Bushs Kampf um einen weiteren sauberen Kriegs-Fangschuss
von Robert Fisk
07.11.2002 — The Independent / ZNet
“Ein sauberer Fangschuss!” so der schreckliche Kommentar der ‘Washington Post’ zur Ermordung der Al-Kaida-Führer im Jemen durch ein unbemanntes US-Drohnenflugzeug, einen sogenannten ‘Predator’ (Raubvogel). Und mit speichelleckerischer Zustimmung übernahm die US-Presse die verlogene israelische Umschreibung für derartige Morde, nämlich ‘gezielte Tötung’. Schande auch über die BBC, die den Ausdruck am Mittwoch papageienhaft nachplapperte. Warum hat man sich nicht die ‘journalistische Freiheit’ genommen, beispielsweise nachzufragen, weshalb dieser wichtige Al-Kaida-Führer nicht einfach verhaftet u. anschließend vor ein öffentliches Gericht gestellt wurde? Zumindest hätte man ihn nach Guantanamo bringen u. verhören können. Apropos Guantanamo: die Amerikaner mussten jetzt eine Hand voll ihrer dort festgehaltenen “Verdächtigen” wieder freilassen. Bei einem von ihnen hat es sich offensichtlich um einen ungefähr 100jährigen Greis gehandelt, der so senil war, dass er keinen graden Satz herausbrachte. Und so einen Mann hat man 11 Monate in Einzelhaft gehalten. Ist das etwa der “Krieg gegen den Terror?”
Präsident Bush möchte, so wie’s aussieht, am liebsten die UN auch noch mit einem ‘sauberen Fangschuss’ erledigen: Zuerst versucht er, die Vereinten Nationen dazu zu zwingen, einer Resolution zuzustimmen, gegen die vom Sicherheitsrat die größten Bedenken kommen - um anschließend anzudrohen, er, Bush, werde die UN einfach ignorieren u. dadurch ihre Integrität vernichtend in Zweifel ziehen. Anders ausgedrückt: Bush will der UN das Licht ausblasen. Ist diesem George Bush eigentlich klar, dass die USA zu den Gründervätern der UNO zählen - wie sie zuvor maßgeblich an der Gründung des ‘Völkerbunds’ beteiligt waren -, u. zwar unter Präsident Woodrow Wilson? ‘Gezielte Tötung’ - dank der Regierung Bush kann nun auch Israels Premier Scharon ‘legitime Kriegsführung’ für sich geltend machen - u. ebenso Wladimir Putin. Schon gebrauchen die Russen den Ausdruck ‘gezielte Tötungen’ auch im Zusammenhang mit ihrem neusten Tschetschenien-Feldzug (“I kid thee not”, wie Kapitän Queeg in ‘Die Caine war ihr Schicksal’ sagte). Nach jener desaströsen Geisel-”Befreiung” im Moskauer Theater durch die sogenannte russische “Eliteeinheit” Alpha (und ich kann jedem, der dies liest, nur empfehlen, sich im Falle einer Geiselnahme nicht von “Elite”-Einheiten befreien zu lassen!), kann Putin der Unterstützung Bushs u. Blairs gewiss sein u. erneut draufhauen auf das gebrochene Moslem-Volk der Tschetschenen. Ich muss zugeben, ich bin ein zynischer Kritiker der US-Medien, aber letzte Woche hat mich ‘Newsweek’ doch beeindruckt - mit einem ebenso mutigen wie brillanten Schocker-Artikel über den Tschetschenien-Krieg. Zutiefst bewegende Schilderungen der russischen Gräuel in Tschetschenien - darunter ein Überfall der russischen Armee auf ein wehrloses muslimisches Dorf. Russische Soldaten drangen u.a. in ein Privathaus ein u. erschossen alle, die sich darin aufhielten. Eines der Opfer, ein junges Tschetschenen-Mädchen, wurde noch während sie starb von einem russischen Soldaten vergewaltigt. “Beeil dich, Kolja”, soll ein Kamerad ihm zugerufen haben, “du musst es machen, solang’ sie noch warm ist”. Schon verständlich, dass der Ehemann, der Verlobte, der Bruder oder Vater jenes Mädchens anschließend gute Lust hatten, in ein Moskauer Theater zu stürmen und Geiseln zu nehmen. Selbst wenn dies das Risiko beinhaltete - wie den tschetschenischen Geiselnehmerinnen im Moskauer Theater geschehen -, mit russischem Gas betäubt u. anschließend mittels Kopfschuss hingerichtet zu werden. Was soll’s. Dank Putin, Bush u. Blair geht der “Kampf gegen den Terror” nun weiter, können Kolja u. Kumpels schonmal die Messer wetzen.
