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Der Verrat an Afghanistan

von John Pilger

22.09.2003 — Guardian / ZNet

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In einem langen Artikel im The Guardian Magazin beschreibt John Pilger Afghanistan seit der Befreiung von den Taliban, das er für seinen neuesten Dokumentarfilm „Breaking the Silence“, filmte. Abgesehen von symbolischen Freiheiten hat sich wenig verändert. Die von Amerika an die Macht gebrachten Kriegsherren sind nicht besser als die Taliban, sie terrorisieren die Bevölkerung und sorgen so dafür, dass 90 Prozent der Frauen in Afghanistan weiterhin unterdrückt werden und dass die Zusicherungen westlicher Wiederaufbauhilfe leere Versprechen bleiben. Auf dem auf die Anschläge vom 11. September 2001 folgenden Parteitag der britischen Labourpartei tat Premierminister Tony Blair folgenden bemerkenswerten Ausspruch: „Wir verpflichten uns dem afghanischen Volk gegenüber, dass wir es nicht im Stich lassen werden... Wenn das Taliban-Regime fällt, werden wir mit Euch arbeiten, um sicherzustellen, dass die Nachfolgeregierung eine breite Basis hat, dass sie alle ethnischen Gruppen umfasst und einen Weg weist aus der Armut, in der ihr elendiglich lebt. Er echote damit US-Präsident George Bush, der ein paar Tage zuvor gesagt hatte: „Das unterdrückte Volk von Afghanistan wird die Großzügigkeit Amerikas und seiner Verbündeten kennen lernen. Gleichzeitig mit dem Angriff auf militärische Ziele werden wir auch Nahrungsmittel, Medikamente und Vorräte für die hungernden und leidenden Männer, Frauen und Kinder Afghanistans abwerfen. Die US sind ein Freund des afghanischen Volkes.“

Fast jedes Wort, das sie sagten, war falsch. Ihre Betroffenheitserklärungen waren grausame Täuschungen, die den Weg bereiteten für die Eroberung sowohl Afghanistans als auch Iraks. Da sich nun das wahre Gesicht der illegalen angloamerikanischen Besatzung Iraks zeigt, ist das vergessene Desaster in Afghanistan, der erste „Sieg“ im „Krieg gegen den Terror“, vielleicht ein noch schockierenderes Zeugnis der Macht.

Es war mein erster Besuch. In meinem ganzen Leben, das ich an Orten der Umwälzung verbracht habe, habe ich so etwas noch nicht gesehen. Kabul ist wie ein Blick auf Dresden nach 1945, mit Konturen von Trümmern statt Straßen, wo Menschen in zusammengefallenen Gebäuden leben wie Erdbebenopfer, die auf Rettung warten. Sie haben weder Licht noch Heizung; ihre apokalyptischen Feuer brennen die ganze Nacht hindurch. Es gibt praktisch keine stehen gebliebene Wand, die keine Einschläge von Waffen fast jeden Kalibers hat. An den Kreisverkehren liegen Autos auf dem Dach. Die Strommasten für eine moderne Flotte von Trolleybussen sind verbogen wie Büroklammern. Die Busse sind übereinander gestapelt, erinnern an die Pyramiden aus Maschinen, die die roten Khmer in Kambodscha errichteten, um das „Jahr Null“ zu bezeichnen.

In Afghanistan herrscht ein Gefühl von Jahr Null. Meine Schritte hallten durch den einst großartigen Dilkusha Palast, der 1910 nach einem Entwurf eines britischen Architekten gebaut wurde, dessen kreisförmige Treppen, korinthische Säulen und Steinfresken mit Doppeldeckern berühmt waren. Heute ist er eine Ruinenhöhle, aus der spindeldürre Kinder wie kleine Phantome auftauchen und vergilbte Postkarten des Palasts vor 30 Jahren anbieten: ein pompöses Gebäude am Ende von etwas, das wie eine Kopie des Mall aussieht, mit Flaggen und Bäumen. Unter dem Bogen der Treppe sind das Blut und Teile von zwei Leuten zu sehen, die am Tag zuvor von einer Bombe getötet wurden. Wer waren sie? Wer legte die Bombe? In einem Land im Bann von Kriegsherren, von denen viele beim Terror gemeinsame Sache machen, ist diese Frage an sich schon surreal.

