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Darfur - westliche Heuchelei und muslimische Mittäterschaft

von Farid Omar

11.08.2004 — ZNet

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Die humanitäre Katastrophe im Darfur nimmt kein Ende, und die Vereinigten Staaten haben diese Möglichkeit genutzt Aufmerksamkeit vom Irak und von Palästina abzulenken, und zugleich ihre geopolitische Dominanz in Nordafrika und anderswo durch Sanktionsdrohungen und möglicherweise auch durch militärische Interventionen zu stärken. Andererseits verhalten sich die Arabische Liga (AL) und die Organisation der islamischen Konferenz (OIC) den Exzessen in Darfur gegenüber ungewöhnlich still, was es der Situation ermöglicht hat, außer Kontrolle zu geraten.

Bisher sind beinahe eine Million Menschen in Darfur von ihren Wohnorten vertrieben worden, mehr als 30.000 sind getötet worden, und geschätzte 170.000 haben im benachbarten Tschad Zuflucht gesucht. Zwar ist die westliche Heuchelei Darfur gegenüber sehr problematisch, aber die Mittäterschaft der Muslime beim Chaos in Darfur ist genauso beunruhigend. Die muslimischen Menschen und ihre Freunde sollten überall auf der Welt für die Menschen in Darfur aufstehen, auf die westlichen Doppelstandards aufmerksam machen und die AL und die OIC für ihre Tatenlosigkeit verurteilen, wich auch dafür, daß sie keinen Druck auf Sudan ausüben, die Krise zu beruhigen.

Die westlichen Medien haben die politische und humanitäre Krise in Darfur, und den weiträumigeren Konflikt im Sudan, entweder als rassischen oder als religiösen Krieg dargestellt. Das ist eine falsche Charakterisierung. Im Konflikt im Sudan steht nicht der sogenannte muslimisch-arabische Norden auf der einen, und der sogenannte christlich/animistische Süden auf der anderen; und es ist auch nicht der Konflikt zwischen den arabischen Janjaweed-Milizen die mit der sudanesischen Regierung zusammenarbeiten, und den SchwarzafrikanerInnen in Darfur. Die Menschen im Sudan sind alle AfrikanerInnen, ob sie noch Schwarzafrikaner oder arabische Afrikaner sind.

Wie manche AnalystInnen bemerkt haben, ist die rassische und religiöse Analogie des Konflikts Teil eines ideologischen Täuschungsmanövers des US Imperialismus, um unter AfroamerikanerInnen und SchwarzafrikanerInnen anti-arabische Feindschaft anzuregen und um für das Projekt der Neokonservativen und christlichen Rechten gegen arabische und muslimische AfrikanerInnen die Unterstützung von AfroamerikanerInnen und christlichen SchwarzafrikanerInnen zu erlangen, insbesondere gegen die sudanesischen Muslime. Es zielt also darauf ab, die alte afro-arabische Solidarität zu untergraben, welche sich in Geschichte immer wieder gegen die Kräfte des westlichen Imperialismus, gegen den Kolonialismus und gegen Apartheid gestellt hatte, und gegen die Besetzung in Palästina.

Westliche ExpertInnen haben den politischen Islam auch als mobilisierende und treibende Kraft hinter dem Konflikt im Sudan dargestellt. Aber entgegen weitverbreitetem Glauben werden die reaktionären islamischen Kräfte im Sudan kaum unterstützt. Auch in ihren größten Tagen hat die wichtigste islamische Partei im Sudan, die Nationale Islamische From (NIF), nie eine größere Unterstützung der Bevölkerung gewonnen, sie ist durch einen Staatsstreich an die Macht gekommen, und hält diese nur durch Intrigen. 1989 verschwor sich die NIF mit dem heute noch immer von Al Bashir geführten Militärregime um die demokratisch gewählte Regierung von Saddieq El-Mahdi zu stürzen.

Wie für die meisten anderen nordafrikanischen Länder und Länder am Horn von Afrika ist das echte Problem im Sudan das Fehlen von Demokratie; für die meiste Zeit haben im postkolonialen Sudan totalitäre Regime herrscht. Um ihre zu unrecht erhaltenen Privilegien zu schützen, und um sich an der Macht zu halten, hat die herrschende Klasse im Sudan Rasse und Religion benutzt, um die verarmten Massen zu teilen, auszubeuten und zu unterdrücken. Die zugrundeliegenden Probleme im sudanesischen Konflikt sind vor allem politisch, und man kann sie in totalitären Tendenzen sehen, welche die Bewegung zur Demokratie immer wieder abgestoppt haben.

Der sich schon lange dahinziehende Konflikt im Sudan wird auch von außen angetrieben. Amerikanische Waffen und Gelder, Propaganda und auch direkte Unterstützungen für sudanesische Rebellen durch rechte evangelikale Gruppierungen in den USA haben diesen Konflikt, der schon seit Jahrzehnten tobt, verstärkt. Genauso wie progressive Kräfte weiterhin die Autonomie und das Recht auf Selbstbestimmung für unterdrückte Gemeinschaften im Sudan unterstützen sollten, müssen sie die westliche Einmischung in die internen Angelegenheiten des Sudans aufzeigen und öffentlich verurteilen.

