Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Artikel Die Dämonen von 'Al Nakbah'
Artikelaktionen

Die Dämonen von 'Al Nakbah'

von Ilan Pappe

17.05.2002 — Al Ahram / ZNet

— abgelegt unter:

Ilan Pappe ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität von Haifa / Israel u. ein wichtiger Vertreter der sogenannten „Neuen Historiker“. Als jüdisches Kind - ich wurde Anfang der 50er Jahre in Haifa geboren -, bin ich mit dem Begriff „Nakbah“ (Katastrophe) eigentlich nie in Berührung gekommen, folglich habe ich auch nichts über seine Bedeutung gewußt. Erst auf der weiterführenden Schule hörte ich das Wort zum erstenmal. In unserer Klasse gab es damals drei israeli-palästinensische Schüler. Ab und zu machte die Klasse einen Ausflug in die Umgebung von Haifa oder auch innerhalb der Stadt (mit Führung). Damals gab es in der Altstadt noch die Überreste des „Arabischen Haifa“ zu besichtigen: wunderschöne Gebäude, die Ruinen eines überdachten Markts (1948 durch Israel zerstört), Moscheen u. Kirchen. Diese Überreste legten Zeugnis ab von einer glorreicheren Zeit, die die Stadt gesehen hatte. Inzwischen ist Vieles vom Erbe der Vergangenheit aus Haifa verschwunden - vernichtet durch die Bulldozer eines ehrgeizigen Bürgermeisters, der sämtliche urbanen Charakteristika, die auf den arabischen Ursprung der Stadt schließen ließen, aus dem Stadtbild getilgt hat. Aber wie gesagt, als ich damals Schüler war, gab es noch etliche arabische Häuser - eingezwängt zwischen modernen Betongebäuden. Unsere Stadtführer auf den Klassen-Touren bezeichneten sie vage als „Hirbet Al-Shaych“ - was soviel bedeutet wie: halt so ein altes arabisches Haus aus einer unbekannten Zeit. Meine palästinensischen Mitschüler hingegen flüsterten, die Häuser seien 1948 beim „Al Nakbah“ verschontgeblieben; was sie damit genau meinten, sagten sie nicht, u. sie trauten sich auch nicht, die Lehrer damit zu konfrontieren.

Als ich später als junger Mann in Oxford promovierte, war das Jahr 1948 Thema meiner Doktorarbeit. Eigentlich schrieb ich ja über die britische Politik 1948, aber bei meiner Arbeit stieß ich zufällig in britischen u. israelischen Archiven auf Informationen, die mir - indem ich sie puzzleartig miteinander verband -, zum ersten Mal eine genaue Vorstellung davon vermittelten, was „Al Nakbah“ eigentlich war. Ich fand starken Beweis dafür, dass die Palästinenser damals systematisch aus Palästina vertrieben worden waren, u. was mich besonders erschreckte war die Geschwindigkeit, mit der palästinensische Dörfer u. Stadtteile in rein jüdische Orte umgewandelt wurden. Binnen Monaten wurden im Jahr „48 die Dörfer, aus denen die palästinensische Bevölkerung vertrieben worden war, neubesiedelt u. umbenannt. Das Bild, das ich hierdurch gewann, stand in scharfem Kontrast nicht nur zu dem, was man mir in der Schule beigebracht hatte, sondern auch zu dem, was ich als BA-Student im Fach „Nahost“ („Middle Eastern Studies“) an der „Hebrew University“ (Hebräische Universität) in Jerusalem gelernt hatte, wo ich ja etliche Kurse über die Geschichte Israels belegt hatte. Dass das Material, das ich entdeckt hatte, auch in Gegensatz zu dem stand, was man mir als Bürger Israels beigebracht hatte - in der Armee, bei öffentlichen Anlässen wie dem „Unabhängigkeitstag“ oder im täglichen (israelischen) Medien-Diskurs über den israelisch-palästinensischen Konflikt -, braucht wohl gar nicht erst erwähnt zu werden.

