Die Armen organisieren sich selbst
Ein Interview mit Joao Pedro Stédile
von Joao Pedro Stedile
10.08.2003 — Jornal do Brasil (JB) / ZNet
Die sozialen Bewegungen in Brasilien sind vereinigt – wie niemals zuvor in der brasilianischen Geschichte – zwischen dem 8. und 13. September werden sie die Reise zu einer Volksallianz antreten: den Zusammenschluss der Sozialbewegungen, der CUT, UNE, MST, Volksbewegungen, die sozialen Bewegungen der Städte und die Kirche vereint. Joao Pedro Stédile ist einer der OrganisatorInnen dieser und anderer Bewegungen – er schockte ParlamentarierInnen, MinisterInnen, Gouverneure und andere Elemente der Gesellschaft, als er letzte Woche bekannt gab, dass die Armen Brasiliens sich selbst organisierten. Wie er feststellte, wollten sie nicht mehr länger nach Nahrungsrationen oder anderen den Hunger mildernde Mittel trachten sondern ausschließlich nach “Arbeit und Würde“.
In einem exklusiven Interview mit dem Jornal do Brasil machte der Wirtschaftswissenschaftler und die zentrale Figur in der Bewegung der Landlosen von der Möglichkeit Gebrauch, dem Landwirtschaftsminister, Roberto Rodrigues, eine Nachricht zu überbringen. Stédile teilt ihm mit, dass er kein Feind der FarmerInnen sei, die ihr Land modernisierten und es produktiv nutzten. Die Ziele der MST seien vielmehr die “latifundários“, die GroßgrundbesitzerInnen, die allein 178 Millionen Hektar Land in Brasilien besetzten. Er nehme es einfach nicht hin, dass ein einziger Konzern eine 2 Millionen Hektar umfassende Farm allein besitze.
Stédile beschuldigt außerdem die Presse Rio Grande do Suls, Informationen manipuliert zu haben, um einen Zustand politischer Instabilität im Land zu schaffen. Er denkt zudem, dass es zu früh sei, um Lulas Regierung zu bewerten. Er sei aber zuversichtlich, dass innerhalb der nächsten sechs Monate mit der Umsetzung der Agrarreform begonnen werde. Nichtsdestotrotz könnten laut Stédile weder der Präsident noch die PT oder irgendeine andere politische Kraft im Land die sozialen Bewegungen auf dem Weg zu ihrer Bestimmung stoppen, das – auf dem Land und in den Städten - für sich zu gewinnen, was ihnen schon heute rechtlich zusteht.
Was wurde während des Treffens der MST genau gesagt und was wurde Ihrer Meinung nach von der Presse Rio Grande do Suls verzerrt dargestellt?
Ich habe eine 40 Minuten lange Erklärung abgegeben, mit der ich den Ursprung des “latifúndio“ in Brasilien erklärte. Ich wies auf die historischen Chancen, eine Agrarreform umzusetzen, hin, die die brasilianische Gesellschaft verstreichen ließ. Zum Beispiel 1888, als die SlavInnen befreit wurden. Oder 1930 und 1964. Moderne und industrialisierte Gesellschaften erreichten dieses Niveau, weil sie die großen Landgüter aufbrachen und sie verteilten. Ich fügte hinzu, dass dieses perverse, 500- Jahre- alte Erbe unglücklicherweise eine ungleiche und kontrastreiche Gesellschaft geschaffen habe. Nun gibt es auf der einerseits ein Prozent der GroßgrundbesitzerInnen, insgesamt 26.000 “latifundiaristas“, denen 178 Millionen Hektar Land gehört, und andererseits leben 23 Millionen Arme auf dem Land. Die produzierte soziale Ungleichheit ist so enorm und ungerecht, dass eine äußerst günstige und neue Situation entstanden ist. Es gibt endlich Verbindungen zwischen den Kräften, die diese immense sozialen Unterschiede entlarven.
Aber wie konnte dieses Missverständnis entstehen?
Anschließend sagte ich, dass es einfach sei, eine Agrarreform zu verabschieden, da wir tausend Familien auf jedem Landbesitz ansiedeln könnten, die wesentlich stärker und von weitaus größerer Bedeutung seien als eine Person. Im übrigen hätten wir eine Volksregierung, die sich für eine Agrarreform engagiert. Der Anfängerjournalist nahm alles auf und schickte es seinen Bossen, die in dem Gespräch eine Kriegserklärung “entdeckten“. Von einem journalistischen Standpunkt aus mangelt es uns, neben der üblichen schändlichen Manipulation von Tatsachen durch große Unternehmen in Rio Grande do Sul, an einer professionellen Ethik (Einstellung zum Beruf; Berufsauffassung).