In der derzeitigen Krise sind die geopolitischen Hintergründe eine Gefahr für die nationale Souveränität des Sudans. Die Beschäftigung der USA mit Darfur stellt keinen Versuch dar, die humanitäre Krise zu lösen, sondern ist in Wirklichkeit ein Bestandteil einer breiteren geopolitischen Agenda - nämlich die ölreichen, vorwiegend muslimischen, Regionen Naher Osten, Zentralasien und Nordafrika militärisch zu beherrschen. Die humanitäre Krise in Darfur als Vorwand benutzend haben Bush, Blair, die EU und ihre israelischen Verbündeten sich schnel daran gemacht, die Aufmerksamkeit der Welt vom Irak und von Palästina abzulenken, und auf eine afrikanische, muslimische, Regierung zu lenken.

Der Aufruf der USA den Sudan mit Sanktionen zu belegen unterscheidet sich nicht von den früheren Forderungen unter der Präsidentschaft Clintons den Irak zu sanktionieren, auf welche die Invasion und Besatzung unter der derzeitigen Bush-Verwaltung folgte. Dies verfolgt eine bekannte imperialistische Taktik welche es darauf abgesehen hat, die militärische Hegemonie der USA auf die ganze Erde auszuweiten. Wie ein kürzlicher Artikel auf [the]BlackList[.net] bemerkt hat, sind die in Wirklichkeit relevanten Themen, "das Öl im Sudan, das geopolitische Ziel der USA und Israel in dieser Region vorzuherrschen, und die Befürchtung von Israel und der USA, daß die Unterstützung des palästinensischen Widerstandes durch den Sudan sich mit seinem mehr und mehr wachsendem Ölreichtum erhöhen verstärken wird. Bei seinem letzten Besuch im Sudan hat Colin Powell verlangt, daß der Sudan seine Unterstützung des palästinensischen Widerstandes einstellt." Für die Verfolgung ihrer hegemonialen Ziele könnte die USA im Sudan einen Staatsstreich nach der Art von Haiti veranstalten, soziale Aufruhr auf den Straßen anstacheln oder sogar mit einer militärische Kampagne beginnen, im Sudan einzufallen um ihn zu besetzen.

Während überall auf der Welt Stimmen ihrem Ärger und ihrem Entsetzen über die Ermordungen in der Darfurregion im Sudan ausdruck geben, fehlt offensichtlich eine Stimme - jene der muslimischen Gemeinschaften, welche bei ihrer Verurteilung des Krieges im Irak und der Unterdrückung in Palästina sowohl global als auch vor Ort sehr laut und deutlich sprachen.

Die muslimische Welt trägt eine Mitschuld dafür, daß sie die Massenmorde in Darfur ignoriert. Die Arabische Liga (AL) und die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) geben vor die Interessen der muslimischen und der arabischen Welt zu vertreten. Aber die Mehrheit der Mitgliedsländer der AL und der OIC sind schamlose Menschenrechtsverletzer innerhalb ihrer eigenen Gebiete. Als Konsequenz haben sie nicht die nötige moralische Autorität um gegen die Ausschreitungen im Sudan vorzugehen, welcher ebenfalls Mitgliedsstaat beider Organisationen ist.

Widerwillig sandte die Arabische Liga eine niedrigrangige Gesandtschaft mit dem Auftrag die Massenmorde zu untersuchen nach Darfur. Diese berichtete über "schwere Menschenrechtsverletzungen" in einem Mitgliedsstaat , zog diese Feststellung aber auf Druck des Sudans wieder zurück. Im Vorfeld von möglichen Sanktionen durch die UNO haben sich einige Mitgliederstaaten der AL und der OIC hinter den Vorhängen dafür eingesetzt, die sudanesische Regierung vor Sanktionen und militärischen Interventionen zu schützen.

Obwohl UNO-Sanktionen lediglich die Destabilisierung des Sudans bezwecken würden, haben Mitglieder der AL und der OIC wie Ägypten, Algerien und Pakistan sie dennoch offen gegen sie ausgesprochen, und anstelle dessen die UNO aufgefordert der sudanesischen Regierung mehr Zeit zu geben um die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen. Aber das ist ein sinnloser Ansatz, da die sudanesische Regierung weder Interesse und Fähigkeit hätte, die Krise beizulegen.

In internationalen Beziehengen gesehen, ist der Sudan vor allem Mitglied der Afrikanischen Union. Anders als die AL und die OIC hat die AU einige Schritte zur Entsptannung der Situation in Darfur unternommen. Die AU sucht aktiv nach einer afrikanischen Lösung für das Problem. Aber die 300 Friedensbeobachter die sie nach Darfur geschickt hat sind bei weitem zu wenig. Während es zwar möglich ist, daß Nigeria und Ruanda jeweils 1000 Friedenswächter schicken, ist es notweendig ihr Mandat auszuweiten, so daß sie Frieden halten und Frieden schaffen können. Die UNO und andere Mitglieder der internationalen Gemeinschaft welche Hilfe anbieten wollen sollten die Anstrengungen der AU unterstützen und nicht parallell dazu mit anderen Initiativen beginnen. Darfur ist ein afrikanisches Problemund die AU muß bei der Lösung des Konfliktes die Führungsrolle übernehmen.

