Die Berührung des Chirurgen
von Howard Zinn
26.08.2005 — The Progressive
Während ich dies schreibe, geht die furchtbare Gewalt im Irak weiter; England und die Vereinigten Staaten befinden sich in einem Angstzustand vor Selbstmordattentaten und der Senat wird bald einen neuen, konservativen Richter für den Supreme Court bestätigen. Also könnte es eigenartig scheinen, wenn ich ein Thema aufgreife, welches sich entweder ganz am Rande unserer Aufmerksamkeit befindet, oder gar unbeachtet und unsichtbar ist. Aber ich beginne trotzdem damit.
Am 3. August berichtete Human Rights Watch, daß die Bushregierung „anscheinend wieder mit der Produktion von Tretminen beginnen will“, zum ersten Mal seit 1997. Sie berichteten, daß „das Pentagon insgesamt 1.3 Milliarden Dollar“ für eine neue Art von Tretmine angefordert hat.
Das traf mich, da ich gerade Dr. Gino Stradas Grüne Papageien, [die Tagebuchaufzeichnungen eines Chirurgen im Kriegsgebiet] las. Das Buch erzählt über seine Operationen von Landminenopfern und Opfern anderer Ergebnisse unseres technischen Könnens in Afghanistan, Irak, Bosnien, Somalia, Eritrea, Kambodscha und anderen Orten in den letzten fünfzehn Jahren. Die „Grünen Papageien“ sind Landminen mit kleinen Flügeln, welche für Kinder wie Spielzeug aussehen, und die sie daher aufheben - mit furchtbaren Konsequenzen.
Strada schreibt: „Die Länder, die Namen und die Hautfarben ändern sich, aber die Geschichten der armen Opfer ähneln sich tragisch. Es gibt den Fall wo jemand über einer Weide geht, den Fall wo jemand in einem Hinterhof spielt, oder wo jemand Ziegen hütet, wo jemand den Boden umgräbt oder wo jemand Früchte sammelt. Dann die Explosion. [...] Djamila fühlte einen metallischen Klick unter ihrem Fuß und hatte den Bruchteil einer Sekunde um sich darüber zu wundern, bevor ihr linkes Bein sich auflöste. [...] Viele andere, wie Esfandyar, erinnern sich an garnichts. Ein ohrenbetäubendes Geräusch, und sie werden auf den Boden geschleudert. [...] Sie hüllten Esfandyar in ein großes Tuch und luden ihn auf die Ladefläche eines landwirtschaftlichen LKWs. Esfandyar beschwerte sich nicht - erzählte uns sein Vater - weder über den Schmerz noch über die holprigen Straßen. Es war, als ob er schliefe. Und er befand sich noch immer in jenem schläfrigen Zustand, als wir in der Notaufnahme unseres Krankenhauses ankamen. [...] Esfandyar wachte verändert auf, ohne einen seiner Arme und eines seiner Beine, und er wird anders bleifben, eine junge, behinderte Person in einem Land, das so arm ist, daß es sich nicht leisten kann, für ihn zu sorgen.
Seit den frühen 90ern, als die Bewegung zum Verbot von Landminen ziemlich groß geworden war, hörten vierzig bis dahin Minen produziernde Staaten mit ihrer Produktion auf, und Millionen von Landminen wurden zerstört, mit dem Ergebnis, daß die Opferzahl von 26.000 Menschen im Jahr auf etwa 15.000 bis 20.000 fiel. Aber fünfzehn Länder bestehen weiterhin darauf, Landminen zu produzieren. Die Vereinigten Staaten halten sich mehr als zehn Millionen Landminen auf Vorrat und bestehen auf ihrem Recht mehr zu produzieren, wenn sie dies für nötig erachten. Sowohl Demokratische, als auch Republikanische Regierungen betrachten die Landminen, welche zwischen Nord- und Südkorea gelegt worden sind, als heilig.
Die Clintonregierung hat kleine Schritte in die Richtung gemacht, Landminen zu verbieten, aber sie bestand darauf, auch solche Minen weiterzuverwenden, die sich nicht nach einiger Zeit selbst zerstören; zumindest bis zum Jahr 2006, was in sicherer Entfernung von Clintons Präsidentschaft lag. Bush verlegte das Jahr, ab welchem solche „dummen“ Minen nicht mehr verwendet werden würden, auf 2010, mehrere Jahre nach dem Ende seiner eigenen Amtszeit. Die USA will weiterhin Minen entwickeln, aber es werden „kluge“ Minen sein, oder, wie die Regierung sie nennt, „nicht-verbleibende“ Minen.
Es sollte bemerkt werden, daß „kluge“ Minen, laut einem Bericht welcher vom Leiter des Waffenressorts von Human Rights Watch bei einer internationeln Konferenz in Nairobi vorgebracht worden ist, keineswegs sicher sind. Es kommt oft vor, daß diese Minen sich nicht selbst vernichten, und sie „werden üblicherweise in großen Mengen und über weite Gebiete verstreut, was es unmöglich macht, sie zu kartieren. Während sie aktiv sind, machen sie genauso wenig Unterscheidung [ihrer Opfer] wie dumme Minen“.