Einen Kilometer weiter bewegen sich Männer in Blau steif in einer Linie: Minenräumer. Minen liegen hier wie Abfall herum, und, Schätzungen zufolge, töten und verletzen jemand stündlich und täglich. Gegenüber dem ehemals größten Kino von Kabul, heute eine Jugendstilhülle, liegt ein belebter Kreisverkehr mit Postern, die davor warnen, dass in der Umgebung nicht explodierte Streubomben„ „gelb und aus den USA“ herumliegen. Hier spielen Kinder, jagen sich gegenseitig in den Schatten. Ein Junge im Teenageralter mit einem Stumpf, und der nur noch einen Teil seines Gesichts hat, beobachtet sie. Auf dem Land verwechseln die Leute die Streubombenbehälter immer noch mit den gelben Paketen der Nothilfe, die von den amerikanischen Flugzeugen vor zwei Jahren, während des Krieges, abgeworfen wurden, nachdem Bush verhindert hatte, dass die internationalen Hilfskonvois von Pakistan über die Grenze kamen.

Seit dem 7. Oktober 2001 wurden über zehn Milliarden US-Dollar für Afghanistan ausgegeben, das meiste davon von den US. Über 80 Prozent davon wurden für die Bombardierung des Landes und die Bezahlung der Kriegsherren ausgegeben, die ehemaligen Mudschaheddin, die sich den Namen “Nordallianz“ gaben. Washington gab jedem Kriegsherren zigtausende Dollars in bar und lastwagenweise Waffen. „Wir versuchten, wirklich alle Kommandanten zu erreichen“, sagte ein CIA-Beamter dem Wall Street Journal während des Krieges. In anderen Worten, sie bestachen sie, damit sie untereinander zu kämpfen aufhörten und die Taliban bekämpften.

Das waren die gleichen Kriegsherren, die 1989 nach dem Abzug der Russen um die Kontrolle über Kabul kämpften, dabei die Stadt zu Staub machten und 50000 Menschen töteten, die Hälfte davon, laut Human Rights Watch, 1994. Dank der Amerikaner wurde die tatsächliche Kontrolle Afghanistans zumeist an die gleichen Mafiosi und ihre Privatarmeen abgetreten, die nun mittels Angst und Erpressung und die Monopolisierung des Opiumhandels regieren, der Britannien mit 90 Prozent des dort auf den Straßen verkauften Heroins versorgt. Die post-Taliban-Regierung ist nur eine Fassade; sie hat kein Geld und ihre Macht reicht kaum bis zu den Toren Kabuls, trotz der demokratischen Ambitionen wie die für nächstes Jahr geplanten Wahlen. Omar Zakhilwal, ein Beamter des Landwirtschaftsministeriums, erzählte mir, dass weniger als 20 Prozent der Hilfe für Afghanistan an die Regierung ginge. „Wir haben nicht einmal genug Geld, um die Löhne bezahlen, geschweige denn den Wiederaufbau zu planen“, sagte er. Präsident Hamid Karzai ist ein Strohmann Washingtons, der nirgends hingeht ohne sein Aufgebot an Leibwächtern aus US-Spezialtruppen.

Human Rights Watch veröffentlichte eine Serie außerordentlicher Berichte, den letzten im Juli, in denen Gräueltaten dokumentiert sind, „die von Bewaffneten und Kriegsherren gegangen werden, die von den Vereinigten Staaten und ihren Koalitionspartnern nach dem Sturz der Taliban 2001 an die Macht gebracht wurden“ und die „im Grunde genommen das Land unter ihre Macht gebracht haben“. Der Bericht beschreibt Armee und Polizeitruppen, die von den Kriegsherren kontrolliert werden, die ungestraft Dorfbewohner kidnappen und in inoffiziellen Gefängnissen als Geiseln gefangen halten, weit verbreitete Vergewaltigungen von Frauen, Mädchen und Jungen, routinemäßige Erpressungen, Raubüberfälle und willkürliche Morde. Mädchenschulen werden niedergebrannt. „Da es die Soldaten auf Frauen und Mädchen abgesehen haben“, steht in dem Bericht zu lesen, „bleiben viele von ihnen zuhause und können deshalb nicht zu Schule [oder] zum Arbeiten gehen.“

