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Der Caterpillar-Effekt

von Neve Gordon

01.06.2002 — ZNet

— abgelegt unter:

Neve Gordon lehrt Politik an der Ben-Gurion-Universität / Israel. E-mail-Adresse: ngorodon@bgumail.bgu.ac.il “Das ist das erstemal, daß Bulldozer einen Krieg entschieden haben“. Mit diesen Worten zitiert die israelische Tageszeitung Yedioth Ahronot einen palästinensischen Kämpfer (L.) aus dem Flüchtlingslager Jenin. Der israelische Offizier, der den militärischen Einmarsch ins Lager leitete, bestätigt L.“s Behauptung im selben Artikel: die Fahrer der D9 (gepanzerte Bulldozer der Firma Caterpillar) hätten an jenem Tag die Entscheidung gebracht. Alle TV-Stationen der Welt zeigten eindrucksvoll die schrecklichen Bilder der Jenin-Häuser, die dem Erdboden gleichgemacht wurden. Das Spurensicherungs-Team von „Human Rights Watch“* stellte fest, daß die gepanzerten D9-Caterpillar im Bezirk Hawashin das gesamte Gebiet einfach plattgewalzt hatten - im Unterschied zu anderen Teilen des Lagers, wo sie meist lediglich die Straße erweiterten (für die Armee). Die israelische Armee hätte der zivilen Infrastruktur des Flüchtlingslagers unverhältnismäßige Zerstörung zugefügt, so ein hoher „Human Rights Watch“- Beobachter und weiter: “Die Verstöße, die wir bzgl. Jenin dokumentiert haben, sind extrem gravierend. In einigen Fällen scheint es sich dabei um Kriegsverbrechen zu handeln“.

Mindestens 140 Gebäude wurden komplett dem Erdboden gleichgemacht - viele davon Mehrfamilienhäuser. 200 andere Gebäude waren schwer beschädigt. Schätzungsweise 4000 Menschen - mehr als ein Viertel des Flüchtlings- lagers also - verloren durch die Maßnahmen ihr Zuhause. Eines der D9-Opfer ist Jamal Fayid - 37 Jahre alt, von der Hüfte abwärts gelähmt. Laut Menschenrechtsorganisation wurde er unter den Trümmern begraben, weil die israelische Armee seinen Angehörigen nicht erlaubt hatte, ihn aus seiner Wohnung zu retten: Der Caterpillar hat ihn getötet. Aber auch in anderen Städten kamen D9-Bulldozer zum Einsatz. Gemäß einem von der israelischen Menschenrechtsgruppe B“tselem veröffentlichten Bericht, wurden auch in der Altstadt von Nablus Caterpillar eingesetzt, um Häuser zu zerstören u. so den israelischen Panzern den Weg freizumachen. Nachdem die israelische Armee 6 Tage später aus dem betroffenen Bezirk abzog, stellten Palästinenser fest, daß unter einem der niedergebulldozerten Häuser noch 10 Bewohner lagen. Der 65jährige Abdallah a-Sha“abi u. seine 53jährige Frau konnten noch lebend aus den Trümmern geborgen werden, der Rest war tot.

Es wäre falsch zu glauben, Israel würde diese drakonische Strategie der Häuserzerstörung erst seit der jetzigen „Operation Schutzschild“ verfolgen. Bereits seit vielen Jahren werden die D9s ja schon als millitärische Waffe eingesetzt. So wurden beispielsweise weniger als 4 Monate vor dem Angriff auf Jenin 58 Häuser in Rafah niedergebulldozert - 500 Menschen standen mit einem Schlag auf der Straße, darunter 300 Kinder und noch dazu im kalten Winter. Das Plattmachen von Häusern hat zwar während der letzten Monate unverhältnis- mäßig zugenommen, ist aber dennoch Teil einer langfristigen Strategie der „Low-intensity“-Kriegsführung (niederschwellige Kriegsführung) - was der öffentlichen Wahrnehmung aber oftmals entgeht. Laut Jeff Halper vom „Israelischen Komitee gegen Häuserzerstörungen“ („Israeli Committee Against House Demolitions“) sind “durch Israel seit 1967 mehr als 7000 Häuser zerstört worden, zehntausende Palästinenser wurden obadachlos und traumatisiert.“

