Der Sonnenschein-Fänger
Über den 11. September
von Paul Cantor
01.09.2005 — ZNet
—
abgelegt unter:
Chile
Jedes Jahr, um den 11. September herum, verspüre ich das Bedürfnis, etwas über Charlie zu schreiben. Dafür gibt es zwei Gründe.
Erstens ist es therapeutisch. Ich merke, dass es den Schmerz lindert wenn ich über ihn schreibe. Zweitens denke ich, dass es anderen helfen kann, die Bedeutung des 11.09. für die Menschen in anderen Ländern besser zu verstehen.
Charlie, wie Sie mittlerweile vermuten werden, starb an den Nachwirkungen des Angriffs vom 11. September. Eigentlich wäre es genauer wenn man sagt, dass er einer von den Tausenden war, die getötet wurden. Also, was möchte ich dieses Jahr über ihn schreiben?
Hm, zuallererst war er mein Freund. Zweitens ist er in New York geboren und aufgewachsen. Drittens war er ein Einzelkind. Viertens hat er sein Harvard-Studium mit großem Lob [magna cum laude; zweitbeste Note der Doktorprüfung] abgeschlossen. Fünftens war er ein feinfühliger, liebevoller, hoch-intelligenter Mensch. Sechstens war er ein talentierter Autor, der ein Drehbuch für einen animierten Zeichentrickfilm schrieb, der Der Sonnenschein-Fänger hieß.
Der Sonnenschein-Fänger tötet Menschen, wenn sie auch nur daran denken, dass sie aus der Welt einen herzlicheren Ort zum Leben machen könnten. Er hat Reißzähne so lang wie die Hörner eines Yaks und gelbe Augen. Und wenn er irgendjemanden, irgendwo auf der Welt hört, wie er über herzliche Orte spricht, wackeln seine Ohren und seine Nase zuckt und er kommt schleichend und Schleim absondernd vorbei und schnappt sich denjenigen und das wars dann für diesen Menschen.
Siebtens überraschte Charlie der 11. September nicht. Er sah ihn vielmehr kommen. Dennoch dachte er nicht, dass er eines seiner Opfer sein könnte. Ich auch nicht, bis ich die Nachricht erhielt, dass er vermisst wird.
Dann hatte ich einen Alptraum. In diesem Alptraum wurde Charlie in einem Raum - mit kahlen Wänden, einem Stuhl und einem Bettgestell aus Metall - geschlagen und verhört. Die Befragung dauerte nur kurze Zeit. Nachdem sie vorbei war wurde Charlie nach draußen gebracht und erschossen. Später habe ich erfahren, dass die Dinge sich wahrscheinlich auf diese Weise ereignet haben, und dass die Person, die die Befragung durchgeführt hat, aller Wahrscheinlichkeit nach ein Geheimagent der US-Regierung gewesen ist.
Folgendes wissen wir jetzt: Charlie, oder Charles Horman, besaß Informationen, die darauf hindeuteten, dass die Vereinigten Staaten unmittelbar an dem Sturz der demokratisch gewählten Regierung von Salvador Allende in Chile am 11. September 1973 beteiligt waren; er erhielt diese Informationen von Beamten der US-Regierung und von Geheimdienstmitarbeitern; Rafael Gonzalez, ein 20-jähriger Veteran des chilenischen Geheimdienstes behauptet, dass er dabei war als Charlie verhört wurde, und dass ein Amerikaner ebenfalls anwesend war; und schließlich wurde Charlie im Nationalstadion getötet, welches eine Woche nach dem Putsch - und ein paar Tage nachdem Mitarbeiter der US-Botschaft von seiner Verhaftung wussten - als ein Gefängnis benutzt wurde.
Deshalb erscheint es mir unwahrscheinlich, dass er erschossen wurden wäre, wenn nicht ein Mitarbeiter der US-Regierung eingewilligt hat, als die Entscheidung getroffen wurde ihn zu töten. Andererseits erscheint es mir ziemlich wahrscheinlich, dass Präsident Nixon oder sein nationaler Sicherheitsberater, Henry Kissinger, dem chilenischen Militär ein Zeichen gegeben hat, dass es eine gute Sache wäre wenn Charlie verschwinden würde. Außerdem könnte jeder, der den preisgekrönten Film Missing von Constantin Costa-Gavras gesehen hat oder das Buch The Execution of Charles Horman von Thomas Hauser gelesen hat, leicht zu der selben Schlussfolgerung gelangen.