In Herat zum Beispiel, im Westen des Landes, werden Frauen verhaftet, wenn sie Auto fahren. Sie dürfen nicht mit einem nicht zur Verwandtschaft gehörenden Mann fahren, nicht einmal mit einem nicht verwandten Taxifahrer. Wenn sie erwischt werden, werden sie einem “Keuschheitstest“ unterzogen. Dadurch werden kostbare medizinische Dienstleistungen verschwendet, „zu denen Frauen und Mädchen“, gemäß Human Rights Watch, „speziell in Herat, praktisch keinen Zugang haben, wo weniger als ein Prozent der Frauen mit Hilfe einer ausgebildeten Person entbinden.“ Die Sterblichkeitsrate für Mütter während der Geburt ist laut UNICEF die höchste in der Welt. Herat wird von dem Kriegsherrn Ismail Khan regiert, den US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld als “angenehmen... aufmerksamen, bedächtigen und selbstbewussten Mann“ empfahl.

“Das letzte Mal, als wir uns in diesem Raum trafen“, sagte Bush in seiner Rede zur Lage der Nation letztes Jahr, “waren die Mütter und Töchter Afghanistans Gefangene in ihrem eigenen Haus, denen es verboten war, zu arbeiten oder zur Schule zu gehen. Heute sind die Frauen frei und Teil der neuen Regierung Afghanistans. Wir heißen die neue Frauenministerin, Dr. Sima Samar, willkommen.“ Eine zierliche Frau mittleren Alters mit Kopftuch stand auf, um den inszenierten Beifall entgegen zu nehmen. Samar, eine Ärztin, die unter den Taliban die Behandlung von Frauen nicht verweigerte, ist ein wirkliches Symbol des Widerstands. Ihre Aneignung durch den salbungsvollen Bush war nur von kurzer Dauer. Im Dezember 2001 nahm Samar auf der von Washington gesponserten “Friedenskonferenz“ in Bonn teil, bei der Karzai als Präsident eingesetzt wurde und drei der brutalsten Kriegsherren als Vizepräsidenten. (General Rashid Dostum, der der Folter und Abschlachtung von Gefangenen beschuldigt wird, ist der derzeitige Verteidigungsminister.) Samar war eine von zwei Frauen in Karzais Kabinett.

Kaum war der Beifall im Kongress verklungen, da wurde Samar mit einer falschen Anklage wegen Blasphemie verunglimpft und aus dem Kabinett vertrieben. Die Kriegsherren, die sich von den Taliban nur in ihrer Stammestreue und religiösen Frömmeleien unterscheiden, tolerierten nicht einmal ein Zeichen weiblicher Emanzipation.

Heute lebt Samar in ständiger Angst um ihr Leben. Sie hat nun zwei Furcht erregende Leibwächter mit Schnellfeuerwaffen. Einen vor ihrem Büro, den anderen vor ihrem Haustor. Sie bewegt sich in einem Wagen mit verdunkelten Scheiben. “In den vergangenen 23 Jahren habe ich mich zwar nicht sicher gefühlt“, erzählt sie mir, “aber ich musste mich nie verstecken oder bewaffnete Leibwächtern dabei haben, so wie jetzt... Offiziell gibt es kein Gesetz mehr, das den Frauen verbietet, zur Schule oder zum Arbeiten zu gehen, es gibt kein Gesetz mehr, das eine bestimmte Kleidung vorschreibt. Aber in Wirklichkeit waren die Frauen auf dem Land selbst unter den Taliban nicht solchem Druck ausgesetzt wie heute.“

Die Apartheid mag nun laut Gesetz beendet sein, aber für mehr als 90 Prozent der Frauen Afghanistans sind diese „Reformen“ – wie die Einrichtung eines Frauenministeriums in Kabul – wenig mehr als eine Formsache. Die Burka ist immer noch überall zu sehen. Und wie Samar sagt, das Elend der Frauen auf dem Land ist heute oft schlimmer als vorher, da die ultra-puritanischen Taliban Vergewaltigung, Mord und Banditentum hart bestraften. Im Gegensatz zu heute konnte man sich im größten Teil des Landes sicher bewegen.

