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Bushs Besetzung des Irak

von John Pilger

20.11.2003 — ZNet

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JOHN PILGER ist Journalist und Dokumentarfilmer. In seiner über 30-jährigen Laufbahn berichtete er von den Orten einiger der schlimmsten Kriegsverbrechen der US-Regierung – angefangen in Vietnam und Südostasien bis hin zu den von dem Apartheid-Staat angegriffenen Anrainerstaaten Südafrikas und Palästina und Irak im Mittleren Osten.

In seinem neuen Dokumentarfilm “Breaking the Silence: Truth and Lies in the War on Terror” (Das Schweigen brechen: Wahrheit und Lügen im Krieg gegen den Terror; d. Ü.) entlarvt Pilger die Gründe für den Krieg gegen Irak, wie sie von George W. Bush und dem britischen Premierminister Tony Blair vorgebracht wurden. Pilger hat insbesondere Videomaterial über Außenminister Colin Powell und die nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice aus dem Jahr 2001 aufgedeckt, in dem sie es ganz klar sagen – dass Irak keine militärische Bedrohung darstellte und seit dem ersten Golfkrieg vor zehn Jahren keine Massenvernichtungswaffen entwickelt hatte. Der Film wurde im September im britischen Fernsehen zum ersten Mal gezeigt. Das neueste Buch von Pilger, „The New Rulers of the World” (Die neuen Herrscher der Welt; d. Ü.), ist eine Sammlung verschiedener Essays, die aktualisiert und um George W. Bushs „Krieg gegen den Terror“ erweitert wurde.

Im nachfolgenden Interview spricht Pilger mit ANTHONY ARNOVE vom Socialist Worker über die Gründe, warum die USA in den Krieg zogen – und ihre koloniale Besatzung in Schwierigkeiten ist.

IN IHREM neuen Dokumentarfilm führen Sie Beweise an, dass Colin Powell und Condoleezza Rice wussten, dass Irak keine Bedrohung darstellte. Können Sie diese Beweisen beschreiben?

SIE SIND ihren eigenen Worten zu entnehmen. Mitten in der Sichtung von Stunden von Erklärungen der Bush-Gang fand ich äußerst interessantes Archivmaterial, welches ich in „Breaking the Silence“ verwendete.

Am 24. Februar 2001 sagte Powell in Kairo, Ägypten: “Er [Saddam Hussein] hat in Bezug auf Massenvernichtungswaffen kein bedeutendes Potenzial entwickelt. Er kann keine konventionellen Waffen gegen seine Nachbarn einsetzen.” Das ist natürlich das glatte Gegenteil dessen, was Bush und Blair jeweils zuhause der Öffentlichkeit erzählten.

Powell prahlte sogar, dass die US-Politik des “In-Schach-Haltens” den irakischen Diktator praktisch entwaffnet hätte – wieder das Gegenteil dessen, was Bush und Blair wieder und wieder behaupteten. Am 15. Mai 2001, ging Powell noch weiter und sagte, Saddam Hussein wäre es „während der letzten zehn Jahre“ nicht gelungen, “das Militär wieder aufzubauen oder Massenvernichtungswaffen zu entwickeln“. Amerika, sagte er, war es gelungen, ihn “unter Verschluss” zu halten.

Zwei Monate später beschrieb auch Condoleezza Rice Irak als ein schwaches, geteiltes Land ohne militärische Verteidigung. „Saddam hat keine Kontrolle über den nördlichen Teil seines Landes“, sagte sie. „Unser Ziel ist es, ihn militärisch schwach zu halten. Seine Streitkräfte wurden nicht wieder aufgebaut.“

Hier sind also zwei von Bushs wichtigsten Beamten, wie sie selbst ihre spätere Propaganda Lügen strafen.

WIE HÄLT nun, da der Krieg vorbei ist, Tony Blairs “Dossier” über Iraks Programm für Massenvernichtungswaffen der Überprüfung stand?

DAS DOSSIER ist ein Witz. Zum Teil plagiiert es die Doktorarbeit eines amerikanischen Studenten. Mitsamt seinen Rechtschreibfehlern, und Begriffe wie “Oppositionsgruppen” wurden in „Terrorgruppen” umgeändert. Nicht einmal richtig lügen können sie. Der Rest des Dossiers wurde von Blairs obersten Geheimdienstbeamten, selbst von seinem eigenen Stabschef, vor der Hutton-Kommission widerlegt.

HABEN SIE irgendwelche Informationen im Hinblick auf die Behauptung gefunden, dass Irak Verbindung zu al-Qaeda hätte?

