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Debatte der Meinungen über die Antikriegsstrategie

von Michael Albert

10.09.2002 — ZNet Kommentar

— abgelegt unter:

(Zu diesem Kommentar wurde ich angeregt durch ein Chomsky Znet Forum Post zum gleichen Thema.)

Viele Opponenten des "Krieges gegen den Terrorismus" und des Krieges gegen den Irak haben in letzter Zeit ein neues Vorgehen der Opposition befürwortet. Beispielsweise schreibt David Cortwright im "The Progressive":

"Wir sollten viel mehr auf die Gefahren eines Krieges gegen den Irak hinweisen und uns nicht mit U.S.-Untaten in der Vergangenheit aufhalten. Die Antikriegsbotschaft sollten wir in einer Weise formulieren dass auch ein Mainstream-Publikum sich angesprochen fühlen kann. Dies können wir tun indem wir allgemeine Werte betonen, wie beispielsweise Unschuldige schützen, die Kampagne gegen den Terror gewinnen, Zusammenarbeit mit den Alliierten sowie versuchen, die Entstehung von Anti-Amerikanismus zu verhindern".

Für mich hat dieser Vorschlag den Anschein als ob wir, um eine dauerhafte Opposition aufzubauen, nicht die Wahrheit über unsere Beweggründe sagen wollen und wichtige Fakten und Zusammenhänge ignorieren sollen. Wir sollen gegen den Krieg opponieren indem wir negative Implikationen für US-Bürger betonen aber Konsequenzen für die Menschen unter den Bomben ignorieren. Wir sollen uns von den historischen Fakten, die unumgänglich sind um Motive und Konsequenzen zu erklären, distanzieren.

Der Probleme sind viele. Wie kann man eine Politik beurteilen ohne auf "U.S.-Untaten in der Vergangenheit" hinzuweisen? An welches "Mainstream-Publikum" sollen wir appellieren? Welche Unschuldigen sollen geschützt werden? Welchen Terrorismus sollen wir reduzieren und wie soll das geschehen? Mit welchen Alliierten sollen wir "zusammenarbeiten". Was für einen "Anti-Amerikanismus" sollen wir verhindern?

Die "Unschuldigen schützen" ist lobenswert, aber wenn wir Cortwright's Vorschlag folgen und "frühere Untaten" herunterspielen, wie sollen wir dann Bush's Selbstdarstellung als ehrbare Friedensvermittlung in der Region konterkarieren? Wenn wir auf historische Referenzen verzichten, können wir nur argumentieren, dass eine Intervention uns schaden und unser Wohlbefinden einschränken könnte. Aber dies wäre moralisch eine zu einem Bankrott führende Haltung und wäre auch nicht durchhaltbar sobald es der Regierung gelänge:

(a) die potenziellen Kosten für die USA zu reduzieren, oder

(b) die Bevölkerung zu überzeugen, dass die Gefahren durch die "noch größere Gefahr" einer Nicht-Invasion zumutbar sind, eine Behauptung die wir nicht zurückweisen können, da wir nicht auf relevante Geschichte zurückgreifen sollen.

Cortwright meint auch, um auf breite Bevölkerungskreise einzuwirken, sollten wir das "Gewinnen des Krieges gegen den Terrorismus" unterstützen. Sicherlich meint er nicht, dass wir Bush unterstützen, der überall dort Terroristen findet wo Menschen mit US-Politik nicht einverstanden sind und keine Terroristen sieht, wo Gehorsamkeit gegenüber US-Vorhaben herrscht. Aber ohne Kontext, den Cortwright vermeiden möchte, können wir den Menschen nicht klar machen was die Phrase "Krieg gegen den Terrorismus" bedeutet.

Welchen Terrorismus sollen wir reduzieren und mit welchen Mitteln? - sehen wir uns doch die führenden Empfänger von US-Militärhilfe an. Es sind Israel, Ägypten, Kolumbien, die Türkei und ein wenig früher schon El Salvador. Beachten sie die hohe Gewaltbereitschaft gegenüber der Zivilbevölkerung in diesen Ländern. Ein einfacher Weg diesen grausamen Staatsterrorismus einzuschränken ist: Wir müssen aufhören uns in derartig massiver Weise am Terrorismus zu beteiligen. Wenn wir jedoch auf Cortwright hören, dürfen wir über relevante Geschichte nicht sprechen und können der Bevölkerung nicht erklären, dass ein wichtiger Teil der Kampagne gegen den Terrorismus unsere eigene Nichtbeteiligung am Terrorismus wäre.

