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Das Empire konfrontieren

von Arundhati Roy

28.01.2003 — ZNet

Man hat mich gebeten, eine Rede zu halten zum Thema: “Wie das Empire (Imperium) konfrontieren?“ Eine schwierige Frage, u. ich habe keine einfache Antwort parat. Wenn wir darüber reden, das „Empire“ zu konfrontieren, müssen wir zunächst klären, was das überhaupt ist, „Empire“. Ist damit die US-Regierung (plus deren europäische Satelliten) gemeint oder die Weltbank, der Internationale Währungsfonds, die WTO oder die multinationalen Konzerne? Oder ist es mehr als das alles?

In vielen Ländern hat das Empire noch andere, subsidiäre, Pilzköpfe sprießen lassen - gefährliche Nebenprodukte - wie Nationalismus, religiöse Bigotterie, Faschismus u. natürlich den Terrorismus. All diese Erscheinungen gehen Hand in Hand mit dem Projekt der Konzernglobalisierung. Lassen Sie mich erläutern, was ich damit meine. Indien, „die größte Demokratie der Welt“, steht derzeit an vorderster Front des Konzernglobalisierungs-Projekts. Dieser 1-Milliarde-Menschen-„Markt“ wird momentan gerade von der WTO aufgestemmt. Konzerntätigkeit u. Privatisierung werden von unserer Regierung u. den indischen Eliten ausdrücklich begrüßt. Und es ist keineswegs Zufall, dass sowohl unser Premierminister als auch unser Innenminister u. unser Desinvestment-Minister, die damals den Deal mit Enron für Indien unterzeichneten, dass diese Leute, die die Infrastruktur unseres Landes an multinationale Konzerne verhökern u. Wasser, Strom, Öl, Kohle, Stahl, Gesundheit, Bildung u. Telekommunikation privatisieren wollen, dass sie alle Mitglieder bzw. Anhänger ein- u. derselben Partei sind: der RSS. Die RSS ist eine rechtsgerichtete, ultra-nationalistische Hindu-Gilde, die öffentlich ihre Bewunderung für Hitler u. seine Methoden zum Ausdruck gebracht hat. Die Demontage unserer Demokratie vollzieht sich mit der Geschwindigkeit bzw. Effizienz eines Strukturanpassungsprogramms. Das Projekt Konzernglobalisierung fegt durch das Leben der indischen Menschen; Privatisierung in großem Stil u. Arbeits-“Reformen“ vertreiben sie von ihrem Land bzw. nehmen ihnen die Jobs weg. Hunderte verarmte Bauern haben Selbstmord begangen, indem sie Pestizide schluckten. Überall aus dem ganzen Land treffen Berichte über Hungertote ein. Während sich unsere Eliten aufgemacht haben zu ihrem Traumparadies irgendwo an der Spitze der Welt, finden sich die Enteigneten in einer Abwärtsspirale von Kriminalität u. Chaos wieder. Ein derartiges Klima der Frustration u. der nationalen Desillusionierung - so lehrt uns die Geschichte -, ist bester Nährboden für Faschismus. Die beiden Arme unserer indischen Regierung haben den perfekten Zangengriff entwickelt. Während der eine Zangenarm emsig dabei ist, Indien häppchenweise zu verkaufen, sorgt der andere für das entsprechende Ablenkungsmanöver, indem er den laut bellend-heulenden Chorgesang des hinduistischen Nationalismus u. religiösen Faschismus orchestriert. Sie führen Atomtests durch, sie schreiben die Geschichtsbücher um, brennen Kirchen nieder u. zerstören Moscheen. Zensur, Überwachung - das alles wird immer alltäglicher -, ebenso die Aufhebung bürgerlicher Rechte bzw. der Menschenrechte u. die Anmaßung, zu definieren, wer Bürger Indiens ist u. wer nicht (betrifft vor allem religiöse Minderheiten).

