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Der 11. September und die Folgen: Wohin steuert die Welt? Teil 2

von Noam Chomsky

10.11.2001 — Vortrag an der Musikakademie Chennai (Madras), Indien

— abgelegt unter:
Frage 1: Sashi Kumar:

Nun werden wir einige Fragen entgegennehmen. Wir haben eine Frage von den Organisatoren hier, vielleicht könnten wir damit beginnen: "Bitte gehen Sie näher darauf ein wie die Verbrechen vom 11. September erklärt werden können, auf die möglichen Tätern und das Reservoir an Unterstützung. Und zuletzt, was sind die politischen Optionen?''

Antwort 1: Noam Chomsky:

Nun, wer führte die Verbrechen aus? Wir kennen eine Reihe von ihnen, jene die sich selbst umgebracht haben. Sie sind also bekannt. Sie stammten zum grössten Teil aus der Mittelklasse, gebildete Stadtbewohner, die meisten aus Saudi Arabien. Sicher nicht die Menschen, die sich in Afghanistan in Höhlen verstecken.

Die Vereinigten Staaten haben beschlossen, dass diese Dinge personalisiert werden müssen, damit man einen "Kreuzzug" ausführen kann. Also suchten sie sich Osama bin Laden und den Taliban aus, die mit ihm interagiert haben, was stimmen könnte. Aber sie haben anscheinend keine Beweise dafür. Wenn er irgendwelche Beweise gäbe, würden sie vorgelegt werden, dessen kann man sicher sein. Einfach nur um Unterstützung zu mobilisieren.

Die Vereinigten Staaten suchten sich einen zunehmend komischeren Klienten namens Tony Blair aus [Publikumsgelächter und Applaus] um den Fall der Welt zu präsentieren, während sie sich selbst irgendwie im Hintergrund versteckten. Ich nehme an der Public Relations Zweck dafür war, das Bild zu vermitteln, dass wir wirklich eine Menge von geheimen Informationen haben, von denen dieser kleine Junge nichts weiss [Gelächter], aber wir lassen ihn die Arbeit machen. Aber welchem Zweck das auch immer diente, im grossen und ganzen haben sie ziemlich eindeutig keine Beweise, und das ist nicht sehr überraschend.

Ich glaube, es ist durchaus möglich, dass diese Netzwerke tatsächlich verantwortlich sind. Das war die allgemeine erste Vermutung, und ich denke es ist eine plausible Vermutung . Aber es gibt einen grossen Unterschied zwischen plausible Vermutungen und Beweisen.

Und Netzwerke wie diese sind schwer zu durchdringen. Sie sind dezentralisiert, nicht-hierarchisch, sie kommunizieren nicht viel miteinander. Sie folgen einer tatsächlichen Politik, die "Führerloser Widerstand" genannt wird. Sie wird auch von Christlichen Rechten Terroristen in den Vereinigten Staaten befolgt. Dashalb kann das FBI [Federal Bureau of Investigation] diese Gruppen niemals durchsetzen. Führerloser Wiederstand bedeutet, dass sie eine Art gemeinsame Weltsicht teilen, die vielleicht von Sprechern festgelegt wurde, aber ihre Aktionen werden dann in kleinen Gruppen initiiert und ausgeführt. Vielleicht im Einklang mit dieser Politik, aber die Aktionen werden dann in kleinen Gruppen ausgeführt. Jeder der in, sagen wir, Antikriegsaktivitäten verwickelt gewesen ist, weiss genau wie das funktioniert, weil es immer auf diese Weise gemacht wird.

Widerstandsaktivitäten werden - wenn sie ernst sind - automatisch immer durch Führerlosen Widerstand ausgeführt, der undurchdringlich ist. Das FBI war zum Beispiel nie in der Lage, die Menschen zu identifizieren, die in den Vereinigten Staaten in der Antikriegsbewegung verwickelt waren - nicht weil sie es nicht versucht hätten. Diese Gruppen sind nur schwer zu durchdringen.

Also werden sie wahrscheinlich keine Beweise finden können, obwohl es möglich ist, dass dies ungefähr die Richtung ist, aus der die Täter kamen. Und wenn irgendjemand etwas darüber wissen sollte, dann ist dies die CIA [Central Intelligence Agency] weil sie bei ihrer Erschaffung geholfen haben! Sie haben sie 10 Jahre lang versorgt. Nicht alleine - gemeinsam mit den britischen Nachrichtendienst, Pakistan, Ägypten, Saudi Arabien. Sie mobilisierten die besten Mörder die sie in der muslimischen Welt finden konnten, die nun mal radikale Islamisten waren, und sie schuffen eine mächtige Söldnerarmee - nicht klein - vielleicht einige Hunderttausend Leute. Bewaffneten sie, bildeten sie aus, gaben ihnen Handbücher, zeigten ihnen wie man terroristische Handlungen ausführt, versorgten sie fast 10 Jahre lang - nicht um den Menschen in Afghanistan zu helfen, ganz im Gegenteil, es diente der Zerstörung des Landes. Und als sie mit ihnen fertig waren sagten sie Goodbye.

Aber diese Leute hatten ihre eigene Agenda, und das war kein Geheimnis. Erinnern wir uns daran, dass sie vor 20 Jahren, in 1981, den ägyptischen Präsidenten ermordet haben, der einer ihrer begeistertsten Erschaffer gewesen war. In 1983 trieb ein Selbstmordbombenattentäter, der mit diesen Netzwerken möglicherweise in Verbindung stand, das U.S.-Militär aus dem Libanon raus. Und das ging in den ganzen 80'er Jahren so weiter. Nach 1990 verbreitete es sich um die ganze Welt. Sie sagen einem genau was sie tun. Es ist kein grosses Geheimnis. Und innerhalb ihres Rahmens, ist das genau so rational, wie der, der innerhalb des westlichen Rahmens zur Zerstörung der Welt führt. Beide Rahmen scheinen intern rational - vielleicht irrsinnig aus der Sichtweise eines Aussenstehenden - aber intern rational, und wir wissen was sie sind.

Also vermute ich, dass dies die Täter sind, und dass sie es aus genau den Gründen tun die sie nennen. Aus ihrer Sicht haben sie alles getan: um die repressiven, brutalen und korrupten Regierungen der arabisch-islamischen Welt im allgemeinen zu stürzen, die Ungläubigen hinauszujagen - die Ausländer, die muslimische Gebiete besetzt haben, und Muslime überall vor Angriffen schützen. Okay? Das ist es. Und sie sagen es ziemlich geradeheraus, sie haben es 20 Jahre lang gesagt. Das sind die möglichen Täter.

Sie können auf ein Reservoir von Unterstützung zählen. Die Unterstützung könnte von Menschen kommen die sie verabscheuen, im Grunde, ihre Ziele. Wissen Sie, reiche Muslime in der arabischen Welt sind ihre Ziele, aber sie sind trotzdem für ihre Botschaft empfänglich. Sie sind auch gegen die korrupten, brutalen und repressiven Regierungen der arabischen Welt. Sogar jene, die die Vereinigten Staaten unterstützen und eng mit ihnen verbunden sind, verabscheuen die Vereinigten Staaten, wegen deren Unterstützung für diese korrupten Regime, deren Unterminierung jeglicher Schritte zur Demokratie, und weil sie im Grunde, jede unabhängige wirtschaftliche Entwicklung blockieren.

Und sie sagen es. Zur Ehrenrettung des Wall Street Journals, unser wichtigstes Bussinessmagazin, mus man sagen, dass sie nach dem 11. September damit anfingen diese Frage zu betrachten. Sie brachten einige gute Studien über die Meinungen der sogenannten "begüterten Muslime," reiche Muslime - Bankiers, internationale Anwälte und solche Leute, und das ist es, was sie zu sagen hatten.