Wie die AL und die OIC, haben die muslimischen und arabischen Medien auch eine seltsame Stille gewahrt. Im starken Kontrast zu den Ereignissen im Nahen Osten, ist die Berichterstattung über die gräßliche Sitatuation in Darfur von Al-Jazeera und anderen führenden arabischen Satellitenfernsehsendern, wie dem in Dubai ansässigen Sender Al-Arabiya, marginal. Es riecht nach Mittäterschaft wenn die muslimischen und arabischen Sender es versäumen dem grauenhaften Geschähen in Darfur eine angemessene Berichterstattung zu widmen. Genauso fehlt die Stimme der muslimischen Menschenrechtsorganisationen, religiöser Führer, Gelehrter, den Moscheen und anderer führender islamischer Institutionen, welche regelmäßig die westlichen Vergehen in der muslimischen Welt angeklagt haben, aber so seltsam leise werden, wenn es um das Leid ihrer muslimischen GlaubensgenossInnen im Darfur geht.

International haben die AL und die OIC oft die israelische Besatzung in Palästina verurteilt und in manchen Kreisen offen ihren Widerstand gegen die US Invasion des Iraks vorgebracht. Von Irak und Palästina über Bosnien und Afghanistan, waren alle muslimischen und arabischen Straßen von massivem Protest belebt, von Demonstrationen und Kundgebungen, und nun ist zur Zeit der Morde in Darfur, sind die selen Straßen beinahe leer und es gab kaum ein Anzeichen der Solidarität für ihre GlaubensgenossInnen in Darfur. Wie von Najam Aziz Sethi von Pakistans Friday Times bemerkt worden ist, bedeutet die muslimische Untätigkeit was Darfur betrifft ein moralisches Dilemma für die Gemeinschaft: "Die OIC ist gewöhnlicherweise entrüstet wenn Muslime von nicht-islamischen Staaten getötet werden. Wenn es nun aber um die Verantwortlichkeit eines islamsichen Regimes oder Staates geht, bleiben sie ungewöhnlich leise. Moralische Entrüstung sollte beide treffen". Sethi fügt hinzu: "Muslime sind entsetzt über die Gräueltaten der 'Ungläubigen', aber blind gegenüber den blutigen Verbrechen aus ihren eigenen gläubigen Reihen."

Die AL und die OIC sollten für die Gräuel im Darfur verantwortlich gemacht werden. Sie sollten gezwungen werden dafür Reparationen an die Menschen in Darfur zu zahlen, die blutigen Streifzüge der mit der sudanesischen Regierung zusammenarbeitenden Janjaweed-Milizen zu dulden. Die Anführer der Massaker in Darfur sollten vor einem Internationalen Kriegsverbrechertribunal für Sudan für angeklagt werden. Wenn die muslimische Gemeinschaft durch die Schreie der terrorisierten Menschen im Darfur nicht geweckt wird, riskieren sie es sich von der globale Gemeinschaft zu entfernen, und könnten überall auf der Welt die Unterstützung und Sympathie von Menschen guten Willens verlieren, welche sich für all die Kämpfe der muslime eingesetzt haben, sei es im Irak, in Palästina, in Afghanistan, oder anderswo.

Westliche Intervention würde die andauernde politische und humanitäre Krise im Sudan nicht lösen, sondern nur den Imperialismus weiter stärken. Die Masen in der arabischen und muslimischen Welt sollten die Rolle der AL und des OIC überdenken und in all ihren Mitgliedsstaaten deren Menschenrechtsverletzungen echten Widerstand entgegensetzen. Echte demokratische Kräfte müssen die Versuche der USA und anderer westlicher Mächte im Sudan zu intervenieren ablehnen und sie verhindern.

Die Krise im Sudan kann nur durch eine lang andauernde internationale Kampagne gelöst werden, welche auf einen friedlichen Übergang zur Demokratie abziehlt. Eine echte Lösung beinhaltet die Ermächtung von sozialen Bewegungen im Sudan, und die Schaffung eines Klimas welche es der Bevölkerung erlaubt friedliche Protoste und Streiks durchzuführen, und in anderen Formen zivilen Ungehorsam leisten, um die Regierung von Al-Bashir zu zwingen die Macht an eine Übergangsregierung abzugeben, welche alle Bevölkerungsgruppen der sudanesischen Gesellschaft vertritt, mit dem einzigen Mandat freie und faire demokratische Wahlen zu organisieren. Dies sollte kein von einer Elite angetriebener Prozeß sein, sondern eher eine gewaltfreie, von gewöhnlichen Menschen angeführete Aktion, welche sich auf die Unterstützung der Bevölkerung stützt, und frei von ausländischer Einmischung ist.

Orginalartikel: Darfur at the Crossroads
Übersetzt von: Matthias
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