In einer ausgebombten Schuhfabrik in West-Kabul fand ich die Bewohner zweier Dörfer eng zusammengedrängt auf den offenen Stockwerken, ohne Licht, mit einem tröpfelnden Wasserhahn. Kleine Kinder hockten auf abbröckelnden Brüstungen: tags zuvor war ein Kind herunter gefallen und gestorben, an dem Tag, an dem ich kam, fiel ein anderes Kind herunter und wurde schwer verletzt. Eine Mahlzeit besteht für sie aus in Tee getunktem Brot. Ihre riesigen starren Augen sind die Augen Schrecken erfüllter Flüchtlinge. Sie waren hierher geflohen, erklärten sie, da die Kriegsherren sie regelmäßig ausraubten und ihre Frauen und Töchter und Söhne entführten, die sie dann vergewaltigten und ihnen gegen Lösegeld wieder überließen.

„Unter den Taliban lebten wir in einem Friedhof, aber wir waren sicher“, erzählte mir Marina, eine führende Aktivistin. „Einige Leute sagen sogar, dass es ihnen besser ging. Das zeigt, wie verzweifelt die Situation heute ist. Die Gesetze mögen sich geändert haben, aber Frauen trauen sich nicht, ohne Burka aus dem Haus zu gehen, die wir auch zu unserem eigenen Schutz tragen.“

Marina ist ein führendes Mitglied von Rawa, der Revolutionären Frauenorganisation von Afghanistan, einer heroischen Organisation, die seit Jahren versucht, die Welt auf das Leiden der Frauen in Afghanistan aufmerksam zu machen. Die Frauen von RAWA reisten heimlich durch das Land, mit unter der Burka versteckten Kameras. Sie filmten eine Hinrichtung durch die Taliban und andere Missstände und schmuggelten die Videos in den Westen. „Wir gaben sie an verschiedene Medien“, erzählt Marina. „Reuters, ABC Australia, zum Beispiel, und sie sagten, ja, das ist sehr schön, aber wir können es nicht zeigen, weil es zu schockierend ist für die Leute im Westen.“ Die Hinrichtung wurde schließlich in einer Dokumentarsendung im britischen Channel 4 gezeigt.

Das war vor dem 11. September 2001, als Bush und die US-Medien das Thema Frauen in Afghanistan entdeckten. Marina sagt, dass sich das derzeitige Schweigen im Westen über die grauenhafte Natur des vom Westen unterstützten Regimes der Kriegsherren in nichts unterscheide. Wir trafen uns heimlich und sie war verschleiert, um unerkannt zu bleiben. Marina ist nicht ihr richtiger Name.

„Zwei Mädchen, die ohne Burka zur Schule gingen, wurden getötet und ihre Leichen vor ihre Häuser gelegt“, erzählte Marina. „Vergangenen Monat sprangen 35 Frauen mit ihren Kindern in einen Fluss und starben, nur um sich vor Kommandeuren auf Vergewaltigungstour zu retten. Das ist Afghanistan heute, die Taliban und die Kriegsherren der Nordallianz sind zwei Seiten derselben Münze. Für Amerika ist das eine Frankensteingeschichte, - man kreiert ein Monster und das Monster wendet sich gegen einen. Hätte Amerika nicht, während der russischen Invasion, diese Kriegsherren aufgebaut, Osama bin Laden und all die fundamentalistischen Kräfte in Afghanistan, hätten sie nicht am 11. September 2001 den Meister angegriffen.“