Auf den Strassen ist das natürlich viel ausgeprägter. Aber grundsätzlich, ist es das was sie sagen, und sie weisen auch auf spezifische Politiken hin - die Politik, die irakische Zivilgesellschaft zu zerstören während Saddam Hussein bestärkt wird. Und obwohl der Westen es vorzieht das zu vergessen, haben sie Saddam Hussein zur Zeiten seiner schlimmsten Greueltaten unterstützt, einschliesslich der Vergasung von Kurden und alles andere. Sie erinnern sich daran. Und wenn bin Laden das sagt, erinneren sie sich was es bedeutet. Saddam wird also bestärkt, die Zivilgesellschaft wird vernichtet. Ein wenig weiter südlich, haben die Vereinigten Staaten ganz alleine die grausame und brutale israelische Besetzung in den Besetzten Gebieten aufrechterhalten, die jetzt seit 35 Jahren andauert.

Nun, wissen Sie, diese Dinge erwecken eine enorme Feindseligkeit. Und daraus entwickelt sich eine Art Reservoir für Unterstützung, sogar von jenen, die den Terrorismus und die möglichen Täter verabscheuen.

Welche politischen Optionen gibt es? Nun, welche Optionen gibt es wenn ein Verbrechen verübt wird? Nehmen wir zum Beispiel einen viel schlimmeren terroristischen Angriff - den U.S.-Angriff auf Nicaragua. Weitaus schlimmer, hat dieser praktisch das ganze Land verwüstet. Es war keine sofortige Zerstörung (in dieser Hinsicht unterscheidet er sich), aber, über mehrere Jahre hindurch, viel schlimmer.

Nicaragua befolgte die korrekten politischen Optionen. Sie wandten sich an das Internationale Gerichtshof, legten Beweise vor, was in diesem Fall nicht schwer war; das Gericht untersuchte den Fall, untersuchte den Fall der Vereinigten Staaten; akzeptierte den Fall Nicaraguas; verurteilte die Vereinigten Staaten des internationalen Terrorismus. Das Gericht würde niemanden bestrafen, rief aber die Vereinigten Staaten auf ihr Verbrechen einzustellen und Reparationszahlungen zu leisten. Als die U.S. sich weigerten, wandte sich Nicaragua an den UN-Sicherheitsrat, der versuchte eine Resolution zu erlassen, dass alle Staaten dazu aufrief das internationale Gesetz zu achten. Diese wurde durch ein Veto blockiert. Nicaragua wandte sich daraufhin an die UN-Generalversammlung. Sie konnten einen praktisch einstimmigen Beschluss erzielen, aber das war bedeutungslos. Aber an diesem Punkt waren die politischen Optionen ausgeschöpft - für einen gesetztreuen Staat! Aber wenn die Vereinigten Staaten diese Mittel befolgen würde, würde niemand sie aufhalten. Im Grunde würde es allgemeiner Applaus geben.

Es ist irgendwie auffällig, dass die U.S. leicht eine Resolution des Sicherheitsrates hätte erhalten konnen, die sogar ihre Verbrechen- und das sind grosse Verbrechen - in Afghanistan legitimisiert hätte. Der Angriff auf Afghanistan ist ein eindeutiges Verbrechen, meiner Meinung nach, viel schlimmer als der Angriff vom 11. September [Applaus für diese Erklärung], aber die U.S. hätten dafür eine Autorisation erhalten können. Der Angriff ist zufällig auch illegal, aber er hätte legal werden können. Wissen Sie, Verbrechen können leider vom Gesetz autorisiert werden.

Die U.S. hätten die Unterstützung des Sicherheitsrates aus hässlichen Gründen erhalten können. Die fünf Länder mit Vetorecht, hätten die U.S. unterstützt, weil sie Terroristenstaaten sind [Applaus], und weil sie alle massiver Terrorismus unterstützen. Sie alle wollen die Autorisierung der U.S. für ihre eigenen terroristischen Handlungen. Auch Indien will im Grunde die Autorisierung seines eigenen Staatsterrorismus. Und das ist ziemlich allgemein der Fall mit der Türkei und Algerien. Alle Teilnehmer an der Koalition der Gerechten, haben sich ziemlich sehr aus diesem Grund angeschlossen.

Also hätten sie leicht eine Autorisierung erhalten können, aber sie wollten sie nicht. Denn die Autorisierung des Sicherheitsrates zu erhalten würde bedeutem, die Autorisierung des Sicherheitsrates zu brauchen, das es also eine Autorität gibt, der man sich unterordnen muss. Und wenn man Hegemonie anstrebt, will man dieses Prinzip nicht. Man will in der Lage sein unilateral zu handeln, ohne irgendeine Art von Autorisierung.

Das ist nicht Bush, das ist traditionelle Politik. Clinton sagte dies in seiner ersten Ansprache an die Vereinten Nationen in 1993. Er sagte: wir werden multilateral handeln wenn es funktioniert, aber wenn es das nicht tun, werden wir unilateral handeln um unsere Eigeninteressen zu unterstützen. Und diese Art des Vorgehens kann man von einer Grossmacht erwarten, die damit durchkommen kann. Also zogen sie es vor es illegal zu machen.

Aber es gibt Optionen, und diese Optionen sind schwer zu befolgen. Ich habe in den Zeitungen heute morgen bemerkt, dass Indien sehr zufrieden gewesen ist, dass die Vereinigten Staaten Pakistan drängten einen Verbrecher auszuliefern, der beschuldigt wird in Indien Verbrechen verübt zu haben, weshalb sie seine Auslieferung von Pakistan wünschen. [Rückfrage an Noam: Ausliefern eher als verurteilen? - Ja]. Sie [die Vereinigten Staaten] hätten die Auslieferung Osama bin Ladens wahrscheinlich erreichen können. Wir können nicht sicher sein, aber der Taliban machte Gesten in diese Richtung.

Es gab nur einen Weg herauszufinden ob sie ehrlich waren, und zwar sie zu befolgen. Aber sie wollten das nicht tun, weil sie ehrlich hätten sein können, und das wäre ein Problem gewesen. Denn was wollen sie mit ihm machen, wenn sie ihn erst einmal haben? Sie haben keine Beweise, sie haben keinen Fall, und so weiter. Ausserdem öffnet das gefährliche Möglichkeiten. Genau wie mit der ausserordenlichen Forderung an Pakistan. Wenn man anfängt diese Tür zu öffnen, warten dahinter viele Fragen.

Zum Beispiel beherbergen die Vereinigten Staaten wichtige Kriegsverbrecher, und weigern sich sie auszuliefern. Viel schlimmere als diesen einen in Pakistan. Um nur den eindeutigsten Fall zu erwähnen, die Regierung von Haiti - der ärmste Staat der ganzen Hemisphäre - haben die Vereinigten Staaten seit Jahren ersucht Emmanuel Constant auszuliefern, der ein Killer und ein Mörder ist, der Anführer der paramilitärischen Kräfte in Haiti, die in den 90´er Jahren vier bis fünf Tausend Menschen ermordet haben, mit der schweigenden Unterstützung der ersten Bush und Clinton Regierungen. [Rückfrage an Noam: Auf dem Band sagen Sie "Mitte der 90´er Jahre, was stimmen muss: aber ist mit "Bush Regierung" die Regierung von Bush Senior gemeint? - Ja; ich habe das "erste" hinzugefügt]. Das stand nirgendwo in den Zeitungen zu lesen, aber es ist tatsächlich wahr. Er wurde in Haiti in seiner Abwesenheit verurteilt (es fiel ihnen nicht allzu schwer Beweise zu finden), und jetzt wollen sie ihn zurückhaben. Die U.S. weigern sich, vermutlich weil sie fürchten was passieren wird, wenn er in einem offenen Gerichtsverfahren aussagen wird, und den Menschen von seinen Verbindungen zum internationalen Terrorismus erzählt, hauptsächlich die CIA. Und sie wollen nicht das das bekannt wird. Also wird er nicht ausgeliefert. Und es gibt andere Fälle. Wenn man anfängt diesen Fragen nachzugehen, eröffnen sich alle möglichen unangenehmen Möglichkeiten.