Ist dies ein verzweifeltes Manöver der Presse, um eine soziale Instabilität im Land hervorzurufen?
In diesem speziellen Fall in Rio Grande do Sul stehen wir einem echten Medienmonopol gegenüber, das ein Unternehmen hält, das wiederum die sozialen Bewegungen und die brasilianische Linke beständig attackiert. Es hat sich zu einer wahrhaft rechten Partei in Rio Grande do Sul entwickelt. Es marterte Olivio Dutra während seiner Amtszeit und griff dabei auch auf die Manipulation der Umfragewerte bei der letzten Wahl zurück. Die brasilianische Presse ist offensichtlich bourgeois und verteidigt lediglich die Interessen der dominanten Klasse. Sie geben vor, dass sie miteinander konkurrierten, aber in Wirklichkeit gehören sie zu einem Monopol. Die Medien sind ebenfalls ein “latifúndio“ in Brasilien. Während der Amtszeit Lulas hat sich ihr Projekt klar herauskristallisiert. Sie schaffen permanent eine falsche Stimmung sozialer Spannung, um die Regierung in die Ecke zu treiben und sie einzuschüchtern, damit sie keine Änderungen durchsetzt.
Wie geschieht das Ihrer Auffassung nach?
Sie kriminalisieren die sozialen Bewegungen, die für ihrer Rechte kämpfen. Sie verbergen die Ernsthaftigkeit der sozialen Krise, die das neoliberale Modell bewirkt hat, das sie in den vergangenen acht Jahren enthusiastisch als die einzige Wahl huldigten. Sie bauen eine Mixtur aus Fakten und Fiktion (Einbildung; Vorstellung) um Aussagen herum. Die LeserInnen des Jornal do Brasil werden sich an die Stimmung während des letzten Karnevals erinnern, in der ein Eingreifen der Armee gefordert wurde. Jedenfalls trug das Heer zu keiner Lösung der Gewalt in Rio de Janeiro bei. Im Anschluss wurde ein Wort Lulas über die Judikative (Gerichtsbarkeit) in eine institutionelle Krise verwandelt. Später ist sogar der Mord an einem Fotograf in Sao Paulo auf die Obdachlosen abgewälzt worden. Die Manipulation meiner Rede passt nur allzu gut in dieses Muster.
Wo würden Sie die MST im nationalen Bild der Politik einordnen?
Wir erbten zwölf Jahre einer neoliberalen Regierung, die nur die Armut, soziale Ungerechtigkeit und die Arbeitslosigkeit verstärkt haben. Die Krise ist so verheerend, dass selbst die Massenbewegungen in Brasilien schrumpfen. Ganz unten war die politische Niederlage der ArbeiterInnenklasse so bedeutend, dass die Menschen gezwungen waren, individuelle Lösungen zu suchen, nur um zu überleben. Das, was die Sache noch verschlimmerte, war folgendes: sie fanden keine.
Und jetzt?
Wir befinden uns inmitten einer sehr komplizierten Situation. Die dominante Klasse hat in all diesen Jahren viel Geld angehäuft und sie weiß, dass die Ungerechtigkeiten weiter verschärft wurden. Deswegen fürchten sie eine neue Erhebung der Massenbewegungen. Sie weiß, dass, wenn eine Massenbewegung entsteht, sich Lulas Regierung nach links bewegen und das Modell austauschen wird. Dies ist der Grund für den Versuch der Presse, diese Bewegungen zu kriminalisieren indem sie ihre gesamte ideologische Macht in die Waagschale werfen, um die soziale Mobilisierung zu verhindern. Denn nur dann wird es ihr gelingen, ihre Privilegien zu bewahren und das neoliberale Modell lediglich weiterhin zu recyceln.
Welche Rolle spielen also die Sozialbewegungen in diesem Zusammenhang?
Wenn wir einmal die Bewegungen und die intellektuellen Zirkel beobachten, erkennen wir, dass die sozialen Bewegungen eine zivilisierende Rolle spielen, da sie die Menschen organisieren und ihr Bewußtsein für den sozialen Kampf schärfen. Barbarei herrscht immer dort vor, wo die Menschen sich nicht organisieren können, weil sich individuelle Gewalt durchsetzt, oder wo sie sich in mysteriöse, religiöse Lösungen flüchten und verfangen, die nicht existieren. In unserem Land mangelt es an einem Demokratisierungsprozess in den Medien und gleichzeitig fehlt es an einer Debatte innerhalb der Gesellschaft über ein Projekt, das uns aus dieser Krise, die uns von dem Wirtschaftsmodell auferlegt wurde, heraus führt, und über die soziale Krise, die immer gravierender und gravierender wird.