Nach dem Putsch unterstützten Nixon und Kissinger die brutale Militärjunta unter der Führung von Augusto Pinochet. Das Pinochet-Regime, welches sich von 1973 bis 1990 an der Macht befand, schaffte Wahlen ab, löste den chilenischen Kongress auf, verbot Gewerkschaften und politische Parteien, verbrannte Bücher und brachte Tausende um. Unterdessen schilderte Covert Action in Chile 1963-1973, ein Stabs-Bericht des US-Senats (der im Internet erhältlich ist)*, ausführlich die Rolle, die die Nixon-Regierung bei der Destabilisierung und dem anschließenden Sturz der Allende-Regierung spielte. Zur Zeit steht Pinochet in Chile wegen Menschenrechtsverletzungen vor Gericht.
Was würde Charlie zu alldem heute sagen, wenn die Toten sprechen könnten? Charlie war außer einem begabten Autor und Filmemacher auch ein Geschichtsstudent. Deswegen denke ich, würde er sagen, dass es einen Faden gibt, der von der Zeit vor dem 11.09.1973 bis zu der Zeit nach dem 11.09.2001 verläuft. Wenn wir diesen Faden von einem Ende zum anderen verfolgen könnten, würde uns dies von den Behauptungen der Nixon-Regierung, dass diese die Demokratie in Chile fördern würde, bis hin zu den Behauptungen der Bush-Regierung, dass sie die Demokratie im Irak fördern würde, führen.
Nachdem er mehrere Punkte aufgezeigt hat, durch welche die beiden 11.09. verbunden sind, denke ich, dass er abschließend sagen würde: In Chile ging es um Kupfer. Im Irak geht es um Öl. Mit anderen Worten sollten beide Fälle als eine Demonstration der Willens der USA betrachtet werden, die Hegemonie und die Kontrolle über die Ressourcen aufrechtzuerhalten. Tatsächlich ist die Behauptung, dass beide Fälle irgendetwas mit der Verbreitung von Demokratie, Menschenrechten oder Gerechtigkeit in der Welt zu tun hatten, offenkundiger Unsinn. Die Wahrheit ist, dass Demokratie, Menschenrechte und Gerechtigkeit oder die Rechtsstaatlichkeit die Opfer von beiden 11.09. waren.
Anmerkungen
Paul Cantor ist Professor für Wirtschaftslehre und lebte von 1971 bis 1973 in Chile.
Der Bericht Covert Action in Chile 1963-1973 vom 18.12.1975 ist unter folgender Adresse im Internet nachzulesen: http://foia.state.gov/Reports/ChurchReport.asp
Erstens ist es therapeutisch. Ich merke, dass es den Schmerz lindert wenn ich über ihn schreibe. Zweitens denke ich, dass es anderen helfen kann, die Bedeutung des 11.09. für die Menschen in anderen Ländern besser zu verstehen.
Charlie, wie Sie mittlerweile vermuten werden, starb an den Nachwirkungen des Angriffs vom 11. September. Eigentlich wäre es genauer wenn man sagt, dass er einer von den Tausenden war, die getötet wurden. Also, was möchte ich dieses Jahr über ihn schreiben?
Hm, zuallererst war er mein Freund. Zweitens ist er in New York geboren und aufgewachsen. Drittens war er ein Einzelkind. Viertens hat er sein Harvard-Studium mit großem Lob [magna cum laude; zweitbeste Note der Doktorprüfung] abgeschlossen. Fünftens war er ein feinfühliger, liebevoller, hoch-intelligenter Mensch. Sechstens war er ein talentierter Autor, der ein Drehbuch für einen animierten Zeichentrickfilm schrieb, der Der Sonnenschein-Fänger hieß.
Der Sonnenschein-Fänger tötet Menschen, wenn sie auch nur daran denken, dass sie aus der Welt einen herzlicheren Ort zum Leben machen könnten. Er hat Reißzähne so lang wie die Hörner eines Yaks und gelbe Augen. Und wenn er irgendjemanden, irgendwo auf der Welt hört, wie er über herzliche Orte spricht, wackeln seine Ohren und seine Nase zuckt und er kommt schleichend und Schleim absondernd vorbei und schnappt sich denjenigen und das wars dann für diesen Menschen.
Siebtens überraschte Charlie der 11. September nicht. Er sah ihn vielmehr kommen. Dennoch dachte er nicht, dass er eines seiner Opfer sein könnte. Ich auch nicht, bis ich die Nachricht erhielt, dass er vermisst wird.
Dann hatte ich einen Alptraum. In diesem Alptraum wurde Charlie in einem Raum - mit kahlen Wänden, einem Stuhl und einem Bettgestell aus Metall - geschlagen und verhört. Die Befragung dauerte nur kurze Zeit. Nachdem sie vorbei war wurde Charlie nach draußen gebracht und erschossen. Später habe ich erfahren, dass die Dinge sich wahrscheinlich auf diese Weise ereignet haben, und dass die Person, die die Befragung durchgeführt hat, aller Wahrscheinlichkeit nach ein Geheimagent der US-Regierung gewesen ist.