Aber es gibt Optionen. Das sind die Optionen wenn man die Täter des Verbrechens ausfindig machen und sie bestrafen will. Wann man nur zeigen kann, dass man einige Hunderttausend Menschen abschlachten kann und damit durchkommt und vom ganzen Westen applaudiert wird, nun, dann macht man das auf eine anderen Weise.

Lassen Sie mich übrigens hinzufügen, dass die Presse in den Vereinigten Staaten über den Fall Emmanuel Constant fast überhaupt nichts berichtet hat. Und er zieht sich seit Jahren hin.


Q2: [Nichtidentifizierte]:

Professor Chomsky, diese Frage bezieht sich speziell auf das was in Afghanistan passiert. Die Vereinigten Staaten haben ein wirtschaftliches Interesse an einer politischen Spaltung, um ihre Erdölvorkommen in Tajikistan, Uzbekistan und andere Länder zu sichern. Aber militärisch gesehen bombardieren sie Orte, die völlig unbedeutend sind. Denn wenn man sich die aufeinanderfolgenden U.S.-Regierungen ansieht, begann dies mit dem Koreakrieg in 1950, setzte sich mit Vietnam und dem Irak fort, dann mit Kosovo und jetzt Afghanistan. Probiert die U.S.-Regierung ihre Bewaffnung in diesen Gebieten nur aus um sie zu testen?

A2: Noam Chomsky

Es gibt eine Interesse am Erdöl. Erdöl steht hinter allem was in diesem Teil der Welt geschieht. Wenn es hierbei um die Antartik gehen würde, würde es niemanden interessieren was passiert. Aber dies sind die wichtigsten Ölquellen der Welt. Energie. Nicht Zentralasien, aber der Golf. Dort befindet sich das meiste Erdöl. Zentralasien ist wichtig, aber nur von sekundärer Bedeutung. Also ja, das steht im Hintergrund. Und es gab seit einigen Jahren Anstrengungen von U.S.-Erdölgesellschaften, eine Pipeline aus Ländern Zentralasiens durch Afghanistan zu bauen. Aber das kann nicht der Grund für das sein was vorgeht, weil es diese Themen immer gab, und sie haben sich nicht entschlossen Afghanistan zu bombardieren. Aber sie sind im Hintergrund, das stimmt.

Versuchen die Vereinigten Staaten ihre Bewaffnung zu testen? Das bezweifle ich wirklich. Wir haben jetzt keine internen Dokumente um sagen zu können was sie in Washington planen, aber man kann ziemlich gut raten. Es ist wahrscheinlich die Standardprozedur, nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern für jede grosse Macht. Verbrecherorganisationen arbeiten auf die gleiche Weise, sagen wir, die Mafia. Angenommen ich bin ein Don in der Mafia, und ein Ladenbesitzer zahlt sein Schutzgeld nicht, was tue ich da? Ich gehe da nicht zum Gericht um einen Gerichtsbescheid zu erwirken und die Polizei hinzuschicken um das Geld einzutreiben.

Das ist genau wie zum UN Sicherheitsrat zu gehen um eine Autorisation zu erhalten. Das kann ich nicht tun. Was ich tun kann, ist meine Handlanger zu schicken um ihn zu Brei zu schlagen. Und der Zweck ist es sogenannte "Glaubwürdigkeit" aufzubauen. Genaugenommen, ist das der Begriff, der in der Literatur der internationalen Politik benutzt wird, und den Regierungen verwenden. Zum Beispiel die Bombardierung Serbiens. Wir wissen, dass Intellektuelle Geschichten erfinden müssen um es gut aussehen zu lassen, das ist ihr Job, aber die Regierung war ziemlich aufrichtig darüber, besonders Grossbritannien und die Vereinigten Staaten. Sie sagten: "Wir müssen die Glaubwürdigkeit der NATO bewahren".

"NATO" bedeutet nicht NATO. Keiner interessiert sich zum Beispiel für die 'Glaubwürdigkeit' Belgiens. Damit ist die 'Glaubwürdigkeit' der Vereinigten Staaten und ihres Bluthundes gemeint - das sind die zwei Staaten deren Glaubwürdigkeit bewahrt werden muss - und Glaubwürdigkeit bedeutet genau das, was es für einen Mafia Don auch bedeutet. Alle müssen Angst haben. Das ist die Bedeutung dieser Statements, die ich aus dem wichtigen Dokument namens "Die wesentlichen Abschreckmittel der Nachkriegszeit" vorgelesen habe: 'unsere nationale Persönlichkeit muss irrational und rachsüchtig sein, andernfalls könnten die Menschen vielleicht nicht ängstlich genug sein um das zu tun was wir ihnen sagen, und das muss man regelmässig demonstrieren'. Ich vermute, dass auch dieses Denken im Hintergrund liegt, und es ist absolut vernünftig.

Nein, ich schlage nicht vor dass daran irgendetwas Unvernünftiges ist. Es ist durchaus vernünftig für den Mafia Don. Es ist vernünftig für die Machthaber der Welt. Es ist vernünftig für die respektierten Intellektuellen Geschichten darüber zu erfinden wie wunderbar ihre Anführer sind, und wie wohlwollend und so weiter und so fort. Das alles reicht weit zurück in die Geschichte. Es gibt praktisch keine Ausnahmen, es gibt keine Ausnahme von der ich wüsste. Wie gesagt, ist das alles Spekulation, und uns stehen in diesem Fall keine interne Dokumente zur verfügung, aber ich würde darauf wetten das es das ist.


Frage3: Vikram

Professor Chomsky, Sie haben eine sehr gute Übersicht des Staates, aus der Sicht ausserhalb der Vereinigten Staaten. Welche Meinung haben Sie über die Gesetze die in den Vereinigten Staaten gerade erlassen werden, einschliesslich dem USA Act, dem Patriot Act, und der Aufhebung des Kommunikationsgeheimnisses, sogar zwischen Anwalt und Kunde? Wie sehen Sie die Einschränkung der Bürgerrechte in den Vereinigten Staaten, während die U.S. die Aussenwelt nach Feinden absucht?

A3: Noam Chomsky

Persönlich denke ich, dass Massnahmen dieser Art gefährlicher in Indien sind als in den Vereinigten Staaten. Die indische Entsprechung wäre die Verordnung zur Vorbeugung des Terrorismus [Applaus]. Der Grund dafür ist, dass dies in Indien Macht an einem gewalttätigen, repressiven Machtapparat übergibt, der sie direkt einsetzt. Das hat ihnen mehr Macht gegeben, das ist das letzte, das Indien braucht. In den Vereinigten Staaten ist die Lage aus vielen Gründen anders, einschliesslich einiger Jahrhunderte, in denen wir allen ins Gesicht geschlagen haben.

Eine Folge davon ist, dass es intern eine ziemlich freie Gesellschaft ist. Und es gibt eine Menge Schutz für die Bürgerrechte, der nicht von der Regierung kommt, sondern von der Bevölkerung. Es gibt eine tiefverwurzelte Tradition, und sie werden sie nicht aufgeben. Ausserdem werden die Bürgerrechte von den Reichen und Mächtigen beschützt, weil sie von ihnen profitieren. Sie wollen nicht, dass der Staat mächtig genug wird um Aktionen gegen Bürger auszuführen, die ihnen schaden könnten. Sie wollen einen nachgiebigen, nicht einen mächtigen Staat.

Also wird eine weiterentwickelte Form des Staatskapitalismus dazu neigen, Bürgerrechte zu schützen. Und hat diese Vorteile, wie die Redefreiheit, die in den Vereinigten Staaten vergleichsweise gut beschützt wird. Das ist kein Geschenk, es steht nicht in der Verfassung, es steht nicht in dem Bill of Rights, ganz gleich was sie einem in der Schule beibringen mögen. Da steht kein Wort über die Redefreiheit. Diese Rechte wurden errungen, indem man dem First Amendment durch lange Kämpfe Bedeutung verlieh. Im Grunde erst seit ziemlich kurzer Zeit.