Afghanistans Tragödie ist beispielhaft für die Maxime westlicher Macht, dass Länder des Südens ausschließlich nach ihrer Nützlichkeit für „uns“ betrachtet und behandelt werden. Die dafür nötige Rücksichtslosigkeit und Heuchelei haben der modernen Geschichte Afghanistans ihren Stempel aufgeprägt. Eines der am besten gehüteten Geheimnisse des Kalten Krieges war die Zusammenarbeit der USA und Britanniens mit den Kriegsherren, den Mudschaheddin, und die entscheidende Rolle, die sie bei der Anstachelung des Dschihad spielten, der die Taliban, al-Qaeda und den 11. September hervorbrachte.

„Gemäß offizieller Geschichtsschreibung“, gab Zbigniew Brzezinski, Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, in einem Interview 1998 zu, „begann die Unterstützung der Mudschaheddin durch den CIA im Jahr 1980, das heißt, nachdem die sowjetische Armee in Afghanistan einmarschierte... Aber die Wirklichkeit, bis heute streng geheim, sieht ganz anders aus.“ Auf Drängen Brzezinskis gab Carter im Juli 1979 500 Millionen US-Dollar für den Aufbau einer im Grunde genommen Terroristenorganisation frei. Das Ziel war, Moskau, das damals zutiefst besorgt war über die Ausbreitung des islamischen Fundamentalismus in den zentralasiatischen Sowjetrepubliken, in die „Falle“ von Afghanistan, eine Quelle dieses schädlichen Einflusses, zu locken.

Über 17 Jahre hinweg pumpte Washington vier Milliarden US-Dollar in die Taschen einiger der brutalsten Männer der Welt - mit dem Ziel, die Sowjetunion in einem sinnlosen Krieg zu erschöpfen und schließlich zu zerstören. Einer von ihnen, Gulbuddin Hekmatyar, ein vom CIA besonderes bevorzugter Kriegsherr, erhielt Millionen von Dollars. Seine Spezialität war der Handel mit Opium und den Frauen, die sich weigerten, den Schleier zu tragen, Säure ins Gesicht zu schütten. 1994 stimmte er zu, die Angriffe auf Kabul zu stoppen, unter der Bedingung, dass er Premierminister würde, – was er dann auch wurde.

Acht Jahre zuvor unterstützte CIA-Direktor William Casey einen Vorschlag von Pakistans Geheimdienst, dem ISI, von überall auf der Welt Leute für die Teilnahme am afghanischen Dschihad zu rekrutieren. Zwischen 1986 und 1992 wurden mehr als 100000 militante Islamisten in Pakistan ausgebildet, in Lagern, die vom CIA und Britanniens MI6 überwacht wurden, wo die britische SAS zukünftige al-Qaeda- und Talibankämpfer in der Herstellung von Bomben und anderen schwarzen Künsten trainierten. Die Anführer wurden in einem Lager des CIA in Virginia ausgebildet. Das Unternehmen wurde Operation Zyklon genannt und dauerte bis lange nach dem Rückzug der Sowjets 1989 an.

„Ich gestehe, dass [Länder] Figuren auf einem Schachbrett sind“, sagte Lord Curzon, britischer Vizekönig in Indien 1898, „auf dem ein großes Spiel um die Beherrschung der Welt gespielt wird.“ Brzezinski, Berater mehrerer Präsidenten und ein von der Bush-Gang bewunderter Guru, hat praktisch die gleichen Worte benützt. In seinem Buch The Grand Chessboard: American Primacy And Its Geostrategic Imperatives schreibt er, dass der Schlüssel zur Beherrschung der Welt in Zentralasien mit seiner strategischen Position zwischen rivalisierenden Mächten und seinem ungeheuren Reichtum an Öl und Gas liegt. „Um es in Worte zu kleiden, die an das brutalere Zeitalter alter Empires erinnern“, schreibt er, einer „der großen Imperative imperialer Geostrategie“ ist, „die Barbaren davon abzuhalten, sich zusammen zu tun“.

