BesitzerInnen, die ihre Fabriken verlassen und erst recht keine neuen Arbeitsplätze in Argentinien geschaffen haben, haben die Brukman- Arbeiterinnen sich dafür entschieden, dieses Model abzulehnen und ihr Recht auf würdevolle Arbeit zu verteidigen.

Die Arbeiterinnen besetzten Brukman am 18. Dezember 2001. Die Besitzer verschwanden, ohne irgendeine Nachricht zu hinterlassen oder Löhne gezahlt zu haben. Seit 1995 sind die Gehälter der Arbeiterinnen immer weiter gesenkt und Monate, bevor die Fabrik besetzt wurde, sind gar keine Löhne mehr gezahlt worden. "An diesem Morgen trafen wir uns mit dem Management, um auszuloten, ob sie uns einen Teil unserer ausstehenden Gehälter auszahlten würden, da sie uns bis dahin erst einmal fünf, dann zehn und schließlich am Freitag zuvor zwei Pesos gegeben hatten", erklärt Alba, die bei Brukman schon seit zwölf Jahren arbeitet. Sie fügt hinzu: "Die Besitzer sagten uns, dass sie kein Geld mehr hätten. Später, nachdem wir einige Zeit gewartet hatten, gingen wir hinunter und zu unserer großen Überraschung fanden wir nur leere Räumlichkeiten vor, lediglich leer gefegte Büroräume." Der Großteil der Arbeiterinnen hatten nicht genug Geld, um nach Hause zu fahren, so dass sie an Ort und Stelle verweilten und auf die Rückkehr des Obmanns und der Besitzer warteten.

Elisa, eine Brukman- Angestellte besteht darauf, dass "wir bewiesen haben, dass ArbeiterInnen imstande sind, eine Firma ohne BesitzerIn, ohne irgendwelche Chefs, zu leiten. Das Einzige, was sie machen, ist, die ArbeiterInnen zu den niedrigsten Löhnen arbeiten zu lassen."

Nachdem sie die Fabrik einen Monat lang besetzt hielten, verkauften die Beschäftigten das Inventar (Bestand) mit dem Ziel, ausreichend finanzielle Mittel zu erhalten, um die Produktion wieder aufzunehmen. Die Arbeiterinnen begannen, sich in offenen Versammlungen und Kommissionen zu organisieren, um sich mit Aufgaben wie der Kontoführung, den Pressebeziehungen und Sicherheitsangelegenheiten auseinander zu setzen. Noch kurz vor der Räumung hatten die Arbeiterinnen beschlossen, fünf neue Arbeiterinnen einzustellen, um aufzuzeigen, dass die Produktion unter den neuen Umständen mehr als nur beschränkt durchführbar ist.

Die Produktion wurde am 18. April gestoppt, nachdem hunderte PolizistInnen mit einer Überraschungsaktion das Gelände räumten. "Sie schickten 600 PolizistInnen, um 4 Arbeiterinnen, die die Fabrik bewachten, abzuführen. Dies ist nicht nur illegal sondern zudem vollkommen irrational (unvernünftig, nicht verhältnismäßig)", sagt die Anwältin Maria Zalamon, die die Fabrik verteidigt. Direkt im Anschluss antworteten die UnterstützerInnen und NachbarInnen mit einer 24 Stunden Wache rund um den von der Polizei aufgestellten Zaun.

Die Polizeioperationen fanden am Montag, den 21. April, ihren Höhepunkt, als die Polizei auf Tausende unbewaffneter ProtestlerInnen gewalttätig übergriff, nachdem vier Brukman- Frauen über den Polizeizaun kletterten und versuchten, die Fabrik zu betreten. "Ich bin eine der vier Frauen, die den Zaun niedergerissen haben. Wir waren gänzlich unbewaffnet, wir besaßen nicht mehr als unsere bloßen Körper", erklärt Celia Martinez. Tränengaswolken und unnachgiebige Schußgeräusche folgten unmittelbar, ausgehend von den PolizistInnen, die sich an der Grenzlinie aufhielten.

