Der osttimoresische Unabhängigkeitstag
von Cynthia Peters
20.05.2002 — ZNet Kommentar
Wann ist Hoffnungslosigkeit eine angemessene Reaktion auf eine schreckliche Situation?
Sicherlich hätte man den osttimoresischen Menschen im letzten Quartal des vergangenen Jahrhunderts verziehen, wären sie ihren Zweifeln erlegen. Schließlich marschierte die riesige, benachbarte Militärmacht Indonesien - mit Hilfe der mächtigsten Nationen der Welt - in dieses Halbinsel-Land ein und besetzte es illegal. Der Rest der Internationalen Gemeinschaft stand zu Großteil daneben und schaute zu, wie US- amerikanische und britische Waffen dabei behilflich waren ein Drittel der Bevölkerung zu töten, Dörfer zu verwüsten und Hunderttausende in Verstecke im Dschungel zu treiben.
Der britische Journalist John Pilger schrieb, dass er als er Osttimor 1993 das erste Mal betrat, keine Ahnung davon hatte, dass ein Großteil des Landes ein Massengrab ist. Gekennzeichnet durch plötzlich endende Pfade, unerklärlich planierte Felder, unerklärbar mit Teer bedeckter Erde und durch Legionen von Kreuzen, die sich den ganzen Weg von Tata Mai Lan, dem höchsten Gipfel 10000 Fuß ü.d.M. runterziehen bis zum Tacitolu See, wo sich eine golgathaische Linie von Kreuzen bis zu dem Punkt zieht, an dem 1989 der Papst seine Rede hielt. Mit Blick auf einen Halbmond aus harten Salzsand unter dem menschliche Überreste liegen, wie Einheimische berichten.
Doch jetzt wird Tacitolu in der osttimoresischen Geschichte eine völlig andere Rolle spielen. Er wird der Ort der Unabhängigkeits- Feierlichkeiten sein, die für Mitternacht des 19. Mai geplant sind. Am 20. Mai wird Ost-Timor die jüngste Nation der Welt werden und seine Unabhängigkeit erlangen, nach fast 500 Jahren portugiesischer Kolonialherrschaft, 24 Jahren indonesischer Besatzung und 2 Jahren Übergangszeit unter der UN.
Dies ist aus vielen Gründen ein großartiger Moment in der Weltgeschichte, nicht zuletzt weil es ein Sieg war, "der unter schwierigsten Bedingungen und gegen alle Wahrscheinlichkeit gewonnen wurde". Der offene Brief des osttimoresischen Aktionsnetzwerkes (ETAN) an die Menschen aus Ost-Timor, fährt damit fort, dass "euer Sieg gegen die Besatzung durch das viertgrößte Land der Welt - mit Unterstützung der mächtigsten Nation der Welt - allen, die für ehrliche [anständige] Demokratie, Menschenrechte und Selbstbestimmung arbeiten, Hoffnung und Inspiration verleiht."
Während die Osttimoresen uns mit dem Geschenk ihres beispielhaften Mutes und ihrer Unverwüstlichkeit beglücken, bereitet "die mächtigste Nation der Welt" ihr eigenes Geburtstagsgeschenk vor - Die Wiederaufnahme der militärischen Unterstützung für Indonesien, Ost- Timors benachbarten Menschenrechtsverletzer.
Trotz der Tatsache, dass sich bisher kein einziger Militäroffizier vor Gericht verantworten musste und das trotz der andauernden Menschenrechtsverletzungen des indonesischen Militärs, ebneten Präsidenten Bush und seine Administration den Weg um die Militärhilfe wiederaufzunehmen.
Verteidigungsminister Rumsfeld sagte kürzlich "Ich glaube, dass es unglücklich ist, dass die Vereinigten Staaten heute keine Beziehungen von Militär zu Militär mit Indonesien mehr haben. Ich bin aber guter Hoffnung, dass wir sie auf dem einen oder anderen Wege wiederetablieren können."
Seine Administration hat schon einige Schritte dahingehend unternommen, sich über wichtige Kongress- Beschränkungen bezüglich militärischer Hilfe für Indonesien hinwegzusetzen. Im Dezember wurde die staatliche Finanzierung für ein "regionales Verteidigungs- und Anti- Terror- Programm zur Zusammenarbeit" genehmigt.
Die Einschränkungen des Kongresses bezüglich der Menschenrechte werden nicht bestimmen, wer an dem neuen Programm teilnehmen kann, weil es direkt von Rumsfelds Verteidigungsministerium verwaltet wird. Als Teil einer zusätzlichen Anforderung zur Bereitstellung, bat Präsident Bush im März um 16 $ Millionen um das indonesisches Militär, die Polizei und Zivilpersonal in "Antiterrormaßnahmen, humanitären und friedenssichernden Maßnahmen" auszubilden. "Wenn diese Bitte genehmigt wird, können weitere Zehnmillionen von Dollar mehr für Ausbildung, militärische Ausstattung, und andere militärische Hilfe verfügbar gemacht werden.