Es war erst in den 60´er Jahren, als die Vereinigten Staaten die Grenze überschritten haben, die meines Wissens nach von keinem anderen Land überschritten wurde, und das Seditious Libel Gesetz (Gesetz gegen aufrührerische Verumglimpfung) eliminiert hat - durch das Oberste Gerichtshof eliminiert hat - das Gesetz das besagt, dass man den Staat nicht mit Worten angreifen darf. Auch wenn das was du sagst wahr ist, darfst du die Staatsautorität nicht defamieren, das ist aufrührerische Verunglimpfung. Soviel ich weiss, herrschen in allen anderen Ländern, einschliesslich England, diese Restriktionen weiter. Aber sie wurden in den Vereinigten Staaten endlich in 1964 überwunden, und das war war eine Folge der Bürgerrechtsbewegung. Es erwuchs aus den Bürgerrechtsprotesten. Auf diese Weise wurden diese Rechte festgelegt und ziemlich fest verwurzelt.

Es gibt Versuche sie zu unterminieren, das stimmt, aber um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass das viel Erfolg haben wird.


Frage 4: Schriftliche Frage von Peter Alphonse, Abgeordneter des Tamil Maanila Kongresses (TMC)

Wieso spielt die Religion eine so wichtige Rolle in dem Terrorismus des 21 Jhds? Wie kann man die Globalisierung des Islams begegnen und bekämpfen, die für nicht-islamische asiatische Länder, wie Indien, eine Gefahr darstellt. Was schlagen sie für Indien in den gegenwärtigen Krieg vor?

Antwort 4: Noam Chomsky

Mein Eindruck ist, dass Indien, der nicht-islamische Teil Indiens, seine eigene Formen des extremen religiösen Fanatismus hat. Die Vereinigten Staaten sind ein äusserst fundamentalistisches Land [Publikum lacht und Applaus] Das ist kein Witz. Ernsthaft betrachtet, gehen die fundamentalistischen christlichen Bewegungen in den Vereinigten Staaten über alles hinaus das ich kenne, sicher zumindest in der entwickelten Welt. Zum Beispiel glauben 40% der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten, dass die Welt vor 6.000 Jahren geschaffen wurde. Etwa 85% glauben an Wunder oder haben sie gesehen! Und eine Menge anderer Überzeugungen. Etwa die Hälfte der Bevölkerung glaubt, dass sich Ausserirdische unter uns aufhalten [Publikum lacht], sie wissen schon, Aliens.

Der islamische Fundamentalismus ist nicht einzigartig auf der Welt. Es entwickeln sich eine Menge Dinge. Woher ist der islamische Fundamentalismus gekommen? Es ist ein wenig seltsam sich über den islamischen Fundamentalismus als ein Problem für Indien zu unterhalten, als ob er damit alleine stehen würde, als ob, sagen wir mal, der hinduistische Fundamentalismus kein Problem für Indien wäre. Das ist er sicher [Applaus] Aber ich stimme Ihnen zu, es ist ein Problem.

Aber wir fragen wodurch diese Dinge verursacht wurden. Nun, wissen Sie, das ist nichts sehr geheimnisvolles. Sie werden durch die Verweigerung einer Möglichkeit für sinnvolle politische Beteiligung verursacht [Applaus]. Sehen wir uns die einzelnen Fälle mal genauer an. Algerien, Ägypten, Kashmir ganz in der Nähe. Hier sehen sie andere Orte, an denen den Menschen die Möglichkeit des sinnvollen Handelns in der politischen Arena verweigert wird. Sie finden andere Wege es zu tun.

Ich vermute, dass dies teilweise die Ursache der Zunahme des extremen Fundamentalismus in den Vereinigten Staaten ist. Politische Optionen sind sehr eingeschränkt worden, nicht durch Gewalt, aber durch andere Massnahmen, wie die neo-liberalen Programme, die Möglichkeiten einschränken - und Menschen wollen sich auf einer Weise selbst identifizieren. Sie wollen ihre Interessen auf irgendeiner Weise zum Ausdruck bringen. Wenn die politische Beteiligung blockiert wird, werden sie andere Wege finden. Diese Wege verwandeln sich oft zu religiösem Fanatismus, oder andere Formen des Fanatismus. Das ist nur eine der Formen, und sie kann sehr gefährlich sein. Darin stimme ich Ihnen zu.

Wie geht man damit um? Indem man sich mit den Ursachen beschäftigt. Nichts ist so einfach, aber die Hauptursachen in diesem Fall sind eindeutig klar. Es ist die Einschränkung, die Reduzierung oder Eliminierung der Möglichkeiten sich an der Bestimmung des eigenen Schicksals, durch irgendeine Art am demokratischen Systems zu beteiligen. Wenn das blockiert wird, entwickeln sich andere Dinge. Die Geschichte Kashmirs zeigt das sehr dramatisch.


Frage5: Karthik Ramanathan, Student

In den Zeitungen lesen wir oft von dieser Diego Garcia Basis im Indischen Ozean. Die indische Medien führen voller Stolz vor, dass die Vereinigten Staaten ihre Streitkräfte an allen möglichen Orten haben um Afghanistan zu bombardieren. Was sie nicht schreiben ist zum Beispiel, dass die amerikanischen Streitkräfte in der Diego Garcia Basis, weniger als 500 Meilen von hier stationiert sind. (Ich bin nicht ganz sicher über die genaue Entfernung, weil die Medien nie darüber sprechen) Sie befinden sich weniger als 500 Meilen vom indischen Territorium entfernt, auf den Lakshwadeep Inseln. Niemand scheint darüber Bescheid zu wissen. Niemand weiss wo Diego Garcia ist.

Meine Frage ist einfach: wieso wird die Anwesenheit amerikanischer Streitkräfte von Presse und Politik mit dieser Gefälligkeit behandelt? Und wieso fühlen wir uns von ihnen nicht bedroht? Würde Amerika die Stationierung indischer Truppen, 500 Meilen vor ihrer Küste tolerieren? Niemand scheint diese Frage zu stellen [Applaus]. Die zweite Frage ist folgende: die Vereinigten Staaten waren, trotz CIA Informationen und Technologie, nicht in der Lage eine einzige Person daran zu hindern eine Bombe zu legen, oder einen Jet in eines ihrer Gebäude zu rammen. Die Frage ist, ganz egal welche Technologie sie entwickeln - können sie wirklich die Welt dominieren?

Antwort5: Noam Chomsky

In der ersten Frage geht es also um Diego Garcia. Das ist nur pures Machtspiel. Die Vereinigten Staaten wollten diese Insel als Militärbasis. Sie wollten sie als Teil des grossen Interventionssystems, das auf die Energieresourcen der Golfregion hinzielt. Die U.S. Hauptinterventionsstreitkräfte, das Central Command, sind seit vielen Jahren genau auf die erdölproduzierende Gebiete ausgerichtet worden. Das hat nichts mit den Russen oder irgendjemanden zu tun. Das hat man jetzt übrigens zugegeben. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat man endlich zugegeben, dass sie nichts damit zu tun hatten. Es geht um die Furcht vor dem unabhängigen Nationalismus, der zu Bewegungen führen könnte, die die Resourcen der Region für die Bedürfnisse der eigenen Bevölkerung übernehmen könnten. Und das wäre natürlich nicht zu tolerieren.

Die ersten Nutzniesser dieser Resourcen müssen reiche Westliche sein. Die Vereinigten Staaten, Grossbritannien, Energiegesellschaften und so weiter. Solange Regierungen an der Macht sind, die dieses Gesetz akzeptieren, wie die Regierung Saudi Arabiens, werden sie akzeptiert. Aber wenn sie es nicht tun, werden sie gestürzt.

