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Demos in D.C.

von Cynthia Peters

18.04.2000 — ZNet Kommentar

— abgelegt unter:

Vorbemerkung: ich habe an den Protesten am Sonntag und Montag als "Springerin" teilgenommen und das bestimmt meine hier wiedergegebenen Eindrücke. Sie basieren auf meinen persönlichen Ansichten und Einsichten während der Ereignisse und enthalten keine umfangreich recherchierten Hintergrundinformationen. Notizen zum 16. und 17. April, Washington DC

Stellt euch eine fließende Masse vor - ohne zentrale Kontrolle, die sich nicht in ein und dieselbe Richtung bewegt, die nicht unbedingt die gleichen Taktiken anwenden -, die sich über ein Areal in der Umgebung von IWF und Weltbank ausbreitet.

Das war der Eindruck, den wir bekamen, als wir an der Kreuzung Pennsylvania Avenue und 20th am frühen Sonntag morgen ankamen. Die Polizei hatte die Zugänge gesperrt und zwang so die AktivistInnen, sie noch weiter auszubreiten. Wegen der Polizeisperren kamen wir nicht nahe an die Gebäude heran und die Blockaden der DemonstrantInnen verhinderten, daß die Delegierten hineinkamen (allerdings waren die meisten Delegierten in aller Frühe eingetroffen, bevor die DemonstrantInnen ankamen). Dutzende von autonom agierenden Affinitätsgruppen, die zwar innerhalb der jeweiligen Gruppe demokratisch arbeiteten, aber nicht unbedingt in Abstimmung mit den anderen Gruppen, sickerten allmählich auf den wichtigesten Kreuzungen in der Umgebung von IWF und WB ein und versuchten, die Teilnahme der Delegierten an der Konferenz zu verhindern. Einige der Affinitätsgruppen bildeten Ketten und besetzten eine Kreuzung. Um sie herum waren andere, die auch Ketten bildeten. Einige Affinitätsgruppen waren "SpringerInnen", die von Straße zu Straße eilten und versuchten, die Zuwege und Parkplätze in der Umgebung von IWF und Weltbank freizuhalten.

Es ist bei einer völlig dezentralisierten Aktion schwer zu sagen, was alles los ist. Die Leute konzentrierten sich auf das, was sie gerade taten und wo ihre Affinitätsgruppe dabei war. Handies, Funken und Fahrradkuriere verteilten Informationen, aber es gab keine Direktiven von irgendwoher. Ein Mann ging von Gruppe zu Gruppe und gab Neuigkeiten weiter, welche Kreuzungen erfolgreich blockiert wurden und wie die Polizei reagierte. "Wir haben einen weiteren Delegiertenbus gestoppt", rief er, "Die Polizei hat mit dem Einsatz von Pfefferspray begonnen. Alles klar, bleibt ruhig. Wir haben genügend Sanis."

Wie sich herausstellte, hat die Polizei am Sonntag kaum Pfefferspray oder Tränengas eingesetzt, obwohl es zahlreiche Gelegenheiten gab, bei denen es danach aussah, daß sie drauf und dran waren, die DemonstrantInnen mit ihren toxischen Substanzen zu duschen. Sie setzten ihre Masken auf, hoben die Waffen und rückten vor. Die DemonstrantInnen setzten nun ebenfalls ihre Masken auf oder bedeckten das Gesicht mit essiggetränkten Tüchern (Essig wirkt offenbar gegen das Tränengas). Sie bildeten Ketten, die Sprechchöre wurden lauter. Sanis trafen ein mit Flaschen, mit deren Hilfe sie den Leuten das Pfefferspray aus den Augen spülen konnten; einer mit einem Mikrofon gab nochmal durch, wie mensch am besten mit dem Spray fertigwird. Reporter und Fotografen kamen an. Ich sah viele DemonstrantInnen, die von der wachsenden Spannung und der lauernden Gefahr sichtbar erschüttert waren. Die Polizei gab dann ihre drohende Haltung auf. Die essiggetränkten Tücher verschwanden wieder in Reißverschlußtaschen und große Kreise von Menschenketten lösten sich auf und probten die nächste Aktion. Es ist schwierig, 20 oder 30 Leute dazu zu kriegen, gleichzeitig aufzustehen oder sich hinzusetzen, und Timing ist alles, wenn du deinen Arm in starren PVC-Rohren stecken hast und mit Dutzenden anderen in ähnlicher Ausrüstung zusammenhängst.

