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Bushs titanischer Krieg gegen den Terror

von Robert Fisk

13.06.2002 — The Independent / ZNet

— abgelegt unter:

Also als Erstes sollte es ein Kreuzzug sein. Dann wurde daraus der ‘Krieg für die Zivilisation’, dann der ‘Krieg ohne Ende’, dann der ‘Krieg gegen den Terror’ u. jetzt, glauben Sie’s oder nicht, verspricht uns Bush gar einen ‘Titanen*-Krieg gegen den Terror’. Die Sache wird immer verrückter. Was kommt wohl als Nächstes? Nach den jüngsten Vorstellungen Bushs zu urteilen (“Wir wissen, tausende trainierte Killer schmieden ein Angriffs-Komplott gegen uns”), hat er sicher noch hochtrabendere Klischees in petto. Und ich denke, Bush hat auch die Sache mit diesem verhinderten ‘Dirty Bomber’ von Chicago schon eine Zeitlang gewußt - noch so ein kleines Geheimnis, das Bush seinem Volk einen Monat lang verschwiegen hat: bis zu jenem Zeitpunkt, als es ihm nämlich nützlich war. Wir werden noch viel von dieser undurchsichtigen Sache hören, u. ich würde fast wetten, die Geschichte nimmt eine unerwartete Wendung - in den nächsten Tagen, Wochen.

Aber was könnte wohl ‘titanischer’ sein als Bushs neuer Geheimdienst mit dem ominösen Namen ‘Department for Homeland Security’ (‘Behörde für die Sicherheit der Heimat’) - mit 170 000 zukünftigen Beschäftigten u. einem Budget von sage u. schreibe 37,5 Milliarden (Ibs. 26, 6 Milliarden)? Zu beachten: CIA u. FBI - ohnedies Rivalen - werden nicht in dieser (Super-)Behörde aufgehen. Beide springen sich ja gegenseitig an die Gurgel, seit sie versagt haben, ‘das Verbrechen gegen die Menschlichkeit’ vom 11. September zu verhindern. Aus dem Geheimdienst-Duell wird so wohl mit ziemlicher Sicherheit ein Dreikampf werden - zwischen CIA, FBI u. den Jungs von der ‘Heimatsicherheit’. Ich denke, das gibt den eigentlichen ‘Kampf der Titanen’. Warum? Weil die US-Geheimdienstleute nicht die Chance haben, sich mit ihren richtigen Gegnern so rumzuprügeln (wie sie dies untereinander tun). Ihre Mission wird zur ‘mission impossible’, weil sie nicht tun dürfen, was ja jede x-beliebige Organisation zur Verbrechensbekämpfung tun muss, um Erfolg zu haben - nämlich nach dem Tatmotiv suchen. Die wichtige ‘Warum’-Frage dürfen diese Leute nicht stellen - lediglich die ‘Wer’- und ‘Wie’-Frage.

Denn dies ist ja ein Krieg gegen das Böse - gegen “Menschen, die die Demokratie hassen” -, und jeder Versuch, die wahren Gründe für diesen Amerika-Hass zu beleuchten - zum Beispiel der Tod zehntausender irakischer Kinder oder das israelisch-palästinensische Blutbad bzw. die Präsenz tausender US-Soldaten in Saudi-Arabien - ist in außenpolitischer Hinsicht sehr riskant, vor allem auch in Hinblick auf Amerikas Beziehungen zu Israels Premier Ariel Scharon oder dieser Bande arabischer Diktatoren.