1984 kehrte ich zurück nach Israel, um meine akademische Karriere zu starten. Und da stellte ich in meiner neuen Umgebung ein Phänomen fest, das ich als „Nakbah-Verleugnung“ bezeichnen möchte. Dieses Tabu-Phänomen war Teil eines noch größeren Phänomens: die Palästinenser an sich durften in Israel einfach kein Thema im akademischen Diskurs sein. Dies war im Studienfach „Nahost“ - in dem ich als Dozent angefangen hatte -, natürlich besonders auffällig u. befremdlich. Ende der 80er - im Zuge der ersten Intifada - besserte sich diese Situation etwas. Die Palästinenser wurden jetzt ins Studienfach eingeführt - als legitimes Thema. Allerdings wurde das Thema hauptsächlich aus dem Blickwinkel von Aka- demikern beleuchtet, die früher als Palästinenser-Experten für den Geheimdienst gearbeitet hatten u. die nach wie vor enge Kontakte zu den Geheimdiensten bzw. zur Israelischen Armee (IDF) pflegten. Diese israelischen Akademiker unterschlugen „Al Nakbah“ als historisches Ereignis schlichtweg - u. hielten israelische Studenten u. Dozenten davon ab, jenseits ihres Elfenbeinturms, also draußen in der Welt, die allgemeine Verleugnung dieser Katastrophe bzw. deren Verdrängung zum Thema zu machen.

Für kurze Zeit - Ende der 80er Jahre - gelang es dennoch einigen Akademikern, mich eingeschlossen, öffentlich Aufmerksamkeit für das Thema zu wecken. Wir veröffentlichten Fachbücher, in denen die allgemein akzeptierte israelische Version des 1948-Kriegs infrage gestellt wurde. Und wir erhoben in unseren Büchern Anklage gegen Israel, weil es die einheimische Bevölkerung vertrieben u. deren Dörfer u. Stadtteile verwüstet hatte. Und obgleich unsere ersten Bücher noch sehr vorsichtig u. zögerlich formuliert waren - meine wurden noch nicht mal ins Hebräische übersetzt -, also trotz alldem konnte man aus ihnen doch schon eins lernen: der jüdische Staat ist auf den Ruinen des eingeborenen Volks der Palästinenser errichtet, u. deren Lebensgrundlage, Häuser, Kultur u. Land hat man systematisch zerstört. Die öffentliche Reaktion in Israel damals reichte von Gleichgültigkeit bis zu strikter Ablehnung unserer Forschungsergebnisse. Nur über das Bildungssystems bzw. Mithilfe der Medien schafften wir es, Menschen dazu zu bringen, die Vergangenheit in neuem Licht zu sehen. Von Oben dagegen, vom Establishment, kam nur Abwehr - es tat alles, um diese ersten Blüten israelischer Selbsterkenntnis u. des Begreifens der Rolle Israels bzgl. der palästinensischen Katastrophe zu zerstören - ein Begreifen, das es Israelis heutzutage wahrscheinlich leichter machen würde, die Gründe für den Stillstand im Friedensprozeß zu durchschauen.

Der Kampf gegen die Verdrängung der „Al Nakbah“ in Israel verschob sich dann in Richtung palästinensische Politikszene. Seit dem 40en Jahrestag der „Al Nakbah“, 1988, begann die palästinensische Minderheit in Israel ja, ihre individuelle bzw. kollektive Erinnerung an die Katastrophe mit der Situation der Palästinenser im Allgemeinen u. ihrer derzeitigen furchtbaren Lage im Besonderen in Verbindung zu setzen. Diese Koppelung war, in dieser Größenordnung zumindest, neu. Sie manifestierte sich durch eine Reihe symbolischer Bezeug- nisse - wie Gedenkfeiern zum „Al-Nakbah-Tag“, organisierte Fahrten zu vormaligen palästinensischen Dörfern in Israel (die inzwischen entweder verlassen oder neubesiedelt sind), historische Seminare u. ausführliche Presse-Interviews mit noch lebenden „Nakbah“-Zeitzeugen. Mithilfe ihrer politischen Führer, Mithilfe von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) bzw. von Medien hat es die palästinensische Minderheit in Israel schließlich geschafft, dass eine breite Öffentlichkeit von „Al Nakbah“ Notiz nehmen mußte. Auch „Camp David“ 2000 - der Höhepunkt der (post) Oslo-Verhandlungen zwischen dem damaligen israelischen Premier Barak u. Arafat - war hilfreich im Hinblick auf die Wiedereinführung von „Al Nakbah“ in die öffentliche Debatte. Die trügerische Hoffnung damals, der endgültige Durchbruch zur Beendigung des Konflikts stehe unmittelbar bevor, veranlaßte die Palästinenser, „Al Nakbah“ u. Israels Verantwortung dafür ganz oben auf ihre Liste zu setzen. Und wenngleich der Gipfel selbst scheiterte - hauptsächlich wohl, weil die israelische Seite den Palästinensern ihre eigene Sicht aufzwingen wollte -, so war doch ein wichtiger Nebeneffekt, dass die „Nakbah“/1948 jetzt für eine Weile ins öffentliche Bewußtsein gerückt war - auf interner, regionaler u. bis zu einem gewissen Grad sogar globaler Ebene.

