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Brukman geräumt

von Marie Trigona

02.04.2003 — ZNet

— abgelegt unter:

"Keine Räumung, keine Polizei-Repression - was wir wollen, ist würdige Arbeit für die Arbeiter von Brukman und Zanon!" so ertönt es überall in den Straßen von Buenos Aires. Tausende wurden mobilisiert, um die von Arbeitern besetzte Kleiderfabrik Brukman zu verteidigen. 16 Monate hatten die Brukman-Arbeiter den Fabrikbetrieb aufrechterhalten - ohne Stechuhr, ohne Boss, ohne Besitzer. Aber am 18. April wurde die Produktion plötzlich gestoppt: Ein Richter hatte die Fabrik durch mehrere hundert Polizisten räumen lassen. "Sie haben 600 Polizisten geschickt, um 4 Arbeiter zu räumen, die die Fabrik bewachten. Das war ebenso irrational wie illegal", so Maria Zalamon, eine Rechtsanwältin, die die Fabrik verteidigt. Die Polizei hält die Umgebung der Fabrik nach wie vor umstellt - Richter Rimoldi hatte angeordnet, die Polizisten so lange vor Ort zu halten, bis sich die Fabrik wieder in Händen des Besitzers befindet. Fabrikbesitzer Jacobo Brukman hatte die Fabrik im Dezember 2001 im Stich gelassen - ohne seine Arbeiter zu informieren oder auszuzahlen. Jahrelang hatten die Besitzer die Löhne ihrer Arbeiter sukzessive heruntergeschraubt - zum Schluss wurde überhaupt nicht mehr bezahlt. Die 115 Arbeiter hatten nicht mal mehr genug Geld zur Heimfahrt. Also blieben sie einfach da und warteten, dass der Besitzer u. der Vorarbeiter zurückkämen. Aber sie kamen nicht. Celia Martinez, eine Arbeiterin um die 40, beschreibt, was passiert ist: "Am 18. Dezember (2001) hatten wir eine heftige Aussprache mit den Besitzern. Dann war plötzlich niemand mehr in der Fabrik. Die Besitzer waren verschwunden, keiner mehr im Büro. Die Büros standen einfach offen. Sie haben uns nicht gesagt, dass sie vorhatten, aus der Fabrik zu verschwinden. Am 19. Dezember standen wir ohne Alternative da".

Im heutigen Argentinien gibt es über 200 besetzte Fabriken, und überall im Land funktionieren Kooperativen. Sie beweisen: Arbeiterkontrolle wäre eine funktionierende Alternative - für die 58 Prozent unserer Bevölkerung, die unterhalb der Armutsschwelle leben u. für 10 Millionen Arbeitslose. Die unter Arbeiterkontrolle produzierende Brukman-Fabrik wurde für die Sozialbewegung zum Symbol - zum Symbol für Selbstbestimmung, für direkte Demokratie u. Kooperation. Der Kampf der Arbeiter für 'Arbeit in Würde' hatte einen hohen Preis, aber er hat sich auch gelohnt. Man arbeitete über 40 Stunden die Woche - und das unter dem permanenten Damoklesschwert der Räumung. Seit der Fabrikbesetzung hatten sich die Arbeiter zudem abwechselnd die Verantwortung für Nachtwachen geteilt. Die Fabrik organisierte Straßenfeste u. Filmvorstellungen, außerdem traf man sich mit den Belegschaften anderer kooperativ-arbeitender Fabriken. 55 Arbeiter - das meiste davon Frauen - kämpften hier um den Erhalt ihrer Jobs. Zudem haben sie bewiesen, dass Produktion unter Arbeiterkontrolle durchaus funktionieren kann. Der formale Besitzer hatte den Arbeitern Fabrikschulden hinterlassen, die die Arbeiter mittlerweile abbezahlt haben, Strom- u. Gasrechnungen. Zudem hat man neue Maschinen angeschafft. Käme Brukman heute zurück, er fände eine lebensfähige Fabrik vor - eine Fabrik, die ohne die Arbeiter-Intervention zum Kurswert des abgewerteten Pesos liquidiert worden wäre.

Dies ist bereits der dritte Versuch, die Brukman-Fabrik zu räumen. Aber mit der massiven Unterstützung von Piqueteros, Versammlungen, Nachbarn u. diversen Sozialorganisationen wollen es die Arbeiter auch diesmal wieder schaffen, ihre Fabrik zurückzugewinnen. Diesmal, bei dieser Räumung, haben die einzelnen Bewegungen sehr schnell reagiert. Viele von uns erreichte die Nachricht nur Minuten, nachdem die Polizei vor dem Fabriktor stand. Alternative Medien u. Nachbarschaftsaktivisten haben ein wirksames Netzwerk geschaffen. Hunderte waren sofort (nach Bekanntwerden der Räumung) noch mitten in der Nacht durch den Regen zur Brukman-Fabrik gerannt. Wir wissen nicht, ob die Polizei Maschinen zerstört hat oder Material beschlagnahmt - wie sie es zuvor getan hat. "Dadrinnen sind noch 3000 Hosen, die wir fertignähen und ausliefern müssen", sagte Celia während einer Pressekonferenz. Sie macht deutlich, wie dringend eine Fabrik-Wiederbesetzung ist.