Letzten März fielen im indischen Bundesstaat Gujarat 2 000 Moslems einem staatlich subventionierten Progrom zum Opfer. Besonders schlimm erging es dabei den muslimischen Frauen. Man riss ihnen die Kleider vom Leib, massenvergewaltigte sie u. verbrannte sie anschließend bei lebendigem Leibe. Brandstifter plünderten die Geschäfte u. setzten sie in Brand, ebenso Wohnhäuser, Nähereien u. Moscheen. Mehr als 150 000 Muslims sind aus ihren Häusern vertrieben worden. Das wirtschaftliche Fundament der muslimischen Gemeinschaft ist völlig zerstört. Und während Gujarat brannte, war unser indischer Premier auf MTV u. promotete seine neueste Lyrik. Januar 2003 wurde ein- u. dieselbe Regionalregierung, die diese Tötungen orchestriert hatte, erneut ins Amt gewählt - mit satter Mehrheit. Niemand wurde für den Genozid zur Verantwortung gezogen. Narendra Modi, Architekt dieses Progroms u. stolzes Mitglied der RSS, konnte seine zweite Amtszeit als Regierungschef von Gujarat antreten. Wäre Modi hingegen Saddam Hussein, CNN hätte selbstverständlich jede seiner Gräueltaten gesendet. Aber er ist nunmal nicht Saddam Hussein u. der indische „Markt“ weit offen für globale Investoren, also sind diese Massaker noch nicht mal eine peinliche Verlegenheit. Insgesamt leben in Indien mehr als 100 Millionen Muslime. Eine Zeitbombe tickt in unserem uralten Land.

Ich sage das alles nur, um zu belegen: der freie Markt reißt nationale Barrieren keineswegs nieder, das ist reiner Mythos. Der freie Markt gefährdet nationale Souveränität nicht - er unterminiert nur die Demokratie. Die Schere zwischen Arm u. Reich geht immer weiter auseinander. Und je mehr das passiert, desto intensiver wird der Kampf um die Ressourcen. Dabei benötigt die Konzern-Globalisierung eine internationale Konföderation aus loyalen, korrupten, authoritären Regierungen in den ärmeren Ländern (die unpopuläre Reformen durchpeitschen u. Aufstände niederschlagen), um so ihre „Vettern-Deals“ durchziehen zu können. Wobei die „Vettern-Deals“ der Konzern-Globalisierung darin bestehen, die Früchte, die wir anbauen, zu Konzerneigentum zu machen, ebenso das Wasser, das wir trinken u. die Luft, die wir atmen, ja selbst die Träume, die wir träumen, eignen sie sich an. Konzern-Globalisierung - ihr wirklicher Name lautet „Imperialismus“ -, braucht aber noch mehr: eine Presse, die vorgibt, frei zu sein u. Gerichte, die vorgeben, Gerechtigkeit zu üben. Gleichzeitig machen die Länder des Nordens ihren Grenzen dicht u. horten Waffen - Massenvernichtungswaffen. Schließlich wollen sie sicherstellen, dass lediglich Geld, Waren, Dienstleistungen u. Patente durch das Globalisierungsnetz schlüpfen. Dinge wie Reisefreiheit sollen hingegen nicht globalisiert werden, ebensowenig Respekt vor den Menschenrechten oder internationale Verträge (z.B. hinsichtlich Rassendiskriminierung, chemischer Waffen u. Atomwaffen, Verträge hinsichtlich der Gasemissionen, die zum Treibhauseffekt führen oder Verträge hinsichtlich Klimawandel) u. schon gar nicht Gerechtigkeit - Gott bewahre!

