Das Europäische Sozialforum und die Gewerkschaften
Globalisierung macht Gewerkschaften und ESF zu natürlichen Verbündeten
von Frances O'Grady
17.10.2004 — Guardian / ZNet
Einige Pundits haben die Besorgnis geäußert, die ausgeprägte Beteiligung der Gewerkschaften am diesjährigen Europäischen Sozialforum bedeute eine Vereinnahmung des ESF durch den Mainstream. Darüber lächeln jene müde, die sich noch gut daran erinnern, wie Margaret Thatcher die Gewerkschaften vor 20 Jahren als den “Feind im Innern“ bezeichnete. Ganz im Gegenteil, die starke Gewerkschaftsbeteiligung am Sozialforum dieses Wochenende in London ist Beleg für die neue gewerkschaftliche Bereitschaft, sich mit einigen Sozialbewegungen zu verbünden - mit Bewegungen, die für die gleichen Werte und das gemeinsame Ziel der Schaffung einer besseren Welt einstehen. Ein Beispiel ist die Kampagne zur Organisierung der Reinigungskräfte von Canary Wharf - überwiegend Frauen aus Afrika und Südamerika, die die Schreibtische und Mülleimer der reichsten Banker der Welt reinigen bzw. leeren - für kaum mehr als 5 Dollar die Stunde. Diese Reinigungskräfte haben kaum Urlaub und keinerlei Rentenansprüche. Die „Transport and General Workers Union“ hat sich mit der „East London Communities Organisation“ zusammengetan, um diesen Reinigungskräften bei der (gewerkschaftlichen) Organisierung unter die Arme zu greifen und beim Start einer Kampagne für bedarfssichernde Löhne zu helfen. Eine ihrer Kernforderungen: Die Arbeitgeber sollen die Reinigungskräfte frühmorgens mit einem “Hallo“ und einem Lächeln begrüßen. Das mag kleinlich klingen, aber die Forderung nach Respekt ist eine zentrale. Man will erreichen, daß die Leute wie menschliche Wesen behandelt werden und nicht wie menschliche Ressourcen (bestenfalls) - ein Grundanliegen des neuen Bündnisses. Dieses Bündnis basiert auf dem Verständnis: Wir werden keinen Erfolg haben, wenn wir uns ausschließlich am Arbeitsplatz bzw. ausschließlich auf Gemeindeebene organisieren - um Erfolg zu haben, ist beides nötig.
Die Bereitschaft, sich für eine Verbesserung der Situation der Menschen einzusetzen - über den Arbeitsplatz hinaus - hängt zum Teil mit dem neuen Verständnis der Gewerkschaftsbewegung zusammen. Zum erstenmal in der Geschichte sind 50 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder Frauen. Typisch für moderne Gewerkschafter: Gute und bezahlbare Kinderbetreuung genießt bei ihnen denselben Stellenwert wie höhere Löhne. Schon den Pionieren der Gewerkschaftsbewegung im 19. Jahrhunderts war klar, Fortschritte bei der „Sozialentlohnung“ - in Form von Sozialwohnungen, Bildung, Rente und Krankenhilfe - sind nicht nur eine Art Grundsicherung, soziale Entlohnung ist auch das entscheidende Instrument, um das gewerkschaftliche Grundziel - mehr Gleichheit - zu verwirklichen.
Es ist sinnvoll, sich mit Leuten zu verbünden, die unser Anliegen teilen - seien es religiöse Organisationen oder Gemeinde-Kampagnen für bessere Kinderbetreuung. Die fortschreitende Globalisierung macht uns zunehmend deutlich: Alleine werden wir es nicht schaffen, das ist keine Option. Die Gewerkschaftsbewegung war stets international. Daß sie es mit der wachsenden Macht multinationaler Konzerne aufnehmen kann, muß sie erst noch beweisen. Gemeinsame Kampagnen, die Studierende, Arbeiter und Konsumenten miteinander verbinden - siehe „No Sweat, Fair Play“ und „Labour behind the Label“ - Kampagnen, mit denen Ausbeutung und Menschenrechtsverstöße offengelegt werden, zerren Regierungen und Konzerne ins Rampenlicht. Arbeitsstandards werden so zum Thema. Solche Kampagnen, mit denen erreicht werden soll, daß Konzerne Arbeit nicht mehr nach Lust und Laune rund um den Erdball verschieben können - vom Callcenter bis zur Autofabrik - brauchen natürlich internationale Solidarität. Wenn die Gewerkschaften einen Beitrag zur Veränderung der Welt leisten wollen, müssen sie sich zuerst selbst ändern. Durch Arbeitsplatzverlust im produzierenden Gewerbe ging die Zahl der gewerkschaftlich Organisierten massiv zurück; andererseits zeichnet sich ein steigender Grad an gewerkschaftlicher Organisierung bei den weiblichen Beschäftigten im privaten Dienstleistungsbereich ab - früher eine „No-go-Zone“ für Gewerkschaften. Und die Gewerkschaften erkennen immer mehr: Um die neue Arbeitergeneration zu erreichen - junge Beschäftigten der IT-Branche ebenso wie Migranten im Niedriglohnsektor -, müssen neue Wege der Organisierung beschritten, getestet, werden, Wege in die Gesellschaft hinein; die Beschränkung auf die Arbeitsstelle muß aufgegeben werden.
Von den 20 000, die nach London kommen, sind die meisten jung. Viele dunkelhäutige Menschen werden erwartet und viele Arbeitsmigranten, die auf der Suche nach Jobs zu uns kamen. Genau diese Leute sind es, die organisiert bzw. gewerkschaftlich organisiert werden sollten - im Sinne von mehr Arbeitsplatzgerechtigkeit. Die hohe Beteiligung am ESF bzw. die Gruppen, die das ESF anzieht, widerlegen die gängige Lehrmeinung, die Leute (vor allem junge Leute) seien politisch desinteressiert - und Migranten Duckmäuser. Aber um die “Regeln“ wirklich zu brechen, muß das Europäische Sozialforum mehr sein als ein Debattierclub. Und wenn die Gewerkschaften im Forum nicht nur symbolisch präsent sein wollen, müssen sie sich davon lösen, das ESF als eine Art Edel- Kirmes zur Anwerbung neuer Mitglieder zu sehen. Die Anliegen der ESF-Teilnehmer sind größtenteils identisch mit den Problemen, für die die Gewerkschaften Lösungen finden müssen: Privatisierung, Diskriminierung, Deregulierung. Unsere gemeinsame Herausforderung lautet: Wir müssen lernen zu siegen. Das ESF bietet die Möglichkeit, über ein neues Europa in einer anderen (besseren) Welt zu diskutieren. Für dieses „gelobte Land“ braucht es eine andere Art Gewerkschaftsbewegung. Am Montag endet das ESF. Die Gewerkschaften machen weiter - nicht nur in London, sondern überall auf der Welt, wo Menschen arbeiten. Das Forum wird Fragen aufwerfen. Es ist Sache der Gewerkschaften, Antworten zu geben.
Twitter
RSS Feed