Wie steht es mit dem Terrorismus dem wir uns nach herrschender Ideologie entgegenstellen dürfen: nämlich dem Terrorismus der gegen uns oder unsere Alliierten gerichtet ist? Wie werden wir gerade diesen Terrorismus reduzieren?

Sicherlich ist es unsere entscheidende Aufgabe, die Hintergründe der Gewalt zu adressieren und auch berechtigte Missstände anzusprechen. Aber da wir über Kontext nicht reden können, können wir auch nicht über Missstände reden und wenn wir über Missstände nicht reden können so können wir ganz sicher auch keine Vorschläge machen wie diese Missstände zu beheben sind.

Wenn ein überforderter Arbeitnehmer oder Schüler ein Bürogebäude oder eine Schule überfällt und Unschuldige tötet, so ignorieren wir nicht (oder verstärken gar) die Gründe für den Zorn, die Angstneurosen oder das Leid die den Täter zu seiner Tat trieben sondern versuchen, die Probleme anzusprechen. Auch bombardieren wir nicht die Schule oder das Bürogebäude, viel weniger vernichten wir umliegende Nachbarschaften, noch überfallen wir die Staaten in denen die Täter geboren, aufgewachsen oder zu schießen lernten. Wir versuchen stattdessen die Gründe für zukünftige Gewalttaten zu reduzieren.

Dies wird bei allen verstanden die sich auch nur einigermaßen ernsthaft mit dem Thema befassen. Beispielsweise wiederholte Israels General für Sicherheitsdienste (von 1996-2000), Ami Ayalon, dieser Tage öffentlich: diejenigen die die Palästinenser mit Gewalt besiegen wollen "wollen einen nicht endenden Krieg"; die einzige Möglichkeit den Krieg zu beenden ist die Befriedung der legitimen Ansprüche der Palästinenser, nämlich nationale Selbstbestimmung und ein lebensfähiger unabhängiger Staat.

Ayalon könnte niemals zu dieser Schlussfolgerung gekommen sein, hätte er die relevante Geschichte ignorieren müssen, wie es Cortwright vorschlägt. Desgleichen, wenn die Israelis Cortwrights Vorschlag folgen und ihre eigenen Verbrechen der Vergangenheit ignorieren würden, so würden sie sich dadurch einem nicht endenden Krieg aussetzen. Diese Lektionen sollten auch die USA berücksichtigen.

Wie ist es aber mit Cortwrights Vorschlag, dass wir mit unseren Alliierten "zusammenarbeiten"? Nehmen wir ein Beispiel, unsere türkischen Alliierten waren in massive Grausamkeiten gegen ihre eigene kurdische Bevölkerung während der 90er Jahre involviert und ca. 80% der Waffenlieferungen an die Türkei kamen aus den Vereinigten Staaten. Ich nehme selbstverständlich an, dass Cortwright eine derartige Zusammenarbeit nicht vorschlagen will.

Falls unsere europäischen Alliierten ihre landwirtschaftlichen Subventionen erhöhen um zu verhindern, dass arme Länder auf ihre Märkte vordringen, sollen wir dann dasselbe tun? Cortwright würde dazu nein sagen. Es ist klar, wir sollten mit unseren Alliierten nur kooperieren wenn es richtig erscheint dies zu tun. Damit sind wir wieder dort wo wir waren bevor der Ratschlag gegeben wurde.

Sollen wir versuchen den "Anti-Amerikanismus" abzubauen? Das hört sich vernünftig an, aber wenn Kritik an den USA aus einer Opposition an mörderischen US-Vorhaben erwächst, sollen wir dann immer noch versuchen die Kritik zu reduzieren? Wenn wir die Ursachen des sogenannten "Anti-Amerikanismus" verstehen wollen - sollen wir dann Cortwrights Vorschlag nachkommen und die Folgen herunterspielen die durch die US-Politik von anderen ertragen werden muss?

Während des Vietnamkrieges dachten einige Aktivisten sie hätten einen verantwortlichen Weg zu weitverbreiteten Protestaktionen gegen den Krieg in Vietnam zu offerieren. Sie argumentierten, dass wir die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten Südvietnam attackierten und die Aggression auf ganz Indochina ausweiteten nicht in unserer Argumentation verwenden sollten. Wir sollten die Beweggründe für die Aggression nicht offen legen oder in den Kontext amerikanischer globaler Planung stellen. Wir sollten den wahren Charakter unserer Kriegsverbrechen nicht ungeschminkt darlegen.