Hier nur ein Beispiel für das, was ich meine: Die neuen amerikanischen ‘Sicherheitsgesetze’ zwingen hunderttausende Araber bzw. Muslime aus bestimmten Ländern, sich bei der Einreise in die USA, ihre Fingerabdrücke abnehmen zu lassen, sich einem Verhör zu unterziehen bzw. sich fotografieren zu lassen. Dies betrifft laut US-Generalbundesanwalt John Ashcroft zukünftig fast alle Besucher aus dem Iran, aus dem Irak, aus Syrien u. dem Sudan - aber die meisten werden anschließend ohnedies kein Einreisevisum erhalten. Ashcrofts Liste ist keine Überraschung: Iran u. Irak zählen ja zu Bushs infantiler ‘Achse des Bösen’, u. Syrien ist wahrscheinlich auf die Liste geraten, weil es die Hamas im Kampf gegen Israel unterstützt. Diese Liste ist politisch - konstruiert als Pendant zu Bushs ‘Gut-versus-Böse’-Politik. Kein einziger Bürger des Iran, des Irak, Syriens oder Sudans ist ja bislang beschuldigt worden, die Anschläge vom 11. September mitgeplant zu haben. Die Selbstmord-Hijacker stammten hauptsächlich aus Saudi-Arabien, einer aus Ägypten, ein weiterer aus dem Libanon. Auch die Männer, die in Marokko verhaftet wurden - u. die angeblich mit zur al-Qa’ida gehören -, stammten ja aus Saudi-Arabien. Dennoch werden Bürger aus Saudi-Arabien - das, wie gesagt, das Gros der September-Killer stellt -, auch unter den neuen Sicherheitsgesetzen keinerlei Probleme haben, in die Vereinigten Staaten einzureisen. Oder anders ausgedrückt: Männer u. Frauen gerade aus jenem Land, dessen Bürger die Amerikaner noch am ehesten zu fürchten hätten, werden ausgenommen sein von der Prozedur des Fingerabdrucknehmens, des Fotografierens, des Verhörens, wenn sie auf JFK (John-F.-Kennedy-Flughafen) landen. Denn, klar, Saudi-Arabien gehört ja zu den “Guten”, es ist “ein Freund Amerikas” u. das Land mit den größten Ölreserven der Welt. Auch für Ägypten wird man selbstverständlich eine Ausnahme machen, weil sein Präsident Hosni Mubarak nämlich Unterstützer des ‘Friedensprozesses’ ist. Auf diese Weise werden Amerikas neue Sicherheitsgesetze munter um Bushs politische Phantastereien herumgebaut - statt dass sie den Realitäten des internationalen Verbrechens Rechnung trügen. Also wenn das hier ein Krieg zwischen den “Unschuldigen und den Schuldigen” ist - noch so ein Bush-Bonmot von letzter Woche - dann hat (komischerweise) ausgerechnet das Land aus dem die Schuldigen stammen, keinerlei Ärger mit Bushs Jungs von der ‘Behörde für Heimatsicherheit’ bzw. mit der US-Immigrationsbehörde zu erwarten.

Aber wieso sollten die Araber Bush im Moment eigentlich ohnehin ernstnehmen? Der Mann, der ja geschworen hat, einen “Krieg ohne Ende” gegen den “Terror” zu führen, befahl Israel bereits im April, seine Offensive einzustellen. Scharon setzte die Operationen danach aber munter einen Monat lang fort, u. Bush lehnte sich zurück u. tat - nichts. Am 4. April hatte Bush vom selben Scharon verlangt, “sofortige Maßnahmen einzuleiten”, um die Besetzung der palästinensischen Städte zu entschärfen. Aber zwei Monate später verschärft der “Mann des Friedens” (so Bush über Scharon) die Besetzungen nur immer weiter. Aber wenn schon Scharon keine Angst vor Präsident Bush hat, wie sollte da erst Bin Laden welche haben? Letzte Woche produzierte die Frage des ägyptischen Präsidenten Mubarak nach einem Zeitplan für einen zukünftigen Palästinenserstaat eine Bush-Antwort, die selbst nach dessen absurden Standards unglaublich alogisch war: Obwohl ihm doch klar sein mußte, dass er in zwei Tagen Premier Scharon trifft, antwortete Bush: “Wir sind bis jetzt noch nicht in der Lage, einen konkreten Zeitplan vorzulegen, wir wissen nur, dass wir das jetzt alles schnell auf den Weg bringen müssen, rasch, um den Augenblick nutzen zu können”. Bush argumentiert demnach folgendermaßen: Diese Sache ist so wichtig, dass wir dringend handeln müssen, in aller Eile - aber wiederum doch nicht so wichtig, als dass wir uns Gedanken machen sollten, wann wir nun eigentlich endlich anfangen zu handeln. Scharon will keinen ‘Zeitplan’. Scharon will keinen palästinensischen Staat. So hat Bush also wiedermal das Hasenpanier ergriffen - in einem Moment, in dem er unbedingt hätte Rückgrat zeigen müssen -, gegenüber seinen Freunden wie seinen Feinden. Außerdem: im selben Moment, in dem Scharon im ‘Weißen Haus’ auftauchte, fing Bush an, Palästinenserpräsident Arafat zu verhöhnen u. schloss sich Scharons Weigerung mit Arafat zu sprechen an; zudem sagte Bush de facto den Nahost-Gipfel ab - den ja alle Welt u. natürlich auch die Palästinenser im Sommer abhalten wollten - aber Scharon selbstverständlich nicht.