NEIN. TATSÄCHLICH sind meine zwei besten Quellen dafür der Präsident der Vereinigten Staaten und sein Verteidigungsminister, die beide im September kurz nacheinander allein die Idee von sich wiesen, dass Irak und al-Qaeda etwas miteinander zu tun hätten. Das zeigt ihren ganzen Zynismus. Die eigene Bevölkerung und die Welt belügen, damit eine Mehrheit der Amerikaner einem glaubt, und dann still und heimlich das Gegenteil behaupten. Sehen Sie sich alle die Berichte an, es gibt selbst jetzt keinen Beweis, dass al-Qaeda in Irak ist. Gut möglich, dass sie dort sind, wie die Massenvernichtungswaffen, aber es gibt keine Beweise.

WAS HALTEN Sie von der Behauptung der Regierung Bush, dass der Widerstand gegen seine Besetzung von Irak von „ausländischen Terroristen“ kommt?

WIRKLICH WITZIG, wenn die amerikanischen Beamten von „ausländischen Kämpfern“ sprechen, die die Amerikaner angreifen. Das ist, als ob die Amerikaner Iraker wären oder die Iraker nicht existierten.

Wie Robert Fisk dargelegt hat, gibt es 200000 ausländische Kämpfer in Irak, von denen 146000 US-Uniformen tragen. Es ist gut möglich, dass es andere ausländische Kämpfer in Irak gibt. Die angloamerikanische Invasion war ein Angriff auf die arabische Welt, und es würde mich nicht wundern, ad hoc einen panarabischen Widerstand zu sehen. Der französische Widerstand wurde von Ausländern unterstützt, speziell von Briten, und es geschahen schlimme Dinge. Da besteht kein Unterschied. Die Propaganda zielt nun darauf ab, die Existenz eines nationalen Widerstands zu verschleiern.

Ob es einem nun gefällt oder nicht, für viele Iraker verkörperte Saddam Hussein einen bestimmten Typ Nationalismus, und die so genannten “Saddam-Treuen” sind Nationalisten. Das ist eine sehr stolze Gesellschaft, und ethnisch nicht so zersplittert, wie es uns einige westliche Kommentatoren glauben machen möchten.

Die Besatzung zeigt Parallelen zu Vietnam, aber sie ähnelt am meisten dem sowjetischen Desaster in Afghanistan. Und es hat noch nicht richtig angefangen. Das kommt erst, wenn die Schiiten ihren Zug tun.

Meiner Kenntnis nach sind die Schiiten gerade dabei, sich militärisch zu formieren. Sie waren schon immer darin geübt, geduldig zu warten, und sie werden den passenden Augenblick abwarten, so, wie unter dem Schah in Iran. Die Besatzung und Bush sind in argen Schwierigkeiten.

WARUM HABEN sich ihrer Meinung nach die Corporate Media, speziell in den USA, so lange Zeit gelassen mit ihrer Berichterstattung über diese Beweise für die Täuschung und Verdrehung durch die Regierung?

DIE CORPORATE Media sind der lange Arm des Staates. Das ist eine alte Wahrheit, die praktisch nie an den Medienschulen gelehrt wird. Schauen Sie sich die Berichterstattung der McCarthy-Ära an, lesen Sie die Zeitungen, hören Sie die alten Radiosendungen an. Von rühmlichen Ausnahmen abgesehen, ist diese Zeit auf unheimliche Weise der heutigen ähnlich. Die meiste Zeit während McCarthys Aufstieg wurde seine Tiraden von den Mainstream-Medien aufgenommen und verbreitet.

Selbst der große Edward R. Murrow wartete bis 1954, bevor er McCarthy, nun schon auf dem absteigenden Ast, öffentlich angriff. Erst als McCarthy seine verrückten Anschuldigungen machte, dass das US-Militär von Kommunisten unterwandert sei, kam er ins Wanken, und nicht dank der Medien.

Jetzt, im 21. Jh. schlagen die großen Medien wegen des Extremismus Alarm. Charles Lewis, Vorsitzender des Center for Public Integrity (etwa Zentrum für öffentliche Integrität) und ehemaliger Journalist des CBS, sagte mir, er glaube, dass die Invasion möglicherweise nicht statt gefunden hätte, wenn die Medien Bushs Lügen angegriffen hätten; sie wären entlarvt worden und unhaltbar gewesen. Dem stimme ich zu.

Das ist die potenzielle Macht der Journalisten: als Vertreter der Wahrheit und der Leute aufzutreten, nicht als Vertreter der Propaganda und Macht. Es wird Zeit, dass Journalisten, die ihre Arbeit ernst nehmen, anfangen, ihr Gewissen zu befragen und aufhören mit dem Versuch, ihren Intellekt und ihre Moral des Jobs wegen zu verdrehen.