Wir sollten den Krieg nicht für "fundamental falsch und unmoralisch" erklären sondern einfach nur als einen Fehler bezeichnen, denn dadurch würden wir die amerikanischen Bürger verärgern. Dabei bezeichneten ca. 70% der Amerikaner den Krieg schon in den 1960ern als "fundamental falsch und unmoralisch" und nicht nur als einen "Fehler". Dies ist auch heute noch so der Fall, mit kleinen Abweichungen nach oben oder unten.

Vielmehr, so wurde argumentiert, sollen wir uns nur auf die Kosten konzentrieren die in diesem "Morast" versinken. Aber damit schlagen wir uns auf die Seite der Bildungseliten, die schon immer darauf bestanden, dass der Krieg "ein ungeschickter Versuch war Gutes zu tun", der aber, um 1969, im Begriff war, unserer Gesellschaft zu schaden und Amerikaner tötete, so dass wir in unserem eigenen Interesse den Krieg beenden sollten.

Mit anderen Worten, die Vietnam-Epoche lehrt uns, dass Kritik, die den intellektuellen Rahmen der Urheber dieser Politik akzeptiert und nur die Auswirkung auf uns selbst berücksichtigt, nicht nur unsittlich ist sondern auf lange Sicht auch keine effektive Opposition aufbauen kann die uns über die heutige Situation weiter hinaus hilft. Nicht einmal kurzfristig wird sie uns helfen eine Opposition aufzubauen. Diese Lektion ist auch heute noch gültig.

Um Cortwrights Vorschlag zu verwirklichen und die "besten Traditionen amerikanischer Demokratie aufrecht zu erhalten", ist es da wirklich in unserem ureigensten Interesse wenn wir US-Vergehen nicht diskutieren, andererseits wir aber US-Motive lobpreisen egal was die Fakten auch sind und wir unsere Fragen auf Methoden und Nebeneffekte beschränken?

Worauf wir hinweisen müssen ist dies: Die Idee, wir sollten was wir glauben unterdrücken und unsere Angelegenheiten nur in "pragmatischer" Weise formulieren, deutet darauf hin, dass wir eigentlich nur unsere Eliten ansprechen wollen, die, das ist wahr, haben es nicht gerne, wenn wir uns gegenüber US-Politik und Institutionen in äußerst kritischer Weise ausbreiten oder versuchen, breite Bevölkerungsmassen anzusprechen, da sie doch denken, dass die allgemeine Öffentlichkeit moralisch und intellektuell etwas "eingeschränkt" ist.

Es ist auch wichtig, dass wir uns fragen warum einige Linke an Eliten denken, wenn sie darüber reden wie man die Öffentlichkeit besser ansprechen könnte. Es ist wichtig, dass wir uns fragen warum einige Linke denken, dass Kriegsgegner zu mehr Anstand fähig sind als die Menschen die sie im Supermarkt oder an der Tankstelle treffen, oder dass sie denken, andere Menschen wären nicht imstande das zu verstehen was Kriegsgegner verstehen.

Ganz sicher sollten US-Aktivisten die Ansichten anderer würdigen und darüber reden wie Unschuldige geschützt werden können etc. Aber das heißt auch mit der Wahrheit über US-Vergehen nicht zurückzuhalten und sich nicht nur über die Untaten der anderen zu entrüsten. US-Vergehen sind ungemein wichtiger, aus dem einfachen Grund, wir können etwas dagegen tun, das heißt, wir können aufhören weitere Verbrechen zu begehen.

Wir sollten unser Bestes geben und die Wahrheit über wichtige Dinge herausfinden. Wir sollten mit anderen Menschen ehrlich sein. Sicher kann man sich Umstände denken in denen es besser ist, die Mitmenschen zu täuschen aber auf jeden der diesen Ratschlag gibt drückt eine schwere Beweislast - um es ganz unbeschönigt auszudrücken, der Beweis ist hier nicht erbracht worden. In der Friedensarbeit ist Ehrlichkeit nicht nur die richtige Politik sondern auch der einzige Weg eine breite Bewegung für eine dauerhafte und grundlegende Opposition zu schaffen.

Übersetzt von: Helmut Fiedler
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