Die Antichristin von North Carolina
von Barbara Ehrenreich
08.08.2003 — ZNet Kommentar
Barbara Ehrenreich ist Kolumnistin („The Progressive“) und Autorin von „Nickel and Dimed: On (Not) Getting By in America“, „Blood Rites: Origins and History of the Passions of War“, usw.. Aktuell auf Deutsch erhältlich: „Arbeit poor. Unterwegs in der Dienstleistungsgesellschaft“ (Rowohlt Taschenbuch, 2003)
Letztes Frühjahr war ich in Skandinavien, um „Nickel and Dimed“ zu promoten. Alle Interviewer wollten ständig wissen, welche “Debatte“ mein Buch denn in den USA ausgelöst hätte. Ich musste zugeben, nein, es hat überhaupt keine Debatte ausgelöst - zumindest nicht dass ich wüsste. Die University of North Carolina / Chapel Hill (UNC-CH) erklärte mein Buch zur diesjährigen Pflichtlektüre ihrer Erstsemester. Die Uni-Verwaltung zeigte sich überzeugt, man habe dieses Jahr eine “relativ zahme Wahl“ getroffen - zumindest im Vergleich zum Vorjahr, wo eine Auswahl von Koran-Texten auf dem Plan stand. Schon beneidete ich Michael Moore, dessen Verlag den Verkauf von „Stupid White Men“ clever angekurbelt hatte, indem man nach dem 11. September so getan hatte, als versuche man, das Buch zurückzuhalten. Dann Anfang Juli ein Anruf von Matt Tepper, Vorsitzender der Studentenschaft der UNC-CH. Er fragte mich, ob ich ihm verraten könnte, wie man „Nickel and Dimed“ mit den neuen Studierenden am besten diskutiert. Ich schlug vor, das Thema des Buchs auf den eigenen Campus anzuwenden, wo die Arbeiter ja gerade versuchen, sich zu organisieren - gegen den heftigen Widerstand der Verwaltung. Also lehnte ich mich zurück und wartete, bis Ende des Sommers die neuen Studenten eintrudeln würden und die Kontroverse starten. Aber kaum eine Woche später startete sie schon, die Kontroverse - während die künftigen Studenten noch in der Sonne brutzelten - allerdings war es eine ganz andere Kontroverse als erhofft. Am 10. Juli gab eine Gruppe konservativer UNC-CH-Studenten - sie nennt sich „Komitee für ein besseres Carolina“ -, plus eine Handvoll rechter Abgeordneter eine Pressekonferenz, in der sie „Nickel and Dimed“ als “klassische marxistische Phrasendrescherei“ denunzierten; das Buch sei “intellektuelle Pornographie, dem alles Versöhnliche fehlt“. Schön - an die Adjektive “klassisch“ und “intellektuell“ konnte ich mich gewöhnen. Aber spätestens, als ich eine ganzseitige Anzeige des „Komitee für ein besseres Carolina“ in den Raleigh News und dem Observer las, erkannte ich: die Kontroverse dreht sich weniger um dein Buch als vielmehr um dich. In der Anzeige wird mir vorgeworfen, ich sei Marxistin, Sozialistin, Atheistin und eine erklärte Feindin der amerikanischen Familie. Letztere Behauptung geht wohl auf ein Heritage-Foundation-Zitat zurück, in dem meine langjährige Überzeugung zum Ausdruck kommt, Familien mit alleinstehenden Müttern hätten das gleiche Recht auf Unterstützung wie Familien, denen ein verheiratetes Paar vorsteht. Kam ich jetzt in eine Radio-Talkshow, begrüßte mich der Host mit der Frage: “Na, wie fühlt man sich denn als die Antichristin von North Carolina?“ - oder etwas ähnlich Provokativem. Eigentlich sollte ich dankbar sein, dass Radiostationen, die alle 15 Minuten Wetter- und Verkehrsmeldungen senden müssen, mir die Gelegenheit einräumen, den feinen Gegensatz zwischen Marxismus und Feminismus, zwischen Sozialismus und demokratischem Sozialismus, zu spezifizieren. In nur einer Woche wurde ich von einem halben Dutzend Radiostationen eingeladen - zweimal zusammen mit Michael McKnight, dem Gründer des „Komitees für ein besseres Carolina“. McKnight beharrte darauf, die beiden letzten Pflichtlektüren für Erstsemester bewiesen, die Universität sei einseitig liberal ausgerichtet, das ziehe sich musterartig durch. Wir diskutierten angeregt, ob man denn den Koran wirklich als “liberalen“ Text bezeichnen könne bzw. als antichristlich (Letzteres denkt McKnight sicher).
