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Bushs "Krieg gegen den Terror" - um was es wirklich geht

Anthony Arnove im Gespräch mit Howard Zinn

von Anthony Arnove und Howard Zinn

09.09.2002 — Socialist Worker / ZNet

— abgelegt unter:

Seit einem halben Jahrhundert ist HOWARD ZINN eine der führenden Stimmen gegen Ungerechtigkeiten, die von der US-Regierung im Namen der "Demokratie" ausgeübt werden. Er ist emeritierter Professor für Geschichte der Boston Universität und Autor des klassischen A People's History of the United States. Sein jüngstes Buch Terrorism and War erschien bei Seven Stories Press. Neuausgaben von sieben seiner zu Klassikern gewordenen Geschichtsstudien – einschließlich Vietnam: The Logic of Withdrawal und SNCC: The New Abolitionists – wurden von South End Press wieder aufgelegt.

In diesem Sonderbeitrag spricht Howard mit ANTHONY ARNOVE von Socialist Worker über die eigentlichen Ziele von Bushs Krieg.

GEORGE W. BUSH rührt die Kriegstrommeln für eine Invasion des Irak. Warum passiert das gerade zum jetzigen Zeitpunkt? Geht es bei dem geplanten Krieg um den Irak oder um Öl?

WARUM JETZT? Meiner Meinung nach deswegen, weil der "Krieg gegen den Terrorismus" der amerikanischen Öffentlichkeit – und sicherlich der Welt – immer mehr bestenfalls als erfolglos, schlimmstenfalls als ein Schwindel erscheint.

Die Bombardierung Afghanistans dauert nun fast ein Jahr, und es gibt weder eine Spur von Osama bin Laden noch haben wir irgendwelche Terroristennetzwerke zerstört. Die Bush-Regierung muss also die Aufmerksamkeit weg von einem Fehlschlag und hin auf einen Erfolg lenken. Angeblich ist der Irak ein einfaches Ziel und ein Krieg dort wird das Land dazu bringen, sich, wie nach den Anschlägen vom 11. September, um Bush zu scharen. Ob es um Öl geht? Zweifelsohne ist Öl ein wichtiger Faktor. Seit dem 2. Weltkrieg war der Wunsch, die enormen Ölreserven dort – und, ganz bestimmt, den Ölpreis und die Profite aus dem Öl zu kontrollieren, die Wurzel der US-Politik im Mittleren Osten.

Aber Öl ist nicht der einzige Grund. Da gibt es den Wunsch der Politik, durch die Schaffung einer Kriegsatmosphäre die Unterstützung der Bevölkerung zu bekommen. Dann gibt es den Wunsch, ein Land unter seine Kontrolle zu bringen, das sich bisher dem Zugriff Amerikas widersetzt hat. Die Vereinigten Staaten vertragen es nicht, dass es Staaten gibt, die sich nicht unterwürfig ihrer Politik anschließen. Als der Irak ein enger Verbündeter war, war er ein solches (unterwürfig zustimmendes; d. Ü.) Land, aber das änderte sich, als der Irak 1990 in Kuwait einmarschierte.

Ein Krieg mit dem Irak wird auch dazu beitragen, die Atmosphäre des Ausnahmezustands in den Vereinigten Staaten aufrechtzuerhalten, in der mit der praktischen Begründung eines Krieges die Bürgerrechte für die Nichtbürger und Bürger des Landes beschnitten werden. DIE BUSH-Regierung und anderen Kriegsbefürworter rechtfertigen den "Krieg gegen den Terrorismus”, indem sie von Demokratie reden. Was sind ihre wirklichen Interessen? DIE WIRKLICHEN Interessen der Regierung Bush – und der Kriegsbefürworter aus den Reihen der Demokren – sind immer noch die Interessen der USA, wie sie schon seit sehr langer Zeit, lange vor dem 11. September, existieren.

Das Langzeitinteresse der amerikanischen Regierungen, vom Ende des Revolutionskrieges bis zum heutigen Tag, war und ist die Ausdehnung der Nationalmacht, zunächst auf dem Kontinent, dann in der Karibik und dem Pazifik und, seit dem 2. Weltkrieg, auf der ganzen Welt. Für alle Expansionsbestrebungen gab es eine Erklärung: Die Doktrin des "Manifest Destiny" (Idee im 19. Jh., nach der die Vorrangstellung der Vereinigten Staaten von Gott gewollt ist; wird heute unterschwellig zur Legitimation der interventionistischen Politik der USA benützt; d. Ü.); die Notwendigkeit, "Spanien zu retten"; die Philippinen zu "zivilisieren" und ihnen das Christentum zu bringen; die Deutschen versenken unsere Handelsschiffe; Nordkorea ist in Südkorea einmarschiert, in Golf von Tonking wurde auf uns geschossen; wir müssen die Verbreitung des Kommunismus aufhalten.