Die Reste der Sowjetunion betrachtend, die er zerstören half, sinnierte der Guru mehr als einmal vor sich hin: Was soll“s, wenn all dies „ein paar aufgehetzte Moslems“ hervorgebracht hat? Am 11. September 2001 gaben „ein paar aufgehetzte Moslems“ die Antwort. In einem Interview, das ich kürzlich mit Brzezinski in Washington führte, stritt er vehement ab, dass seine Strategie das Entstehen von al-Qaeda beschleunigt hat: für den Terrorismus machte er die Russen verantwortlich.

Als die Sowjetunion schließlich zusammenbrach, wurde das Schachbrett an die Clinton-Regierung weitergereicht. Die jüngste Variante der Mudschaheddin, die Taliban, regierten nun in Afghanistan. 1997 wurden die Führer der Taliban in Washington und Houston, Texas von Beamten des US-Außenministeriums und Managern der Union Oil Company of California (UNOCAL) diskret empfangen. In Houston wurden sie üppig bewirtet mit Dinnerparties in luxuriösen Häusern. Sie baten darum, zum Einkaufen zu Walmart gefahren und zu Touristenattraktionen geflogen zu werden, einschließlich des Kennedy-Raumfahrtzentrums in Florida und nach Mount Rushmore in Süd-Dakota, wo sie die in die Felsen gehauenen Gesichter amerikanischer Präsidenten betrachteten. Das Wall Street Journal, Bulletin der US-Macht, schrieb überschwänglich: “Die Taliban sind die Akteure, die, zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte, am ehesten Frieden in Afghanistan erreichen können.“

Im Januar 1997 teilte ein Beamter des Außenministeriums Journalisten in einem vertraulichen Gespräch mit, dass man hoffe, Afghanistan würde ein Ölprotektorat werden, „wie Saudi-Arabien“. Er wurde darauf hingewiesen, dass Saudi-Arabien kein demokratischer Staat sei und Frauen verfolge. „Damit können wir leben“, sagte er.

Das Ziel Amerikas war nun die Verwirklichung eines 60 Jahre alten „Traums“, des Baus einer Pipeline vom ehemals sowjetischen Kaspischen Meer via Afghanistan zu einem Tiefseehafen. Den Taliban bot man 15 Cent pro 1000 Kubikfuß Gas, die durch Afghanistan flossen. Auch wenn dies die Jahre der Clinton-Regierung waren, wurden die Deals von der „Öl- und Gas-Junta“ vorangetrieben, die bald schon George W Bushs Regime beherrschen sollte. Zu ihr gehörten ehemalige Mitglieder des Kabinetts von US-Präsident George Bush Senior, wie der derzeitige US-Vizepräsident Dick Cheney, der neun Ölfirmen repräsentiert, und Condoleezza Rice, heute nationale Sicherheitsberaterin, damals eine der Vorsitzenden von Chevron-Texaco, mit Spezialgebiet Pakistan und Zentralasien.

Wenn man noch weiter nachforscht, findet man Bush Senior als bezahlten Berater der riesigen Carlyle Gruppe, deren 164 Unternehmen auf Öl, Gas, Pipelines und Waffen spezialisiert sind. Zu seinen Kunden gehört eine sehr, sehr reiche Saudi-Familie, die Bin Ladens. (Die Familie Bin Laden durfte die USA innerhalb weniger Tage nach den Anschlägen vom 11. September unter höchster Geheimhaltung verlassen.)

Der „Traum“ von der Pipeline verblasste, als zwei US-Botschaften in Ostafrika bombardiert wurden und al-Qaeda dafür verantwortlich gemacht und die Verbindung zu Afghanistan hergestellt wurde. Die Taliban waren nicht länger nützlich, sie waren eine Blamage und überflüssig. Im Oktober 2001 bombardierten die Amerikaner ihre alten Freunde, die Kriegsherren, oder „Nordallianz“, zurück an die Macht. Heute, nachdem Afghanistan „befreit“ ist, geht es mit der Pipeline endlich voran, überwacht vom US-Botschafter in Afghanistan, John J Maresca, ehemals Unocal.