Das also - dies alles - stellt „Empire“ dar: Die loyale Konföderation, die obszöne Anhäufung von Macht u. die sich massiv vergrößernde Kluft zwischen denen, die entscheiden u. denen, die die Entscheidungen zu ertragen haben. Diese Kluft zu schließen - das sollte unser Kampf, unser Ziel u. unsere Vision für eine „Andere Welt“ sein. Aber wie widerstehen wir dem „Empire“? Zuerst die gute Nachricht: wir schlagen uns gar nicht mal so übel. Wir haben bereits große Siege errungen - vor allem hier in Lateinamerika: In Bolivien ist es Cochabamba, in Peru der Aufstand in Arequipa, u. in Venezuela hält Präsident Hugo Chavez weiterhin Stand - trotz aller Bemühungen der US-Regierung. Das Auge der Welt ist derzeit auf das argentinische Volk gerichtet, das versucht, sein Land aus den Trümmern der Zerstörung des IMF wiederaufzuerrichten. Aber auch in Indien gewinnt die Antikonzernglobalisierungs-Bewegung zusehends an Fahrt. Sie müht sich, sich zu einer politischen Kraft zu entwickeln - der einzig wirklichen - die sich dem religiösen Faschismus noch entgegenstellt. Und was die einstmals so schillernden Flaggschiffe der Konzernglobalisierung anbelangt - Enron, Bechtel, WorldCom, Arthur Anderson - an welchem Punkt waren sie letztes Jahr, und wo sind sie heute? Und da wir gerade hier in Brasilien sind: Wer war letztes Jahr euer Präsident... u. wer ist es heute? Und trotzdem... viele von uns werden sie kennen, jene dunklen Momente der Hoffnungslosigkeit u. der Verzweiflung. Wir wissen nur allzugut: unter dem sich vergrößernden Schutzdach des „Kriegs gegen den Terror“ sind die Männer in den feinen Anzügen emsig bei der Arbeit. Bomben regnen auf uns nieder, Cruise Missiles schwirren über das Firmament, aber gleichzeitig werden Verträge unterzeichnet, Patente angemeldet, Öl-Pipelines verlegt, natürliche Ressourcen geplündert, Wasser privatisiert, ist George Bush dabei, einen Krieg gegen den Irak zu planen. Wenn wir diesen Konflikt als einen direkten Auge-in-Auge-Kampf zwischen „Empire“ u. denjenigen von uns, die dem „Empire“ Paroli bieten, begreifen, wird es den Anschein haben, als würden wir verlieren. Aber man kann die Sache auch anders betrachten. Wir hier - wir alle, die wir hier versammelt sind -, belagern das „Empire“, jeder auf seine eigene Weise. Wir haben es nicht geschafft, das „Empire“ zu stoppen - noch nicht - aber wir haben es bloßgestellt. Wir haben es gezwungen, seine Maske fallenzulassen. Wir haben es ins Offene gezerrt. Nun muss es sich auf der Weltbühne in seiner ganzen unsäglichen, brutalen Nacktheit präsentieren. Natürlich kann das „Empire“ nach wie vor Kriege starten - aber es ist bloßgestellt u. so häßlich, dass es seinen eigenen Anblick nicht erträgt, so häßlich, dass es nicht mal mehr sein eigenes Volk mobilisieren kann. Wird nicht mehr lange dauern u. auch die Mehrheit der Amerikaner ist auf unserer Seite. Erst wenige Tage ist es jetzt her, da marschierte eine 1/4 Million Menschen in Washington gegen den Krieg im Irak. Und Monat für Monat nimmt der Protest zu. Vor dem 11. September 2001 besaß Amerika eine geheimgehaltene Geschichte - geheimgehalten insbesondere vor dem eigenen Volk. Inzwischen sind Amerikas Geheimnisse Geschichte u. seine Geschichte ist Teil des Allgemeinwissens. Die Leute sprechen auf offener Straße darüber. So ist uns beispielsweise klar: jedes Argument, das derzeit angeführt wird, um eine Eskalation des Kriegs gegen den Irak zu rechtfertigen, ist simple Lüge. Das lächerlichste Argument von allen ist allerdings die hingebungsvolle Verpflichtung der US-Regierung, dem Irak die Demokratie zu bringen. Menschen zu töten, um sie vor Dikatatur oder ideologischer Korrumpierung zu schützen, ist, wie wir ja alle wissen, ein altes Hobby von US-Regierungen. Sie hier in Lateinamerika wissen das am allerbesten.

