Das Versagen unserer Autoren
von John Pilger
26.07.2002 — New Statesman / ZNet
John Pilgers neues Buch heißt „The New Rulers of the World“ u. ist im Verso-Verlag erschienen. Am 17. Juni schrieb ich im „Guardian“ über Martin Amis“ kürzlich erschienenen Essay “Die Stimme der einsamen Menge“ („The Voice of the lonely crowd“). Darin nennt er die Reaktionen bekannter Autoren (u. Amis ist ja selber einer) auf den 11. September, wörtlich: “jämmerliches Geplapper“. In Wirklichkeit jedoch blieben/bleiben die meisten Schriftsteller einfach stumm. Der Dramatiker David Hare hat sein Schweigen diesen Monat gebrochen - in einem Artikel für den „Guardian“, in dem er für sein Stück „Via Dolorosa“ wirbt. Es geht in dem Stück um Israelis und Palästinenser. Hare hat es zwischen 1997 u. 1998 verfaßt - während “eines romantischen Moments der Aufgeschlossen- heit“, wie er das nennt. Damit sind jene (Friedens-)Verhandlungen gemeint, die schließlich zum gescheiterten Gipfel von Camp David im September 2000 geführt haben. Wäre Camp David allerdings umgesetzt worden, es hätte für die Palästinenser Gefangenschaft in verschiedenen Kantonen bedeutet - vorbereitet bereits in den vorausgegangenen Oslo-Abkommen - “die Autonomie eines Kriegsgefangenenlagers“, wie es ein israelischer Kommentator einmal ausgedrückt hat. Hares „Guardian“-Essay war aber nicht zuletzt eine Replik auf meinen Artikel vom 17. Juni, in dem ich mich, laut Hare, über “die endemische Armut der britischen Kultur“ beklagt hätte. Falsch. Das britische Kulturleben ist schon in Ordnung - einmal abgesehen von reichen, berühmten Autoren, die es lieber vorziehen, ihre introspektive Salon-Zurückgezogenheit zu kultivieren. In Zeiten großer Not gibt es keine Entschuldigung für das Schweigen dieser Leute - u. jetzt ist eine solche Zeit.
Die wildgewordene Großmacht (Amerika) verkauft die Palästinenser an Ariel Scharon (einen Mann, der “persönlich verantwortlich“ befunden wurde für die Massaker in Sabra u. Shatila 1982), und gleichzeitig planen die USA selber einen Angriff - nämlich auf den souveränen Staat Irak, wobei, laut Pentagon, der Tod von 10 000 Zivilisten bereits einkalkuliert ist. Währenddessen verdoppelt die Blair Regierung - Amerikas Hauptverbündeter - munter ihre Waffenlieferungen an Israel. Und es gilt schon fast als ausgemachte Sache, dass Blair die Amerikaner auch bei ihrer neuesten Blutorgie nicht im Stich läßt. Beide Abenteuer sind historische Verbrechen - egal, wie man das internationale Recht auch dreht u. wendet - von Moral will ich gar nicht reden.
Eigentlich selbstverständlich, sollte man meinen, dass einer wie Hare - der ja in der Tradition von Leuten wie Zola, Miller oder Orwell steht u. einst als “Englands radikaler Stückeschreiber“ galt -, eine Meinung hat zu all diesen Dingen. Das ist aber nicht der Fall. Stattdessen teilt er uns mit, wie lästig es sei, “als Autor oder Autorin irgendwelche oberflächlichen Fragebögen durch den Briefschlitz (geworfen) zu bekommen, in denen dann verlangt wird, man solle gefälligst Stellung beziehen, man solle erklären (...) warum man als Person für oder gegen bestimmte Aktionen bestimmter Regierungen ist - gerade so, als könnten gewichtige Dinge, die mit Macht u. Religion zu tun haben, historisch ad acta gelegt werden, nur weil ich als Schriftsteller ein bißchen mit meinem Handgelenk wackle.“
Aber ich frage mich, ist es okay, dass Großbritanniens radikaler Stückeschreiber sich nicht in der Lage fühlt, Stellung zu beziehen? Dr. Ala Khazendar / Cambridge hat im „Guardian“ auf Hares Artikel geantwortet u. weist insbesondere auf die subtilen Unterschiede im Sprachgebrauch hin, je nachdem, ob Hare gerade von den Israelis spricht oder von den Palästinensern. Hare beispielsweise: durch die Selbstmord-Anschläge in Israel würden ganze “israelische Familien zerstört“. Palästinenser hingegen geraten bei ihm lediglich “zwischen die Fronten (der Gewalt)“ - was aber auch nur dann bedauerlich ist, wenn es sich um “Unschuldige“ handelt. Bezogen auf den israelischen Terror heißt es bei Hare lapidar: manche Leute kämen nunmal “militärischen Niederschlagungsaktionen in die Quere (der Israelis)“ - bzw. dabei zu Schaden. Palästinenserterror hingegen ist bei ihm schlicht “möderisch“. Extremisten auf der israelischen Seite werden als “Fanatiker und Expansionisten“ getadelt, während diejenigen auf palästinensischer Seite, die auf den Fanatismus reagieren, die versuchen, ihm zu widerstehen, sich laut Hare der “niedrigsten Inhumanität“ schuldig machten.
