Chavez zeigt den Weg
Der venezolanische Präsident nutzt den Ölreichtum, um den Armen zu helfen und ist daher ein Vorbild für Lateinamerika
von Richard Gott
04.06.2005 — The Guardian / ZNet
Von der Flughafen-Autobahn zweigt ein schlammiger Pfad ab. Er führt in eines der verarmten Dörfchen, die sich an die Hügel über der Hauptstadt Caracas schmiegen. Diese Dörfer sind eine permanente Mahnung, wie groß die Kluft zwischen Arm und Reich im ölreichen Venezuela ist. Gerade mal 20 Minuten vom Herzen der Hauptstadt entfernt, leben hier 500 Familien in provisorischen Unterkünften - mit groben Wänden, die den Wind abhalten und Wellblechdächern - eine kleine Gemeinde. Sie haben Wasser, Strom und Fernseher, aber nicht viel mehr. Das alte Schulgebäude ist eingestürzt und liegt in Trümmern. In den letzten beiden Jahren ging kein einziges Kind zur Schule.
In einem Behelfskrankenhaus an der Hauptstraße praktizieren zwei Ärzte aus Kuba. Sie verweisen darauf, wie wenig Sinn es macht, Prophylaxe zu predigen, wenn gleichzeitig die alten Abwasserrohre aus Ton kaputt und nutzlos sind. Das Abwasser rinnt, wie es will, die Hügel hinunter. Die älteren Dorfbewohner leben schon viele Jahre am Ort. Sie kamen in den 60ger Jahren vom Lande, suchten an den steilen Hügeln eine neue Heimat. Viele sind mittlerweile depressiv und verzweifelt. Sie können sich nicht vorstellen, dass sich ihr Leben noch einmal ändert.
Aber es gibt auch die anderen - motiviert und aufgeregt. Sie haben sich der Bolivarischen Revolution des Präsidenten Hugo Chavez angeschlossen. Von der Regierung erwarten sie Großes und versuchen eine Forderung aktiv durchzusetzen: Die Behörden sollen sich endlich um ihr Dorf kümmern. Falls auf ihre Petition an den Bürgermeister, in der sie die Reparatur der Schule und der Abwasserrohre fordern, nicht bald reagiert wird, werden sie von den Bergen herabsteigen und die Autobahn blockieren, so wie sie es schon einmal getan haben - während des versuchten Staatstreichs gegen Hugo Chavez im April 2002.
Rund um Caracas existieren Hunderte solcher Wellblechhüttendörfer. Viele haben die Wende bereits in Angriff genommen. In einigen können die kubanischen Ärzte inzwischen in neuen Gebäuden praktizieren. Die Ärzte bieten medizinische Versorgung, Augenheilkunde und zahnärztliche Behandlung an. In Venezuela, mit einer Bevölkerung von 25 Millionen, gibt es inzwischen nahezu 20 000 kubanische Ärzte. Es gibt neue Supermärkte, in denen Lebensmittel zu subventionierten Preisen angeboten werden, das meiste davon hausgemachte Produkte. Klassen für Schulabbrecher wurden eingerichtet, in denen diese wieder ans Lernen herangeführt werden. Dennoch habe ich die Probleme des Dorfes an der Autobahn aus gutem Grund an den Anfang (meines Artikels) gestellt. Das dort herrschende Elend belegt, wie weit und schwierig der Weg noch ist. Dass “Armut der Vergangenheit angehört“ - in Venezuela ist dieses Ziel nicht allein eine Frage des Geldes. Es braucht eines revolutionären Prozesses, der die alten Institutionen, die dem Fortschritt im Wege stehen, beseitigt und neue entstehen lässt, die auf die Forderungen des Volkes eingehen.
In den letzten Jahren fand in Lateinamerika eine erstaunliche Entwicklung statt - eine Entwicklung, die mehr Aufmerksamkeit verdient, als dem Kontinent bislang zuteil wurde. Das Insekt „venezolanische Revolution„ unter Führung von Präsident Chavez (häufig angegriffen und verspottet als die wirre Vision eines autoritären Führers) ist endlich aus seinem Kokon geschlüpft und hat sich zum wunderschönen Schmetterling entfaltet. Chavez Vorbild, sein Image, wird die kommenden Jahrzehnte überstrahlen. Das meiste, was in den letzten 6 Jahren über die Revolution berichtet wurde - in Venezuela und im Ausland - war auf einseitige Weise feindselig und in hohem Maße beeinflusst von Politikern und Journalisten, die mit der Opposition im Bunde stehen.
(Man stelle sich vor, in der Französischen Revolution bzw. in der Russischen Revolution hätte es nur Informationen von den Höflingen des französischen Königs bzw. des Zaren gegeben.) Hochrangige Leute in den USA gaben die Kritik wie ein Echo weiter - angefangen beim US-Präsidenten Bush. Sie bastelten an einem negativen Rahmen, in den sich das Bild der Revolution unbedingt einzufügen hatte. Chavez sei bestenfalls veraltet und populistisch, schlimmstenfalls ein Militärdiktator im Aufstieg.
Aber das Rad der Geschichte dreht sich weiter. Seit der Abstimmung 2004, die Chavez erneut triumphal gewann, hat sich die Stimmung in Venezuela dramatisch gewandelt. Die einst siegessichere Opposition hat sich in ihre Zelte zurückgezogen und leckt die Wunden. Vielleicht hat ihr das Referendum über Präsident Chavez, das sie selbst gefordert hatte und so eindeutig verlor, den Todesstoß versetzt. Auch die aggressiv-feindseligen Medien sind ruhiger geworden. Die, die Chavez nicht mögen, haben die Hoffnung aufgegeben, ihn kurzfristig stürzen zu können. Chavez wird die Präsidentschaftswahl auch im nächsten Jahr gewinnen - daran hat niemand Zweifel.