Andererseits: niemand bezweifelt, Saddam Hussein ist ein gewissenloser Diktator, ein Mörder (dessen schlimmste Exzesse von der amerikanischen bzw. britischen Regierung unterstützt wurden). Sicher - die Irakis wären besser dran ohne ihn. Aber schließlich wäre die Welt auch besser dran ohne einen Mr. Bush. Nüchtern betrachtet ist der nämlich viel gefährlicher als Saddam Hussein. Sollten wir deswegen etwa Mr. Bush aus dem Weißen Haus hinausbomben? Alles deutet darauf hin, Bush ist entschlossen, einen Krieg gegen den Irak zu führen. Die wahren Fakten interessieren ihn nicht - ebensowenig die Meinung der internationalen Öffentlichkeit.

In ihrem Bemühen, neue Verbündete zu rekrutieren, schrecken die USA auch nicht davor zurück, neue „Fakten“ zu erfinden. Die Scharade mit den Waffeninspekteuren dient der US-Regierung dazu, eine perverse Form von internationaler Etikette zu wahren - im Grunde ist es aber nur eine schmählich beleidigende Konzession an die Etikette. Auf diese Art soll gewissermaßen das „Hundetürchen“ für last-minute-entschlossene „Verbündete“ bzw. womöglich auch für die UNO selber offengehalten werden. Sie sollen da hindurchkriechen. Aber ganz gleich wie u. warum: der Neue Krieg gegen den Irak ist bereits in Gange. Also, was können wir tun? Greifen wir doch einfach auf unsere Erfahrung zurück, lernen wir aus unserer eigenen Geschichte u. bearbeiten wir weiter die öffentliche Meinung - bis die zum ohrenbetäubenden Lärm anschwillt. Es liegt an uns, den Krieg gegen den Irak in eine Klarsichtfolie der Exzesse dieser US-Regierung zu verwandeln. Wir können George Bush, Tony Blair - u. deren Verbündete - an den Pranger stellen. Schließlich sind sie feige Baby-Killer, Wasservergifter u. hasenfüßige Fernbomber. Und wir können das Wort „ziviler Ungehorsam“ in Millionen Spielarten neuer- finden. Anders gesagt können wir Millionen neue Wege finden, diese Leute auf kollektive Art zu piesaken. Wenn George Bush uns nur die Wahl läßt: “Entweder, ihr seid auf unserer Seite oder auf der der Terroristen“, dann antworten wir einfach mit “nein, danke“.

Wir können ihm klarmachen, die Menschen der Welt halten gleichermaßen wenig von einer Wildgewordenen Mickey Maus wie von den Verrückten Mullahs - wir brauchen uns nicht zu entscheiden. Unsere Strategie sollte sein: Das „Empire“ nicht einfach nur konfrontieren es vielmehr richtiggehend belagern. Wir müssen es von seiner Sauerstoffzufuhr abschneiden. Wir müssen es erniedrigen u. verhöhnen - mittels unserer Kunst, unserer Musik, unserer Literatur, unseres Trotzes, unserer Freude, unserer Genialität, unseres schieren Beharrungsvermögens und unserer Fähigkeit, eigene Geschichten zu erzählen - Geschichten, die etwas anderes aussagen, als was man uns ständig einzureden versucht. Und noch etwas: Die Revolution der Konzerne wird in sich zusammenbrechen - wenn wir uns weigern, zu kaufen, was sie uns andrehen wollen: ihre Ideen, ihre Version der Geschichte, ihre Kriege, ihre Waffen, ihr Unausweichlichkeitskonzept. Vergessen Sie niemals: Wir sind viele, die nur wenige. Ihre Abhängigkeit von uns ist größer als umgekehrt. Die „Andere Welt“ - sie ist nicht nur möglich, sondern schon unterwegs zu uns. An stillen Tagen höre ich sie bereits atmen. Arundhati Roy, Porto Alegre / Brasilien am 27. Jan. 2003.

Orginalartikel: Confronting Empire
Übersetzt von: Andrea Noll
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