Befürchten Sie Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und der MST wegen der Besetzungen im gesamten Land?
Ganz im Gegenteil. Wir sehen der Agrarreform aufgrund verschiedener Gründe sehr optimistisch entgegen. Zu allererst ist sich die Regierung im klaren darüber, dass die Landwirtschaft und die Agrarreform Teil der wenigen Lösungen neben der öffentlichen Arbeit sind, um Arbeitsplätze für die Armen in kurzer Zeit, zu geringen Kosten und für Tausende zu schaffen. Wenn wir zum Beispiel eine Million Familien umsiedeln, werden wir mehr als 3,5 Millionen Arbeitsplätze direkt und zweifelsfrei noch einmal 2 Millionen indirekt in Gewerbe und Industrie schaffen. Zudem ist zwischen der Linken, der Regierung und Lula selbst ein historisches Abkommen über die Notwendigkeit einer Agrarreform abgeschlossen worden. Und zusätzlich wird die Enteignung der “latifúndios“ von der gesamten brasilianischen Gesellschaft, die sich sehr bewegt, unterstützt.
Welchen Part (Rolle) übernimmt die MST in diesem Szenario?
Die Aufgabe der MST liegt darin, die Armen zu organisieren, um das Bewußtsein der Armen zu schärfen, so dass die Flucht aus der Armut organisiert und zivilisiert verläuft. Ohne die MST würden sie alle zu Tausenden zusammenhangslos in die Städte und Slums kommen.
Definieren Sie bitte mit der best möglichen Präzision, was ein “latifúndio“ und hauptsächlich, was ein unproduktives “latifúndio“ ist?
Das Wort “latifúndio“ stammt aus dem Lateinischen. Es beschreibt eine große Fläche Land, die einer Person gehört. Später wurde für das Landgesetz eine juristische Definition gewählt, gemäß der ein verbrauchtes latifúndio dadurch gekennzeichnet wird, dass es große Landgüter sind, auf denen weniger als möglich und ohne Nutzen für die Gesellschaft produziert wird. In der neuen Verfassung und im Agrargesetz von 1993 ist dann das Konzept großer unproduktiver Ländereien eingeführt worden. Zudem wurden durchschnittliche Maßstäbe entwickelt, um die Besitztümer zu bemessen. Generell versteht m. unter Großgrundbesitz in Brasilien nun Flächen, die größer als 1.000 Hektar sind. Unproduktive Ländereien haben keine soziale Funktion, was an geringer Produktivität sowie mangelnden Respekt vor den Arbeitsgesetzen und der Umwelt festgestellt werden kann. Dazu zählen jene, auf denen das Gesetz gebrochen wird indem z.B. SklavInnen zur Arbeit eingesetzt werden, Drogen angebaut werden, die zum Schmuggel dienen, etc..
Verteidigt die MST diesen Ansatz?
Die Politik der MST ist das, was ich in Cangucu gesagt habe. Wir verteidigen die Enteignung der großen “latifúndios“, jener Farmen, die mehr als 2.000 Hektar fruchtbaren Bodens umfassen und in der Nähe der Märkte liegen, um ArbeiterInnen in die Gesellschaft zu integrieren. Niemand mit einem Sinn für Gerechtigkeit kann akzeptieren, dass ausländische Unternehmen 30 Millionen Hektar besitzen während so vielen BrasilianerInnen kein Land zur Verfügung steht. Niemand mit einem Sinn für Gerechtigkeit kann einem kanadischen Stahlkonzern erlauben, 25.000 Hektar des fruchtbarsten Bodens in Sao Paulo für sich zu beanspruchen, und kann auch sicherlich nicht hinnehmen, dass das Bauunternehmen CR Almeida mehr als 2 Millionen Hektar Land sein eigen nennt.