7.000 ProtestlerInnen zerstreuten und zogen sich sofort zurück während sie permanent mit Wasserschläuchen, Tränengas, Gummigeschossen und tödlicher Munition sowie Hunden angegriffen wurden. Die Polizei verfolgte die DemonstrantInnen bis zu einer Entfernung von mehr als 30 Blocks, PolizistInnen schlugen sie und nahmen sie wahllos in Haft. Als die ProtestlerInnen sich bemühten, sich gegen die Repressionen zu verteidigen, herrschte eine Atmosphäre des Terrors und der Angst.

"Dies glich einer Operation unter einer Militärdiktatur. Wenn die Arbeiterinnen nicht in die Fabrik zurückkehren können, wird nicht verhandelt", fordert Raul Godoy, einer Arbeiter von Zanon, einer erneut besetzten Keramikfabrik, und beklagt gleichzeitig die Polizeiaktionen. Die Ereignisse der Nacht führten zu 60 Verletzten und 120 Festnahmen.

Miguel Bonasso, ein bekannter Journalist, war einer der Gefangenen. Vor Nachrichtenkameras zeigte er eine verschossene rote Patrone, um zu signalisieren, dass die Polizei von lebensbedrohlicher Munition Gebrauch gemacht hatte. Das Zentrum für Recht- und Sozialstudien (CELS), eine Menschenrechtsorganisation, bezeichnete diese Gewaltanwendung als illegal. Diese Repressionen lösten böse Erinnerungen an Argentiniens schmutzigen Krieg aus, in dem 30.000 Menschen spurlos verschwanden.

"Gerade jetzt tritt die Regierung einen großen Kampf um Fabriken los, die unter der Kontrolle der ArbeiterInnen selbstverwaltet/-organisiert werden. Der Fall Brukman demonstriert, dass, das erste, was die Regierung macht, die von sich behauptet, anti- neoliberal zu sein, die Rückgabe der Fabriken an ihre ehemaligen BesitzerInnen und der Rausschmiß der ArbeiterInnen ist, sobald sich die wirtschaftliche Situation für den Wirtschaftssektor und die BesizterInnen verbessert, die ihre Firmen plötzlich wieder zurückfordern", signalisiert Claudio Katz, ein Wirtschaftswissenschaftler der Universität Buenos Aires. Die Textilindustrie, die unter dem zuvor festgelegtem Wechselkurs nicht wettbewerbsfähig war, erholt sich allmählich. Die Arbeiterinnen zahlten Tausende Pesos für die in der Vergangenheit angefallenen Rechnungen der öffentlichen Versorgungsunternehmen und kauften neue Maschinen, um die Produktion aufrecht zu halten. Die Besitzer, die einst die Fabrik im Stich ließen, sehen nun ein gewinnbringendes Unternehmen vor sich - eines, das unter dem entwerteten Peso liquidiert (wirtschaftlich aufgelöst) worden wäre, wenn die Produktion von den Arbeiterinnen nicht wieder angefahren worden wäre.

Die Besitzer der Brukman Fabrik sind drei Brüder, die drei Textilfirmen leiteten. Trotz hoher Regierungssubventionen behaupteten sie, dass zwei Fabriken bankrott gegangen wären während die ArbeiterInnen und die riesigen Schulden nicht bezahlt wurden. Die öffentlichen Schulden der Inhaber belaufen sich mittlerweile auf 3,8 Millionen Pesos (ungefähr 1,4 Millionen U.S. Dollar) - davon sind 1,8 Millionen an den argentinischen Einnahmendienst, 243.000 U.S. Dollar an die argentinische Nationalbank und mehr als eine Million Pesos an die Regierung der Stadt Buenos Aires zu entrichten. Die Unterlagen aus der Buchhaltung der Brukman Fabrik sind verschwunden seitdem seit 1997 keine Buchführung mehr betrieben wurde, so dass die Bankrotterklärungen durchaus mit einem faulen Beigeschmack versehen sind. Seit Oktober 2000 forderte das zuständige Gericht die Geschäftsbücher der Brukmans, aber die Inhaber kamen dieser Aufforderung bislang noch nicht nach. Die Besitzer der Fabrik bezahlten außerdem die Sozialbeiträge für ihre Angestellten nicht, so dass die Arbeiterinnen folglich für mehr als ein Jahrzehnt keine Rentenansprüche von Seiten der sozialen Sicherungssysteme besitzen.