Diego Garcia ist ein Teil davon. Sie erstreckt sich von Guam, im Pazifik, den ganzen Weg bis hin zu den Azoren im Atlantik, und durch den Indischen Ozean, und Diego Garcia ist eine Basis. Also gut, es war eine 'britische Insel', also warfen die Briten die Bevölkerung hinaus, und die Vereinigten Staaten übernahmen die Insel und verwandelten sie in einer Militärbasis. Wie Sie sicher wissen, hat die Bevölkerung den Fall vor den britischen Gerichten gebracht und gewonnen. Das Hohe Gerichtshof in England akzeptierte ihren Fall, und sagte, dass die britische Regierung, der die Insel technisch noch gehört, sie zurückgeben muss. Die Vereinigten Staaten sagten nur "verzieht euch", und Grossbritannien verzog sich. Es ist ein wenig wie der Fall vor dem Weltgerichtshof [über den terroristischen Krieg der Vereinigten Staaten gegen Nicaragua]. Also bleiben sie dort. Aber das ist nur eine blanke Ausübung von Gewalt.

Niemand in den Vereinigten Staaten weiss darüber Bescheid. Wenn sie eine Schlüsselwort Suche in der Presse durchführen, bezweifle ich, ob das in den letzten 20 Jahren auch nur zwei Mal erwähnt worden ist! Also weiss es niemand. Niemand weiss etwas über die enteignete Bevölkerung oder von dem was passiert ist, also gibt es keine Proteste. Man kann nicht gegen etwas protestieren, das man nicht weiss.

Das gehört zu den Pflichten der freien Presse und der intellektuellen Gemeinde: sicherzustellen, dass die Menschen nichts über Dinge erfahren, die sie zu Proteste führen könnten. Wenn die Menschen es wüssten, würden sie etwas dagegen tun, und die Streitkräfte müssten die Insel verlassen, und die Einwohner würden wieder zurück nach Hause kommen.

Besitzen die Vereinigten Staaten die technischen Mittel um ihr Land vor Angriffe zu schützen? Nein, das tun sie nicht. Ich habe die technische Studie einer regierungsnahen Institution zitiert, die besagte, dass der Versuch eine kleine Plutoniumbombe in die Vereinigten Staaten zu schmuggeln eine 90% Erfolgschance hätte. Und die Grenzen sind durchlässig, man kann die U.S. Grenze zu Kanada nicht kontrollieren. Leute können sie durch die Wälder überklettern. Wenn sie es über den Himalaya schaffen, können sie auch über die kanadische Grenze kommen. Das kann man nicht aufhalten, und wird es auch nie können.

Wie schon gesagt, der Schutz der Sicherheit, oder des Überlebens des Landes ist niemals eine hohe Priorität gewesen. Wenn es eine hohe Priorität gewesen wäre, hätten sie die interkontinentale Langstreckenraketen vor 50 Jahren blockiert. Sie hätten Khrustchows Angebot akzeptiert und solche Sachen. Und das beschränkt sich nicht nur auf die Vereinigten Staaten. Sehen Sie sich die Weltgeschichte an. Länder fangen Kriege an und werden am Ende oft zerstört. Sie tun es aus anderen Gründen, auch wenn ihnen die Zerstörung droht. Dafür gibt es institutionelle Gründe. Keine nette Gründe, aber es gibt sie.

Ja, sie können sich selbst schützen, und das ist kein wichtiges Thema. Die 40.000 ungesicherte Nuklearwaffen in der Sowjetunion sind eine viel grössere Gefahr, und wir tun sehr wenig dagegen. Weil es auf der Werteskala als zu niedrig eingestuft wird, im Vergleich zur Festigung der "Glaubwürdigkeit" und der Hegemonie und so weiter.


Frage 6: Prof. Mahmood

Vor 25 Jahren war ich im Rahmen eines Lehrauftrages in Afghanistan, und habe einige Beobachtungen gemacht. Afghanistan ist ein sehr armes Land, man muss um jede Scheibe Brot kämpfen. Lohnt es sich Afghanistan anzugreifen? Die zweite Frage lautet: lohnt es sich ein 10-Dollar Zelt mit einer Millionen Dollar Rakete anzugreifen? Wohin steuert die Welt?

Antwort 6: Noam Chomsky

Ich denke Ihre Beobachtung ist korrekt, aber Sie ziehen die falschen Schlüsse daraus. Es lohnt sich Afghanistan anzugreifen, gerade weil es ein armes, wehrloses Land ist. Ich meine, du willst nicht jemanden angreifen der zurückschiessen kann [Applaus]. Das wäre lächerlich.

Denken Sie zurück an den Mafia Paten. Ich meine, würde er einen anderen Paten angreifen, der Handlanger losschicken kann um ihn umzubringen? Wenn man es sich aussuchen kann, kämpft man gegen wehrlose Feinde. Dann kann man im Fernsehen aufstehen und heroische Gesten machen und so weiter, ohne sich Sorgen machen zu müssen. Also, ja, es ist ein armes Land, es ist vollkommen wehrlos, und deshalb ein ausgezeichnetes Punchingball.

Nehmen wir mal zum Beispiel die U.S. Angriffe auf Libyen in den 80´er Jahren. Wieso haben sie zu der Zeit Libyen angegriffen? Sobald die Reagen Regierung an die Macht kam, fingen sie an Libyen anzugreifen, zu bombardieren, alles mögliche. Nun, dafür gab es mehrere Gründe. Erstens mal war Libyen wehrlos, und konnte nichts dagegen tun. Zweitens war es unpopulär. Gadhaffi würde von niemanden Unterstützung erhalten, also war es ein perfektes Prügelsack. Das macht Sinn. Wenn man "Glaubwürdigkeit" erreichen will, ist das die Art in der man es macht.

Macht es Sinn teure Raketen zu benutzen um ein Zeit anzugreifen? Ja, keine schlechte Idee! Ich habe das nicht erwähnt, kaum erwähnt, aber die Wahrheit ist, dass das Militärsystem eine Art Deckung wirtschftliche Entwicklung gewesen ist. Es sind nicht nur die Waffenhersteller. Es ist nicht der "militärische Industriekomplex", das ist eine irreführende Bezeichnung. Das Militär bietet ein Rahmen, innerhalb dessen eine wirtschaftliche Entwicklung stattfindet. Das reicht weit in die Geschichte zurück. Grossbritannien, die Vereinigten Staaten, Deutschland und andere, entwickelten ihre Wirtschaft in bedeutenden Ausmassen innerhalb des militärischen Systems. Gehen wir ein Jahrhundert zurück. Eins der grössten Probleme in der Mechanik- und Elektroindustrie - eine wirklich fortschrittliche Grenze - war der Versuch herauszufinden, wie man eine riesige Kanone auf eine bewegliche Plattform montieren könne, und damit ein bewegliches Ziel treffen kann. Das sind Schiffskanonen. Das war eins der grössten Problemen dieser Zeit. Diese Probleme können wohlgemerkt auf Kosten der Öffentlichkeit gelöst werden. Private Firmen müssen dafür nichts riskieren. Man kann es auf Kosten der Öffentlichkeit im Rahmen der Sicherheit tun. Die Öffentlichkeit zahlt die Kosten, übernimmt die Risiken. Wenn dabei irgendetwas herauskommt das funktioniert, wie es der Fall war, übergibt man es an private Firmen für den Profit. Das wird "freies Unternehmertum" genannt.