Während Bill Clinton und der früherer Staatssekretär für ostasiatische und pazifische Angelegenheiten Richard-Holbrooke den Ost- Timoresen dabei behilflich waren ihre Unabhängigkeit am 20. Mai zu begehen, waren Zehntausende von gewaltsam vertriebenen Ost- Timoresen nicht in der Lage an den Festlichkeiten teilzunehmen. Zweieinhalb Jahre verbrachten sie in Flüchtlingslagern in West Timor, wo sie noch immer von indonesischen Paramilitärs gefangen gehalten werden.
Unter den vielen Herausforderungen denen sich Osttimor gegenübersieht, ist die Frage wie eine neue Nation der Schuldenfalle entflieht, der so viele Entwickelländer erlegen. Das Ziel des Osttimoresischen Aktionsnetzwerkes in den USA und Osttimor- Solidaritätsaktivisten ist es, die Ost- Timoresen in ihrem Verlangen zu unterstützen, die Gesundheitsvorsorge, Erziehung und die Infrastruktur des Landes wiederaufzubauen, anstelle einer Rückzahlung der Darlehen.
"Aktivisten haben [laut ETAN] die einmalige Gelegenheit, eine präventive Aktion auszuführen - den Würgegriff von struktureller Anpassung, Darlehen und dem sich daraus ergebenden bösartigen Zyklus von Armut, der seinen tödlichen Griff um das neue Land zu legen droht, zu entfliehen." (Inter Press Service, Emad Mekay, 13. Mai, 2002)
Viele früher kolonialisierte Nationen erwerben ihre politische Unabhängigkeit nur, um ihre Wirtschaft hauptsächlich von äußeren Kräften diktierten zu lassen, namentlich die internationalen Finanzinstitutionen, die Hilfe und vorhandene Darlehen nur ermöglichen, wenn die Länder bestimmten Bedingungen zustimmen.
Auf dem Welt-Sozial-Forum in Porto Alegre in Brasilien bat dieses Jahr ein Vertreter aus Ost- Timor um Noam Chomskys Rat, wie Osttimor verhandeln könnte, wenn es die globale Wirtschaft betritt und wie es vermeiden könnte jetzt seine schwer gewonnene Unabhängigkeit zu verlieren, da es verwundbar durch die äußerst mächtigen internationalen Finanzinstitutionen ist.
Chomsky antwortete, dass nur die Osttimoresen beschließen könnte, wie der beste Weg durch diese schwierigen Entscheidungen aussehen sollte, aber er riet ihnen, dass sie ihre eigenen Geschichte studieren sollten. Im besonderen sollten sie ihr eigenes bemerkenswertes Ringen sehen und wie sie siegreich in dem waren, was berechtigterweise eine verlorenes Unterfangen hätte genannt werden können und wie sie Hoffnungslosigkeit in den verzweifelten Situationen vermieden haben.
Nehmen sie sich am 20. Mai dieses Jahres einen kurzen Moment um mit den Ost- Timoresen zu feiern. Als Aktivisten werden unsere Leben mit diesen Krisen zusammengedrängt. Wir hören immer wieder vernichtende Nachrichten und fällen unmögliche Urteile, wie man am besten darauf reagieren sollte. Zu gewinnen scheint unmöglich. Die Überlegung aufzugeben ist verlockend. Aber die Osttimoresen taten das nicht. Sie organisierten sich. Sie warteten. Und Sie gewannen schließlich. Wenn sie es tun können...
Der Kampf geht weiter.
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Setzen Sie sich mit dem Osttimor-Aktions-Netz (www.etan.org) in Verbindung, um zu sehen, wie Sie die Wiederaufnahme militärischer Hilfe für Indonesien zu verhindern helfen können, üben Sie auf die UN Druck aus um für einen internationalen Untersuchungsausschuss für Indonesiens Kriegsverbrecher einzurichten, bringen Sie die Osttimoresischen Flüchtlinge nach Hause, und helfen Sie, Osttimor Schuldenfrei zu belassen. Hören Sie Amy Goodmans Sendung über die Unabhängigkeitstags Ereignisse durch das Anmelden bei www.democracynow.org.
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Cynthia Peters ist ein freier Schriftstellerin, Redakteurin und politische Aktivistin. Sie kann über cynthia@zmag.org erreicht werden. Vielen Dank an ETAN für die Hilfe bei diesem Artikel.
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