Dies ist eine Frage der Exekutivdirektorin des Jornal do Brasil, Sonia Araripe: “Pater Betto sagte dem JB, dass wir all unsere negativen Gedanken für bessere Tage aufheben sollten. Er beobachte eine wachsende soziale Spannung angesichts der Landbesetzungen durch die Obdachlosen und den Anstieg der Arbeitslosigkeit. Treibt die MST die Regierung nicht demzufolge zu einer gefährlichen Odyssee (Irrfahrt) ohne Rückkehr?“
Die soziale Mobilisierung ist das Ergebnis der Gegensätze innerhalb unserer Gesellschaft, die sich aus einer Handvoll Reichen und Millionen Armer zusammensetzt. Wie also können die Armen ihren fehlenden Zugang zu den öffentlichen Diensten und ihren Grundrechten wiederherstellen? Indem sie sich organisieren und kämpfen. In Brasilien kämpfen Millionen Arme für ihre republikanischen Rechte auf Arbeit, Land, um es zu bebauen, sowie auf Unterbringung und (Aus-)Bildung. Das ist alles. Die Armen wollen nicht nur eine Grundversorgung. Sie wollen arbeiten, aber die Eliten erlauben es ihnen nicht. Jede Aktionen, die die Armen organisiert und mit der sie für ihre Rechte eintreten, hat einen zivilisierenden Effekt – es sind, wenn sie es so wollen, republikanische Akte. Lediglich Arnaldo Jabor erkennt darin den Sozialismus und linke Tendenzen wieder. Deswegen versteht er auch das Kino, aber nicht die Menschen.
Welche Rolle spielt dabei die Regierung?
Eine Regierung des Volkes, wie Lulas, benötigt das Volk, um sich zu organisieren; andererseits bleibt sie die Geisel des Drucks der Bankiers, der BauunternehmerInnen, des Auslandskapitals und der Medienmogule - und der konservativen ParlamentarierInnen, die die brasilianische Elite vertreten. Die Lösung “ohne Rückkehr“, die wir wollen, um die Provokation aufzugreifen, ist der Wechsel des wirtschaftlichen Modells. Der Weg der Odyssee wird mit der derzeitigen Wirtschaftspolitik und dem neoliberalen Modell beschritten, die wir von den “tucanos“ geerbt haben. Warum sollten wir die argentinische Tragödie in unser Land importieren?
Der Kampf der Land- und Obdachlosen ging Lulas Administration voraus. Viele Mitglieder der PT sind in dieser Umwelt groß geworden. Glauben Sie, dass die PT diese Bewegungen infolge internationalen und nationalen sowie politischen und wirtschaftlichen Drucks aufgeben könnte?
Der Kampf ist nicht von der verantwortlichen Regierung abhängig, oder von der Partei als Ganzes. Die Veränderungen hängen nicht einmal von Lula ab. Die sozialen Änderungen hängen von der Fähigkeit der Menschen ab, sich zu organisieren. Wenn die Menschen sich für ihre Rechte organisieren und mobilisieren, wie m. es bis zur Französischen Revolution zurückverfolgen kann, wie ich wieder und wieder betont habe, dann werden wir eine progressive Regierung und die PT auf unserer Seite haben. Falls die Menschen aber in den kommenden vier Jahren nicht mobilisiert werden, zeichnet sich ein sehr düsteres Bild am Horizont ab.
Ist Lula stark genug, um diese Hindernisse zu überwinden?
Das ist genau der Grund, warum er Menschen braucht, die sich der Probleme und der echten Lösungen bewußt sind. Die Regierung benötigt die Menschen, um andere/neue zu mobilisieren und um zu kämpfen. Die Stärke der Regierung, den mächtigen Interessen derjenigen zu begegnen, die ihre Privilegien nicht verlieren wollen, wird mit einen breiten Prozess sozialer Mobilisierung zunehmen. Nur die Kraft Millionen mobilisierter und politischer BrasilianerInnen wird der Regierung helfen, diesen Interessen entgegen zu treten und das jetzige Wirtschaftsmodell auszuwechseln. Wir sind voller Hoffnung. Das brasilianische Volk hat die Energie und Erfahrung, sich zu organisieren, wenn m. mal davon absieht, dass die Massenbewegungen schrumpfen.
Sind diese Massenbewegungen organisiert?
Wir bauen an einer enormen Volksallianz, dem Zusammenschluss der Sozialbewegungen, der die CUT, UNE, MST, die sozialen Bewegungen der Städte und die Kirche zusammen bringt. Zwischen dem 8. und 13. September werden wir eine Veranstaltung zur Verteidigung unserer nationalen Souveränität und für eine neue Entwicklung, für Arbeit und die Verteilung des Wohlstands durchführen.