Ich möchte an dieser Stelle jenen wirklich tapferen Israeli zitieren - Mordechai Vanunu - ein Mann, der nun schon 12 Jahre in Einzelhaft sitzt, weil er versucht hat, den Westen vor Israels massiver atomarer Kriegstechnologie zu warnen. So wie’s aussieht, hat ihn damals ein gewisser Robert Maxwell ans Messer geliefert. In seiner Zelle schrieb Vanunu u.a. ein Gedicht, in dem es heißt: “Ich bin der Angestellte, der Techniker, der Mechaniker, der Fahrer. Sie verlangten, Tu dies, tu das, schau nicht nach links oder rechts, schau nicht auf den Text. Die komplette Maschine, sie geht dich nichts an. Nur dieser eine Bolzen hat dich zu interessieren und dieser eine Gummistempel*.” Unser Kolja hätte damit sicher kein Problem - ebensowenig wie jener Offizier der US-Airforce, der eine Drohne “flog”, also fernsteuerte, um die Al-Kaida-Leute im Jemen auszuschalten. Oder jener israelische Pilot, der Bomben auf einen Wohnkomplex in Gaza-Stadt abwarf - Bomben, die neben der Hamas-Zielperson auch 9 kleine Kinder töteten. Diese “Operation” - Gott sei’s geklagt, so haben sie’s tatsächlich genannt -, hat Ariel Scharon damals als “großen Erfolg” bezeichnet.
Dieser Tage scheinen alle vom Nutzen ‘sauberer Fangschüsse’ überzeugt zu sein. Ich allerdings wünschte mir, George Bush könnte ein Geschichtsbuch lesen - unsere britische Kolonialgeschichte z.B., als wir damals in den 30gern Giftgas gegen die widerspenstigen Kurden im Irak eingesetzt haben. Oder Bush begriffe die Geschichte seines eigenen Landes, das Saddam Hussein u. den Irak ja den gesamten Iran-Krieg lang unterstützt hat. Vor längerem brachten die Iraner ein wirklich scheußliches Buch heraus, gespickt mit farbigen Fotografien. Die Fotos stammen aus dem Iran-Irak-Krieg, u. sie zeigen die Gasblasen auf den Körpern der iranischen Soldaten. Ich hab’ mir die Fotos diese Woche erneut angetan. Wären Sie einer dieser Soldaten, sie würden sich gewiss nach der Erlösung des Todes sehnen. Die Soldaten sind auch alle ausnahmslos gestorben. Jemand sollte George Bush an die Worte Lawrence von Arabiens erinnern: “einen Krieg oder eine Rebellion anzetteln ist etwas Schmieriges. So, als würde man Suppe mit dem Messer essen”. Die Arroganz kolonialer Macht - wäre gut, die Amerikaner würden sich dieses Phänomen wieder vor Augen führen. Da ist z.B. Fernand Meysonnier, letzter französischer Henker im Algerienkrieg 1956-62 - also im algerischen Unabhängigkeitskrieg. Erst vergangenen Monat hat dieser Mann mit seiner Tüchtigkeit an der Guillotine geprahlt: “Wichtig ist, dass man dem Kerl keine Zeit läßt, sich (über seine Situation) Gedanken zu machen. Denn sonst dreht er seinen Kopf rum - und dann hast du die Sauerei. Das Fallbeil hängt in seinem Gebiß, u. du musst das Schlachtermesser nehmen, um die Sache zu Ende zu bringen. Aber es gibt einem doch ein unglaubliches Gefühl der Macht - einen Menschen zu töten”. So also sah das Ende jener tapferen muslimischen Kämpfer aus, die für die Freiheit Algeriens starben.
Sicher, ganz klar, im Irak wird es wahrscheinlich zu keinen Kriegsverbrechen unsererseits kommen. Es werden ja so viele dort sein, die den Soldaten in unserem Namen auf die Finger seh’n. Trotzdem, ich weiß auch nicht, wäre mir doch lieber, die Vereinten Nationen schaffen es, George Bush u. Wladimir Putin zurückzuhalten u., naja, auch unsern Tony Blair. Denn eines steht fest: Kolja wird auf alle Fälle wieder mit von der Partie sein.
Anmerkung d. Übersetzerin
* das Wort ‘rubber stamp’ bedeutet zum einen ‘Gummistempel’ aber auch ‘bloßes Werkzeug’.
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