Ums klar zu sagen: die israelische Regierung u. das israelische Militär tragen die Verantwortung für all diese Zerstörungen. Es kann davon ausgegangen werden, daß unter Zugrundelegung der heute gültigen internationalen Gesetze viele dieser Aktionen Kriegsverbrechen darstellen. Aber darüber hinaus: ohne die großen D9-Bulldozer der Firma Caterpillar wäre es sicherlich sehr schwierig gewesen, die ganzen Häuser abzureißen. Als Caterpillar anfing an Israel zu liefern, konnte der Konzern selbstverständlich nicht wissen, daß seine Produkte - die ja eigentlich für den zivilen Gebrauch bestimmt sind -, dazu benutzt würden, Kriegsverbrechen zu begehen. Aber mittlerweile hat sich das geändert: Caterpillar weiß Bescheid, und da es trotzdem an seinen normalen Geschäftsbeziehungen zu Israel festhält, ist der Konzern automatisch verwickelt in jene Verbrechen (die Mithilfe seiner Maschinen verübt werden). Interessanterweise müßte der Oberste Gerichtshof Israels diese Einschätzung eigentlich teilen. Als es nämlich damals um die Verurteilung des Nazi- Verbrechers Adolf Eichmann ging, meinten die Richter des Obersten Gerichts wörtlich: “... die Entfernung jedes dieser vielen Verbrecher zum faktischen Mörder des Opfers hat nichts zu bedeuten, wenn es um die Größe der Schuld geht. Ganz im Gegenteil, im allgemeinen nimmt die Schuld eher zu, je weiter man sich vom tatsächlichen Täter mit der Waffe in der Hand entfernt“.

Diese Tatsache gewinnt im Zeitalter der Globalisierung eine ganz neue Bedeutung. Entscheidungen, getroffen in einem Teil der Welt betreffen oftmals einen ganz anderen Erdteil - die Verantwortlichen festzustellen, wird dadurch natürlich sehr kompliziert. Wobei Verbrechen nicht unbedingt immer nur von Staatsdienern wie Eichmann verübt werden müssen - die Übeltäter können auch ganze Konzerne sein, international agierende Finanzinstitute oder Individuen. Und letztendlich beschränkt sich Verantwortung auch nicht nur auf diejenigen, die Politik machen, oder Befehle erteilen bzw. die Tat selber ausführen, sondern sie sollte sich auch auf diejenigen erstrecken, die dem Täter die zerstörerische Waffe in die Hand legen.

Es ist nicht unbedingt nötig, daß Caterpillar seine gesamten Handelsbeziehungen zu Israel einstellt; was allerdings nötig wäre, ist, daß der Konzern eine Klausel in seine Verträge aufnimmt, mit der er sicherstellt, daß Caterpillar-Produkte nicht zu Menschenrechtsverletzungen mißbraucht werden. Die Globalisierung eröffnet Konzernen wie Caterpillar neue Möglichkeiten. Aber diesen Chancen müssen andererseits auch Pflichten gegenübergestellt werden: eine erweiterte Verantwortung. Ein gesetzliches Regelwerk, das dieser Art Verantwortung Rechnung tragen soll, ist derzeit in Arbeit. Andererseits wird es aber nur sehr schwer durchsetzbar sein. Aber: eines Tages werden sich sicher auch Firmengeschäftsführer (CEO = „Chief Executive Officer“) dafür verantworten müssen, daß sie zu Kriegsverbrechen beigetragen haben - daß sie zu Komplizen von Kriegsverbrechern geworden sind.

* eine der größten Menschenrechtsorganisationen mit Sitz in den USA

Orginalartikel: The Caterpillar Effect
Übersetzt von: Andrea Noll
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