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Das Medienjahr 2002 ruhe in Frieden

von Norman Solomon

28.12.2002 — FAIR / ZNet

— abgelegt unter:

Es ist unmöglich, ein Jahr angemessen zusammenzufassen, und das Jahr 2002 ist schwieriger in den Griff zu kriegen als die meisten anderen Jahre. Ausbrüche von militärischem Eifer standen zu Beginn und am Ende der 12 Monate, die mit den schrecklichen Nachwirkungen des 09.11.2001 begannen, als die USA einen heftigen Krieg gegen Afghanistan führten. Jetzt scheint es, dass bald ein größerer Krieg gegen den Irak beginnen wird.

Wir können versuchen, uns an die nicht enden wollende Medienlawine zu erinnern, die zwischen dem Neujahrstag und Ende Dezember auf uns niederkam; wenn wir Glück haben, können wir das meiste getrost vergessen. Dies ist ein mehr oder wenig ständig vorhandenes Problem bei der täglichen Nutzung der Massenkommunikationsmittel. Ob es sich bei dem Medium um das Fernsehen, das Radio, Printmedien oder das Internet handelt, das meiste, was vor unseren Augen abläuft oder in unsere Ohren dringt, ist es nicht wert, in Erinnerung behalten zu werden.

Das Ende eines Jahres eignet sich zur Selbstbeobachtung und zur Mahnung an die Sterblichkeit. Wir haben keine Zeit zu verschwenden und wir könnten befürchten, sie trotzdem zu verschwenden! Eine alte Fernsehzeitschrift oder vergilbte Zeitungen sind Zeugnisse für die kurze Haltbarkeit eines Medienspektakels.

Es besteht keine Zweifel daran, dass die neuen Medientechnologien fantastische Möglichkeiten eröffnet haben - und spürbare Nachteile. Nehmen wir zum Beispiel das E-Mail. Bisher fällt es Ihnen wahrscheinlich schwer, dies zu glauben. Nicht aber, wenn Ihre Mailbox ähnlich wie meine, meist mit Werbung und anderem Zeug gefüllt ist, was ein totales Durcheinander zur Folge hat.

Natürlich will ich wissen, was an anderen Orten der Erde passiert und ich bin froh, von Leuten zu hören, deren Namen mir nicht bekannt sind. Aber allein im letzten Jahr hat das Niveau der totalen Kommerzialisierung des E-Mail-Verkehrs rapide zugenommen, so dass die Kommunikation per Computer mehr ein Fluch, denn ein Segen zu sein scheint.

Und was das Fernsehen betrifft, so ist nicht neu, dass es von der Kritik in den meisten Fällen als Müll bezeichnet wird. ‚Mad Magazine' hat das bereits ziemlich genau in den 1950ern beschrieben. Jetzt haben wir mehr Sender - und wir versprechen uns davon ein höheres Niveau. Ach, und habe ich schon die verbesserte Bildqualität und Tiefenschärfe erwähnt, die das High-Definition- Fernsehen unserer großen Nation bald zukommen läßt?

Trotz der leuchtenden Tupfer nimmt das Fernsehen gewöhnlich mehr als es gibt. Die Menschen wollen sich untereinander verbunden fühlen und sicherlich unterhalten werden. Aber auch die Wahl zwischen vielen Sendern, kann nicht verhindern, dass die Auswahl streng begrenzt bleibt. Aber wenn die Fantasie auf das begrenzt bleibt, was die gemeinsamen Sponsoren, Finanziers und Vorständen der Sender frei geben, dann wird es Zeit, irgendwo anders nach Nachrichtenreportagen und kreativer Kunst zu suchen, die uns herausfordern und am Leben erhalten können.

Es scheint mir, dass die Betäubungseffekte der gesamten Mainstream-Medien gut und gern mit der Art des Miltarismus übereinstimmen, der durch die amerikanische Gesellschaft geht und das Land, mit dem Segen des Mannes auf der Tyrannenkanzel im Weißen Haus, regelmäßig in einen weiteren Krieg, stürzt. Eine Kultur, die daran gewöhnt ist, substanzielle Bedeutungen in den TV-Werbespots und einer Vielzahl getürkter Shows zur Haupteinschaltzeit, zu finden, ist wahrscheinlich nicht in der Lage, sich selbst zu menschlichen Beziehungen und moralischen Handlungen wachzurütteln, wenn die Mächtigen des Landes sich für einen weiteren Krieg entscheiden. Während anderswo eine grausige Realität vorherrscht, beherrscht, mit freundlicher Genehmigung des Pentagons, ein Hauch von Unwirklichkeit die unzähligen Wohnzimmer. „Weil niemand im Fernsehen zu leben scheint," bemerkte der Medienkritiker Mark Crispin Miller, „ scheint auch niemand dort zu sterben."

Es wäre wünschenswert, das Jahr mit einer optimistischen Anmerkung zu beenden. Aber ich glaube nicht, dass ich das besser kann, als mich an das Graffiti zu erinnern, dass der große südamerikanische Schriftsteller Eduardo Galeano auf einer Wand geschrieben sah und berichtet: „Laßt uns den Pessimismus für bessere Zeiten aufbewahren."

Wenn Journalisten und Künstler Gefahr laufen, ihre Arbeit ehrlich zu machen, können die Ergebnisse anspornend und begeisternd sein. Im Gegensatz dazu führt uns der endgültige Triumph der Routinemedien zu einem Gefühl der Betäubung und ermuntert uns, passiv (außer rauszugehen und etwas zu kaufen) zu sein. Doch angesichts der personellen, politischen und sozialen Not führt die Gewohnheit, sich passiv zu verhalten, leicht in unser ständiges Verderben.

Da Kalender uns nicht aufhalten können, uns zu erinnern, verändern wir uns doch ständig. Manchmal scheint es, dass nur unser Bewusstsein statisch ist. Aber unsere Wahrnehmungen entwickeln sich doch stillschweigend weiter. Was wir daraus machen, bleibt sichtbar.

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Normon Solomons neues Buch „Target Iraq: What the News Media Didn't Tell You", dass er zusammen mit dem Auslandkorrespondenten Reese Erlich schrieb, erscheint Ende Januar bei Context Books.

Orginalartikel: Media Year 2002, R.I.P.
Übersetzt von: Tony Kofoet
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