Seit die USA die Taliban von der Macht entfernten, haben sie in den neun ehemaligen zentralasiatischen Ländern, die Afghanistans ressourcenreiche Nachbarn darstellen, 13 Stützpunkte eingerichtet. Überall auf der Welt sind die Amerikaner nun an den Toren zu allen wichtigen Quellen fossiler Brennstoffe militärisch anwesend. Lord Curzon würde dieses große Spiel nie wieder erkennen. Das ist, was das US Space Command (US-Weltraumkommando) „full spectrum dominance“ (Vorherrschaft über das gesamte Spektrum; d. Ü.) nennt.

Von dem riesigen, von den Sowjets gebauten Stützpunkt in Bagram in der Nähe Kabuls aus kontrollieren die USA die Landroute zu den Reichtümern des Kaspischen Beckens. Aber wie bei der anderen Eroberung, Irak, läuft nicht alles reibungslos. „Jedes Mal, wenn wir uns vom Stützpunkt entfernen, werden wir beschossen“, sagt Oberst Rod Davis. „Für uns ist das dort draußen eine Kampfzone.“

Ich sagte zu ihm: „Aber Präsident Bush sagt, sie hätten Afghanistan befreit. Warum sollten die Leute auf sie schießen?“

„Es gibt überall feindliche Elemente, mein Freund.“

„Ist das überraschend, wenn man mörderische Kriegsherren unterstützt?“, antwortete ich.

„Wir nennen sie Regionalgouverneure.“ (Weil „Regionalgouverneure“, Kriegsherren vom Schlag eines Ismail Khan in Herat als Teil von Karzais Nationalregierung angesehen werden – keine einfache Zusammensetzung. Karzai bat Khan, Millionen Dollar Zollabgaben herauszugeben.)

Der Krieg, der die Taliban vertrieb, hat nie aufgehört. Zehntausend US-Soldaten sind dort stationiert; sie bewegen sich in ihren Kampfhubschraubern und Humvees, sprengen in den Bergen Höhlen oder beschießen ein Dorf, normalerweise im Südosten. Im Herzland der Paschtunen und an der Grenze zu Pakistan kommen die Taliban allmählich wieder zurück. Es gibt keine unabhängige Information über das Ausmaß des Krieges. US-Sprecher wie Oberst Davis sind die Quellen von Nachrichten, die berichten, dass „50 Talibankämpfer von US-Kräften getötet wurden“. Afghanistan ist nun so gefährlich, dass es für Reporter praktisch unmöglich ist, etwas zu recherchieren.

Das Zentrum der US-Operationen ist nun das Gefangenenlager („holding facility“) in Bagram, wohin verdächtige Personen gebracht und verhört werden. Zwei ehemalige Gefangene, Abdul Jabar und Hakkim Shah, berichteten der New York Times im März, wie sicherlich 100 Gefangene „gezwungen wurden, Tag und Nacht stundenlang unbeweglich zu stehen, mit Kapuzen über dem Kopf, die hoch erhobenen Armen an die Decke gekettet und die Füße gefesselt.“ Von hier aus werden viele in das Konzentrationslager in Guantanamo Bay verschifft.

Den Gefangenen werden alle Rechte verwehrt. Das Rote Kreuz durfte nur einen Teil der „holding facility“ inspizieren, Amnesty wurde der Zutritt überhaupt verweigert. Im April letzten Jahres „verschwand“ ein Kabuler Taxifahrer, Wasir Mohammad, dessen Familie ich interviewte, in Bagram, nachdem er sich an einer Straßensperre über den Verbleib eines Freundes erkundigt hatte, der verhaftet worden war. Der Freund wurde seitdem wieder freigelassen, aber Mohammad befindet sich nun in einem Käfig in Guantanamo Bay. Ein ehemaliger Innenminister aus Karzais Regierung sagte mir, dass Mohammad zur falschen Zeit am falschen Ort war: „Er ist unschuldig.“ Außerdem war er bekannt dafür, dass er sich den Taliban widersetzt hatte. Möglicherweise wurden viele der Gefangenen in Bagram und Guantanamo Bay wegen der Belohnung, die die Amerikaner für verdächtige Personen bezahlen, entführt.