Die fehlende Bereitschaft der Regierung, sich den Forderungen der Arbeiterinnen im Brukman Konflikt anzunehmen, steht in einem wirtschaftlichen Zusammenhang im Widerspruch zu ihrer früheren Politik. In den 1990er Jahren sind die größten argentinischen Staatsbetriebe privatisiert worden - die Öl-, Kommunikations- und Luftfahrtindustrie wurde ebenso privatisiert wie die Wasser- und Elektrizitätsversorgung und die Bahnbetriebe.

Der ehemalige Präsident (1989 - 1999) und neoliberale König, Carlos Menem, der erst kürzlich von seiner Kandidatur bei der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen zurücktrat, trieb diesen Privatisierungsprozess federführend voran. Claudio Katz beschreibt die argentinischen Privatisierungen als einen Korruptionsprozess, der die nationalen schulden in die Höhe getrieben habe und für die Entlassung Tausender ArbeitnehmerInnen verantwortlich sei. Anstatt die Betriebe für bares Geld zu verkaufen, hätte die Regierung sie im Austausch für öffentliche Schuldtitel übergeben. Die Industrien wären so privaten InvestorInnen ausgehändigt worden, die sich auf steigende Regierungssubventionen in Millionenhöhe verlassen und eben kein neues Kapital investieren hätten.

Seit der Besetzung des Brukman Geländes fordern die Arbeiterinnen den Staat auf, den Betrieb zu enteignen, ihn somit den Arbeiterinnen wieder zu geben und die Schulden der Inhaber aufzusaugen, damit das Gebäude, die Maschinen und der gebrandmarkte Namen aufgekauft werden könnten. Zudem verlangen sie staatliche Unterstützung in Höhe von 150.000 Pesos, um die Produktion zu erhöhen und zu diversifizieren (die Herstellung verschiedener Produkte an Stelle eines einzigen Produkts). Gemäß der Vorstellung der Arbeiterinnen könnte die Regierung nach einer staatlichen Enteignung von der Fabrik Bettlaken, Kittel und Uniformen für den Bedarf der öffentlichen Krankenhäuser, Schulen und anderer Institutionen erwerben.

Die Bundes- und Kommunalregierung haben den Arbeiterinnen bisher nur ein Angebot unterbreitet, demnach das nationale Institut für Industrie und Technik technische Hilfe leisten würde, falls die Arbeiterinnen ein Miniunternehmen oder eine Genossenschaft bildeten. Dieses Angebot garantiert den Arbeiterinnen keinesfalls Mittel, um die Produktion fortzusetzen. Im Wesentlichen garantiert es ihnen etwas, über das sie schon längst verfügen - das Know-how zur Leitung einer Fabrik.

Während die Regierung versucht, verhandlungswillig und generös zu wirken, benutzt sie gleichzeitig brutale Gewalt, um die Arbeiterinnen weiterhin von der Fabrik fern zu halten. Nestor Kirchner, Argentiniens neuer Präsident, versprach, mit der Sicherheit schaffenden Politik - mehr Polizei und null Toleranz gegenüber ProtestlerInnen - fortzufahren. In einem stetig anwaschenden Maße bedient sich die Regierung unterdrückerischen Maßnahmen, um die Aktionen des sozialen Widerstands zu schwächen, die seit dem 19. und 20. Dezember 2001 immer wieder durchgeführt werden.

Während sich die Polizei weiterhin außerhalb der Fabrik aufhält, kämpfen die Arbeiterinnen und ihre UnterstützerInnen weiter indem sie ein Dauercamp nahe der Fabrik aufgebaut haben und kulturelle Ereignisse organisieren. Jede Wochen bringen die Arbeiterinnen Nähmaschinen mit und produzieren Bettlaken sowie Kleidung für Spenden. Die ganze Hoffnung der Menschen richtet sich nun auf den Stadtrat, der über die Verabschiedung eines Gesetz zur Enteignung der Maschinen und des Gebäudes entscheidet. Sasetru, eine andere von ArbeiterInnen geführte Fabrik, wurde geräumt, nachdem die Maschinen von den ArbeiterInnen legal enteignet worden sind. Folglich sind die Zweifel im Fall Brukman groß. Flor, eine weitere Arbeiterin, erklärt die dringend erforderliche Erholung der Fabrik: "Wir werden diesen Kampf nicht aufgeben, denn wenn wir nicht in die Fabrik zurückkehren, sind wir bedeutungslos."

Übersetzt von: Christian Stache
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