Bush in Argentinien: Das Thema Imperialismus ist wieder in der öffentlichen Debatte
von Ezequiel Adamovsky
05.11.2005 — ZNet Kommentar
Es ist einige Jahre her, dass Tulio Halperin Donghi - Grandseigneur der argentinischen Historiker - argumentierte, “Abhängigkeit“ und “Imperialismus“ seien zwei Begriffe, die nicht mehr auf der Agenda der lateinamerikanischen Histografie stünden, nicht länger Teil der öffentlichen Debatte seien. Dies nicht etwa, weil beide politischen Konzepte keine Signifikanz mehr besäßen, so Donghi, vielmehr, weil sie inzwischen akzeptiert seien - als Teil der unabänderlichen Realität. Imperialismus und Abhängigkeit - das betrifft uns, daran ist nicht zu rütteln. Warum also darüber debattieren? “Wir diskutieren doch auch nicht über den Regen“. Er ist eine Tatsache.
Das Wort “Imperialismus“ hatte im Argentinien der 90ger - fast über die gesamte Zeit - eine Art Reliktdasein geführt (wie natürlich der Begriff “Kapitalismus“), von Politikern, Intellektuellen und Journalisten gleichermaßen abgelehnt. Nur hartgesottene Kommunisten nahmen den Begriff noch in den Mund. Vor diesem Hintergrund scheinen mir die letzten Wochen vor dem Gipfel der Amerikanischen Staaten sinnbildlich für einen sich in Argentinien vollziehenden dramatischen Kulturwechsel gewesen zu sein.
Wie nicht anders zu erwarten, hatten lokale Aktivisten und Sozialbewegungen dem Bush-Besuch Widerstand geleistet. Das war uns klar gewesen. Aber der Generalstreik, zu dem CTA aufrief - eine der wichtigsten nationalen Gewerkschaften Argentiniens - kam überraschend. Er wurde von vielen Arbeitern landesweit befolgt. Und schon gar niemand hätte mit der Intensität gerechnet, mit der ganz normale Leute - und selbst Mainstream-Prominente - sich an den Anti-Bush-Aktionen beteiligten.
Die erste Überraschung war die Ankündigung Diego Maradonas, sich am Marsch gegen Bush in Mar del Plata zu beteiligen. Maradona gilt in Argentinien als eine Art heidnischer (will sagen, politisch unkorrekter) Gott. “Bush macht mich krank“, erklärte er schlicht und einfach - nachdem er in seiner eigenen TV-Show ein Interview mit seinem Freund Fidel Castro gesendet hatte. Die Maradona-Show ist in Argentinien eine extrem populäre Sendung. Etliche öffentliche Leute folgten seinem Beispiel - Leute, die man nicht sehr oft auf Demos trifft, Rockstars, Schauspieler usw..
Donnerstagabend stiegen sie in den “anti-FTAA-Zug“ Richtung Mar del Plata, einer Stadt am Atlantik, rund 400km von Buenos Aires gelegen. Mit dabei linke Aktivisten, wie der bolivianische Indioführer Evo Morales, der als aussichtsreichster Kandidat für die kommenden Präsidentschaftswahlen seines Landes gilt. In Mar del Plata angekommen, traf man sich mit den Müttern der Plaza de Mayo und anderen Menschenrechtsaktivisten, mit linken Parteien und Sozialbewegungen. Gemeinsam wurde zu einem Marsch aufgebrochen, der zur Kundgebung im örtlichen Fußballstadium führte, wo Hugo Chavez eine Ansprache hielt.
Chavez, Venezuelas charismatischer Präsident, sprach mehr als zwei Stunden lang vor rund 40 000 Menschen. Das Stadium war geschmückt mit Konterfeis von Che Guevara und anderen lateinamerikanischen Freiheitshelden. Chavez Rede wurde von den TV-Stationen live übertragen. Mit unmissverständlichen Worten verurteilte er den “Imperialismus“, den “Neoliberalismus“, den “Kapitalismus“ und die Vorherrschaft der USA. Das alles führe zur Zerstörung unseres Planeten. “Die FTAA ist tot und beerdigt!“ verkündete Chavez - zur sichtlichen Freude seines Publikums.
Chavez ging noch weiter: Ausführlich zitierter er Marx, Mao Tse Tung, Che Guevara und Rosa Luxemburg - neben lateinamerikanischen Legenden wie Evita, José Martin und natürlich Fidel Castro. Hugo Chavez machte sich für eine post-kapitalistische Gesellschaft stark, die er als “Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ bezeichnete. Maradona klatschte sich - wie alle im Stadium - die Hände wund.