Ich lebte mich in meine neue Rolle ein - Erste Hobby-Philosophin und Religionsgelehrte des Staats North Carolina - und wollte vor allen Dingen meine eigene “antichristliche Bigotterie“ ausführlich erläutern. Der Ausdruck stammt übrigens von einem Abgeordneten, der sich anscheinend an einer Stelle in „Nickel and Dimed“ rieb, in der ich Jesus als “weinsaufenden Landstreicher und frühen Sozialisten“ beschrieb. Das mit dem Landstreicher ist unbestreitbar, das andere, das mit dem „Saufen“, könnte man für übertrieben halten. Wobei Jesus ja viel mit Wein zu tun hat (“Ich bin der Weinstock ...“). Man könnte ihn direkt schon mit dem hellenistischen Weingott Dionysos verwechseln - ein Thema, das mich seit Jahren reizt. Jesus ein Sozialist - das nehme ich zurück, Jesus war wesentlich linksgerichteter. Man denke nur, was er jenem reichen Mann sagte: er solle all seinen Besitz verkaufen und das Geld den Armen schenken. Also wenn das nötig ist, um ein wahrer Christ zu sein, glauben Sie mir, ist Sozialismus das reine Kinderspiel. Ein Sozialist widmet zwar seine Arbeit den Armen - wie das auch Christen tun sollten -, aber wenigstens darf er seinen ganzen Krempel behalten. Christlicher Altruismus versus sozialistischer Pragmatismus - ein spannendes Thema, mit dem man das Publikum rechter Radio-Talkshows wochenlang unterhalten könnte. Aber dazu war ich zu abgelenkt, zu anderweitig beschäftigt. Ich kam nämlich zu dem Schluss: Das wahre Thema ist nicht diese Universität und ihre Arbeiter sondern der Staat North Carolina.
Laut „North Carolina Justice and Economic Development Center“ verfügen 60 Prozent aller Familien mit Kindern im Bundesstaat über zuwenig Einkommen, um auch nur ihre absoluten Grundbedürfnisse zu befriedigen. In den USA (Stand 2000) sind es 29 Prozent aller Familien, die sich in dieser schwierigen Lage befinden. Das bedeutet für North Carolina, das wirtschaftliche Elend dort ist doppelt so groß wie im nationalen Durchschnitt. Mein Ex-Ehemann, der in North Carolina jahrelang als Gewerkschafter tätig war, sagt, er hätte noch nie soviel Elend gesehen. Einmal erzählte er von einer Gewerkschaftsveranstaltung, die im Versammlungsraum eines Motels stattfand. Zuvor hatte dort eine andere Veranstaltung stattgefunden, daher lagen noch Salzletten herum, und mein Ex-Mann beobachtete, wie Arbeiter die Päckchen heimlich einschoben. Kein schöner Anblick: dicke Anzugstypen, die sich selbstgefällig über einen Armutsbericht erregen, während gleichzeitig die anwesende Klientel (zumindest einige davon) ihre nächste Mahlzeit rund um ein paar Salzletten plant. Ich bin keine Porno-Expertin - und bitte jeden Leser / jede Leserin, mich umgehend zu informieren, falls er/sie in meinem Buch „Nickel and Dimed“ irgendwelche Pornographie entdeckt -, aber eines steht fest: ich erkenne Obszönität, wenn ich sie sehe.
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