Die DemonstrantInnen, die strikt für gewaltlosen zivilen Ungehorsam waren, waren sehr erfolgreich dabei, Konfrontationssituationen mit der Polizei aufzulösen. Während eines solchen gespannten Moments mit der Polizei hörte ich, wie sich ein Demonstrant mit einem Mikrofon vor die Kette ging und direkt die Polizei ansprach: "Wir sind gewaltlos", sagte er. "Aber wir werden Ihnen Widerstand leisten. Wir werden Widerstand leisten", wiederholte er. "Wir werden Widerstand leisten, aber mit Liebe." Einige Polizisten mußten lächeln und alle schienen aufzuatmen. Der Typ mit dem Mikro lächelte auch. "We love you", rief er den Polizisten zu. Bald riefen alle im Sprechchor "We love you" in Richtung der Polizisten. Es war schon komisch und locker, und auch hilfreich für die Leute, um sich daran zu erinnern, daß wir keine Konfrontation wollten. Wir waren da, um die Konferenz lahmzulegen, oder wenigstens das Bewußtsein der Öffentlichkeit dafür zu erhöhen, wozu die internationalen Finanzinstitutionen da sind.

Von Minute zu Minute trafen die Affinitätsgruppen ihre Entscheidungen darüber, was sie tun wollten und wie. Irgendwann kam ein nett gekleideter Typ auf eine Kette auf einem Parkplatz mit Zugang zur H-Street zu, die zwar erschöpft, aber immer noch hoch motiviert war und gab bekannt: "Unsere Arbeit für heute ist getan. Die Treffen gehen weiter. Wir können uns genausogut der legalen Demo anschließen." Eine lange Pause folgte. Niemand schien die Neuigkeit zur Kenntnis zu nehmen. Schließlich rief jemand: "Bei welcher Behörde arbeitest du denn?!" Der Bote sagte dann noch: "Natürlich kann jeder seine eigene Entscheidung treffen."

Gerüchte gingen um. Irgendwann um Mittag herum hörte ich, wie eine TV- Reporterin die Nachricht sendete, daß die Treffen noch nicht begonnen hatten. Als sie die Übertragung beendete, fragte ich sie, wie sie diese Information erhalten habe und sagte ihr, ich hätte gehört, daß das Gegenteil zutreffe. Sie stimmte zu, sie wisse es nicht genau. (Daran müßt ihr unbedingt denken, wenn ihr das nächste Mal Nachrichten hört!)

Die Kommunikation war ein schwacher Punkt. So viele Handies, so wenig Nachrichten! Das dezentralisierte, demokratische Modell der Entscheidungsfindung innerhalb der Affinitätsgruppen funktionierte in vieler Hinsicht, nämlich, daß Leute wichtige Entscheidungen darüber trafen, an welchen Aktionen sie sich beteiligten, welche Konsequenzen dies haben könnte und wie sie bei Aktionen zusammenbleiben konnten. Es war fair und demokratisch und bedeutete, daß die Leute flexibel auf veränderte Situationen reagieren konnten. Aber es war nicht immer und zu jedem Zeitpunkt klar, was das Ziel der fließenden Masse war. Vielleicht wäre es gar nicht möglich gewesen oder auch nur wünschenswert, daß es einen einzigen Einsatzplan gab. Aber sobald es klar war, daß die meisten Delegierten es zum Treffen geschafft hatten und daß das Treffen wie vorgesehen lief, was dann? Bleiben und sie daran hindern, wieder herauszukommen? Bleiben, um Präsenz zu zeigen? Die Blockaden aufgeben und sich der genehmigten Demo anschließen und unsere Energie für den nächsten Tag aufsparen, wenn alles nochmal wieder losgehen würde?