Das gesamte amerikanische Massenproduktionssystem entwickelte sich auf diese Weise. Es wurde zum grössten Teil im militärischen System Jahrzehnte bevor es an private Hände übergeben wurde produziert. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist dies das Herzstück der Wirtschaftdynamik gewesen. Praktisch die gesamte High-Tech-Wirtschaft kommt direkt aus dem Staatssektor. Das gilt für Computer, dem Internet, Laser, Automation, praktisch alles was mit Elektronik zu tun hat. In den letzten Jahren haben sich die Regierungsausgaben von dem Pentagon System wegverlagert, das heisst der Pentagon, dem Department of Energy, die NASA [National Aeronautics and Space Administration], eine Reihe Institutionen. Sie wurden umgeleitet zum Nationalen Gesundheitsinstitut, dem Zentrum für Seuchenkontrolle und andere. Der Grund dafür ist, dass der Schwerpunkt der Wirtschaft sich auf biologie-basierenden Wissenschaften verlagert. Deshalb muss die Öffentlichkeit die Kosten für diese Entwicklung zahlen, und das Risiko übernehmen wenn nichts funktioniert. Und wenn es funktioniert, wird es irgendeiner pharmazeutischen Firma übergeben, die exorbitante Preise dafür verlangt, weil sie behaupten diese für Forschung und Entwicklung zu benötigen, die sowieso zum grössten Teil von der Öffentlichkeit finanziert werden.

Also, eine Rakete zu benutzen um ein Zelt in die Luft zu jagen, daran ist nichts verkehrt! Das ist genau wie die Entwicklung eines Kampfflugzeuges. Wenn werden sie bekämpfen? Die Vereinigten Staaten geben bereits mehr für Militärausgaben aus als die nächsten 15 Länder der Welt zusammen. Dafür brauchen sie kein Kampfflugzeug. Aber es treibt die wirtschaftliche Entwicklung an. Wir würden ohne die Air Force überhaupt keine kommerzielle Luftfahrtsindustrie haben. Die kommerzielle Luftfahrtsindustrie ist grösstenteils ein Ableger der Air Force. Das gleiche gilt für einen grossen Teil der Wirtschaft. Von einem anderen Gesichtspunkt aus ist das irgendwie irrational, aber in Hinsicht auf die Art in der eine staatskapitalistische Wirtschaft Kosten sozialisieren und Profite privatisieren kann, ist macht es absolut Sinn. Und eine gelegentliche Demonstration gegen einem wehrlosen Feind ist fein.


Frage 7: Radha Rajan, von dem Vigil Public Opinion Forum

Es ist üblich unter den professionellen Dissidenten in Indien, den hinduistischen Fundamentalismus mit dem islamischen und christlichen Fundamentalismus gleichzusetzen. Ich glaube nicht, dass das semantisch gesehen richtig ist. Man kann kein hinduistischer Fundamentalist sein, man kann ein hinduistischer Extremist sein. Ein hinduistischer Fundamentalist ist nicht in der selben Kategorie. Also, ich frage mich wieso niemand je versucht hat sich zu fragen, was der Grund für den heutigen hinduistischen Extremismus in Indien ist. Zweitens, wenn Leute für die Stimme der Menschen in Kashmir werben, wie kommt es, dass sie nicht über die Stimme der Menschen von Jammu und Ladakh sprechen wollen, die ein Opfer der Unterdrückung Kashmirs sind [Applaus].

Antwort 7: Noam Chomsky

Das sind Fragen die Sie beantworten müssen, nicht ich [Lachen und Applaus].

Frage 7b: Radha Rajan (Fortsetzung)

Bitte kommentieren Sie darüber.

Antwort 7b: Noam Chomsky

Sehen Sie, wenn Sie sagen, dass hinduistischer Extremismus kein hinduistischer Fundamentalismus ist, stimme ich Ihnen zu. Aber islamischer Fundamentalismus ist Extremismus und nicht Fundamentalismus [Applaus]. Und das selbe gilt auch für den christlichen Fundamentalismus. Der Begriff 'Fundamentalismus' wird falsch verwendet, da stimme ich zu. Es ist eine Form des religiösen Extremismus. Es hat nicht viel mit dem technischen Fundamentalismus zu tun, also das buchstäbliche Festhalten an den Prinzipien heiliger Texte. Das ist eine andere Sache. Also ja, es wird irrtümlich als Fundamentalismus bezeichnet, und das selbe gilt auch für den islamischen Fundamentalismus, es ist eine verfälschende Bezeichnung.

Wenn ich darüber schreibe nenne ich es eigentlich 'radikaler Islam' nicht 'islamischer Fundamentalismus', weil das eine unpassende Bezeichnung ist. Und ich nehme an, dass auch 'hinduistischer-' oder 'christlicher Fundamentalismus' eine unpassende Bezeichnung ist. Sie haben recht, die Bezeichnung wird sehr freizügig verwendet.

Was die spezifischen Ursachen seines Ursprungs angeht, es wäre lächerlich für mich darüber in der Öffentlichkeit zu kommentieren. Sie wissen mehr darüber als ich es tue. Und das gleiche gilt für die Probleme in Jammu, Kashmir und Ladakh. Das sind ihre Probleme, nicht meine [Applaus].


Frage 8: Subramaniam, ehemaliger indischer Armeeoffizier

Sehr geehrter Professor, an dem Tag an dem die Intelligentsia anfängt ihre Produkte schneller zu vermarkten als die Waffenhersteller, wird die Welt vielleicht weniger von diesen Problemen haben. Könnten Sie das bitte für die Welt tun?

A8: Noam Chomsky

Nun, wissen Sie, ich bin viel skeptischer was die Intelligentsia anbetrifft als Sie es sind [Lachen]. Wenn man sich die Geschichte ansieht, sind Intellektuelle meiner Meinung nach eine sehr gefährliche Macht gewesen [Lachen]. Wir müssen hier sehr vorsichtig sein. Wenn wir die Intellektuellen meinen, die als 'respektable Intellektuelle' oder 'verantwortungsbewusste Intellektuelle' bezeichnet werden, diejenigen, die innerhalb einer Gesellschaft akzeptiert und geehrt werden, handelt es sich dabei meistens um die Hofschmeichler [Applaus]. Das reicht weit in die Geschichte zurück, bis auf die alten Texte. Ich weiss nicht ob das für die Sanskrit Texte gilt, aber es ist sicher im Alten Testament der Fall.

Nehmen wir mal zum Beispiel das Alte Testament. Da gab es eine Kategorie von Intellektuellen - man nennt sie nicht Intellektuelle, aber im Grunde waren sie das. Es gibt ein obskures hebräisches Wort, das im Westen mit 'Prophet' übersetzt wird. Es hat nichts mit Propheten zu tun. Die Personen die 'Propheten' waren, waren Intellektuelle. Sie erstellten geo-politische Analysen und gaben moralische Lektionen und so weiter. Und es gab zwei Kategorien von ihnen. Es gab die wahren Propheten, und die falschen Propheten. Aber diese Benennungen wurden viele Jahrhunderte nach diesen Ereignissen verliehen. Zu der Zeit waren die falschen Propheten - die Hofschmeichler - hochgeehrt. Die Personen die einige Jahrhunderte später wahre Propheten genannt wurden, wurden eingesperrt, in die Wüste hinausgejagt, Sie wissen schon, all solche Sachen. So funktioniert die Geschichte.

Also ja, Intellektuelle vermarkten ihren Produkt, das der Macht dient, und sie tun das sehr effektiv. Es gibt immer eine Peripherie der Dissidenz, und die haben wirklich nichts zu vermarkten. Wenn sie ernsthaft sind, wollen sie ihre Dienste den Aktivisten und öffentliche Bürgerorganisationen zur Verfügung stellen, die versuchen etwas zu tun. Es gibt nichts zu vermarkten, wissen Sie. Man versucht nur sich zu beteiligen.