Nicht nur in Israel auch in den USA - ja selbst in Europa - war es aber noch nötig, diejenigen, die sich mit der Palästinenser-Frage befaßten, darauf aufmerksam zu machen, dass es nicht allein um die Zukunft der „Besetzten Gebiete“ gehen konnte, sondern auch um die Zukunft der palästinensischen Flüchtlinge, die 1948 aus ihrer Heimat vertrieben worden waren. Den Israelis war es in Bezug auf das Oslo-Abkommen anfangs ja noch gelungen, die Rechte der Flüchtlinge auszuklammern - was nicht zuletzt an der schlecht-gemanagten Politik bzw. Strategie der Palästinenser lag. „Al Nakbah“ war demzufolge so lange effektiv vom Friedensprozeß ausgeklammert worden, dass als das Thema schließlich doch noch auf der Agenda erschien, die israelische Seite erschrak u. dachte, Pandorras Büchse würde vor ihren Augen geöffnet. Wovor die israelischen Verhandler damals ja am meisten Angst hatten, war, dass Israels Schuld an der Katastrophe (der Palästinenser) von 1948 jetzt womöglich zum Thema würde - vielmehr zum Verhandlungsthema - u. dieser „Gefahr“ versuchte man umgehend zu begegnen. In den israelischen Medien u. in der Knesset wurde eine Konsens-Position formuliert, dergemäß es keinem israelischen Friedensverhandler erlaubt sein sollte, die Frage des Rückkehrrechts für palästinensische Flüchtlinge in jene Orte, in denen sie vor 1948 gelebt hatten, auch nur zu diskutieren. Die Knesset, das israelische Parlament, erließ ein entsprechendes Gesetz, zu dem sich Ehud Barak noch auf den Stufen seines Flugzeugs, das ihn nach Camp David bringen sollte, öffentlich verpflichtete.

Die israelischen Medien u. andere kulturelle Einrichtungen des Landes wurden rekrutiert, um jede öffentliche Diskussion über „Al Nakbah“ bzw. dessen Relevanz für den Friedensprozess zu unterdrücken. Und in dieser Situation, dieser Atmosphäre also, wurde ich in die „Tantura-Affäre“ verwickelt. Der Skandal begann, als ein Magister-Student an meiner Uni in Haifa die Wahrheit über ein bislang noch nicht bekanntes Massaker herausfand - eines der größten (bisher bekannten) überhaupt. Verübt worden war es durch israelische Truppen während des 1948-Kriegs und zwar in der palästinensischen Ortschaft Tantura. Dieser Student wurde im Dezember 2000 vor Gericht gestellt - Anklage: Verleumdung. Und weil er es wagte, noch weiteres Beweismaterial für Israels Schuld an der palästinensischen Katastrophe zusammenzutragen, wurde er im November des folgenden Jahrs der Universität verwiesen. Das Gerichtssystem, so wurde klar, war williges Werkzeug des israelischen Verleugnungsprozesses.

