Die Angst vor einer Deflation ist übertrieben
von Mark Weisbrot
04.07.2003 — ZNet
Ein Schreckgespenst jagt durch die USA und durch Europa – das Schreckgespenst der Deflation. Allein der Diskurs hat Finanzmärkte in Bewegung gebracht, hat Einfluss genommen auf die Aussagen des Federal Reserve und hat vielen Menschen Kopfzerbrechen darüber bereitet, dass die Vereinigten Staaten einer langen Periode der wirtschaftlichen Stagnation gegenüber stehen könnten. Das meist gefürchtetste Beispiel ist Japan, dass in einem Stagnationssumpf festsitzt, seitdem der Aktienmarkt und die Immobilienseifenblasen 1989 geplatzt sind.
Was ist eigentlich eine Deflation und inwieweit müssen wir uns Sorgen machen über dieses Phänomen? Deflation resultiert aus einem anhaltenden verfall des allgemeinen Preisniveaus, das Gegenteil ist eine Inflation. Die meisten von uns sind nicht alt genug, um die Große Depression miterlebt zu haben; obwohl wir fallende Preise von Einzelprodukten beobachten konnten (zum Beispiel Computer), wurden wir noch nie Zeuge eines allgemein anhaltenden Preisverfalls.
Es gibt keinen Zweifel, dass eine Deflation für unsere Wirtschaft ein Problem darstellen könnte. Aber die Angst vor diesem Szenario wurde in vieler Weise übertrieben und missverstanden.
Als erstes ist es wichtig zu verstehen, dass wenn der Verbraucher-Preis-Index sich über ein paar Monate oder ein Jahr negativ entwickelt, dies nicht ein verhängnisvoller Zusammenfall der U.S.-Ökonomie ist. Das Schreckensszenario wird uns immer wieder als ein Teufelskreis verkauft: die Fed (Anm. d. Übersetzers: Zentralbank der USA) kann die Zinsen nicht unter Null setzen, diese Waffe gegen den Preisverfall fällt also weg. Verbraucher schieben Einkäufe auf, da sie glauben, dass die Produkte zu einem späteren Zeitpunkt billiger sind und reduzieren damit weiter die Nachfrage. Schuldner, meistens Verbraucher und Hausbauer, sehen sich mit einem wachsenden Schuldenberg konfrontiert, relativ zu ihrem Einkommen und anderen Preisen.
Ein großer Teil dieses Szenarios tritt aber dann ein, wenn keine Deflation auftritt, sondern die Inflationsquote sinkt – zum Beispiel wenn die Quote von 4% auf 2% fällt. Und mit den kurzfristigen Zinssenkungen, die jetzt bei 1% liegen, hat die Fed nicht mehr viel Spielraum, um die Wirtschaft mit Zinssenkungen anzukurbeln.
Eine wirkliche Gefahr besteht nur, wenn sich die Deflation über einen sehr langen Zeitraum hält – dann werden fehlende Nachfrage und „wachsende“ Verschuldung zu einem Problem. Aber es gibt keinen Grund zur Panik: es ist kein sonderlich großer Akt für die gestaltenden Kräfte der Politik, die Preise steigen zu lassen - wenn sie nur wollen. Die Zentralbank kann soviel Geld „schaffen“ wie sie nur will, und somit die Preise wieder auf den alten Standard in die Höhe treiben.
Die japanische Zentralbank hat dies nicht hartnäckig genug betrieben, das bedeutet aber nicht, dass unsere Fed den gleichen Fehler machen muss. Es ist wahr, dass Zentralbanken dazu neigen sich beim Thema des langsamen Wachstums zu irren – die meisten unserer Rezessionen in der Postära des Zweiten Weltkrieges wurden durch die Entscheidungen der Fed verstärkt – zum Beispiel durch Zinserhöhung zum falschen Zeitpunkt, oder einfach zuviel Erhöhung.
Aber das Problem ist ein anderes – ein politisches. Das bedeutet, wenn eine Deflation noch im Anfangsstadium steckt, haben wir und unsere gewählten Offiziellen die Pflicht, die Fed zu zwingen, das Richtige zu tun. Eine Deflation ist kein von Natur aus eigener Teil eines Teufelskreises, der einmal ins Rollen gebracht, nicht mehr zu stoppen ist.
Eine lang anhaltende Deflation ist jedenfalls nicht wahrscheinlich, am wenigsten jetzt. Die Fed erklärte bei der Tagung am 6. Mai, dass eine Deflation nur ein „weit entferntes Szenario“ sei, auch deshalb, da der Kursverfall des Dollar gegenüber anderen Währungen den Preis der Importe steigen lässt. Interessanterweise sah die offizielle Aussage der Fed anders aus, da sie dem Finanzmarkt gegenüber eine Deflation für eine aktuell ernsthafte Gefahr hielt.
Natürlich leidet unsere Wirtschaft an zahlreichen Schwachpunkten: Investitionen müssen wieder steigen, Verbraucher könne ihre Schulden gegenwärtig nur erhöhen, die sowieso auf einem absoluten Rekordniveau im Vergleich zum relativen Einkommen sind. Die gravierende Arbeitsmarktlage verschlechtert die Nachfrage weiter, sowie die massive Ausgabenkürzung (und Steuererhöhungen) finanziell gebundener Staatsregierungen (Anm. d. Übersetzers: In den USA ist in die meisten Verfassungen der Staaten ein Verbot des sogenannten deficit spending eingearbeitet. Das bedeutet, dass sich der Staat auch bei finanziellen Engpässen nicht verschulden darf. Oft führt dies zu Kürzungen auf dem Sozialsektor).
Vielleicht das Schlimmste von allen sind die Seifenblasen der Wohnungspreise – zu vergleichen mit den Seifenblasen der Aktien, die im Jahre 2000 platzten – die, wenn sie sich in Luft auflösen, über 3 Trillionen $ des Hausbesitzer-Wohlstandes „verschwinden lassen können.“
Es gibt auf dem steinigen Weg der wirtschaftlichen Regeneration noch viele Brocken aus dem Weg zu räumen. Keinen Anlass unnötig die Alarmglocken der Deflation läuten zu lassen.
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