Frage 9: Schriftliche Frage von Sadanand Menon, Kulturkritiker und Schriftsteller

Im Kontext der französischen Repression in Algerien bemerkte Jean Paul-Sartre: "So viel Folter, Blutvergiessen, Betrug. Man kann seine jungen Leute nicht 24 Stunden am Tag Folter praktizieren lassen, ohne zu erwarten ein Preis zahlen zu müssen. Meine lieben Landsmänner, Frankreich war einst der Name eines Landes. Sorgt dafür, dass es in unserer Zeit nicht zum Namen einer Geisteskrankheit wird." Nun machen wir uns Sorgen um Amerika. So viel Gewalt und geheime Machenschaften ihrer Abteilung für schmutzige Tricks. Kann Amerika jemals vor sich selbst gerettet werden, oder ist es ihnen bestimmt sich als ein Schurkenstaat selbst zu zerstören?

Antwort 9: Noam Chomsky

Nun, nehmen wir Frankreich. Sartre war eine der Ausnahmen, aber es gab im Grunde sehr wenig Proteste gegen das was die Franzosen in Algerien taten. Sehr wenig, und es gab praktisch überhaupt keine Proteste gegen das was sie kurz davor in Indochina getan haben. Es gab keine Antikriegsbewegung gegen den französischen Versuch Indochina wiederzuerobern. Als Algerien dazukam, wurde das von den meisten französischen Intellektuellen unterstützt. Als sie endlich begannen zu protestieren, war das sehr mild. Wie die Unterzeichnung einer Petition gegen die Folter!

Es gab nur sehr wenig aktiven Widerstand gegen die französischen Massaker in Algerien, was teilweise ein Grund dafür ist, weshalb sie geheimgehalten worden sind. Jetzt fängt einiges darüber an durchzusickern, aber sie sind zum grössten Teil unbekannt, weil niemand ihnen nachging. Die französische kommunistische Partei zum Beispiel, versuchte die Leute ruhig zu halten; Menschen die die FLN in Algerien unterstützen wollten, mussten austreten und unabhängig handeln. Und das hält bis heute an.

Es gibt viele Greueltaten in Algerien. Sie werden zum grössten Teil "islamischen Fundamentalisten" zugeschrieben - radikale Islamisten - und bis zu einem gewissen Punkt stimmt das wahrscheinlich. Aber es gibt sehr starke Beweise dafür, dass der Kern dieser Greueltaten von dem Staat verübt werden. Oft unter dem Vorwand, dass sie von islamischen Fundamentalisten verübt werden. Wenn Sie daran interessiert sind, gibt es ein wichtiges Buch darüber, das von algerische Dissidenten geschrieben worden ist - Wissenschaftler, Physiker und andere. Ich habe die Einleitung dazu geschrieben, einer von ihnen ist eine Person die ich vom MIT [Massachusetts Institute of Technology] kenne, und erstellte eine sehr genaue Analyse über die grössten Greueltaten in Algerien während der 90´er Jahre. Eine sorgfältige, detailierte Anaylse wie ein guter Wissenschaftler sie machen sollte, und die Schlussfolgerungen sind äusserst erstaunlich. Die typische Greueltat ist eine Art alltäglicher Massaker, verübt von Personen die angezogen sind um wie islamische Fundamentalisten auszusehen, aber es findet etwa 200 Meter von einer grossen Militärbasis statt, wo niemand dem irgendwelche Aufmerksamkeit schenkt. Dann, einige Monate später nachdem alle umgebracht worden sind, wird das Gelände billig von einem General aufgekauft, der ein Hotel darauf baut. Das ist der typische Massaker. Die Erdölinstallationen zum Beispiel waren niemals ein Schauplatz solcher Aktionen.

Nun, die Chancen stehen ziemlich gut, dass die französische Intelligentsia darin verwickelt ist. Wie alle Kolonialländer, einschliesslich England, Portugal, Belgien und der Rest, waren sie gezwungen zu ent-kolonialisieren. Aber sie versuchten die Kontrolle zu behalten, und eine Art die Kontrolle zu behalten ist durch Verbindungen zu Eliten, einschliesslich Informationsstellen. Daher auch der Mangel an Protest in Frankreich - und der war sehr gering über Dinge wie die algerischen Greueltaten - was für Frankreich, Algerien und ganz Nord- und Westafrika hohe Kosten davonträgt, nämlich die Weiterführung ähnlicher Aktionen. Nun, die Vereinigten Staaten sind viel mächtiger, aber nicht wesentlich anders. Also ja, es gibt Kosten.


Frage 10: Murali

Professor Chomsky, Ihre Kritik an den Westen ist von dem Publikum aufgesogen worden. Aber was ist Ihre Meinung über Kashmir? Denken Sie es ist eine Bewegung für nationale Selbstbestimmung?

Antwort 10: Noam Chomsky

Ich spreche nicht gerne von Dingen über die ich nicht viel weiss. Sie wissen mehr darüber als ich. Aber wenn Sie meine Meinung wollen, ist es folgende: In Kashmir gibt es ein Problem der Selbstbestimmung. Ein sehr ernstes Problem. Was will die Bevölkerung? Das ist ein Problem. Vielleicht nicht das einzige, da ich bin sicher. Aber es ist ein Problem. Ein Thema ist: was will die Bevölkerung? Deshalb gab es UN-Resolutionen, die vor langer Zeit zu einem Referendum aufriefen. Gut, Indien hat das zurückgewiesen. Das ist eine Garantie dafür, dass es Ärger geben wird, praktisch eine Garantie, dass es Ärger geben wird. Wenn Sie sich die zurückliegenden Jahre ansehen (Sie wissen das besser als ich es tue), gab es Anstrengungen eine gewisse Autonomie zu entwickeln, eine Art Unabhängigkeit. Verschiedene Schritte wurden unternommen. Dies führte schliesslich zur Einsetzung einer politischen Partei, die etwas nicht sehr Klares forderte, vielleicht Autonomie, vielleicht Unabhängigkeit, das war nicht sehr klar.

Es gab eine Wahl, ich denke in 1987, die schlicht gestohlen wurde. Indien wollte die Wahlen nicht zulassen, und boxte ein falsches Ergebnis durch, in dem die Autonomie/Unabhängigkeitsparteien blockiert wurden. Und danach kam der Terrorismus. Was ist hier die Lösung? Ein Teil der Lösung sollte es sein, der Bevölkerung zu erlauben sich politisch auszudrücken. Das ist ein Teil der Lösung. Wohin sie von hier aus geht, wie sie mit anderen Forderungen interagiert, ist nicht eindeutig. Eine Art Autonomie innerhalb eines, vielleicht gemeinsam ausgearbeiteten Rahmens wäre eine Möglichkeit. Die Welt lässt so etwas zu.


Frage 11: Parvathy Sundaresan

Sie haben das Feuer unserer Frustration und Wut über das was in der Welt passiert genährt. Mr Sashi Kumar und Mr. Ram hätten heute in der The Hindu sicher eine eingerahmte Schlagzeile gesehen: "Clinton: U.S. zahlen für vergangene Fehler". Er sagt, wir bekommen das zurück, was wir den amerikanischen Ureinwohnern, und was die ersten christlichen Kreuzfahrer den Juden und Muslimen in Jerusalem angetan haben [der frühere U.S. Präsident hat Berichten zufolge in einer Ansprache an der Georgetown Universität gesagt, dass der Terror in Amerika seit Jahrhunderten existiert hätte, und dass die Nation "heute einen Preis für ihre früheren Fehler zahlt" - wie das Land "einst weggesehen hat" als "eine bedeutende Anzahl amerikanischer Ureinwohner enteignet und getötet wurden, um an ihr Land oder ihre Bergbaurechte zu kommen"; und dass der "internationale Terrorismus" Tausende von Jahren zurückverfolgt werden könne , zum Beispiel die ersten Kreuzzüge, als christliche Soldaten Jerusalem einnahmen, und eine Synagoge in der sich 300 Juden befanden verbrannten, und sich daran machten alle muslimischen Frauen und Kinder auf dem Tempelberg zu ermorden. "Ich darf Ihnen versicheren, dass diese Geschichte im Mittleren Osten immer noch erzählt wird, und dass wir immer noch dafür zahlen."] Nun, ist das nicht ironisch? Er führte ein Krieg gegen den Irak und, wie Sie es erwähnten, gegen den Sudan. Wie Sie so richtig bemerkten, sind die Fakten darüber niemals bekanntgeworden. Was ist Ihre Reaktion zu diesen Erklärungen Clintons?