Wenn ich dieses Jahr Bilanz ziehe u. zurückblicke auf das, was ich u. andere mit unseren Anstrengungen, die „Al Nakbah“ ins öffentliche Bewußtsein Israels zu rücken, erreicht haben - so ergibt sich für mich ein ambivalentes Bild. Einerseits kann ich Risse in der Ringmauer der Verleugnung u. Verdrängung erkennen, die den Begriff „Nakbah“ in Israel umgibt. Dies rührt zum einen von der Debatte um die sogenannte „neue Geschichtsauffassung“ (siehe „Neue Historiker“) her, zum andern von der neuen politischen Agenda der Palästinenser in Israel. Zudem ist diese neue Stimmung im Land auch der Klärung der palästinensischen Position in der „Flüchtlingsfrage“ (gegen Ende des Osloer Friedensprozesses) gedankt. Resultat all dessen ist jedenfalls, dass es jetzt - Mitte 2002 u. nach über 50jähriger Verdrängung - bei uns sehr viel schwerer ist, die Vertreibung bzw. Tötung der Palästinenser 1948 abzustreiten. Dieser relative Erfolg hat auf der anderen Seite aber auch zwei Pferdefüße - zwei negative Reaktionen nämlich, die sich nach dem Ausbruch der Al-Aqsa-Intifada herauskristallisiert haben. Die erste kommt vom politischen Establishment Israels. Scharons Erziehungs- minister sorgt im Moment gerade systematisch dafür, dass jeder noch so kleine Hinweis auf die „Nakbah“ aus sämtlichen Schulbüchern entfernt bzw. vom Lehrplan sämtlicher israelischer Schulen getilgt wird. Und ähnliche Anweisungen sind auch an die Chefs der öffentlichen Sender ergangen. Die zweite Reaktion (auf die „Nakbah“-Debatte) ist jedoch weit irritierender u. betrifft weite Teile der Öffentlichkeit. Denn es gibt inzwischen etliche israelische Journalisten, Politiker u. Akademiker, die die Geschehnisse des Jahrs 1948 zwar nicht mehr leugnen - sie andererseits aber auch nicht verurteilen, vielmehr öffentlich rechtfertigen u. das nicht nur im Hinblick auf die Vergangenheit sondern auch sozusagen als Rezept für die Zukunft. Zum erstenmal wird die Idee eines „Transfers“ (Vertreibung aller Palästinenser) offen in den politischen Diskurs Israels eingeworfen u. gewinnt zunehmend an Legitimität - als die vermeintlich beste Lösung für das „Palästinenserproblem“.

Gefragt, was die israelische Reaktion auf die „Nakbah“(-Diskussion) derzeit am maßgeblichsten prägt, würde ich sagen, die wachsende Akzeptanz einer „Transfer-Option“ - diese Akzeptanz charakterisiert die öffentliche Stimmung u. das Denken im Land. Die „Al Nakbah“ - also die Vertreibung der Palästinenser aus Palästina - wird von vielen im Zentrum der politischen Macht Israels derzeit als eine gerechtfertigte u. unausweichliche Konsequenz des Zionistischen Projekts in Palästina gesehen. Wenn geklagt wird, dann höchstens darüber, dass die Sache damals nicht zu Ende gebracht wurde. Die Tatsache, dass selbst ein israelischer „Neuer Historiker“ wie Benny Morris inzwischen der Auffassung ist, die Vertreibung sei unvermeidlich gewesen u. hätte noch umfassender sein sollen, dient denjenigen in Israel als Legitimationsgrundlage, die für die Zukunft weitere Pläne für „ethnische Säuberungen“ schmieden. Und so ist der „Transfer“ inzwischen auch die Lösung, die eine der angesehendsten akademischen Einrichtungen in Israel - nämlich das „Center for Interdisciplinary Studies“ (Zentrum für interdisziplinäre Studien) in Herzeliya - offiziell u. moralisch unterlegt als Empfehlung ausgibt; das Zentrum ist Berater der israelischen Regierung. Und von maßgeblichen Ministern der Arbeitspartei ist der „Transfer“ als politischer Vorschlag sogar schon schriftlich an ihre Regierung weitergeleitet worden. Auch von Universitätsprofessoren u. Fernsehkommentatoren wird der „Transfer“ inzwischen öffentlich befürwortet. Nur sehr wenige wagen es noch, diese Lösung zu verurteilen. Vor kurzem hat sogar der Führer der Mehrheitsfraktion im amerikanischen Repräsentantenhaus diese Option öffentlich unterstützt.