Aber hinter all diesen Rechtfertigungen stand der Drang nach Erweiterung der wirtschaftlichen und militärischen Macht Amerikas. Der "Krieg gegen den Terrorismus" ist dabei die jüngste Gelegenheit, die politische, wirtschaftliche und militärische Macht der USA auf andere Teile der Welt auszudehnen.

EINIGE LEUTE haben die Situation der Gefangenen des 11. September mit der Inhaftierung der japanisch-stämmigen Amerikaner während des 2. Weltkriegs verglichen. Sie haben diese Zeit erlebt. Welches Klima herrschte damals?

DIE INHAFTIERUNG der Japaner fand statt, ohne dass sich die amerikanische Öffentlichkeit bewusst war, oder nur vage, das es geschah. Viele Liberale und Radikale wussten zwar, was passierte, blieben aber stumm, da sie glaubten, dass das zum Gewinn des Krieges nötig war. In der Bevölkerung herrschte eine weitverbreitete rassistische Haltung gegen die Japaner und machte es so umso schwerer, Mitgefühl zu erwecken.

Rassismus und Antipathie gegen die Immigration sind heute in diesem Land immer noch stark. Es ist beunruhigend, dass Moslems ohne Aufschrei der Öffentlichkeit festgehalten und ihrer Verfassungsrechte beraubt werden.

SIE SIND Mitglied der Bürgerrechtsbewegung. Wie war das für sie, die Politiker vom Fahnengruß reden zu hören und gleichzeitig aber zu wissen, dass den Afroamerikanern die elementarsten Rechte, die einem angeblich im Namen dieser Fahne garantiert werden, vorenthalten werden?

SCHWARZE AMERIKANER hatten schon immer zwiespältige Gefühle in Bezug auf die Fahne und "Patriotismus". Einerseits wollen sie als Unterstützer des Landes anerkannt werden, als Menschen, die gewillt sind, in seinen Kriegen zu kämpfen. Andererseits haben sie erkannt, dass die Kriege "für Freiheit" auf Heuchelei basierten, bedenkt man, was mit den Schwarzen in diesem Land geschah.

Im Bürgerkrieg kämpften Schwarze für das Recht auf die Teilnahme am Krieg, obwohl sie wussten, dass sie als Kanonenfutter verwendet und als minderwertig behandelt wurden. Anfangs sahen die schwarzen Soldaten auf den Philippinen die Teilnahme als Chance zu zeigen, dass sie wie die Weißen beim Militär dienen konnten. Aber bald merkten sie, dass sie farbige Menschen töteten, während zuhause ihre schwarzen Landsleute gelyncht wurden. Obwohl im 2. Weltkrieg bestimmte schwarze Anführer (insbesondere Joe Louis) dazu benutzt wurden, die Unterstützung der Schwarzen für den Krieg zu gewinnen, gab es eine beträchtliche Entfremdung unter ihnen, nicht nur wegen der Segregation in der Armee, sondern wegen der Behandlung der schwarzen Bevölkerung durch den Staat. Franklin Delano Roosevelt beispielsweise lehnte es ab, ein Anti-Lynch-Gesetz zu unterstützen. In der Bürgerrechtsbewegung in den Südstaaten waren Schwarze unter den Ersten, die den Vietnamkrieg ablehnten. Sie wiesen darauf hin, dass die Bundesregierung sowohl unter John F. Kennedy als auch unter Lyndon Johnson mit weißen Rassisten aus den Südstaaten zusammenarbeiteten und die Schwarzen nicht vor Gewalttaten schützten.

MIT DEM Herannahen des Jahrestags des 11. September hüllen sich die Politiker erneut in die Flagge und reden über Freiheit und Demokratie. Was sind ihre Motive?

DIE LEISTUNGEN führender amerikanischer Politiker hinsichtlich "Freiheit und Demokratie" sind so armselig, dass sie sich in die Fahne hüllen müssen, um das zu verbergen. Zu diesen (armseligen; d. Ü.) Leistungen gehört, dass weder für das Gesundheitswesen, die Schaffung von Arbeitsplätzen noch den Wohnungsbau Geld zu Verfügung gestellt wird, während für das Militär riesige Summen ausgegeben werden. Dazu gehört auch, dass eine riesige Anzahl der Gefangenen Farbige sind, und eben die Negierung der Armen in diesem Land durch unsere führenden Politiker ist schuld an den extremen Umständen, in denen sie aufwachsen. Der Patriotismus der Politiker dient dazu, das alles zu übertünchen und die Menschen von diesen Problemen abzulenken.