Aber derzeit ist der radikale Stückeschreiber am Schmollen: Präsident George W. Bush hat ihn nämlich im Stich gelassen. “Wir hatten ja gute Gründe zu glauben“, so schreibt er, Bushs “Verpflichtungserklärung“ zur Schaffung eines Palästinenserstaats stelle “ein ehrlichgemeintes Angebot dar. Schien so, als hätte der Präsident hinzugelernt gegenüber seiner ursprünglichen Zurückhaltung, als wollte er die Macht Amerikas nun tatsächlich zur Einmischung in der Region nutzen“. “Zurückhaltung“ - wann denn? Immerhin hat Bush seit dem 11. September 228 fernlenkbare Raketensysteme an Israel geliefert, respektive an dessen Luftwaffe, dazu 24 der neuesten Black-Hawk-Kampfhelikopter sowie 50 F-16-Kampfbomber, die übrigens auch britische Teile enthalten. Auch von Colin Powell ist Hare letztlich enttäuscht: “ein so vielversprechender Mann (...)“. Kann wohl nur ironisch gemeint sein, oder? Schließlich bestand General Powells letzter Job darin, das Oberkommando über den Tod zehntausender irakischer Zivilisten zu führen - während jenes einseitigen Gemetzels, das man gemeinhin „Golfkrieg“ nennt. Und davor war Powell von der US-Armee mit der ehrenvollen Aufgabe betraut worden, das My-Lai-Massaker in Vietnam unter den Teppich zu kehren. Und jetzt regt sich unser radikaler Stückeschreiber Hare also auf, Powell u. Bush hätten ihn “zum Narren“ gehalten. Verständlich. Hare war ja, wie er selbst sagt, einer derjenigen gewesen, die “die amerikanische Operation in Afghanistan vehement unterstützt hatten. Ich hielt die Sache nicht nur für einen legitimen Akt der Selbstverteidigung sondern auch für eine humanitäre Aktion, die zum Besten eines Landes ist, das sich ja in so einer verzweifelten Notlage befand, (und aus diesem Grund) genossen wir letzten Herbst ja auch jenen kurzen Moment der Hoffnung, als wir annahmen (...) die US-Außenpolitik hätte sich glücklicherweise endlich zur Seriosität gewandelt“. Aber just im Augenblick, als Hare seinen kurzen Moment der Hoffnung genoss, “befahl“ Präsident Bush - so die „New York Times“ - “...die Eliminierung von Lastwagenkonvois durch die die afghanische Zivilbevölkerung zum großen Teil mit Nahrung u. sonstigen Gütern versorgt wurde“. Im letzten Dezember veröffentlichte die University of New Hampshire eine Studie, in der nachzulesen ist, dass US-Bomber bei ihren exzessiven Tötungsaktionen 3000 afghanischen Zivilisten ums Leben brachten, - u. das sind mehr Opfer, als das Attentat auf die Zwillingstürme (in New York) insgesamt gekostet hat. Während dieser wenigen Wochen der Hoffnung, so Hare, “konnten wir glauben, der Westen hätte seine Rolle wiedergefunden“. Viele würden sagen: der Westen hat seine “Rolle“ überhaupt nie verloren. So schreibt beispielsweise William Blum („Rogue State“ (Schurkenstaat) / Oktober 2001) über die ganz normale amerikanische “Rolle“: “US-Kampfflugzeuge bombardierten das abgelegene Bauerndorf Chowkar-Karez, überzogen es mit Maschinengewehr-Feuer - dabei wurden 93 Zivilisten getötet. Ein Pentagon- Offizieller fühlte sich bemüßigt, zu sagen: „Diese Leute mussten sterben, weil wir einfach wollten, dass sie sterben“. Und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld kommentierte: “Ich kann mich jetzt nicht um dieses spezielle Dorf kümmern““.
David Hares bestes Stück „Pravda“ ist ein äußerst wortgewaltiger Aufschrei gegen den Missbrauch der Macht. Derzeit ist die Situation so: Bush unterstützt ganz offen das krypto-faschistoide Likud-Regime in Israel u. setzt auch seinerseits zum Sprung an, das Leben zahlloser Iraker auszulöschen. In einer derartigen Situation haben Leute mit dem Privileg einer öffentlichen Platform ganz einfach - moralisch wie intellektuell - die Pflicht, den Mund aufzumachen, sich zu äußern. Und sie sollten endlich mit ihrer ewigen Händeringerei aufhören!
Vor kurzem rief die große Freiheitsstimme (Südafrikas), Desmond Tutu, zu einem Boykott gegen Israel auf. Tutu verwies auf die Parallelen zum einstigen Apartheids-Staat Südafrika respektive zu jenem Boykott, der ja damals dazu beittrug, das Apartheids-Regime zu stürzen. Und fast so, als hätte er dabei die trägen Liberalen im Auge, die das Engagement anderer “oberflächlich“ nennen, zitierte Tutu Martin Luther King mit den Worten: “Unser Leben endet mit jenem Tag, an dem wir aufhören, über die wirklich wichtigen Dinge den Mund aufzumachen“.
Twitter
RSS Feed