Auf diese Art schließt sich der Kreis. 1948 hat Israel fast 80 Prozent Palästinas an sich gerissen - in erster Linie durch Besiedlung u. durch „ethnische Säuberung“ an der einheimischen palästinensischen Bevölkerung. Jetzt hat Israel einen Premier, mit breiter Unterstützung in der Bevölkerung, der mittels Gewalt eine Entscheidung über die restlichen 20 Prozent des Landes herbeiführen will. Ebenso wie seine Vorgänger - von Arbeitspartei bis Likud, ganz egal - glaubt er, dass Besiedlung (wobei er zusätzlich auch noch die autonome palästinensische Infrastruktur zerstört) - das beste Mittel sei, dieses Ziel zu erreichen. Scharon glaubt überdies - u. wahrscheinlich liegt er damit nicht mal falsch -, dass die öffentliche Stimmung in Israel reif ist, noch weiter zu gehen u. die früheren Vertreibungen zu wiederholen - u. zwar nicht nur die Palästinenser in den „Besetzten Gebieten“ zu vertreiben sondern wenn nötig auch die rund eine Million Palästinenser, die innerhalb der Grenzen Israels von 1967 leben. Man kann somit mit Fug u. Recht behaupten: „Al Nakbah“ wird in Israel heutzutage nicht mehr verleugnet, die Katastrophe wird im Gegenteil gutgeheißen. Trotzdem muß die Geschichte von „Al Nakbah“ zu Ende erzählt werden - die volle Geschichte. Denn es wird innerhalb der israelischen Bevölkerung doch noch eine gewisse Anzahl Menschen geben, die sensibel genug sind, sich über die Taten ihres Staats Gedanken zu machen - über die vergangenen wie die gegenwärtigen. Dieses Spektrum der israelischen Bevölkerung muss darüber informiert werden, dass furchtbare Taten geschehen sind - begangen durch die Israelis 1948 - u. man hält diese Taten vor ihnen verborgen. Man muss diesen Menschen aber auch sagen, dass diese Taten sich leicht wiederholen können, wenn sie u. andere nicht handeln u. sie stoppen - bevor es zuspät ist.

Anmerkung der Znet-Redaktion:

Wie Dr. Ilan Pappe in diesem anlässlich des Jahrestags der „Nakbah“ für die Wochenzeitschrift „Al Ahram“ verfaßten Artikel anmerkt, wurde im November 2001 ein MA-Student der Universität Haifa des Campus verwiesen. Er hatte die Wahrheit über ein bis dato unbekanntes israelisches Massaker an palästinensischen Bewohnern des Dorfes Tantura während des 1948-Kriegs veröffentlicht. Inzwischen steht Dr. Pappe selber vor seiner Entlassung. Die israelische Regierung schränkt die Meinungsfreiheit zunehmend ein u. bedroht die akademische Freiheit an den israelischen Universitäten. In einem Brief, den er (am 14. Mai) in Umlauf gebracht hat (siehe „Über den Fall Ilan Pappe“ auf dieser Seite) schreibt Pappe, dass ein Fakultätsvorstand („Dean of the Humanities“) der Universität Haifa seine Entfernung von der Uni verlangt habe, weil er vehement für den verwiesenen Studenten bzw. für die akademische Freiheit eingetreten sei. “Davon ausgehend, wie in früheren Fällen verfahren wurde,“ schreibt Pappe, “ ist das hier wohl keine bloße Vorladung sondern bereits mein Urteil... Nicht einmal der Schein eines fairen Prozesses ist hier ja gegeben, und ich hege daher keinerlei Verlangen, an dieser Scharade im McCarthy-Stil teilzunehmen.“ Dr. Pappe, der in Oxford einen Doktortitel in Geschichte erworben hat u. der einer der bekanntesten u. anerkanntesten Historiker der Uni Haifa ist, appelliert mit seinem Brief an die akademische Gemeinde der Welt: “Es geht mir nicht darum, meinen Rauswurf doch noch zu verhindern... der Akademische Betrieb hier in Israel hat sich ja praktisch geschlossen hinter die Regierung gestellt u. gibt sich dazu her, mitzuhelfen, jede kritische Stimme zum Schweigen zu bringen“. Vielmehr ruft Pappe alle Universitäten weltweit dazu auf, über einen Boykott israelischer Institute (Universitäten) nachzudenken - auf dem Hintergrund deren Mißachtung akademischer Freiheit bzw. objektiver Forschung nämlich. “Ich denke, viele von Ihnen haben weltweiten Medienzugang“, schreibt Pappe zum Schluss seines Briefs u. fordert Wissenschaftler u. Studenten überall dazu auf, mitzuhelfen “den Vorhang vom ohnehin düsteren Bild Israels zu lüften u. den falschen Anspruch Israels zu zerstören, die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ zu sein“.

Orginalartikel: Demons of The Nakbah
Übersetzt von: Andrea Noll
Artikelaktionen