Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Artikel Das Schweigen der Autoren
Artikelaktionen

Das Schweigen der Autoren

von John Pilger

10.11.2003 — ZNet

Für die großen Autoren des 20. Jahrhunderts konnte die Kunst nicht von der Politik abgespalten werden. Heute gibt es eine beunruhigende Stille über die dunklen Angelegenheiten, welche unsere Aufmerksamkeit bekommen sollten.

1935 wurde in der Carnegie-Halle in New York der erste Kongress amerikanischer Autoren abgehalten, und nächstes Jahr gab es wieder einen. Laut einem Bericht drängten sich 3500 in den Saal und über eintausend weitere wurden zurückgewiesen. Das waren aufregende Ereignisse, mit Autoren welche diskutierten, wie sie die verhängnisvollen Ereignisse in Abessinien, China und Spanien konfrontieren konnten. Telegramme von Thomas Mann, C. Day Lewis, Upton Sinclair und Albert Einstein wurden vorgelesen, welche die Gefahr wiedergaben, dass große Mächte nun ungezähmt waren, und dass es unmöglich geworden war Kunst und Literatur unabhängig von Politik zu diskutieren.

„Ein Autor“, erzählte Martha Gellhorn dem nächsten Kongress, „muss heute ein Mensch der Tat sein … Ein Mensch der ein Jahr seines Lebens für die Stahl-Streiks gegeben hat, oder für die Arbeitslosen, oder für die Probleme der rassistischen Vorurteile, hat keine Zeit verloren oder verschwendet. Das ist ein Mensch der weiß, wohin er gehört. Wenn du so etwas überlebt hast, ist das was du nachher sagst die Wahrheit, und ist notwendig und wirklich, und es wird bleiben.“

Ihre Worte hallen über die heutige Stille hinweg. Dass die Gefahr von großer und brutaler Macht in unserer eigenen Zeit anscheinend von den gefeierten Autoren akzeptiert wird, und von vielen jener, welche die Tore zur literarischen Kritik bewachen, ist keine Frage. Und für sie ist die Unmöglichkeit Literatur zu schreiben und zu bewerben, welche der Politik beraubt ist, keine [Frage]. Und für sie ist es auch keine [Frage] ihre Meinung kundzugeben – eine Verantwortung welche sogar der unpolitische Ernest Hemingway gespürt hat.

Heute ist der Realismus für obsolet erklärt worden; ein ironischer Stolz ist Betroffenheit; falscher Symbolismus ist alles. Was die Leser betrifft, [geht es darum] ihre politische Vorstellungskraft zu beruhigen, und sie nicht vorzubereiten; Was kümmert es sie schließlich? Martin Amis drückte dies in Visiting Mrs Nabakov sehr gut aus: „Die Dominanz des Selbst ist kein Makel, das ist ein evolutionäres Merkmal; das ist einfach so, wie die Dinge sind.“

Also ist es „Evolution“. Wir haben uns zum unpolitischen Selbst entwickelt; zur Selbstbetrachtung und zur Streiterei von Individuen, die von jedem Verständnis abgeschnitten sind, dass ihre Selbst-Besessenheit weniger wichtig und weniger interessant ist, als ein Engagement mit der Art wie Dinge wirklich für den Rest von uns sind.

Vor einigen Jahren schrieb der damals bekannt werdende Literaturkritiker D.J. Taylor einen seltenen Artikel genannt „Wenn die Feder schläft“. Er weitete diesen zu einem Buch aus, Ein leerer Betrug, in welchem er sich fragte, warum der englische Roman so oft in ein „wohnzimmerliches Geschwafel“ verkommt, und warum die brennenden aktuellen Fragen von den Autoren vermieden werden, ganz anders als ihre Kollegen in, zum Beispiel, Lateinamerika, welche eine Verpflichtung fühlten die politische Essenz in all unseren Leben zu bearbeiten, welche unsere Leben auch bestimmt.

Wo fragte er, sind die George Orwells, die Upton Sinclairs, die John Steinbecks? (Taylor schien dies kürzlich zu leugnen; hoffen wir, dass er sich wieder erholt hat.)

Die wichtigsten Listen der Literaturpreise zeigen seine ursprüngliche These. Trotzdem, so behauptet es Claire Armistead, die Literaturredakteurin des Guardians, „fordern Autoren jede Art von Engstirnigkeit heraus“. Aber was fordern sie sonst heraus? Bei den drei Sachbuch-Nominierungen des Guardian Book Award beschreibt sie „eine echte und große Erfindungsgabe“. Eines ist über einen Neurologen welcher in einer „total exzentrischen Art“ mit Worten spielt; ein anderes ist über Berge; ein anderes ist über das frühere Ostdeutschland, welches, so sagt sie, „einen ein bisschen besser verstehen lässt, in was für einer witzigen alten Welt wir leben.“

Aber wo sind die zeitgenössischen Werke die ins Herz dieser witzigen Alten Welt gehen, wie es die Bücher von Steinbeck und Joseph Heller taten? Wo ist das Äquivalent zu Eduardo Galeanos „Die offenen Adern Lateinamerikas“, Jonathan Coes „What a Carve-Up!“ und Timothy Mo“s „Der Überfluss an Courage“? Es gibt natürlich lobenswerte Ausnahmen. Man kann James Kelmans Sammlung „Und die Richter sagten“ kaufen, was beweist, dass Bücher welche echte Politik vor jener „ärgerlich machenden Inkonsequenz“ (um von F. Scott Fitzgerald [die Worte] auszuborgen) des Mediendorfes von Westminster retten bei der Bevölkerung sehr gefragt sind.