Wer ist/sind die/der Hauptgegner(Innen) der MST?
Die HauptgegnerInnen der MST sind auch die Feinde des brasilianischen Volkes und der Armen. Dazu zählen das ausländische Spekulationskapital, das nur in unser Land eindringt, um seinen Vorteil auszunutzen, und die Bankiers, die in den vergangen acht Jahren unter der Regierung Fernando Henrique Cardosos mehr Geld als jemals zuvor machten. Aber auch der strategische Plan der U.S. amerikanischen multinationalen Konzerne- das FTAA (Free Trade Area of the Americas = zu dt.: Amerikanische Freihandelszone), mit dem sie unsere Wirtschaft, das Amazonasgebiet und unseren Wohlstand kontrollieren wollen, birgt ein verheerendes, feindseliges Potential.
Steht noch jemand auf der Liste?
Die BesitzerInnen unproduktiver Ländereien, die größer als 2.000 Hektar sind und die im allgemeinen extensive (auf großer Fläche, aber mit geringen Mittel/Einsatz betriebene) Viehwirtschaft betreiben oder nur darauf warten, dass der Wert ihres Gutes zunimmt. Außerdem würde ich gerne dem bedeutenden Minister, Roberto Rodrigues – der ein guter Agrarwissenschaftler ist, aber nichts von sozialen Klassen versteht - eine Nachricht zukommen lassen: Machen sie sich keine Sorgen, sie sind nicht einer unserer Gegner. Wir wissen, dass sie die Agrarbourgoisie repräsentieren (vertreten), die ihre Farmen modernisiert hat, die produktiv sind, und generell Flächen zwischen 100 und 1.000 Hektar besitzt. Was sie tun müssten, ist, ihre soziale Basis zu überzeugen, dass nicht der Export den Ausweg für die brasilianische Landwirtschaft darstellt – sondern der Binnenmarkt. Der potentiell größte Markt sind die 110 Millionen BrasilianerInnen, die nicht ausreichend essen. Geben sie sich nicht der Idee hin, Sojabohnen und Zucker, die einzigen beiden Produkte, die in den vergangenen Jahren zunehmend angebaut wurden während die Produktion aller anderen Waren zurückging, für den Export herzustellen. Helfen sie uns, unsere Nahrungsmittelversorgung souverän zu bewerkstelligen, einen Binnenmarkt und Familienfarmen zu entwickeln.
Welche Aktionen plant die MST für die nächsten sechs Monate?
Keine Sozialbewegung plant ihre Aktionen. Die MST verrichtet, wie jede andere soziale Bewegung, unermüdlich stetig ihre Arbeit durch ihre soziale Militanz, die darin liegt, die Armen zu organisieren und ihr Bewußtseinsniveau zu erhöhen. In jeder Region entscheiden die Menschen selbst, welche Lösungen für ihre Probleme die Besten sind. Grundsätzlich ist die Agrarreform nur ein Mittel, um den Armen auf dem Land Arbeit zu garantieren. Wir tragen außerdem unseren Anteil zu einer bundesweiten Kampagne gegen die FTAA bei indem wir Unterschriften sammeln und sie dem Kongress zusenden, um das Recht der BrasilianerInnen, über die Annahme oder Ablehnung dieses Pakts zu entscheiden, sicherzustellen.
Wollen die Landlosen Land oder eine sozialistische Revolution in Brasilien?