Die Regierung Chavez treibt inzwischen mehrere äußerst spektakuläre Sozialprojekte voran - dabei hilft ihr der dramatisch gestiegene Ölpreis (von 10 Dollar pro Barrel auf 50 Dollar innerhalb der letzten 6 Jahre). Venezuelas Ölreichtum fließt inzwischen nicht mehr in die Taschen der Reichen. Die Ölrohre wurden verlegt und schwemmen den Reichtum nun in die Wellblechstädte - wo er für Krankenversorgung, Bildung und erschwingliche Lebensmittel sorgt.
Ausländische Regierungschefs aus Ländern wie Spanien, Brasilien, Chile und Kuba, pilgern nach Caracas, um Beziehungen zu jenem Mann zu knüpfen, den viele an der Spitze einer neuen lateinamerikanischen Kraft sehen. Chavez Popularität gibt ihnen Recht. Die massive Unterstützung, die Chavez aus dem Ausland erfährt, kommt den Plänen der US-Regierung in die Quere, die Länder Lateinamerikas gegen Venezuela in Stellung zu bringen. Sie hören einfach nicht mehr hin, und Washington verfügt über keine anderen politischen Mittel.
Der jugendlich wirkende frühere Armeeoberst Hugo Chavez (51) gilt in Lateinamerika mittlerweile als die originellste und ungewöhnlichste politische Figur seit Fidel Castros Machtantritt vor fast 50 Jahren. Chavez besitzt Charme und Charisma. Wenn er sich den Armen und an den Rand Gedrängten des Kontinents zuwendet, fehlen ihm nie die Worte. Chavez ist ein Intellektueller mit größtenteils autodidaktischem Wissen. Seine Idee einer Bolivarischen Revolution beruht vor allem auf den Taten und schriftlichen Hinterlassenschaften einer handvoll geschichtlicher Vorbilder aus dem 19. Jahrhundert - allen voran Simon Bolivar, der weite Teile Südamerikas von der spanischen Herrschaft befreite. So bietet Chavez eine kulturelle und politische Alternative zu dem US-inspirierten Modell, das bisher in Lateinamerika vorherrscht.
Worum geht es bei der Bolivarischen Revolution? Chavez ist ein Freund Fidel Castros - dessen enger Verbündeter - dennoch ist Chavez kein altmodischer Staatssozialist. In Venezuela lebt der Kapitalismus, es geht ihm gut, er ist in Sicherheit. Hier gab es keine illegalen Landbesetzungen oder Firmenprivatisierungen. Was Chavez will, ist, die Exzesse des “rohen Neoliberalismus“ (seine Worte) beschneiden. Der Staat soll eine maßgebliche und intelligente Rolle in der Wirtschaft spielen. Chavez liegt nichts daran, die kleinen Unternehmen zu beseitigen, wie das in Kuba der Fall war. Internationale Ölkonzerne reißen sich nach wie vor darum, neue Investitionen in Venezuela zu tätigen, selbst noch, nachdem die Regierung deren Abgabenlast erhöht hat. Venezuela bleibt die goldene Gans, an der kein Weg vorbeiführt.
Altmodisch ist Chavez unzweifelhaft, wenn es um „Klasse“ und „Rasse“ geht. Chavez verfügt über die Fähigkeit, über diese Dinge zu reden - Themen, die einst modern, heute jedoch längst tabuisiert sind. Von Chavez werden sie im Zusammenhang mit der Armutsfrage neu diskutiert. In vielen Ländern Lateinamerikas, vor allem in den Andenstaaten, organisieren sich mittlerweile die lang unterdrückten indigenen Völker. Zum erstenmal seit dem 18. Jahrhundert erheben sie wieder politische Forderungen. Als erster Präsident auf dem amerikanischen Kontinent hat Chavez ihr Banner ergriffen und macht die Sache der Indios zu seiner eigenen.
In seinen ersten 6 Regierungsjahren ließ es Präsident Chavez langsam angehen. Ständig wurden ihm von der gegen ihn in Stellung gebrachten Opposition Steine in den Weg gelegt. Mittlerweile steigert die Revolution ihr Tempo. Ihr Schwerpunkt wird sich verlagern - hin zu mehr Debatten und Auseinandersetzungen innerhalb der Regierung. Auch die Frage der Machbarkeit ist ständig präsent. In Venezuela existierten keine starken staatlichen Institutionen, die alten politischen Parteien sind kollabiert, ein schwacher, unmotivierter und inkompetenter Behördenapparat hat überlebt. Auf diesem Hintergrund mobilisierte Chavez damals das Militär, aus dessen Reihen er selbst stammt. Das Militär sollte das Rückgrat der revolutionären Reorganisierung des Landes bilden. Die Frage, ob diese Reorganisierung gelingt, ob es gelingen wird, die Wellblechstädte - auf dem Land wie in der Stadt - adäquat zu versorgen, hängt vom Überleben der Regierung ab. Im Falle ihres Scheiterns werden die Menschen hier die Autobahn blockieren und andere, radikalere Forderungen stellen.
Im Juni erscheint Richard Gotts neues Buch: „The Bolivarian Revolution in Venezuela“ (Verso)
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