ANFÄNGLICH WURDE der Vietnamkrieg genauso patriotisch unterstützt wie alle anderen Kriege. Am Ende wandte sich aber eine bedeutende Zahl von ihm ab. Wann hat diese Änderung angefangen und warum?

ZWISCHEN 1965, als 61 Prozent der Befragten den Krieg unterstützten, und 1971, als 61 Prozent gegen den Krieg waren, hat ein dramatischer Wandel in der öffentlichen Meinung Amerikas stattgefunden.

Der Widerstand wuchs ganz allmählich. 1965 versammelten sich 100 Menschen auf dem Boston Common, um gegen den Krieg zu protestieren. 1969 waren es 100,000, die sich auf dem Common zum Protest gegen den Krieg versammelt hatten. Später waren es Millionen von Menschen, die sich an den Demonstrationen überall im Land beteiligten.

Ich glaube, der Wandel fand statt, weil die Leute 1967 und 1968 schließlich zu verstehen begannen, dass es ein brutaler Krieg gegen unschuldige Menschen war. Im Fernsehen sahen sie Bilder von US-Marines, die die Hütten der Bauern verbrannten, von Kindern, die Opfer der Napalmangriffe geworden waren, vom Massaker von My Lai. Und sie sahen die Zahl der amerikanischen Opfer Woche für Woche größer werden.

Ich glaube, man darf das nicht vergessen. Es gibt keine natürliche Neigung für die Unterstützung von Krieg, sie muss von den Politikern künstlich herbeigeführt werden. Und wenn Amerikaner, die normalerweise guten Willens und anständig sind, erst Informationen bekommen, die von der offiziellen Linie abweichen, fangen sie an, darüber nachzudenken und diese in Frage zu stellen.

EUGENE DEBS, der führende Sozialist der USA zu Beginn des letzten Jahrhunderts, sprach oft über diese Frage des Patriotismus. Können sie etwas zu seinen Ansichten über Krieg und Patriotismus sagen?

DEBS WAR einer der Anführer der Proteste gegen den 1. Weltkrieg. Er wurde zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt, und der Oberste Gerichtshof unter Vorsitz des angeblich liberalen Juristen Oliver Wendell stimmte diesem Urteil einstimmig zu. Debs wurde verurteilt, weil er in einer Rede in Canton, Ohio sagte, dass die Klasse der Herrschenden die Kriege herbeiführe, in denen dann die Arbeiterklasse kämpfe.

Er sagte: "In der Geschichte wurden Kriege immer zum Zweck der Eroberung und Plünderung geführt. Die mittelalterlichen Feudalfürsten, die in den Burgen wohnten, deren Türme man heute noch entlang des Rheins sehen kann, erklärten einander den Krieg, wenn sie ihr Herrschaftsgebiet erweitern und ihre Macht, ihr Ansehen und ihren Reichtum vergrößern wollten. Sie selbst zogen allerdings ebenso wenig in den Krieg wie die modernen Feudalfürsten, die Barone der Wall Street.

Die mittelalterlichen Feudalfürsten, aus ökonomischer Sicht die Vorgänger der heutigen Kapitalisten, waren diejenigen, die die Kriege erklärten. Und die unglücklichen Leibeigenen kämpften in ihnen. Die armen, unwissenden Leibeigenen hatten gelernt, ihre Herren zu verehren; zu glauben, dass es, wenn diese einander den Krieg erklärten, ihre patriotische Pflicht sei, übereinander herzufallen und sich gegenseitig den Hals durchzuschneiden, zum Vorteil und zur Ehre ihrer Fürsten und Barone, von denen sie verachtet wurden. Das ist Krieg, kurzgesagt. Die Klasse der Herrschenden hat schon immer die Kriegserklärungen ausgesprochen und die Klasse der Unterworfenen die Kriege gefochten. Die Klasse der Herrschenden hatte alles zu gewinnen und nichts zu verlieren, während die Klasse der Unterworfenen nichts zu gewinnen, aber alles zu verlieren hatte – speziell ihr Leben." Debs hat Krieg ganz richtig als eine Frage der Klasse beschrieben – etwas, was den Reichen nützt und die Armen umbringt.

Übersetzt von: Eva-Maria Bach
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