Antwort 11: Noam Chomsky

Ich habe Clintons volle Erklärung nicht gesehen. Ich las was in der indischen Presse berichtet wurde, was ziemlich lau war und seine eigenen Verbrechen, und eigentlich alle neuen Verbrechen, vollkommen ausliess. Ich meine, klar könnte Clinton sagen, dass wir uns vor 200 Jahren nicht sehr nett verhalten haben. Das ist etwas, aber es ist nicht viel.

Wenn, sagen wir, wir bis zum Jahr 1840 zurückgehen, vor langer Zeit, sprach der ehemalige Präsident John Quincy Adams - genau wie Clinton, nach seiner Amtsperiode - in viel härteren Worte. Er verurteilte die Tatsache (ich erinnere mich an den genauen Wortlaut) "diese unglückliche Rasse der Nordamerikaner, die wir mit so viel Freude vernichten". Das ist sehr viel stärker als Clinton, und zwar in 1840 - als der ganze Action gerade stattfand. Sie wussten was sie taten. Sie wussten, dass sie die eingeborene Bevölkerung auslöschten. Und das wurde nicht vollkommen unterdrückt, es wurde irgendwie gerechtfertigt.

Wenn Sie [Alexis] de Tocqueville lesen, sein berühmtes "Demokratie in Amerika", beschreibt er tatsächlich - er war Augenzeuge - die berühmte, ich sollte sagen, berüchtigte, Vertreibung der Cheerokee [in 1838]. Sie wurden zum dritten Mal vertrieben, in dem was später der "Pfad der Tränen (Trail of Tears)" genannt werden sollte. Und er beschreibt wie erstaunt er darüber ist, wie Amerikaner diese mörderischen Vertreibungen ausführen können, die Vertreibung weinender Frauen und sterbender Kinder und so weiter, und das mit einem vollkommen edlen Zweck und Rechtfertigungen und voller Bewunderung vor ihrer eigenen Rechtschaffenheit.

Also wenn Clinton jetzt mal zur Kenntnis nimmt, was bereits vor 150 Jahren diskutiert wurde, ist das nett, aber ich bin nicht überwältigt. Ich wäre viel mehr interessiert wenn er die Dinge angesprochen hätte, die Sie erwähnt haben - seine Verbrechen, die bedeutend sind. Die Bombardierung des Sudan die ich erwähnt habe, ist wie eine Fussnote, und diese eine Fussnote bedeutet wahrscheinlich Zehntausende Tote.

Man hält ihn für einen grossen Friedensstifter im Mittleren Osten. Das ist einfach nicht wahr. Er war für den sogenannten "Friedensprozess" verantwortlich, dem "Friedensprozess" zwischen Israel und Palästina. Das ist ein Versuch eine friedliche Beilegung zu verhindern, und Clinton setzte das fort. Sehen Sie sich seine Camp David Vorschläge in 2000 an. Ich denke nicht, dass in den Vereinigten Staaten jemals eine Landkarte darüber veröffentlicht worden ist - zumindest habe ich keine gesehen - über die Form, die die Übereinkunft nehmen würde. Und es gibt einen guten Grund wieso die Karte nicht veröffentlicht worden ist. Wenn die Karte veröffentlichen würde, würde man sehen, dass es ein Aufruf zu einem Bantustan ist. Clintons Vorschlag fragmentiert die Westbank in mindestens drei, vielleicht vier getrennte Kantone unter U.S.-israelischen Kontrolle.

Man liest von den Greueltaten die dort verübt werden. Zum Beispiel, nur um eine zu nennen, werden Hubschrauber regulär für politische Morde verwendet, und auch um zivile Komplexe anzugreifen. Wieso? Wo sind die Hubschrauber hergekommen? Israel stellt keine Hubschrauber her. Es ist eine grosse militärische Macht, kann aber keine Hubschrauber herstellen. Also stellen die Vereinigten Staaten sie zur Verfügung. Betrachten wir das etwas genauer. Die neue Intifada, der Kampf brach am 30 September 2000 aus. In den folgenden Tagen griffen von israelische Piloten gesteuerte U.S.-Hubschrauber Wohnkomplexe un andere zivile Ziele an, und töteten Dutzende Menschen. Nun, das war Teil einer massiven Reihe von Greueltaten. Es wurde nicht geschossen. Die Menschen unter der militärischen Besetzung warfen Steine, aber sie schossen nicht.

Was unternahm Clinton? Nun, am 3. Oktober 2000, zwei Tage später, machte er ein Deal - der grösste Deal in einem Jahrzehnt - Israel fortschrittliche Militärhubschrauber zu schicken. Das war sein Beitrag.

Was war der Beitrag der freien Presse? Nun, all das geheim zu halten. In der Vereinigten Staaten ist das immer noch nicht veröffentlicht worden, nicht weil sie es nicht wissen würden. Sie wissen es, aber sie wollen nicht, dass die Bevölkerung es weiss, dass sie, die Steuerzahler, fortschrittliche Hubschrauber in ein Land schicken, das sie benutzt um zivile Ziele anzugreifen. Ein paar Wochen später, fingen sie an sie für politische Morde zu benutzen. Nun, die U.S. macht ein paar milde Vorwürfe über diese Morde. Andererseits schicken sie weiterhin Hubschrauber.

Eine von Bushs ersten Handlungen als es ins Amt kam, war es Vorkehrungen zu treffen, um eine neue Ladung, der fortschrittlichsten Kampfhubschrauber im ganzen U.S.-Arsenal zu schicken. Er tue das weil, wie er es im Fernsehen erklärt - es ein universelles Gesetz gebe das besagt, dass Mord böse ist - ausser wenn wir ihnen Kampfhubschrauber zur Verfügung stellen um damit zu morden. Darüber wurde kaum berichtet. Wenn man sich die Bussiness Seiten ansieht, findet man eine Menge Artikel darüber wie Boeing einen neuen Vertrag hat um Hubschrauber nach Israel zu schicken, die - wie sie wissen, aber nicht für wichtig genug halten um darüber zu berichten - für politische Morde und für Angriffe auf Zivilisten verwendet werden.

Einige Wochen später begann Israel F-16 Kampfflugzeuge zu benutzen, um Zivilisten anzugreifen. Innerhalb einer Woche, hatte die Bush Regierung einen neuen Deal geschlossen, um ihnen mehr F-16 zu schicken. Und es ist nicht nur Israel, das gleiche gilt auch für die Türkei. Die Türkei hat einige der schlimmsten Greueltaten der 90´er Jahre gegen die Kurden verübt, ihre eigene kurdische Bevölkerung - massive ethnische Säuberungen, zwei bis drei Millionen Flüchtlinge, sie töteten Zehntausende Menschen, zerstörten um die 3500 Dörfer, das ist sieben Mal so viel wie Kosovo während der NATO Bombardierung. Woher bekamen sie die Waffen? Von Bill Clinton. Tatsächlich nahmen die Waffenlieferungen zur selben Zeit wie die Greueltaten zu, ungeheure Greueltaten, einige der schlimmsten der späten 90´er Jahren. Das geht so weiter. Wenn Clinton über Greueltaten reden wollte, müste er nicht über etwas sprechen das sich vor 200 Jahren ereignet hat, und über das damals auf viel härtere Weise diskutiert wurde. Er kann über seine eigenen Entscheidungen reden und sie begründen. So wie John Quincy Adams das tat. Er sprach über seine eigenen Verbrechen.

Sashi Kumar

Vielen Dank, das sind alle Fragen die wir entgegennehmen können.

[Langer Applaus für Noam Chomsky.]

Übersetzt von: Dana
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