Die Bushregierung hat den Grund, weswegen sie den Vertrag zum Verbot von Minen nicht unterzeichnen wird, recht plump dargelegt: „Die Vereinigten Staaten werden sich dem Vertrag nicht anschließen [...], weil die Bedingungen uns dazu zwingen würden, eine notwendige militärische Fähigkeit aufzugeben“, gab die Regierung in einem Factsheet bekannt, in welchem sie ihre neue Politik erleuterte. „Landminen haben noch immer eine berechtigte und unersetzliche Rolle beim Schutz der Vereinigten Staaten bei Militäroperationen.“
Obwohl 145 Länder den Vertrag zum Verbot von Landminen unterzeichnet haben, können wir sicherlich nicht erwarten, daß diese kriegshungrige und militarisierte Regierung, deren Slogan zu sein scheint, “Gib jeder tötlichen Waffe eine Chance“*, ihre vertraglichen Verpflichtungen einhalten wird. Wir können auch nicht erwarten, daß sie sich der Rücksichtslosigkeit bewußt ist, welche eine Wiederaufnahme der Landminenproduktion bedeutet. Nur eine landesweite Kampagne von BürgerInnen, welche sowohl RepublikanerInnen als auch DemokratInnen umfasst, mit Menschen aus dem gesamten politischen Spektrum (denn wer kann die Verwendung von Waffen verteidigen, deren unvermeidliche Konsequenz die Zerstümmelung von Kindern ist?), könnte eine radikale Änderung bei der Landminenpolitik bewirken.
Die italienische Erfahrung könnte lehrreich sein. In den 80ern hatte Italien Millionen Landminen an den Irak und an den Iran verkauft, die damals im Krieg miteinander befanden. Gino Stradas Gruppe, Emergency, spielte eine Schlüsselrolle beim Start einer landesweiten Kampagne gegen Landminen. Diese fand ihren Höhepunkt im Jahr 1997, als die BürgerInnen Italiens mehr als eine Million Postkarten an den Präsidenten Italiens schickten. Auf jeder Postkarte befand sich ein Bild von einem Kind, welches von einer Landmine verstümmelt worden war. In diesem Jahr erließ das italienische Parlament ein Gesetz zum Verbot der Produktion, der Verwendung, des Imports und des Exports von Landminen. Aber Gino Strada versteht, daß diese Kampagne zum Verbot von Landminen nur ein Symptom einer tötlichen Krankheit behandelte. Diese Krankheit ist der Krieg selbst. Als er eines Tages in einem Krankenhaus in Djibouti arbeitete, sah Strada zwei Opfer im Krankenhaus liegen, die von sich bekämpfenden Seiten des Bürgerkriegs stammten; Sie lagen einen Meter auseinander. Einer von ihnen schreit, obwohl er gelehmt ist, daß er woanders hinwill, weil er nicht neben seinem Feind liegen will. Dr. Strada sitzt neben den beiden und fragt: „Ich weiß nichts über diesen Krieg. Das ist nicht mein Land, und auch nicht meine Kultur. Aber ich denke, daß Sie beide genug [für ihn] bezahlt habt; einer von Ihnen ist gelehmt, der andere hat ein Bein weniger. Es kann zwischen Ihnen keinen Krieg mehr geben; Es ist einfach nichtmehr möglich, schon aus rein körperlichen Gründen. Sie beide haben gute Gründe, den Krieg zu hassen. Glauben Sie nicht, daß der Krieg der echte Feind ist?“
Nicht dieser oder jener Krieg, es gibt keine Auswahl zwischen „gerechten“ und „ungerechten“ Kriegen. Krieg ist, egal was für Rechtfertigungen gegeben werden, inakzeptabel.
Gino Strada kannte den Zweiten Weltkrieg nur durch die Erinnerungen seines Vaters in Milan. „Mein Vater erzählte mir von einer Schule, in der viele Kinder waren. Sie war in der Nähe von Gorla. Sie wurde von einer Bombe getroffen, die von einem Flugzeug abgeworfen worden war. 194 der Kinder starben. Die Kinder und ihre LehrerInnen.“ Und dennoch war dies, von den Vereinigten Staaten und ihren aus Alliierten betrachtet, der „gute Krieg“. Er erfuhr, daß im Zweiten Weltkrieg mehr als die Hälfte jener, die gestorben sind, ZivilistInnen gewesen sind. Seit damals ist, in den vielen Kriegen die gefolgt sind, der Anteil an ZivilistInnen an den Toten mehr und mehr geworden.
Strada weist die Idee eines „humanitären Krieges“ zurück, was ich auch tue. Ich kann akzeptieren, daß es Situationen gibt, in welcher eine Tat, welche eine geringe Gewaltausübung involviert, eingesetzt werden könnte, um einen Genozid zu verhindern (Ruanda ist ein Beispiel). Aber Krieg, definiert als massive, und keine Unterscheidung ihrer Opfer treffende, Ausübung von Gewalt (und es ist eine technologische Tatsache, daß jede große Anwendung von Gewalt nicht auf einen besonderen Mißetäter konzentriert werden kann), kann niemals akzeptiert werden, wenn man einmal seine menschlichen Konsequenzen verstanden hat.
Albert Einstein war vom Ersten Weltkrieg entsetzt, und sagte: „Krieg kann man nicht humanisieren. Er kann nur abgeschafft werden.“
Für jene wie Gino Strada, die mit ihren eigenen Augen gesehen haben, was die Ergebnisse von moderner Kriegsführung sind, kann die Abschuffung des Krieges nicht als utopisch gelten. In den Vereinigten Staaten wurde die Abschaffung der Sklaverei als utopisch betrachtet, aber ein paar schwarze und weiße AbolitionistInnen gaben nicht auf, und schließlich schufen sie eine nationale Bewegung, die groß genug war, um einen utopischen Traum zur Realität zu machen.
Wir können auch den Traum einer Welt ohne Krieg Wirklichkeit werden lassen, aber nur mit dickköpfiger Hartnäckigkeit, nur wenn wir uns weigern, diesen Traum aufzugeben.
*) i.O. „Leave No Deadly Weapon Behind“; Zinn spielt auf den „No Child Left Behind - Act“ an.
Twitter
RSS Feed