WENN MASSENVERNICHTUNGSWAFFEN und Verbindungen zu al-Qaeda also betrügerische Rechtfertigungen für die Invasion Iraks waren, was war Ihrer Meinung nach der wahre Grund?

SELBSTVERSTÄNDLICH GING es um Öl, und die direkte Kontrolle des Mittleren Ostens. Saudi-Arabien, der Stellvertreter Amerikas, ist heutzutage nicht mehr zuverlässig. Die USA wollten Irak, ein ganzes Land, als Basis, und sein Öl. Man braucht hauptsächlich nur die Berichte zu lesen, die Bush und Dick Cheney kurz nach Amtsantritt sahen. Ein Bericht des Council on Foreign Relations (etwa Rat für auswärtige Beziehungen) sticht besonders durch seine Warnungen hervor, er sagt effektiv: “Los, marsch, hol dir das Öl, bevor es zu Ende ist oder China es sich holt.“

Der Einmarsch war also das, was Alexander Haig “einen Krieg zu Demonstrationszwecken“ nannte. Der Krieg zeigte unverfälscht die Habgier der Bush-Extremisten und ihre Entschlossenheit, der Menschheit ihre Art des Kapitalismus aufzudrücken. Die Botschaft war: „Pass auf, du könntest der Nächste sein.“

WIE SEHEN die Bedingungen für normale Iraker aus?

AUS EIGENER Anschauung kann ich Ihnen das nicht sagen. Aber Freunde erzählen, dass es, wie einer schrieb, „die Hölle ist, wie wir es nie erwartet haben.“ Ein Institut in Bagdad hat die erste glaubwürdige Umfrage seit der Invasion durchgeführt und kam zu dem Ergebnis, dass eine Mehrheit der Iraker der Meinung ist, die Situation sei, für normale Leute, schlimmer als unter Saddam Hussein.

Es gibt auf jeden Fall mehr Gefangene – mindestens 4000 Leute wurden eingekerkert, und wahrscheinlich noch viel mehr. Es gibt Kollektivstrafen, Folter, die Verletzung aller internationalen Rechte, die irgendwo geschrieben stehen. Die Berichte von Amnesty International dazu hätten einen beliebigen totalitären Staat beschreiben können.

VOR KURZEM war Sie im Nachkriegs-Afghanistan. Was können wir von den Bedingungen dort über die Besetzung des Irak lernen?

WIR KÖNNEN lernen, dass Amerika zwar unbestritten die Macht hat, schwache und zumeist verteidigungslose Länder zu vernichten, aber praktisch nicht fähig ist, diese Länder direkt danach zu kontrollieren. In Afghanistan verschanzen sich die Amerikaner auf dem Luftwaffenstützpunkt Bagram, was mich an den Stützpunkt in Pleiku, Vietnam erinnert.

Sie sind von Misstrauen und Feindseligkeit umgeben und haben kein Interesse daran zu versuchen, die Art kolonialer Strukturen aufzubauen, die es den Briten erlaubten, ganze Länder mit nur wenigen Truppen unter Kontrolle zu haben. Ich denke, die USA werden aus Irak vertrieben werden, und die Auswirkungen davon werden für Bush so schwerwiegend sein wie Vietnam für Präsident Lyndon Johnson.

WIE WERDEN Ihrer Meinung nach die USA auf die gegenwärtige Krise reagieren? Glauben Sie, sie werden versuchen, die Initiative wieder zu ergreifen?

AMERIKA HAT die materielle Macht und die Feuerkraft, so dass das also möglich wäre. Aber es wäre künstlich und von kurzer Dauer.

WAS SOLLTE Ihrer Meinung nach das Hauptaugenmerk der Anti-Kriegsbewegung sein?

MASSENHAFT DIREKTE Aktionen, egal wie klein. In jeder kleinen Stadt oder jedem Wohnblock soll man die Stimme hören und sollen Leute bereit sein, alle Risiken von zivilem Ungehorsam einzugehen.

Tun wir auf der amerikanischen Bühne, was die bolivianische Bevölkerung vor kurzem in ihrem kleinen verarmten Land tat, wo sie einen Präsidenten stürzten. Bleiben wir in Bewegung. Setzen wir uns mit den Familien der GIs in Irak in Verbindung, oder mit den Familien von denen, die dort getötet oder verwundet wurden.

Nicht vergessen, die Anti-Kriegsbewegung ist die demokratische Opposition. Es gibt jetzt keine andere. Die Wahl und Verantwortung, die wir haben, sind heute klarer als zu je zuvor in meiner Erinnerung.

Orginalartikel: Bush's Occupation Of Iraq
Übersetzt von: Eva-Maria Bach
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