Der Grund des Terror liegt hier
von Gideon Levy
05.09.2004 — Ha'aretz / ZNet Deutschland
Noch bevor alle Opfer des letzten Anschlags in Beer Sheva identifiziert worden waren, hatten israelische Sicherheitsquellen diejenigen identifiziert, die für den Angriff verantwortlich sind: die Syrer. ... Die automatische Anklage erschien nicht in einem Vakuum . Seit einiger Zeit versuchte der Generalstabschef Moshe Yaalon und mit ihm die ranghohe Ebene des israelischen Militärs, Damaskus die Verantwortung für den Terror in Israel zu geben. Generalmajor Zewi-Farkash sagte zum Wochenende, es gäbe keine Belege für solch eine Verwicklung Syriens.... Der wirkliche Grund, Syrien mit ins Spiel zu bringen, liegt tiefer. Der Versuch, die Verantwortung auf Damaskus zu werfen, liegt darin, sich mit den wirklichen Ursachen des Terrorismus nicht auseinandersetzen zu müssen. Wenn Syrien dafür verantwortlich ist, dann gibt es keine Verbindung zur Besatzung und der miserablen Situation in Hebron - wo eine Handvoll gewalttätiger Siedler die palästinensischen Bewohner der Stadt einschüchtern - und dem Terror, der von dort kommt.
Koloniale Regime haben immer externe Quellen angeklagt, sich in die Befreiungskämpfe gegen sie einzumischen, um die Gerechtigkeit des Kampfes in Frage zu stellen. Zum Beispiel wurde behauptet, die Sowjetunion und Libyen hätten die Aktivitäten des Afrikanischen Nationalkongresses finanziert... So ist es auch Israels Ziel, Syrien anzuklagen, um die gerechtfertigten Aspekte der Ziele des palästinensischen Kampfes zu verdunkeln...
Der springende Punkt ist nämlich der, wenn der Krieg gegen Terrorismus nicht mehr allein gegen Mohammed und Ahmed aus dem Flüchtlingslager ausgefochten werden muss, sondern gegen iranische und syrische Raketen, dann wird die Bedrohung aufgebauscht und verläuft jenseits der Frage von Besatzung. Die Botschaft wäre dann, auch wenn die Besatzung ein Ende hat, so ist das noch nicht das Ende des Terrors, weil es Syrien und dem Iran daran gelegen ist, Israel auf jeden Fall zu zerstören. Der Krieg muss gegen die ganze arabische Welt geführt werden – und wir sind wieder die Opfer. So gewinnt Israel die Sympathie der Welt, besonders von den USA.... Für die Israelis ist es einfacher, damit klar zu kommen, dass der Anführer der Al-Aksa-Brigaden Zbeidi von der Hisbolla finanziert wird, als sich mit seinen Lebensumständen zu befassen. Sonst müsste sich Israel fragen, was ist aus dem Jungen geworden, der in der Theatergruppe der israelischen Friedensaktivistin Arna Mer ( s. auch Film: „Arna Mers Kinder“) mitspielte, und welche Verantwortung trägt Israel daran, dass sein Leben so verlief.
Man sollte auch daran denken, dass Zbeidis Mutter auf dem Balkon ihres Hauses getötet wurde und dass sein Bruder, andere Verwandte und die meisten seiner Jugendfreunde entweder getötet oder verhaftet wurden. Aber es ist natürlich einfacher zu sagen, die Hisbolla finanziert ihn.
Syrien mag eine Rolle beim palästinensischen Terror mitspielen – und der Iran vielleicht auch. Aber da gibt es keinen Grund für erfahrene Sicherheitsbeurteilungen, die einfache Wahrheit aufzudecken: das, was dem palästinensischen Terrorismus zu Grunde liegt, liegt in den besetzten Gebieten selbst. Nirgendwo sonst. Das Hauptmotiv für den Krieg gegen uns, ist der starke Wunsch, das grausame Joch der Besatzung abzuschütteln. Die Checkpoints, die Demütigungen, die Unterdrückung und die Masseninhaftierung sind die wahre Infrastruktur des Terrorismus. Alles andere ist Nebensache. Palästinensischer Terror hat seine Ursprünge nicht in irgendwelchen externen Befehlsposten. Er kommt aus den Trümmern in den Gebieten, er kommt aus den Herzen der Kinder, die mit ansahen, wie ihre Eltern gedemütigt und wie auf ihrem Leben herumgetrampelt wurde. Jeder, der wirklich wünscht, dem Terror ein Ende zu machen, muss gegen die Besatzung kämpfen. Jeder andere Krieg ist sinnlos. Man denke nur an die Geschichte der Befreiungsbewegungen sonst wo, die dem palästinensischen Kampf vorausgingen.
Twitter
RSS Feed