Tatsächlich gibt es unzählige Bücher von wenig bekannten Autoren, welche von andauernd ums Überleben kämpfenden Verlagen wie Pluto und Zed herausgegeben werden, die, manchmal sehr brillant, die Schatten der räuberischen Macht erhellen, und welche vom so genannten Mainstream ignoriert werden. Zweifellos werden sie als „politisch“ betrachtet; und wenn Politik nicht auf ihre Klischees reduziert werden kann, oder noch besser, in ein TV-Drama, dann [heißt es] nein Danke.

Schließlich ist, wie ein Kritiker der die meisten Rezensionen über Sachbücher schreibt, die Annahme, dass die Sozialdemokratie vom verrückten Marsch George Bushs und seinem damit einhergehenden McCarthyism bedroht ist, nun, „dumm“. Es ist egal, dass meine seine grundsätzliche bürgerliche Freiheit seiner Privatsphäre verliert, wenn man in die Vereinigten Staaten fliegt; dass dein Name allein schon zu Leibensvisitationen führen kann, wie Edward Said oft erlebte; und dass das FBI nun routinemäßig die Buchlisten von öffentlichen Bibliotheken inspiziert.

Das sind gefährliche Zeiten, und sie sind surreal. Kolumne auf Kolumne wird dem Kult Martin Amis gewidmet: Jener welcher schreibt, dass die Politik „in diesem Land vergangen ist, und dies ist ein großer Dank für seinen hoch entwickelten Charakter“, und welcher die große anti-kapitalistischen und anti-kriegs- Demonstrationen als „in Wirklichkeit anti-politisch“ verhöhnt, [und schreibt dass sie] „gegen die Politik an sich protestieren“.

Während sich der Guardian an der wieder gefundenen Menschlichkeit der früheren US Außenministerin Madeleine Albright erfreut gibt es keinen einzigen Hinweis darauf, dass diese selbe Frau tatsächlich, als sie gefragt worden ist, ob die 500.000 toten irakischen Kinder als Ergebnis der von Amerika angetriebenen Sanktionen es wert waren, sagte: „Wir glauben dass der Preis es wert ist“. Die Schlagzeile über ihrem lächelnden Gesicht lautet: „Ich liebte es, was ich tat.“

„Wenn die Wahrheit vom Schweigen ersetzt wird“, sagte der sowjetische Dissident Yevgeny Yevtushenko, „ist das Schweigen eine Lüge“. Kein Kongress von Autoren sorgt sich heute um die Lügen und Verbrechen George Bushs und Tony Blairs. Es ist erfreulich, dass der Bühnenautor David Hare die Stille gebrochen hat („Amerika liefert die Feuerkraft, wir liefern die Scheiße“) und sich so dem couragierten Dissidenten Harold Pinter anschloss.

Die Zeit wird knapp. Ein Downing-Street Dokument welches unter den „progressiven“ europäischen Regierungen zirkuliert worden ist, verlangt eine Weltordnung, in welcher die westlichen Mächte die Autorität haben jedes andere souveräne Land anzugreifen. Innerhalb von sechs Jahren hat Blair britische Truppen zur Teilnahme an fünf Konflikten geschickt, und er will noch mehr Blutvergießen. Das Dokument gibt seine Ansichten über „Rechte und Verantwortungen“ wieder – die Menschen in weit entfernten Gebieten zu töten und zu zerstören, und uns so alle in Gefahr bringen und zu reduzieren.

Was würde George Orwell daraus machen? Eine Reihe von Ereignissen wird anlässlich seinem Geburtstag vor 100 Jahren geplant. Viele von denen die mitmachen sind politisch sicher oder akkreditierte liberale Krieger. Was wenn Orwell seine Animal Farm und sein Nineteen Eigty-Four zu Parabeln über Gedankenkontrolle in relativ freien Gesellschaften gemacht hätte, in welchen er die disziplinierten Denker des korporativen Staates und die unsichtbaren Grenzen der liberalen Kontrolle identifiziert hätte, und die letzten Moden des Kaisers neuer Kleider? Würden sie ihn trotzdem feiern?

„Sie werden nicht sagen…“ schrieb Bertolt Brecht in „In Dunklen Zeiten“, „… als die großen Kriege vorbereitet wurden […] sie werden nicht sagen: die Zeiten waren Dunklen. Sondern: Warum haben die Dichter geschwiegen?“

Orginalartikel: The Silence Of Writers
Übersetzt von: Matthias
Artikelaktionen