Folgendes wissen wir jetzt: Charlie, oder Charles Horman, besaß Informationen, die darauf hindeuteten, dass die Vereinigten Staaten unmittelbar an dem Sturz der demokratisch gewählten Regierung von Salvador Allende in Chile am 11. September 1973 beteiligt waren; er erhielt diese Informationen von Beamten der US-Regierung und von Geheimdienstmitarbeitern; Rafael Gonzalez, ein 20-jähriger Veteran des chilenischen Geheimdienstes behauptet, dass er dabei war als Charlie verhört wurde, und dass ein Amerikaner ebenfalls anwesend war; und schließlich wurde Charlie im Nationalstadion getötet, welches eine Woche nach dem Putsch - und ein paar Tage nachdem Mitarbeiter der US-Botschaft von seiner Verhaftung wussten - als ein Gefängnis benutzt wurde.
Deshalb erscheint es mir unwahrscheinlich, dass er erschossen wurden wäre, wenn nicht ein Mitarbeiter der US-Regierung eingewilligt hat, als die Entscheidung getroffen wurde ihn zu töten. Andererseits erscheint es mir ziemlich wahrscheinlich, dass Präsident Nixon oder sein nationaler Sicherheitsberater, Henry Kissinger, dem chilenischen Militär ein Zeichen gegeben hat, dass es eine gute Sache wäre wenn Charlie verschwinden würde. Außerdem könnte jeder, der den preisgekrönten Film Missing von Constantin Costa-Gavras gesehen hat oder das Buch The Execution of Charles Horman von Thomas Hauser gelesen hat, leicht zu der selben Schlussfolgerung gelangen.
Nach dem Putsch unterstützten Nixon und Kissinger die brutale Militärjunta unter der Führung von Augusto Pinochet. Das Pinochet-Regime, welches sich von 1973 bis 1990 an der Macht befand, schaffte Wahlen ab, löste den chilenischen Kongress auf, verbot Gewerkschaften und politische Parteien, verbrannte Bücher und brachte Tausende um. Unterdessen schilderte Covert Action in Chile 1963-1973, ein Stabs-Bericht des US-Senats (der im Internet erhältlich ist)*, ausführlich die Rolle, die die Nixon-Regierung bei der Destabilisierung und dem anschließenden Sturz der Allende-Regierung spielte. Zur Zeit steht Pinochet in Chile wegen Menschenrechtsverletzungen vor Gericht.
Was würde Charlie zu alldem heute sagen, wenn die Toten sprechen könnten? Charlie war außer einem begabten Autor und Filmemacher auch ein Geschichtsstudent. Deswegen denke ich, würde er sagen, dass es einen Faden gibt, der von der Zeit vor dem 11.09.1973 bis zu der Zeit nach dem 11.09.2001 verläuft. Wenn wir diesen Faden von einem Ende zum anderen verfolgen könnten, würde uns dies von den Behauptungen der Nixon-Regierung, dass diese die Demokratie in Chile fördern würde, bis hin zu den Behauptungen der Bush-Regierung, dass sie die Demokratie im Irak fördern würde, führen.
Nachdem er mehrere Punkte aufgezeigt hat, durch welche die beiden 11.09. verbunden sind, denke ich, dass er abschließend sagen würde: In Chile ging es um Kupfer. Im Irak geht es um Öl. Mit anderen Worten sollten beide Fälle als eine Demonstration der Willens der USA betrachtet werden, die Hegemonie und die Kontrolle über die Ressourcen aufrechtzuerhalten. Tatsächlich ist die Behauptung, dass beide Fälle irgendetwas mit der Verbreitung von Demokratie, Menschenrechten oder Gerechtigkeit in der Welt zu tun hatten, offenkundiger Unsinn. Die Wahrheit ist, dass Demokratie, Menschenrechte und Gerechtigkeit oder die Rechtsstaatlichkeit die Opfer von beiden 11.09. waren.
Anmerkungen
Paul Cantor ist Professor für Wirtschaftslehre und lebte von 1971 bis 1973 in Chile.
Der Bericht Covert Action in Chile 1963-1973 vom 18.12.1975 ist unter folgender Adresse im Internet nachzulesen: http://foia.state.gov/Reports/ChurchReport.asp
Orginalartikel:
The Sunshine Grabber
Übersetzt von:
Jörn Ehrentraut
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