In der Tat herrscht unter den AnalystInnen und SoziologInnen große Verwirrung über die Natur der Sozialbewegungen in Brasilien. Was geschieht hier also? Es begab sich, dass die Traditionen der Linken auf der ganzen Welt und selbst die Art und Weise, mit der die klassischen SoziologInnen die sozialen Bewegungen interpretiert haben, einem Handbuch entnommen wurden. Verbände konstituierten (zusammensetzten) sich nach sozialen Gruppen und Schichten. Und im allgemeinen haben diese sozialen Gruppierungen gemeinsame Interessen, die nur ihre jeweilige Gruppe betreffen, während sie von den Parteien, ob von links, rechts oder von den Kirchen, ideologisch geführt werden. Mit dem Kommen der jetzigen Phase, in der der Kapitalismus vom Finanzkapital kontrolliert wird und keine Investitionen in Industrie mehr getätigt werden, wurden die unteren Klassen und sozialen Gruppen vermischt und ihre Richtungen und speziellen Interessen gingen verloren. Von einem anderen Aussichtspunkt hat der Kapitalismus dementsprechend sogar dazu beigetragen, die Menschen zu politisieren. Das kann m. z.B. daran erkennen, dass die Obdachlosen von Sao Bernando gezwungen waren, das Land eines deutschen Konzerns zu übernehmen, das er ungenutzt ließ, ... . Aus einer anderen Perspektive mündeten die klassischen Mittel, mit denen die Parteien und Kirchen die Bewegungen ideologisch kontrollierten, also in eine Krise. Das Ergebnis war die Entwicklung eines neuen Typus der Sozialbewegung, wie die MST und so viele andere, in Brasilien und der ganzen Welt, in der die sozialen Bewegungen nicht mehr länger bloß Interessenverbände sind sondern nun ein tieferes soziales Bewußtsein entwickelt haben. Sie verfügen über mehr Mittel, um sich und die Menschen zu organisieren. Sie berücksichtigen das Projekt “Gesellschaft“ selbst in der Debatte. Es ist eben dieses Wirtschaftsmodell, das Ausgrenzung und Armut erzeugt. Und solche Tatsachen politisieren Menschen. Auf diese Weise haben sie ihre Fließbandarbeit für die Parteien und Kirchen eingestellt. Sie sind jetzt autonom. Und das verursacht Unbehagen, da nicht ein Handbuch besagt, dass die Armen ideologisch autonom (unabhängig) sein könnten. Im Fall Brasiliens akzeptiert die Elite tatsächlich, dass die Armen für eine Grundversorgung kämpfen dürfen, aber sie akzeptieren nicht, dass sie eigene Ideen haben können. Die Menschen verstehen, wie die Sozialbewegungen arbeiten, denn sie haben sie durch ihre eigene Leistung geschaffen. Nur akademische Intellektuelle, die fernab der Menschen sitzen und sich selbst mit der Lektüre Habermas belustigen sowie die bourgeois Presse, die ihre “JournalistInnen“ manipuliert und IdiotInnen aus ihnen macht, weil sie ihnen das Recht verwehrt, Dingen auf den Grund zu gehen und sie zu untersuchen, verstehen sie nicht.
Aber wie steht es denn nun um den Sozialismus?
Jede/r politische FührerIn, jede fleißige Person, jeder Mensch weiß, dass in Brasilien nicht von Sozialismus die Rede ist. Das ist nicht der Bereitschaft des Volkes abhängig. Alle sozialen Bewegungen wollen ein neues Sozial- und Wirtschaftsprojekt, das die fundamentalen (grundlegenden) Rechte auf Land, Arbeit, eine Unterkunft, (Aus-)Bildung und Kultur garantiert. Wir wollen eine Gesellschaft aufbauen, die auf den traditionellen humanistischen Werten Gleichheit, Solidarität und Gerechtigkeit basiert. Das ist unser Projekt. Das Projekt des Volkes in Brasilien.
Lulas Regierung ist mittlerweile sechs Monate im Amt. Wie bewerten Sie diese Anfangszeit?
Das ist schwierig, nach nur sechs Monaten. Wir können die Regierung bislang noch nicht bewerten. Wir können lediglich die ersten sechs Monate analysieren. Innerhalb der PT und der Linken gibt es mindestens fünf unterschiedliche Einschätzungen. Bezüglich der Agrarreform hat sie bisher nichts unternommen. Sie ist jedoch schon das Kreditproblem angegangen. Aber sie räumen noch das Haus auf. Ich hoffen, dass wir in den nächsten sechs Monaten die nationalen Planungen für eine Agrarreform abgeschlossen haben, so dass wir eine Million oder mehr Familien binnen der vierjährigen Amtszeit umsiedeln können. Ich hoffen, dass das INCRA (Injstitut für Kolonisation und die Agrarreform) entsprechend umgestaltet und als großes öffentliches Organ der Agrarreform gestärkt wird. Allgemein gesagt, muss die Regierung das wirtschaftliche Modell auswechseln. Wenn sie nicht die Wirtschaftspolitik ändert, werden die Regierung, Lula und die Linke das Spiel verlieren - und die Armen enden in einer sozialen Tragödie. Unsere Anstrengungen als Bewegung und die Zusammenarbeit der Bewegungen zielen präzise auf die Organisation der Menschen, um das Volk zu mobilisieren, damit es der Regierung helfen kann, das Modell zu wechseln. Deshalb diskutieren wir mit der Regierung, damit sie Sozial- und Wirtschaftspolitik annimmt, die die Lebensbedingungen unseres Volkes verbessert.
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