Gleichzeitig fanden in den Straßen von Mar del Plata, Buenos Aires und allen größeren Städten des Landes massive Anti-Bush-Demonstrationen statt. Auch in den kleineren Städten - in über 200 Kleinstädten - fanden Aktionen statt, allerdings mit weniger Leuten. In einigen wenigen Städten griffen die Demonstranten Firmengebäude transnationaler Konzerne an.
Dank der guten Informationslage, was die politischen Aktionen anging und dank der Debatte im „III “Counter“ Summit of the Peoples“ in Mar del Plata, die parallel zu den Aktionen stattfand, war es möglich, das Interesse der Mainstream-Medien zu wecken. Zum erstenmal seit den 70gern war es in den vergangenen Wochen gelungen, den Antiimperalismus als Thema wieder auf die öffentliche Agenda Argentiniens zu setzen. Die bekannte Schauspielerin Leonor Manso sagte vor laufenden TV-Kameras, während sie den “anti-FTAA-Zug“ bestieg: “Nun ist es uns wieder möglich, über Imperialismus reden - ist das nicht nett?“
Eine Umfrage im heutigen Clarin (vom 5. November 2005) bestätigt, dass wir es mit einem kulturellen Großphänomen zu tun haben - der Clarin ist immerhin die wichtigste Zeitung Argentiniens. Laut dieser Umfrage glauben nur 9% der Argentinier, dass Gipfel dieser Art den Menschen irgendwie nutzen könnten. In punkto Popularität stimmten (bei der Frage nach dem “positiven Image“) 38% für Hugo Chavez, aber kaum 5% für Bush.
Die negative Rolle, die Amerika in den Augen Argentiniens und in den Augen der restlichen Welt spielt, ist Commonsense. Mittlerweile wird diese Tatsache selbst von gediegen konservativen Nachrichtenmoderatoren der Mainstream-Medien ganz nüchtern ausgesprochen. Die Sache scheint so offensichtlich zu sein, dass man sich jede Erklärung spart.
Natürlich ist das kein ganz neues Phänomen. Schon während der 90ger hatte sich der Antiamerikanismus ausgebreitet. Die Rolle, die die US-Regierung bzw. der Internationale Währungsfonds in Argentiniens chronischer Wirtschaftkrise spielen, war damals unleugbar geworden. Der Hass auf die US-Herrschaft zeigte sich besonders tragisch am 11. September 2001. Argentinien hat nahezu keine muslimische Bevölkerung und keine engeren Beziehungen zum Nahen/Mittleren Osten, dennoch feierten Viele die Anschläge auf die Zwillingstürme. Zwar drang das Gefühl damals nicht bis in den öffentlichen Raum vor - verharrte vielmehr im geschützten Raum privater Konversationen -, doch heute, wenige Jahre später, finden antiamerikanische Ressentiments im nationalen Fernsehen Argentiniens offen ihren Ausdruck.
Als linker Teenager, in den 80gern, fiel es mir schwer, in politischen Diskussionen mit Freunden zu bestehen. Sobald ich argumentierte, wir bräuchten den “Sozialismus“, um ein besseres Leben zu haben, stand einer auf und verwies auf das Beispiel USA. Die Vorstellung einer amerikanischen Gesellschaft, die nicht nur reich ist, sondern auch Heimat der Menschenrechte, des Rechts, der Chancengleichheit - diese Vorstellung wurde damals von den meisten geteilt. Heute glauben durchschnittliche Argentinier vielleicht nicht an den “Sozialismus“ als wünschenswerte oder machbare Alternative, aber sie würden auch nicht sagen, dass die US-Gesellschaft ein gutes Vorbild abgibt. Mehr noch, die massiv antiamerikanische Reaktion auf Bush in Argentinien scheint mir Beweis, dass mehr und mehr Argentinier die USA mit dem Leid der Welt in Verbindung bringen.
Der imperialen Herrschaft der USA ist keineswegs nur die Kontrolle über einige periphere Staaten entglitten. Die USA verlieren ihren Krieg um die Köpfe und die Herzen der Menschen. Vor langer Zeit hat der italienische Denker Antonio Gramsci einmal gesagt, Herrschaft stütze sich auf eine Mischung aus Zwang und Konsens. Falls er recht hat, steht der US-Imperialismus heute vielleicht vor seinem Ende.
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