Als der Nachmittag weiter fortschritt und die Sonne auf die DemonstrantInnen schien, von denen einige Hilfe beim Essen und Trinken brauchten wegen der PVC-Rohre um die Arme und die teilweise seit 6 Uhr früh nicht auf die Toilette konnten, trafen die Affinitätsgruppen unterschiedliche Entscheidungen, was als nächstes zu tun sei. Auf einer Kreuzung stand eine vorbereitete Phalanx von Polizisten vor einem Dutzend DemonstrantInnen, die auf der Straße lagen und von mehreren Kreisen von DemonstrantInnen umgeben waren. Auf der nächsten Kreuzung hielt die Polizei ihre Sperre aufrecht, aber da waren gar keine DemonstrantInnen. Auf einer weiteren Kreuzung, die die Affinitätsgruppen blockiert hielten, bildeten die Leute irgendwann einen großen Kreis, faßten sich bei den Händen, riefen ein paar letzte Siegessprechchöre und lösten sich auf.

Unlarheiten bestimmten auch die allgemeinen Ziele bei den abendlichen Beratungen der RepräsentantInnen der Affinitätsgruppen, als die OrganisatorInnen keinen Konsens über das Vorgehen am Montag erzielen konnten. Ich nahm an diesem Treffen nicht teil, aber es war deutlich, als wir am Montag morgen um 6.45 Uhr auf der Pennsylvania Avenue ankamen, daß die Affinitätsgruppen keine klaren Anweisungen hatten. Einmal war kaum jemand da. Vielleicht hatte der Regen sie abgehalten, der seit 4 Uhr früh in Wolkenbrüchen runterkam. Oder sie waren von den Ereignissen der ganzen Woche noch erschöpft. Was auch der Grund war, es waren nur ungefähr 100 DemonstrantInnen dort.

Die Polizei war andererseits in voller Stärke da, zusammen mit der Nationalgarde. Das Gefühl in der Innenstadt war gespannter als am Vortag, als die meisten Büros geschlossen und die Straßen leer waren. Die Medien waren auch in voller Stärke vertreten und erwarteten eindeutig mehr action. Als die ersten hundert von uns sich vor einem Bus auf die Straße setzten, rückten die Reporter mit vor und verstärkten unsere Anzahl.

Ich habe festgestellt, daß, wenn die Behörden eine große Zahl von Leuten erwarten, dann hat es dieselbe Wirkung, als wenn die Leute tatsächlich in großen Zahlen kommen. Gegen 8.30 Uhr waren wir immer noch erst 300 DemonstrantInnen, aber es waren bereits zwei U-Bahn-Stationen blockiert, die Angestellten von Bundesbehörden in der Gegend wurden angewiesen, zu Hause zu bleiben, die Polizei war weitaus zahlreicher als wir, und die Medien, die eine Story wollten, wollten jede unsere Bewegungen mitbekommen und festhalten.

Was noch offensichtlich wurde, als die Affinitätsgruppen am Montag nicht in Gang kamen, war, daß der Schwarze Block die stärkste Präsenz hatte Nachdem wir einen Lieferwagen auf der Kreuzung gestoppt hatten, entschieden wir, die Straße langzugehen und vereinzelte DemonstrantInnen einzusammeln, um so stärker zu werden, so daß wir für die nächste Aktion besser gerüstet wären. Wir bekamen mehr Energie, Schwung und wurden zahlreicher, und die Gruppe war gewaltlos orientiert. Als wir an der Polizei vorbeikamen, die in voller Ausrüstung angetreten war - kein schöner Anblick, selbst wenn genug Sanis dabei sind und vielleicht sogar essiggetränkte Tücher -, zeigten die DemonstrantInnen ihnen das Friedenszeichen.