Und inzwischen nutzen sämtliche Leute - die angeblich gegen den Terror kämpfen -, diesen geisteskranken ‘Krieg’ (von Bush), für ihre eigenen Zwecke aus - nicht nur Scharon. Auch beispielsweise die Ägypter (sie hätten die CIA angeblich schon vor dem 11. September auf Anschlagspläne in Amerika aufmerksam gemacht) haben jetzt in aller Eile ein neues Gesetz auf den Weg gebracht, das die Arbeit der NGOs (Nichtregierungsorganisationen) dermaßen einschränkt, dass es künftig für Menschenrechtsorganisationen praktisch unmöglich sein wird, in Ägypten zu arbeiten: also keine Berichte über Polizeifolter mehr. Oder beispielsweise das algerische Militär, dem ja allgemein nachgesagt wird, es hätte einiges beigetragen zu den Massenmorden im Zusammenhang mit Algeriens ‘dreckigem Krieg’ der letzten 10 Jahre, hat gerade erst im Mittelmeer mit Nato-Schiffen ein gemeinsames Manöver abgehalten. Und das ist sicher noch nicht alles.

Natürlich hätte man fast wetten können, dass jemand in Amerika uns den wahren Unterschied erklären wird zwischen ‘guten Terroristen’ - die, die wir nicht bombardieren wollen wie etwa die ETA, die IRA oder den guten alten ANC -, u. jenen, die wir unbedingt bombardieren sollten; in diesem Fall hat dies Michael Elliott übernommen. Letzte Woche hat er uns im ‘Time magazine’ mitgeteilt, “dass ja nicht alle Terroristen gleich sind”. Es gibt, so Elliott, “politische Terroristen” - solche mit “einem erkennbaren Ziel” - u. sogenannte “Gotteskrieger”, ohne “politische Agenda”, die “sich einer höheren Macht im Himmel verschrieben haben”. Hier haben wir ihn also, (den großen Unterschied): wenn Terroristen mit den Amis kommunizieren, dann sind sie OK. Wenn sie’s nicht tun, dann heißt’s: ewiger Krieg. Und bei dieser ganzen verschrobenen Moral, wer könnte da ernsthaft Hoffnung haben, die Behörde für ‘Heimatsicherheit’ fängt die bösen Jungs ein, noch bevor sie wieder zuschlagen können? Mein Eindruck ist eher, der ‘Titanen-Krieg gegen den Terror’ wird denselben Weg gehen wie seine unsinkbare Namenspatronin, (die ‘Titanic’). Und wir wissen ja alle, was mit der passiert ist.

Anmerkung der Übersetzerin:

Titanen - aus der griechischen Mythologie: das von Uranos u. Gaia abstammende zweite Geschlecht der Götter

Übersetzt von: Andrea Noll
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