Warum, fragte ich Oberst Davis, werden den Leuten in der „holding facility“ die grundlegenden Rechte verweigert, die er als von einer fremden Armee gefangener Amerikaner erwarten würde. Seine Antwort war: „Das Problem der Kriegsgefangenen ist entweder ein Problem der extremen Linken oder Rechten, je nach Perspektive.“ Das ist die kafkaeske Welt, die Bushs Amerika den jüngst seinem Imperium hinzugefügten Gebieten, realen und virtuellen, übergestülpt hat, die sich auf dem neuen Schutt erheben an Orten, wo menschliches Leben nicht den gleichen Wert hat wie das derjenigen, die in Ground Zero in New York umkamen. Einer dieser Orte ist das Dorf Bibi Mahru, das vor fast zwei Jahren während des Krieges von einer amerikanischen F16 angegriffen wurde. Der Pilot warf eine 500 kg MK82 “Präzisions“bombe auf ein Haus, aus Lehm und Steinen gebaut, in dem Orifa und ihr Ehemann, Gul Ahmed, ein Teppichweber, lebten. Die Bombe tötete alle außer Orifa und einem Sohn – acht Mitglieder ihrer Familie, einschließlich sechs Kinder. Zwei Kinder im Nachbarhaus wurden ebenfalls getötet.

Kummer und Zorn ins Gesicht geschrieben, erzählte mir Orifa, wie die Körper vor der Moschee aufgebahrt wurden, in welch schrecklichem Zustand sie sie fand. Sie verbrachte den Nachmittag damit, die Körperteile aufzusammeln, „dann in Säcke zu packen und sie mit Namen zu versehen, damit sie später beerdigt werden konnten.“ Sie erzählte, dass eine Gruppe von elf Amerikanern kam und den Krater untersuchte, wo ihr Haus gestanden hatte. Sie notierten die Nummern auf dem Schrapnell und jeder einzelne interviewte sie. Der Übersetzer gab ihr einen Umschlag mit 15 Dollar in Eindollarnoten. Später wurde sie von Rita Lasar, einer New Yorkerin, die ihren Bruder in den Zwillingstürmen verloren hatte und nach Afghanistan gekommen war, um gegen die Bombardierungen zu protestieren und die Opfer zu trösten, in die US-Botschaft nach Kabul mitgenommen. Als Orifa versuchte, durch das Tor der Botschaft einen Brief abzugeben, sagten sie zu ihr: „Hau ab, alte Bettlerin.“

Im Mai letzten Jahres veröffentlichte der Guardian das Ergebnis einer Untersuchung von Jonathan Steele. Er kam zu dem Schluss, dass wahrscheinlich, zusätzlich zu den bis zu 8000 Afghanen, die durch amerikanische Bomben getötet wurden, bestimmt 20000 Menschen mehr an den indirekten Folgen von Bushs Invasion gestorben sind, eingeschlossen derjenigen, die ihre Dörfer verließen und denen mitten in einer Dürreperiode Katastrophenhilfe verweigert wurde. In all den großen humanitären Krisen der letzten Jahre wurde keinem Land weniger geholfen als Afghanistan. Bosnien, das nur ein Viertel der Bevölkerung Afghanistans hat, erhielt 356 US-Dollar pro Person; Afghanistan bekommt 42 US-Dollar pro Person. Nur drei Prozent aller internationalen Hilfe für Afghanistan gehen in den Wiederaufbau, die von den US angeführte militärische „Koalition“ erhält 84 Prozent, der Rest ist Katastrophenhilfe. Letzten März flog Karzai nach Washington, um um mehr Geld zu bitten. Ihm wurde Extrageld von privaten Investoren versprochen. Davon gehen 35 Millionen US-Dollar in den Bau eines geplanten Fünfsternehotels. Wie Bush sagte: „Das afghanische Volk wird die Großzügigkeit Amerikas und seiner Verbündeten kennen lernen.“

Übersetzt von: Eva-Maria Bach
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