Dann gingen wir um die Ecke und trafen auf den Schwarzen Block - so genannt wegen der völlig schwarzen Kleidung und Gesichtsmasken und ihren schwarzen Fahnen mit dem roten A wie Anarchie. Die Polizeihubschrauber folgten diesen Leuten in nahem Abstand, den ganzen Sonntag, teilweise weil die "Sache interessant" wurde, wo sie auftauchten, wie ein Reporter der Washington Post es formulierte. Ohne die Verpflichtung auf Gewaltlosigkeit, war es bei ihnen unwahrscheinlich, daß sie der Polizei "We love you" zurufen würden und auch der Respekt vor fremdem Eigentum war nicht zu erwarten, so daß die DemonstrantInnen im Schwarzen Block offenbar den Funken auslösten, der die Polizei in Gang brachte, die anscheinend wild drauf war, in die Menge hineinzugehen und nur auf den geringsten Vorwand warteten. Den Vorwand bekamen sie dann bald. Ich habe nicht gesehen, was genau die Konfrontation ausgelöst hat. Aber sowie es einmal angefangen hatte, hörten sie nicht auf. Sie setzten Schlagstöcke und Tränengas ein, die Polizei griff an und nahm Leute fest. Wir rannten weg und sie kesselten uns ein paar Straßen weiter ein. Es war ein Zermürbungskrieg, den die Polizei gewann. Die Gewaltlosen trennten sich von der Gruppe, um später für weitere Proteste wiederzukommen. Andere versuchten, bei der Gruppe zu bleiben und riefen im Sprechchor: "Gewaltfreier Protest". Wieder andere bewegten sich weiter durch die Straßen, trafen gelegentlich auf Polizeiketten, wo es mehr Tränengas, weitere Verhaftungen und mehr Gewalt gab.

Wir sahen mehr als einen Zivi-Bullen, der aus der Demonstrantion herausging und eineN DemonstrantIn festnahm oder angriff. Am Montag mittag war in den Nachrichten in DC ein Bericht, daß die DemonstrantInnen mutmaßliche Undercover-Polizisten in ihrer Mitte identifizierten und sie zu den nächsten gepanzerten Fahrzeugen brächten.

Den Nachrichten zufolge sammelten sich die DemonstrantInnen trotz der Zermürbungstaktik der Polizei und waren um Mittag ca. 700 Personen stark. Angesichts der erhöhten Spannung war es bemerkenswert, daß soviele da waren. Die DemonstrantInnen waren tapfer, ehrgeizig und zeigten am Sonntag unglaubliche Ausdauer. Die Tatsache, daß sie am Montag trotz des strömenden Regens kamen und Stunden der Konfrontation mit der Polizei durchstanden und sich zu einer bedeutsamen Abschlußdemo versammelten, ist ein Zeichen für die Entschlossenheit und den Einsatz der AktivistInnen.

Es gilt eine Lehre zu ziehen aus der Doppelstratie am Sonntag (hochmotivierte Straßenblockaden und die genehmigte Demo und Kundgebung) und der geringen TeilnehmerInnezahl am Montag. Wir müssen mehr darüber lernen, wie sich die Ereignisse entwickelten, als wir von den OrganisatorInnen und Affinitätsgruppen erfuhren.

Eine weitere Frage für die nächsten Monate: Hat die genehmgite Demo und Kundgebung denen genug Unterstützung gegeben, die zum zivilen Ungehorsam bereit waren? Hat die gleichzeitig stattfindende Demo und Kundgebung die Kräfte zersplittert? Warum war im Vergleich zu Seattle so wenig Gewerkschaftspräsenz vorhanden? Und was ist mit den örtlichen Gruppen? Eine Freundin von mir, die Gewerkschaftsfunktionärin in der Umgebung von DC ist, sagte, dies sei die "weißeste" Veranstaltung gewesen, an der sie seit langem teilnahm. (Obwohl die Polizei fast geschlossen Afro- Amerikanisch war.) Obwohl die genehmigte Demo heterogen und kreativ in ihren Sprechchören und Transparenten war ( "Spank the Bank" [Verhaut die Bank], "Neuter the Fat Cats" [Kastriert die Fetten Katzen=Bonzen] und dort auch Stahlarbeiter, Franziskaner-Nonnen und der Black Radical Congress beteiligt waren, konnte sie keine Massen auf die Beine bringen. Wie können wir die wirkungsvollsten Strategien lernen, die den meisten Menschen die Teilnahme ermöglichen?

Orginalartikel: The DC Demos
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