Die argentinische Regierung ist sehr daran interessiert, eine harte Linie gegen die Proteste zu fahren. Am 27. April finden Wahlen statt. Bis dahin soll aller Widerstand gebrochen sein. "Die Hand der Regierung schlägt hart. Sie fordern ein Ende der sozialen Konflikte, aber sie haben uns ja provoziert, indem sie militärisch gegen unsere Fabrik vorgegangen sind, uns unsere Arbeit wegnehmen wollten", so die Brukman-Arbeiterin Elisa. Der Bürgermeister von Buenos Aires, Anibal Ibarra, hat während der letzten Wochen eine wahre Räumungskampagne gestartet. Mit Polizeigewalt ließ er Familien aus ihren besetzten Häusern räumen, Arbeiter aus den von ihnen wieder auf die Beine gebrachten Fabriken, Nachbarschaftsversammlungen ließ er aus Kulturzentren räumen. Die erste Räumung dieser Wahlkampf-Räumungskampagne erfolgte vor etwa einem Monat. Sie endete brutal. 89 Familien wurden Opfer von Polizeigewalt. Sie wurden auf offizielle Anordnung aus ihrem Wohnhaus in Padelai geräumt. Das Gebäude, das niemandem gehört u. im historischen San Telmo steht, hatten sie 19 Jahre lang besetzt gehalten. Sowohl die Bewohner als auch deren Unterstützer wurden mit Tränengas u. Gummigeschossen angegriffen u. verprügelt. Ungefähr 86 Personen wurden verhaftet, 40 verletzt - darunter auch Minderjährige u. ältere Menschen. Nur eine Woche zuvor wurde das Sozialzentrum Lezama Sur, in dem die Nachbarschaftsversammlung sowie ein aktivistisches Medienkolletiv, Indymedia-Argentina, untergebracht waren, geräumt - deren Ausrüstung beschlagnahmt.

Zurück zu Brukman: Tausende Unterstützer verteidigen die Fabrik noch immer. Die Verhandlungen zwischen der Nationalregierung, der Stadt, Menschenrechtsgruppen, den Anwälten der Arbeiter, den 55 Brukman-Arbeitern und Richter Rimoldi (Rimoldi ist ein Richter der argentinischen Militärdiktatur) dauern an. Die Anwälte sowie Menschenrechtsgruppen glauben jedoch, der Richter sei nicht ernsthaft an Verhandlungen interessiert. Die Arbeiter drängen vehement, die vielen hundert Polizisten in Kampfmontur abzuziehen - samt Panzern, Motorradstaffeln, Tränengas u. Gummigeschossen (manche Polizisten tragen auch scharfe Waffen). Von diesen Hundertschaften sind die Unterstützer kontinuierlich eingeschlossen. Aber die Verteidigungsbarrikaden u. die große Zahl der Unterstützer beweisen klar: Diese Fabrik wird nicht kampflos aufgegeben. Man erinnert sich an den Volksaufstand vom 19./20. Dezember, als die Menschen mitten im Belagerungszustand auf die Straße gingen u. den Staat herausforderten. Die Sympathisanten vor Brukman sind bereit, den Kampf gegen die Repression erneut aufzunehmen. Sie sind bereit, eigenhändig in die Fabrik einzudringen u. sich mit den hunderten Polizisten, die die Fabrik bewachen, physisch auseinanderzusetzen. Ein Arbeiter der Kooperative San Justo sagt: "Man verhandelt nicht mit Kriminellen. Wir müssen die Fabrik schon morgen wieder in eine Kooperative verwandeln. Wir müssen die Quelle unserer Arbeit verteidigen. Und niemals werden wir verhandeln". Auch der Kampf für die Brukman-Kooperative geht weiter. Die Unterstützer sind jetzt entschlossen, in die Fabrik einzudringen.

Gestern stellten sich die Arbeiter von Brukman, Zanon u. anderen besetzten Fabriken sowie die Frauen der Versammlungsbewegung Arm in Arm auf - weitere tausend standen hinter ihnen. Man war bereit, die Polizeibarrikaden niederzureißen, die Polizisten beiseitezuschieben, um so durch das Fabriktor zu gelangen - ein paar Dutzend Meter entfernt. Heute sind noch Piqueteros u. Gewerkschafter des öffentlichen Diensts hinzugekommen, um die Bewegung zu stärken. Menschenrechtsorganisationen u. Internationalisten werden gleichfalls vor Ort erwartet. Die Brukman-Arbeiter wollen eine friedliche Lösung. Andererseits sind sie nicht bereit, ihre Fabrik aufzugeben. Und sie sind auch nicht bereit, die Hoffnung zu begraben, die ihnen diese Fabrik gab. Dieser Konflikt eint die argentinische Bewegung. Gemeinsam ist man solidarisch mit dem Symbol des Widerstands, mit Brukman. Der Konflikt dauert an. Niemand weiß, wie er enden wird. Die Brukman-Arbeiter bitten alle Menschen der Welt um Unterstützung. Aber schon heute stehen rund um die Brukman-Fabrik die Menschenmassen auf den Straßen. Die Unterstützer echoen die Botschaft: "Diese Fabrik wird den Arbeitern gehören - oder überhaupt niemandem".

Orginalartikel: Brukman Evicted
Übersetzt von: Andrea Noll
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